Textzitat in voller Länge:
»Die Prignitz wird Schauplatz des Dreißigjährigen Krieges
Am 4. Oktober 1636 wurde die Prignitz im Norden der Mark Brandenburg zum Schauplatz eines militärischen Aufeinandertreffens von historischer Bedeutung. Die Schlacht bei Wittstock war zugleich die einzige große Feldschlacht des Dreißigjährigen Krieges auf märkischem Territorium.
Während die Mark bereits seit Jahren unter dem ständigen Durchzug, den Einquartierungen und Plünderungen der Armeen aller Seiten litt, trafen nordwestlich von Wittstock die schwedischen Hauptkräfte unter Johan Banér auf das vereinigte kaiserlich-sächsische Heer unter Melchior von Hatzfeldt und Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen. Die leicht hügelige, von Wäldern und Mooren durchzogene Landschaft um den Scharfenberg verwandelte sich in ein besonders blutiges Schlachtfeld, auf dem rund 38.000 Soldaten gegeneinander antraten.
Wir wollen heute nur begrenzt auf die Schlacht selbst eingehen und stattdessen die Gesamtauswirkung des Krieges erläutern.
- Verlauf der Schlacht in aller Kürze
Das kaiserlich-sächsische Heer bezog als Verteidiger eine stark befestigte, mit Artillerie gesicherte Position auf den Anhöhen des Scharfenbergs. Für unsere Leserschaft aus Bergregionen sind die Erhebungen der Mark freilich kaum mehr als Bodenwellen in einem sonst überwiegend flachen Land, umso mehr sind auch verhältnismäßig niedrige Hügel von hohem strategischem Wert. Die schwedischen Angreifer standen vor dem Problem, dass ein frontaler Sturm auf die sächsisch-kaiserlichen Stellungen die sichere Niederlage bedeutet hätte.
Das schwedische Heer stammte damals nur zu einem sehr geringen Teil aus Skandinavien; der weit überwiegende Großteil der Einheiten bestand aus in Deutschland geworbenen Söldnern. Hinzu kamen bedeutende schottische Kontingente unter erfahrenen Berufsoffizieren wie Alexander Leslie und James King, die im schwedischen Solde wichtige Kommandostellen besetzten.
Der schwedische Feldmarschall Johan Banér wählte eine hochriskante Offensivtaktik: Während ein Teil der Truppen die Verteidiger durch Scheinangriffe an der Front band und dabei schwere Verluste erlitt, führten Alexander Leslie und James King mit ihren Verbänden eine mehrstündige, verdeckte Umgehung durch Wälder und Sumpfgelände aus. Als deren Kolonnen am späten Nachmittag völlig überraschend in der rechten Flanke und im Rücken der kaiserlich-sächsischen Verteidiger auftauchten, brach die Front der Verteidiger zusammen. Das gewagte Manöver der Angreifer wendete die drohende Niederlage und zwang das kaiserlich-sächsische Heer zur ungeordneten Flucht.
- Der europäische Kontext: Die schwedisch-französische Phase des Krieges
Im Herbst 1636 befand sich der Dreißigjährige Krieg in der sogenannten schwedisch-französischen Phase, dem vierten Abschnitt dieses mittlerweile europäischen Konflikts. Nach dem Prager Frieden vom Mai 1635 versuchte der Kaiser, die Stände des Reiches hinter sich zu vereinen und die schwedischen Truppen aus dem Reich zu drängen. Ähnlich wie das Restitutionsedikt von 1629, das zuvor selbst neutrale evangelische Stände zusammengeschlossen hatte, erwiesen sich jedoch auch die nachfolgenden kaiserlichen Maßnahmen als kaum geeignet, das Reich im Inneren zu befrieden. Konfessionelle Bedenken überlagerten sich zunehmend mit machtpolitischen Erwägungen, was zu einer fortlaufenden Eskalation des Krieges führte.
Durch den Eintritt Frankreichs in den Krieg weitete sich der deutsche Glaubens- und Verfassungskrieg endgültig zu einem kontinentalen Machtkampf zwischen Habsburg und den Bourbonen aus. Schweden, nach der schweren Niederlage bei Nördlingen 1634 in der Defensive, suchte durch die Offensive im norddeutschen Raum seine Stellung als Kriegspartei zu behaupten. Der schwedische Erfolg bei Wittstock durchkreuzte die kaiserlichen Pläne nachhaltig und zog den Krieg auf deutschem Boden um weitere zwölf Jahre in die Länge.
- Brandenburg im Mächtespiel: Ohnmacht statt Neutralität
Für die Mark Brandenburg und Kurfürst Georg Wilhelm offenbarte das Geschehen um Wittstock die katastrophalen Folgen einer verfehlten Bündnis- und Schutzpolitik. Über Jahre hinweg versuchte der Kurfürst, eine neutrale Haltung zu wahren, besaß jedoch mangels eigener Truppen über keinerlei Machtmittel sein Territorium und die Menschen zu schützen.
