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Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 13:35

Die Existenz eines Gottes lässt sich nicht beweisen. Möglicherweise kann man aber erklären, warum es Menschen gibt, die an die Existenz eines solchen Wesens glauben. Hier hat die Evolutionsbiologie eine Reihe von neuen Forschungsbeiträgen geleistet, die hierfür Erklärungen liefern.

Religion scheint zunächst der Darwin’schen Theorie, aber auch marktökonomischen Vorstellungen zu widersprechen, da sie hohe Opfer verlangt, die auf Kosten biologischer Fitness gehen und da sie enorme Kosten verursacht, schmälert sie den Gewinn. Sie verlangt gewaltige Ressourcen für den Bau von Tempeln und anderen religiösen Monumenten, die eigentlich keinen Sinn machen, sie verursacht Opportunitätskosten, denn wer betet, kann nicht arbeiten. Sie geht auf Kosten der Vitalität, denn sie verlangt Initiationsriten, Fasten, Selbstgeißelungen, Wallfahrten, schafft merkwürdige Tabus und komplizierte Speise Vorschriften. Mit anderen Worten, sie erfordert viel Zeit und Aufmerksamkeit, Zeit, die man sinnvoller verwenden könnte.

Doch in meinem Aufsatz über das Buch von „ Diamond, Das Vermächtnis“, hatte ich darauf hingewiesen, das sie auch Erträge bringt. Sie schafft Gesetze, einen Moralkodex, ein Wir-Gefühl und übernimmt noch weitere Funktionen, so dass sie, buchhalterisch gesehen, der Gesellschaft einen Gewinn einbringt, ihr Nutzen ist größer als der Aufwand.
Siehe: viewtopic.php?f=33&t=4064&hilit=Religionsentstehung


Wie war sie aber ursprünglich entstanden? Wissenschaftler glauben, dass sie sich in der Frühzeit der Menschen durch falsche Kausalbeziehungen entwickelt hat. Der Homo sapiens benötigte seine Intelligenz vor allem dafür, um seine Umwelt zu analysieren, Funktionszusammenhänge zu erkennen und daraus seine Überlebensstrategie zu entwickeln.

Dabei ist es auch häufig zu falschen Kausalbeziehungen gekommen, die Grundlage der Religion. Falsche Erklärungen sind dann nicht schlimm, wenn man sich trotzdem richtig verhält.

Küstenbewohner beispielsweise bauen hohe Deiche, weil es immer wieder Sturmfluten gibt. Ob man eine Sturmflut durch physikalische Prozesse erklärt oder durch das Wüten eines zornigen Meeresgottes ist dabei gleichgültig, Hauptsache, die Deiche sind hoch genug. Opfer für den Meeresgott sind zwar sinnlos, schaden aber auch nicht. Manche Pflanzen haben eine heilende Wirkung. Wenn man glaubt, dass gütige Feen und Waldgeister die Samen dieser Pflanzen aussäen, ist das zwar falsch, hat aber sonst keine negativen Auswirkungen.


Ist der Mensch dafür prädestiniert, auch falsche Beziehungen schnell zu akzeptieren? Nach Untersuchungen mit Kindern glaubt man, dass dies so ist.

1. Kinder denken von Beginn an dualistisch. Sie glauben, dass alles belebt ist, auch tote Gegenstände, Pflanzen, Steine etc. Eine Vorstellung, die wir bei vielen Naturvölkern finden.

2. Kinder denken finalistisch. Alles hat eine bestimmte Funktion und wurde von jemandem geschaffen. Wolken gibt es, damit es regnet und die Blumen Wasser bekommen. Alles wurde von jemandem so eingerichtet. Alles hat eine Funktion und einen Schöpfer.

3. Kinder haben eine sogenannte „Theroy of mind“. Kinder haben keine Vorstellung von unterschiedlichem Wissen und mentalen Zustanden. Sie glauben, dass alle dasselbe wissen. Alle wissen alles. Und sie glauben, das man auch alles machen kann, das Erwachsene beispielsweise tote Katzen wieder zum Leben erwecken könnten. Daher die Vorstellung von Allwissen und Allmacht.


