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Moderator: Barbarossa

 
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Peppone
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Globalisierung - ein altes Phänomen?

02.06.2012, 10:16

Globalisierung ist das Schlagwort der Stunde. Welchen Bereich unseres Lebens man auch betrachten mag, immer ist Globalisierung die Erklärung für neue Entwicklungen.

Hätte man aber vor 100 Jahren oder vor 500 Jahren oder vor 2000 Jahren die Bürger irgendeiner europäischen Großstadt befragt, nach welchen Regeln ihre Welt funktioniert, auch ihnen wäre sicherlich als eines der ersten Stichworte "Globalisierung" eingefallen, hätte es dieses Wort damals schon gegeben.
Denn auch im Mittelalter und in der Antike war die Wirtschaft global vernetzt - so weit die Welt der Menschen damals eben reichte.

Was haltet ihr von dieser zugegebenermaßen provokanten These?

Beppe
 
Renegat
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

02.06.2012, 11:08

Peppone hat geschrieben:
Globalisierung ist das Schlagwort der Stunde. Welchen Bereich unseres Lebens man auch betrachten mag, immer ist Globalisierung die Erklärung für neue Entwicklungen.

Hätte man aber vor 100 Jahren oder vor 500 Jahren oder vor 2000 Jahren die Bürger irgendeiner europäischen Großstadt befragt, nach welchen Regeln ihre Welt funktioniert, auch ihnen wäre sicherlich als eines der ersten Stichworte "Globalisierung" eingefallen, hätte es dieses Wort damals schon gegeben.
Denn auch im Mittelalter und in der Antike war die Wirtschaft global vernetzt - so weit die Welt der Menschen damals eben reichte.

Was haltet ihr von dieser zugegebenermaßen provokanten These?

Es gab vernetztere und autarkere Epochen, da muß man schon genauer hinschauen.
Die Bronzezeit ist für mich eine frühe Phase der Globalisierung, obwohl bestimmte Güter schon vorher lebhaft getauscht wurden.
Vernetztere Phasen wie die Bronzezeit, das römische Reich führten meist zu einem Entwicklungssprung, Krisen zu einem Rückzug in die Substistenzwirtschaft. Kleine Anzeichen dafür sieht man aktuell in Griechenland, obwohl echte Selbstversorgung ohne Bevölkerungsrückgang heute kaum funktionieren kann.
 
Babylon5
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

02.06.2012, 22:35

Renegat hat geschrieben:
Es gab vernetztere und autarkere Epochen, da muß man schon genauer hinschauen.
Die Bronzezeit ist für mich eine frühe Phase der Globalisierung, obwohl bestimmte Güter schon vorher lebhaft getauscht wurden.
Vernetztere Phasen wie die Bronzezeit, das römische Reich führten meist zu einem Entwicklungssprung, Krisen zu einem Rückzug in die Substistenzwirtschaft.


Wobei man letztendlich auch argumentieren kann, daß Globalisierung letztendlich immer zur Krise führt. Auf jede Entwicklungsphase- ob Bronzezeit, Römerzeit oder moderne Zeit- folgte nach Wachstum auch der Zusammenbruch. Keines der Systeme war jemals weit genug gefaßt, daß es nicht an die Grenzen des Wachstums gestoßen wäre- und ich denke nicht, daß es in Zukunft anders sein wird. Jedes System basiert auf einer wirtschaftlichen Grundlage, die die Ausdehnung erst möglich macht. Jedoch beraubt sich das System früher oder später des Grundgerüstes, auf dem es errichtet wurde- und somit ist der Kollaps vorgezeichnet.
Ja, ich denke schon, daß Globalisierung ein altes Phänomen ist. Der Mensch ist immer gerne an seine Grenzen hinausgegangen. Das liegt in seiner Natur. Und er hat die Grenzen oft auch übertreten- auch das liegt in seiner Natur.
 
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Peppone
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

03.06.2012, 10:45

Babylon5 hat geschrieben:
[ Der Mensch ist immer gerne an seine Grenzen hinausgegangen. Das liegt in seiner Natur. Und er hat die Grenzen oft auch übertreten- auch das liegt in seiner Natur.

So wie bei Kindern? Grenzen austesten, bis man drüber hinaus geschossen ist und mit den Folgen zu kämpfen hat?
:wink:

Beppe
 
Babylon5
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

03.06.2012, 22:04

Peppone hat geschrieben:
Babylon5 hat geschrieben:
[ Der Mensch ist immer gerne an seine Grenzen hinausgegangen. Das liegt in seiner Natur. Und er hat die Grenzen oft auch übertreten- auch das liegt in seiner Natur.

So wie bei Kindern? Grenzen austesten, bis man drüber hinaus geschossen ist und mit den Folgen zu kämpfen hat?
:wink:

Beppe


An Kinder habe ich in dem Zusammenhang gar nicht gedacht, was nun eigentlich erstaunlich ist.
Nein, ich dachte eher an den Club of Rome und daran, daß es mit der Bronzezeit und dem römischen Imperium doch eigentlich genauso war- man ist entweder zu weit oder zu schnell gewachsen und konnte das gar nicht mehr beherrschen.