Nach der schwedischen Landung in Pommern im Jahr 1630 wurde Brandenburg gewaltsam an die Seite Gustav II. Adolfs gezwungen, dem Schwager des Kurfürsten. Dieser war in einer vielfach unvorteilhaften Lage. Selbst Protestant, verschwägert mit dem geächteten Winterkönig Friedrich von der Pfalz über seine Gattin, und mit dem Schwedenkönig über seine Schwester, war er als Kurfürst zugleich den Kaiser verpflichtet. Familiäre Bindungen, konfessionelle Sympathien und reichspolitische Anforderungen prallten unlösbar aufeinander. Vom Schwager wurde er an die Seite Schwedens mit Waffengewalt gezwungen. Nach dem Tod Gustav Adolfs schien sich das Blatt endgültig zugunsten der kaiserlichen Seite zu wenden und er trat dem kaiserlichen Bündnis gemäß dem Prager Frieden von 1635 der Seite des Kaisers bei. Eine Entscheidung, die das ungeschützte Kurfürstentum nun vollends zur Zielscheibe schwedischer Revanche machte.
Brandenburg war beiden Seiten hoffnungslos als Beute- und Verpflegungsraum ausgeliefert, während die kurfürstliche Autorität außen- und innenpolitisch praktisch zusammenbrach. Mit dem energischen Regierungsantritt Friedrich Wilhelms im Jahr 1640 und dem anschließenden Waffenstillstand von Stockholm 1641 änderte sich die Dinge. Alle Kriegsseiten waren erschöpft. Auch wenn der Krieg noch bis 1648 andauerte, führte die Initiative des neuen Landesherren zum Ausscheiden Brandenburgs aus den aktiven Kampfhandlungen.
- Die Folgen des Krieges: Opfer, Entvölkerung und wirtschaftlicher Kollaps
Das Ausmaß der Entvölkerung und Verwüstung im Verlauf des Krieges betraf nicht allein das Umfeld einzelner Schlachtfelder, sondern das gesamte Territorium der Mark Brandenburg. Die anhaltenden Truppendurchzüge, Kontributionen, Plünderungen sowie Pest und Hungersnöte führten regional zu einem Bevölkerungsverlust von 50 bis über 70 Prozent. Zeitgenössische Akten verzeichneten für die Prignitz, die Mittelmark und die Uckermark hunderte völlig verlassener Dörfer und wüst gefallener Hofstellen, deren Wiederbesiedlung teils erst hundert Jahre später im 18. Jahrhundert abgeschlossen war.
In der Landwirtschaft – dem wirtschaftlichen Fundament des Kurfürstentums – brach die Produktion nahezu vollständig zusammen. Der systematische Diebstahl und das Wegnehmen und Verenden des Viehbestandes entzogen den Bauern die notwendigen Zugtiere, sodass erhebliche Teile des Ackerlandes über Jahre brachlagen und verbuschten. Der Zusammenbruch der Ernten unterbrach die regionale Getreideversorgung und ließ die ohnehin hohen Preise weiter extrem ansteigen, wodurch das Pacht- und Abgabensystem zusammenbrach. Ein Teufelskreis auf allen Ebenen.
Auch für den Handel und das Handwerk bedeutete der Krieg weitestgehend den Stillstand. Die Handelswege über Elbe, Oder und Havel sowie die Landverbindungen blieben wegen ständiger Überfälle und willkürlicher Zollerhebungen durch wechselnde Besatzungstruppen unpassierbar. In den städtischen Zentren wie Berlin, Cölln, Brandenburg an der Havel und Frankfurt an der Oder führte der Verlust der ländlichen Absatzmärkte zum Ruin des Handwerks. Gewerbe wie das Brauwesen, die Tuchmacherei und das Baugewerbe kamen mangels Rohstoffen, Arbeitskräften und Abnehmer weitgehend zum Erliegen.
Die Entwertung der Münzen durch die Geldverfälschung der sogenannten „Kipper- und Wipperzeit“ sowie die ununterbrochenen militärischen Zwangsabgaben entzogen den Städten und der Landbevölkerung jegliches Kapital. Zu Beginn der Regierung Friedrich Wilhelms lag das Kurfürstentum Brandenburg wirtschaftlich handlungsunfähig, verödet und finanziell ausgezehrt da. Die Behebung dieser Verluste bildete in den folgenden Jahrzehnten die zentrale Aufgabe für den Wiederaufbau unter Friedrich Wilhelm.«
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Die Mark Brandenburg im Dreißigjährigen Krieg
Moderator: Barbarossa
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