Kinder sind daher intuitive Theisten. Ihre Vorstellungen von Allwissen und Allmacht, die Idee, dass es unsichtbare Geister gibt, die in allen Gegenständen vorhanden sind, die finale Planmäßigkeit von allem, führt ganz von selbst zu einer religiösen Metaphysik. Die Grundlagen religiösen Denkens sind offenbar biologisch angelegt. Sie schaffen eine natürliche Disposition dafür, auch im Erwachsenenalter religiöse Vorstellungen für wahr zu halten, da sie übereinstimmen mit der frühkindlichen Geistes- und Erlebniswelt und den sich damals gebildeten kognitiven Kompetenzen.

Die im Kindesalter erworbenen kognitiven Kompetenzen erklären offensichtlich auch andere Phänomene. Beispielsweise das, was Fachleute als „Need for closure“ bezeichnen. Menschen können nicht gut mit Unsicherheiten und Erklärungslücken umgehen. Das Gehirn sträubt sich dagegen und ergänzt die Lücken von sich aus. Viele Zeugen machen vor Gericht falsche Aussagen und behaupten steif und fest etwas gesehen zu haben, obwohl sie allenfalls Bruchstücke davon selbst erlebt haben. Das Gehirn kann nicht anders, als Geschichten zu generieren, auch wenn sie nicht stimmen und dem Betroffenen das oft selbst auch gar nicht bewusst ist.

Dieses "Need for closure“ hat in der Vergangenheit häufig zu phantastischen Erklärungsmustern geführt. Wird eine Religion erst einmal als wahr angenommen, dann wird sie auch von den Anhängern kreativ weiter entwickelt mit immer neuen Phantastereien, die von den Gläubigen als richtig betrachtet werden. Die in der Kindheit erworbenen Kompetenzen greifen dann wieder, ein merkwürdiges Licht ist nun eine Marien Erscheinung, die Heilung eines Kranken ist auf Gebete zurückzuführen usw. Jetzt entstehen also die vielen falschen Kausalitäten, die das Wesen einer Religion ausmachen.

Die intellektuelle Leistung eines Menschen besteht jetzt nicht darin, ein Glaubenssystem zu erlernen, denn diese Übernahme geschieht automatisch und ist wohl auch biologisch vorgegeben, sondern sich diesem System zu widersetzen.


Es gibt zahlreiche Bücher zu diesem Thema
Ich nenne nur
Vaas R, Blume M (2009) Gott, Gene und Gehirn –Warum Glauben nützt. Die Evolution der Religiosität, Stuttgart

Als Grundlage für diesen Aufsatz habe ich gewählt einen Artikel von Eckart Voland, Die Evolution der Religiösität , Seite 165 ff. in: Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur, Heidelberg 2010
 
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Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 16:23

Lieber Karlheinz,
es mag so sein , wie Du schreibst. Ich meine, es ist so, dass alles was wir nicht wissen, durch die Religion ergänzt wird. :wink:
Wobei die Glaubenssätze eine bestimmte Norm ersetzen. Allein die Bergpredigt von Jesus und die Zehn Gebote geben eine bestimmte moralisch Richtschnur. Das Primborium von der Jungfrauengeburt und der Aufstieg von Jesus in den Himmel, sind für die Kleingeister geschaffen, um diese Religion bekannt zu machen. Die Vestalinnen im Jupiter-Tempel behaupteten bei der Geburt ihrer Kinder, es wäre Jupiter gewesen, der sie geschwängert habe. :wink: :mrgreen:
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Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 16:35

dieter hat geschrieben:
Lieber Karlheinz,
es mag so sein , wie Du schreibst. Ich meine, es ist so, dass alles was wir nicht wissen, durch die Religion ergänzt wird. :wink:
Wobei die Glaubenssätze eine bestimmte Norm ersetzen. Allein die Bergpredigt von Jesus und die Zehn Gebote geben eine bestimmte moralisch Richtschnur. Das Primborium von der Jungfrauengeburt und der Aufstieg von Jesus in den Himmel, sind für die Kleingeister geschaffen, um diese Religion bekannt zu machen.


Lieber Dieter, ich wusste nicht, dass ich ein Kleingeist bin :wink: , denn ich glaube an das.
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Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 16:52

Orianne hat geschrieben:
dieter hat geschrieben:
Lieber Karlheinz,
es mag so sein , wie Du schreibst. Ich meine, es ist so, dass alles was wir nicht wissen, durch die Religion ergänzt wird. :wink:
Wobei die Glaubenssätze eine bestimmte Norm ersetzen. Allein die Bergpredigt von Jesus und die Zehn Gebote geben eine bestimmte moralisch Richtschnur. Das Primborium von der Jungfrauengeburt und der Aufstieg von Jesus in den Himmel, sind für die Kleingeister geschaffen, um diese Religion bekannt zu machen.