Aber dennoch- vielleicht ist der Vergleich dann doch nicht so verkehrt...
 
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Peppone
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

01.07.2012, 21:31

Babylon5 hat geschrieben:
Aber dennoch- vielleicht ist der Vergleich dann doch nicht so verkehrt...

Eigentlich ja doch erstaunlich. Da erzieht man die Kinder dazu, ihre Grenzen zu erkennen (und zu respektieren), und dann machen die als Erwachsene noch weit schlimmeres.
Ist das nur menschlich angeborene Kurzsichtigkeit? Es soll ja durchaus auch Völker gegeben haben (und geben), die sehr wohl an das Wohl der nachfolgenden Generationen denken.
Beispiel die Japaner: Die gehen nicht in die BErge und schlagen Holz. Lieber bauen sie ihre Häuser mit Papier und drängen sich in den wenigen Küstenebenen. Die wissen: Bei den subtropischen Monsunregenfällen, die da jedes Jahr runterplätschern, würde es die Hänge sehr schnell wegschwemmen, mit verheerenden Folgen für die Menschen.
Das haben sie seit Jahrhunderten kapiert, deshalb lassen sie ihre Wälder schon immer weitgehend unberührt (und würden auch nie auf den Gedanken kommen, einen Waldspaziergang zu machen... :P ).

Nur global eben, da hakt´s.

Beppe
 
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dieter
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

02.07.2012, 14:27

Peppone hat geschrieben:
Babylon5 hat geschrieben:
Aber dennoch- vielleicht ist der Vergleich dann doch nicht so verkehrt...

Eigentlich ja doch erstaunlich. Da erzieht man die Kinder dazu, ihre Grenzen zu erkennen (und zu respektieren), und dann machen die als Erwachsene noch weit schlimmeres.
Ist das nur menschlich angeborene Kurzsichtigkeit? Es soll ja durchaus auch Völker gegeben haben (und geben), die sehr wohl an das Wohl der nachfolgenden Generationen denken.
Beispiel die Japaner: Die gehen nicht in die BErge und schlagen Holz. Lieber bauen sie ihre Häuser mit Papier und drängen sich in den wenigen Küstenebenen. Die wissen: Bei den subtropischen Monsunregenfällen, die da jedes Jahr runterplätschern, würde es die Hänge sehr schnell wegschwemmen, mit verheerenden Folgen für die Menschen.
Das haben sie seit Jahrhunderten kapiert, deshalb lassen sie ihre Wälder schon immer weitgehend unberührt (und würden auch nie auf den Gedanken kommen, einen Waldspaziergang zu machen... :P ).
Nur global eben, da hakt´s
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Lieber Beppe,
der Globalisierung gehört die Zukunft oder es wird nicht mehr gut gehen. :roll:
Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.
 
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Peppone
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

02.07.2012, 19:06

dieter hat geschrieben:
der Globalisierung gehört die Zukunft oder es wird nicht mehr gut gehen. :roll:

Als die bisherigen als annähernd "globalisiert" zu bezeichnenden Systeme und Reiche zusammenbrachen, folgte darauf immer eine Phase der Regionalisierung.
Wenn das jetzige globalisierte System zusammenbricht, wird´s wieder genauso sein. Und dann kommt die nächste Globalisierung...

Beppe
 
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

03.07.2012, 16:30

Peppone hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
der Globalisierung gehört die Zukunft oder es wird nicht mehr gut gehen. :roll:

Als die bisherigen als annähernd "globalisiert" zu bezeichnenden Systeme und Reiche zusammenbrachen, folgte darauf immer eine Phase der Regionalisierung.
Wenn das jetzige globalisierte System zusammenbricht, wird´s wieder genauso sein. Und dann kommt die nächste Globalisierung...

Beppe

Lieber Beppe,
der Welthandel wird enorm zulegen. :wink:
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

03.07.2012, 17:13

dieter hat geschrieben:
der Welthandel wird enorm zulegen. :wink:

Das hat er zur Zeit der Römer auch öfter. Und was kommt nach dem Zulegen?!?

Beppe
 
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

04.07.2012, 14:14

Peppone hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
der Welthandel wird enorm zulegen. :wink:

Das hat er zur Zeit der Römer auch öfter. Und was kommt nach dem Zulegen?!?

Beppe

Lieber Beppe,
das war aber dort auf das Gebiet des Röm. Reiches beschränkt. :roll: "Wohlstand für alle", um mit Ludwig Erhard zu sprechen kommt nach dem Zulegen. :wink:
Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.
 
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

04.07.2012, 18:29

dieter hat geschrieben:
Peppone hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
der Welthandel wird enorm zulegen. :wink:

Das hat er zur Zeit der Römer auch öfter. Und was kommt nach dem Zulegen?!?