Lieber Dieter, ich wusste nicht, dass ich ein Kleingeist bin :wink: , denn ich glaube an das.

Liebe Orianne,
wenn Du Dich damit wohler fühlst, dann glaube eben daran. Ich betrachte Jesus als Philosophen, der sicherlich durch die griechische Siedlung in der Nähe von Nazareth beeinflußt wurde. Für mich ist die moralische Aussage der Bergpredigt mit Nächsten- und Feindesliebe der entscheidente Punkt, der mich ein Christ sein lässt. Man kann nicht auf einen Groben Klotz immer einen Groben Keil setzen. :wink:
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Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 16:58

Ach lieber Dieter, wir Katholiken hier halten uns nicht so an die Bibel, wenn ich mir überlege, wie oft die übersetzt wurde, und dann immer von Männern, man kann sich da viel zurecht schreiben, ich zitiere hier einmal doch den Islam: "Der Islam erkennt die Bibel als gültiges, jedoch von Menschen teilweise verfälschtes Offenbarungszeugnis Allahs an".
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Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 17:47

Karlheinz hat geschrieben:

[i]Kinder sind daher intuitive Theisten. Ihre Vorstellungen von Allwissen und Allmacht, die Idee, dass es unsichtbare Geister gibt, die in allen Gegenständen vorhanden sind, die finale Planmäßigkeit von allem, führt ganz von selbst zu einer religiösen Metaphysik. Die Grundlagen religiösen Denkens sind offenbar biologisch angelegt. Sie schaffen eine natürliche Disposition dafür, auch im Erwachsenenalter religiöse Vorstellungen für wahr zu halten, da sie übereinstimmen mit der frühkindlichen Geistes- und Erlebniswelt und den sich damals gebildeten kognitiven Kompetenzen.

Die im Kindesalter erworbenen kognitiven Kompetenzen erklären offensichtlich auch andere Phänomene. Beispielsweise das, was Fachleute als „Need for closure“ bezeichnen. Menschen können nicht gut mit Unsicherheiten und Erklärungslücken umgehen. Das Gehirn sträubt sich dagegen und ergänzt die Lücken von sich aus. Viele Zeugen machen vor Gericht falsche Aussagen und behaupten steif und fest etwas gesehen zu haben, obwohl sie allenfalls Bruchstücke davon selbst erlebt haben. Das Gehirn kann nicht anders, als Geschichten zu generieren, auch wenn sie nicht stimmen und dem Betroffenen das oft selbst auch gar nicht bewusst ist.

Ich denke, dass die Fähigkeit an Gott zu glauben, auf ein sehr altes Muster in der menschlichen Evolution zurückgreift.
Der Gottglauben ist vielleicht aus der Angst entstanden.
Die menschliche Vorfahren und der Mensch selber war nicht immer Jäger. Bevor der Mensch das Menschsein erreicht hatte und auch noch danach, war er Gejagter. Um zu überleben musste er die kognitive Fähigkeit entwickeln, Gefahren zu erahnen. Die Angst war dabei sein ständiger Wegbegleiter. Geräusche im Urwald oder dichten Gestrüpp mussten Angstassoziationen hervorufen. Der Fluchttrieb war dabei stark ausgeprägt und sicherte das Überleben. Mutige wurden meisst schnell zum Opfer. Es gab eine evolutionäre Auslese. Diese frühen Eigenschaften, die sich stark ausgeprägt hatten, u.a. Angst zu haben, schnell zu flüchten, (bei Geräuschen oder plötzlich erscheinenden Silhouetten von Raubtieren, die man wahrnahm), sicherte den Vorfahren des Menschen das Überleben in einer sehr rauhen Welt, von Jäger und Gejagten, von Fressen und Gefressen werden .
Manche Tiere stellen sich, in einer Schrecksekunde auch tot, um zu überleben. Ein instinktives Verhalten, was ebenfalls das Überleben sicherte. Der Jäger lässt dann aus irgendwelchen Gründen von seiner Beute ab.
Koboldmakis z.B., die zur Familie und Gattung der Primaten gehören, haben ihre Aktivitäten im Laufe der Evolution sogar auf die Nacht verlegt, um nicht zur Beute zu werden. Es sind kleine baumbewohnende Tiere, die auf den südostasiatischen Inseln verbreitet sind.http://de.wikipedia.org/wiki/Koboldmakis
Bei Gefahren Verhalten sie sich still.
"Es gibt viele hübsche Fotos mit Tarsiern und immer lächeln die Menschen, wenn sie einen Tarsier in die Hand nehmen dürfen und es sieht so aus, als ob der Tarsier auch lächelt. Aber dem ist nicht so, er kann sich vor lauter Angst nicht bewegen, sonst würde er sicher mit einem großen Satz davonspringen" http://www.bohol-life.de/tarsier.php

Die Eigenschaften der Angst, wandelte sich während des Menschseins um, in Gottglauben. Der Mensch beherrschte nun das Feuer, benutzte Werkzeuge und Waffen. Er war nicht mehr der Gejagte, sondern nun der Jäger. Die kognitive Fähigkeit Gefahren zu erahnen, Angst zu haben, lebte im menschlichen Dasein weiter. Sie wandelte sich zunächst in Vorstellungen von Geistern, die man nun fürchtete und einen Ersatz boten dafür, dass man nun nicht mehr soviel natürliche Feinde hatte, vor den man sich fürchten musste. In Afrika ist noch heute in manchen Regionen ein Glauben an Geistern stark ausgeprägt, die man dann mit einer Art von Vodoozauber zu vertrteiben versucht. In der Antike und Mittelalter lebte die Angst der Menschen fort, diesmal aber in einer Angst vor Gott und vor Gottes Strafe. Das hatte erhebliche Vorteile für die jeweils herrschende Klasse, die sich diese Art der Angst der Menschen vor Gott, zu Nutze machten.
Ob der Mensch durch seine errungenen evolutionären Fähigkeiten nun in der Lage ist, Gott zu erahnen, bleibt weiter eine ungeklärte Frage, solange wir nicht wissen, ob es Gott überhaupt gibt.
Zuletzt geändert von Spartaner am 03.07.2014, 18:27, insgesamt 2-mal geändert.
 
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Triton
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Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 18:03

Gott als Erklärungsnotnagel, wenn Mensch mit dem Latein am Ende ist?
Das ist nu aber wirklich eine sehr reduzierte, wenn nicht gar primitive These.

Kinder nehmen wirklich an, der liebe Gott ist ein älterer Herr mit langem, weißen Bart, der auf einer Wolke sitzt und auf alle runterschaut. Aber das hält sich doch bei den wenigsten lange, nicht wahr?

Für mich sind zum Beispiel die menschlichen Instinkte, von Gutmenschen zum positiv besetzten Begriff "Moral" verklärt, etwas Göttliches. Mit Instinkte ist so etwas gemeint, wie anderen Menschen zu helfen ohne unmittelbar einen eigenen Nutzen damit zu verbinden. Es sind die inneren Vorgänge, die uns von Tieren unterscheiden, zumindest diejenigen, die noch völlig normal im Kopf sind.
Oder dem anderen nichts Schlechtes zu wünschen.
Oder Mitleid mit einem kranken Menschen zu haben.
Oder sich nicht in das Privatleben fremder Menschen einzumischen.

Einfache Vorgänge also, aber überhaupt nicht selbstverständlich, weil rein vom Nutzen her unlogisch.
Zuletzt geändert von Triton am 03.07.2014, 18:29, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 18:22

Wir hatten noch solche Büchlein wo Gott auf der Wolke zusammen mit Jesus sass, das hat sich gar nicht so unbedingt geändert bei den Kindern, das ist wie mit dem Weihnachtsmann, dem Christkind oder dem Osterhasen, mit der Zeit wird das hinterfragt, und das finde ich gut.
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Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 18:43

Triton hat geschrieben:
Es sind die inneren Vorgänge, die uns von Tieren unterscheiden, zumindest diejenigen, die noch völlig normal im Kopf sind.


Lieber Triton,
die Gefühlswelt der Tiere ist noch gar nicht erforscht. Wir wissen doch gar nicht, was Tiere fühlen.
 
ehemaliger Autor K.

Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 19:13

Triton:
Für mich sind zum Beispiel die menschlichen Instinkte, von Gutmenschen zum positiv besetzten Begriff "Moral" verklärt, etwas Göttliches. Mit Instinkte ist so etwas gemeint, wie anderen Menschen zu helfen ohne unmittelbar einen eigenen Nutzen damit zu verbinden. Es sind die inneren Vorgänge, die uns von Tieren unterscheiden, zumindest diejenigen, die noch völlig normal im Kopf sind.
Oder dem anderen nichts Schlechtes zu wünschen.
Oder Mitleid mit einem kranken Menschen zu haben.
Oder sich nicht in das Privatleben fremder Menschen einzumischen.

Einfache Vorgänge also, aber überhaupt nicht selbstverständlich, weil rein vom Nutzen her unlogisch.

Das sogenannte altruistische Verhalten wird von den Evolutionsbiologen wie folgt erklärt: 99,5 % der menschlichen Geschichte ist vor allem ein Konkurrenzkampf zwischen autonomen Subsistenzgruppen um ökologische Lebensvorteile. Die Auseinandersetzung mit benachbarten Feinden hat vor allem wehrhafte und mitgliederstarke Gruppe begünstigt. Und dies wiederum hat evolutionär für Mechanismen des Gruppenzusammenhaltes gesorgt, mit deren Hilfe die spontane Egozentrik der Menschen und ihr Eigeninteresse zu Gunsten kollektivistischer Einstellungen und Strategien überwunden werden konnte. Altruismus zahlt sich nicht sofort, aber langfristig aus. Deshalb wird solches Verhalten von den Religionen auch nachträglich belohnt und gutgeheißen. Daran ist nichts göttliches, das können wir ganz rational erklären.
Altruismus wird aber zumeist nur unter den Mitgliedern der eigenen Gruppe praktiziert, selten aber gegenüber den Feinden
 
Lia

Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

03.07.2014, 23:16

Danke, Karlheinz, für die interessante Denkanregung!
Die Thesen waren mir bekannt, und in weiten Teilen kann ich ihnen folgen. Der Spartaner hat es imho schon gut erklärt, warum- m Zuge der Evolutin des Menschen zu einem mit besonderen Eigenschaften begabtem Tier so etwas wie Gottglaube entstehen konnte.
Ich- Bewusstsein und die Fähigkeit, in Meta-Begriffen zu denken und zu sprechen, mögen dazu beigetragen haben.
Komplexe soziale Verhaltensformen beschreiben und in Regeln fassen zu können, ist wirklich wohl nur dem Menschen möglich.
Wie auch die Frage nach dem " Warum?" ihm ebenso möglich wie die nach Moral.
( Interessanter Komplex, ob Moral dem Menschen angeboren ist ist oder nicht oder ob Moral sich aus komplexer, biologisch- genetisch verankerter Sozialstruktur entwickelt. Oder sich nur entwicklen konnte und kann, weil der Mensch über die Fähigkeit der Sprache zur Beschreibung von Zusammenhängen verfügt.)
Ob der Mensch durch seine errungenen evolutionären Fähigkeiten nun in der Lage ist, Gott zu erahnen, bleibt weiter eine ungeklärte Frage, solange wir nicht wissen, ob es Gott überhaupt gibt.

Der Satz ist gut!
 
Aneri

Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

04.07.2014, 01:11

O man es gibt schon so viele Beiträge und ich mit meinem noch nicht fertig bin. Daher schreibe ich hier unvollendet meine Kritik, weil sonst ich werde bis morgen (es ist schon morgen!) fertig. vielleicht etwas zu lang, aber das Thema liegt mir am Herz.

Es ist ein Kategoriefehler die Religion in der Rahmen der Biologie zu untersuchen. Was ist Biologie? Es ist eine Naturwissenschaft, die mit materiellen Körper sich beschäftigt. Sie hat nichts mit Religion zu tun. Religion beschäftigt sich mit der Vorstellungen, Ideen die mit unserem materiellen Körper nur entfernt zu tun haben. Ich denke. Mein Gehirn funktioniert. Es sind zwei verschiedenen Beschreibungsebenen, die zwar sind eng verknüpft, dennoch nicht das Gleiche sind. Übrigens ewiger Streitpunkt zwischen Neurowissenschaftlern und Philosophen. Der Ansicht der letzten ist mir näher, weil sie schon aufgrund ihres Berufes achten sehr darauf, mit Begriffen und Definitionen richtig umzugehen. Sonst redet man vorbei einander.