Beppe

Lieber Beppe,
das war aber dort auf das Gebiet des Röm. Reiches beschränkt. :roll: "Wohlstand für alle", um mit Ludwig Erhard zu sprechen kommt nach dem Zulegen. :wink:

Und nach dem "Wohlstand für alle"? (der im Röm.Reich ja auch nicht wirklich alle traf...)

Beppe
 
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

05.07.2012, 11:44

Peppone hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
der Welthandel wird enorm zulegen. :wink:

Das hat er zur Zeit der Römer auch öfter. Und was kommt nach dem Zulegen?!?

Beppe

Lieber Beppe,
das war aber dort auf das Gebiet des Röm. Reiches beschränkt. :roll: "Wohlstand für alle", um mit Ludwig Erhard zu sprechen kommt nach dem Zulegen. :wink:

Und nach dem "Wohlstand für alle"? (der im Röm.Reich ja auch nicht wirklich alle traf...)

Beppe[/quote]

Lieber Beppe,
kommt die freie Gesellschaft. :wink:
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

05.07.2012, 18:45

dieter hat geschrieben:
Lieber Beppe,
kommt die freie Gesellschaft. :wink:


Frei von Reichtum vielleicht. Aber stell dir nur mal vor, was passiert, wenn nur eines der Standbeine der Globalisierung wegbricht.
- Kommunikation - die international aufgestellten Firmen können nicht mehr funktionieren und zerbrechen in regional aufgestellte Teilkonglomerate. Die Finanzwelt operiert wieder nur regional und kann nicht mehr so viel Rücksicht auf Entwicklungen anderswo in der Welt nehmen - eine der Ursachen für die Krise 1929. Usw.
- Energie - wird das Öl knapp, oder ist generell Strom nicht mehr so verfügbar wie heute, klappt alles zusammen, erst mal. Denkbar, dass ganze Regionen innerhalb Europas zeitweise ganz vom Strom abgeschnitten sind. Plötzlicher Rückfall ins vorindustrielle Zeitalter, wobei sich heute keiner mehr damit auskennt, wie man Essen machen soll ohne Kühlung oder E-Herd. Die derzeitige Mobilität können wir eh vergessen. Milliarden an Werten stehen dann nutzlos in den Garagen rum, mit Auswirkungen nicht nur auf die Industrie (deren wichtigster Zweig in Europa plötzlich nichts mehr verkaufen könnte), sondern auch auf den Arbeitsmarkt, die sozialen Netze und und und...
Auch dann sind die einzelnen Regionen erst mal auf sich selber zurückgeworfen und werden auch nur im eigenen Interesse und gegen die anderen Regionen handeln.

Theorie: Nach der globalisierten Welt kommt wieder eine regionalisierte (ärmere) Welt, die dann wieder von einer zunehmend globalisierten (immer reicher werdenden) Welt abgelöst wird...
Siehe die Geschichte der Menschheit.

Beppe
 
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Re: Globalisierung - ein altes Phänomen?

06.07.2012, 13:54

Peppone hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
Lieber Beppe,
kommt die freie Gesellschaft. :wink:


Frei von Reichtum vielleicht. Aber stell dir nur mal vor, was passiert, wenn nur eines der Standbeine der Globalisierung wegbricht.
- Kommunikation - die international aufgestellten Firmen können nicht mehr funktionieren und zerbrechen in regional aufgestellte Teilkonglomerate. Die Finanzwelt operiert wieder nur regional und kann nicht mehr so viel Rücksicht auf Entwicklungen anderswo in der Welt nehmen - eine der Ursachen für die Krise 1929. Usw.
- Energie - wird das Öl knapp, oder ist generell Strom nicht mehr so verfügbar wie heute, klappt alles zusammen, erst mal. Denkbar, dass ganze Regionen innerhalb Europas zeitweise ganz vom Strom abgeschnitten sind. Plötzlicher Rückfall ins vorindustrielle Zeitalter, wobei sich heute keiner mehr damit auskennt, wie man Essen machen soll ohne Kühlung oder E-Herd. Die derzeitige Mobilität können wir eh vergessen. Milliarden an Werten stehen dann nutzlos in den Garagen rum, mit Auswirkungen nicht nur auf die Industrie (deren wichtigster Zweig in Europa plötzlich nichts mehr verkaufen könnte), sondern auch auf den Arbeitsmarkt, die sozialen Netze und und und...
Auch dann sind die einzelnen Regionen erst mal auf sich selber zurückgeworfen und werden auch nur im eigenen Interesse und gegen die anderen Regionen handeln.
Theorie: Nach der globalisierten Welt kommt wieder eine regionalisierte (ärmere) Welt, die dann wieder von einer zunehmend globalisierten (immer reicher werdenden) Welt abgelöst wird...
Siehe die Geschichte der Menschheit.
Beppe

Lieber Beppe,
es wird nichts wegbrechen, der Handel findet immer seine Weg sogar in der Steinzeit gab es Handel über ganz Europa. :wink:
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