Ein anderer Fehler stufe ich auch zu Kategoriefehler ein, nur betrifft es nicht Entitätsebene. Es geht eher um Hierarchieebenen. So z.B. biologische Evolution nimmt in dieser Hierarchie ein anderen Platz (höheren oder tieferen hängt von der Perspektive :) ) als zivilisatorische Evolution. Die Einheit der biologischen Evolution ist eine biologische Art, die sich durch Evolution wandelt. Die Einheit der zivilisatorischen Evolution? Jedenfalls nicht die Art, weil es geht hier ausschließlich um eine Art – dem Homo sapiens. Die Analogie in der biologischen Evolution wäre das Leben im Ganzen, nicht eine Art oder gar Lebewesen. So sind die Gesellschaftsformen die Einheiten, die der Arten in biologischen Evolution entsprechen.

Altruismus zahlt sich nicht sofort, aber langfristig aus.
Die Idee ist populär. Nur wird sie dadurch nicht richtiger. In Biologie wird das Lebewesen als Träger des genetischen Guts angesehen. Man verhält sich altruistisch für seinen Nachkommen, für die genetisch verwandten Nachkommen, für Fremden, der nützlich für eigenes Überleben sein kann und damit potentielle Nachkommen. Wem zählt sich langfristig die gesellschaftliche Altruismus? Und dann bitte, wenn man auf der biologischen Evolution pochtet, muss dann auch konsequent auf diesem Pfad bleiben. Und nicht so: wir wählen aus biologischen Evolution, was uns passt, alles andere ausblenden...

Wie war sie aber ursprünglich entstanden? Wissenschaftler glauben, dass sie sich in der Frühzeit der Menschen durch falsche Kausalbeziehungen entwickelt hat…
Ich lese deine Beiträge immer mit Interesse und finde deine Sprache ausgefeilt. Ich würde sagen, sehr gute journalistische Qualität. Eigentlich bin ich ein bisschen neidisch darüber. Wenn aber ich lese solche Passagen wie „Wissenschaftler glauben“, dann rege ich mich. Glauben kann ich auch. Von Wissenschaftlern erwarte ich stichfeste Erkenntnisse oder Erklärungen. Eine Erklärung der Religion als Kausalitätsfehler ist nach mein Verständnis ein Armutzeugnis für die Wissenschaft. Ein Atheist mag es glauben. Aber eben glauben. Mit Wissen hat es gar nicht zu tun. Zum einem wird es von vornerein angenommen, dass Religion grundsätzlich etwas falsch ist – selbst ein logischer Fehler. Es liegt nicht in Kompetenz der Wissenschaft solche Aussagen zu machen.

Es genug schon ein bisschen mathematische Kenntnisse zu haben um zu wissen, dass ein abgeschlossenes in sich kausales System auf die Postulaten bzw. Axiomen aufgebaut ist, die nicht beweisbar sind. Es ist eine Erkenntnis der streng logischen Mathematik des 20 Jahrhundert (vielleicht 19? Habe leider nicht Zeit zu suchen, jedenfalls nicht in ferner Vergangenheit).


Mit der Religion bzw. ihre Entstehung sich zu beschäftigen, ist sehr spannendes Thema. Die Postulierung der kausalen Fehlschlüsse geht aber an diesem Phänomen völlig vorbei und ich finde es schade. Ich finde sogar, dass sie eben auf falschen Weg leitet, so dass man sich eher entfernt als näher der Lösung kommt.
Der Mensch braucht Ideale. Religion hantiert mit den Idealen. Wenn ich kreischende Mädchen auf dem Konzert ihren Idols – dem Superstar – sehe, dann ist es für mich eine Äußerung, deren Erklärung, glaube ich, uns eher zum Verständnis der Entstehung der Religion bringt.

Nach meine Erfahrung lassen die Menschen, die mit sich selbst, mit geistigen Vorgängen sich beschäftigen, lassen die Frage nach Gott offen bzw. verneinen es nicht so aggressiv, wie streng kausalen Materialisten. Weil das Erste, das Unmittelbarer ist mein Erlebnis. Materie ist sekundär. Sie ist Bestandsteil unseres Models, die wir uns aufgebaut haben. Jeder dieser Modelle ist vorläufig. Vielleicht in ein paar Hundert Jahren werden wir lachen: wie könnten wir so blind sein und das Offensichtliche nicht sehen….

In dem Sinne finde ich interessant, was Karlheinz über Kinder geschrieben hat. Es ist nah anzunehmen, dass nicht nur Biologie des Menschen in seinem Entstehung und Entwicklung spiegelt beschleunigte Evolution. Auch mentale Entwicklung zeigt uns unsere Vergangenheit. Dennoch sehe ich deine Ausführungen kritisch (oder ist es von M. Blume, den ich relativ gut kenne aus Spektrums-Blog und zu dessen „evolutiven“ Ansichten stehe ich sehr kritisch gegenüber).

1. Kinder denken von Beginn an dualistisch. Sie glauben, dass alles belebt ist, auch tote Gegenstände, Pflanzen, Steine etc. Eine Vorstellung, die wir bei vielen Naturvölkern finden.
Ich würde es nicht dualistisch nennen. Dafür muss es zwei Entitäten unterscheiden. Es ist aber eher so, dass es keine Unterscheidung macht. Einzige Referenz, an die das Kind seine Umgebung misst, ist er selbst. Sein Geist beginnt allmählich sich selbst zu erkennen. Daher ist verständlich, dass er auch anderen das zugesteht, was er selbst wahrnimmt. Aus der Erfahrung kommt er später zum anderen Ergebnis oder was wahrscheinlicher ist, wird er von Erwachsenen gelehrt. Auf die Weise beschleunigt sich seine geistige „Evolution“, für die die Menschen bräuchten Hunderte tausend Jahre.

2. Kinder denken finalistisch. Alles hat eine bestimmte Funktion und wurde von jemandem geschaffen. Wolken gibt es, damit es regnet und die Blumen Wasser bekommen. Alles wurde von jemandem so eingerichtet. Alles hat eine Funktion und einen Schöpfer.
Auch hier würde ich anderen Begriff wählen. Sie denken nicht finalistisch. Sie denken Ganzheitlich. Nur ist ihre Ganzheitlich noch sehr klein. So die lange Ursache-Wirkungskette ist anfangs sehr überschaubar. Zum Anderem: denken Sie wirklich so??? Stellen sie nicht dauernd Fragen, auf die überforderte Eltern einfache Antworten geben? So dass die Urheberschaft für diese Antworten muss man vielleicht woanders suchen, nicht beim Kind.

Ich versuche meine Kindheit zu erinnern. Hatte ich solche Vorstellungen, wie du beschreibst? Und wenn, war es nicht die Folge der Märchen und Geschichten, die ich gehört habe (also keiner biologischen Natur)? War es nicht Urangst vor Unbekannten, dem man zuerst keine Entität gibt. Man hat Angst, weil man nicht erklären kann, aber bedrohlich fühlt. Man kann nicht erklären, weil man klein ist und das nötige Wissen nicht hat.

Die Grundlagen religiösen Denkens sind offenbar biologisch angelegt.
Gibt so was überhaupt? Es gibt assoziatives, abstraktes Denken. Es gibt religiöse Vorstellungen, nicht aber Denken. Aber grundsätzlich: ja, sicher ist es biologisch angelegt. Nur betrifft es nicht nur religiöses Denken. Jedes Denken, der meint eine Wahrheit erkennt zu haben. Es neigt zu missionarischen Verhalten. Unsere Drang mitzuteilen, die Schwierigkeit die Geheimnisse verschweigen - sie sind ebenso ein Teil unserer menschlichen Natur, unabhängig von religiösen Vorstellungen.
 
Aneri

Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

04.07.2014, 01:43

Spartaner hat geschrieben:
Die Eigenschaften der Angst, wandelte sich während des Menschseins um, in Gottglauben. ,

Nein, es ist keine überzeugende Erklärung. Ich denke, dass das Schema von Karlheinz hat seine Vorteile (nur muss eben sich nicht auf biologische Evolution appellieren). Das Tier beginnt sich selbst zu erkennen. Sein Spiegel ist die Sprache. Man erzählt über Träume, über das Treffen mit Verstorbenen, über weite Reisen etc. ES ist doch nahliegend, dass man eine Vorstellung bzw. eine Idee entwickelt, die der Geist etwas externes vom Körper ist und dass es gibt eine Welt , die nicht diese Welt ist.
 
ehemaliger Autor K.

Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

04.07.2014, 11:07

Spartaner:


Was du beschreibst, ist doch eigentlich nur ein Beispiel für das, was die Wissenschaftler als falsche Kausalitäten bezeichnen. Die Menschen haben Angst, etwa bei der Jagd, und glauben nun an böse Geister. Ängste sind durchaus begründet, schuld daran sind aber nicht irgendwelche Geister, hier konstruiert man einen falschen Zusammenhang, der für Religionen typisch ist.

Die Frage ist aber, warum suchen die Menschen nach irrationalen Erklärungen? Ist das einfach nur Unwissenheit? Wieso sind Gefahren während einer Jagd auf Geister zurückzuführen, die man gar nicht sieht? Viel offensichtlicher ist doch eine Gefahr, die von Löwen, Schlangen oder Krokodilen ausgeht, also ganz reale Gründe hat, aber dafür braucht es doch keine Geister als zusätzliche Erklärung. Warum belässt man es nicht dabei?

Das Problem ist also: Warum haben die Menschen eine Vorliebe für metaphysische Erklärungen? Wieso können sie sich so schwer davon lösen, auch wenn die Wahrheit häufig offenkundig ist. Wir finden so etwas auch heute. Merkwürdige Lichterscheinungen müssen unbedingt UFOs sein, Verschiebungen im Untergrund sind dann auf jeden Fall Poltergeister usw. Viele wollen die Wahrheit auch gar nicht wissen, sie haben eine Vorliebe für metaphysische Erklärungen.

Ein Wissenschaftler sagte einmal: Genügt es nicht, die Schönheit eines Gartens zu bewundern? Muss man nun jetzt unbedingt glauben, dass er auch noch von Feen, Geistern und Zwergen bewohnt wird? Offensichtlich ja.

Aber warum ist das so? Das habe ich oben versucht zu erklären. Offensichtlich gibt es eine biologische Prädisposition in unserem Gehirn für metaphysische Deutungen der Welt.
 
Renegat
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Registriert: 29.04.2012, 19:42

Re: Biologische Grundlagen für den Glauben an Gott?

04.07.2014, 11:26

Glauben, Religion wissenschaftlich erklären zu wollen, hat schon was arrogantes. Dabei ist es egal, ob es sich um Biologie, Genetik oder andere Naturwissenschaften handelt. Denn wenn man so argumentiert, erhebt man den derzeitigen Wissensstand zum Nonplusultra, zur Quasireligion.
Gerade das paßt aber nicht zu meinem Verständnis von Wissenschaft, die sich in jeder Generation bemüht, weiteres nachprüfbares "Wissen zu schaffen". Dabei überprüft und korrigiert sie früheres Wissen und erklärt stückchenweise bisher unverstandene Phänomene.
Ob sie je in der Lage sein wird, das "große Ganze" überhaupt zu erklären und dann auch noch alle Zusammenhänge allgemeinverständlich darzustellen, bezweifle ich sehr.
Unsere Welt ist ein sehr komplexes System, mit unzähligen Verknüpfungen und "Wenn-dann"-Beziehungen. Wir können heute viel mehr Teilaspekte des Systems erklären, als noch vor 100 oder 500 Jahren. Wir tuen es aber meistens eher eindimensional, d.h. wir sehen oft nur das vordergründige Ursache-Wirkung-Prinzip, nicht die Risiken und Nebenwirkungen, die Folgeschäden und Langzeitveränderungen.
Außerdem wissen wir gar nicht so genau, ob frühere Menschen wirklich abergläubische Ängste vor Waldgeistern etc. hatten? Vielleicht waren sie schon ein Stück weiser als wir und betrachteten die komplizierten Zusammenhänge ganzheitlich und vereinfachten sie zur Religion?
So wie wir es Kindern gegenüber machen, denen wir auch nicht jedes Risilo oder jede Gefahr wissenschaftlich korrekt erklären, sondern manchmal verkürzt drohen. Langes Palaver um die Gefahren des Straßenverkehrs hält Kinder wohl kaum so effektiv vom unvorsichtigen Überqueren von Straßen ab, wie die Warnung, Drohung mit dem "bösen Auto".
Zuletzt geändert von Renegat am 04.07.2014, 11:34, insgesamt 1-mal geändert.