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Moderator: Barbarossa

 
Renegat
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Re: Byzanz

25.05.2012, 12:04

Nafets hat geschrieben:
Maxdorfer hat geschrieben:
Ich habe mittlerweile meinen Text zur byzantinischen Geschichte grundlegend überarbeitet und gepostet.
Er ist dort zu finden: http://geschichte-wissen.de/mittelalter ... ichte.html
Hat ein bisschen länger gedauert... :oops:

Mein Kompliment... :)

Deine Texte gefallen mir auch, als ich sie dann gefunden hatte. :clap:

Bei der Gelegenheit habe ich weitere gute Beiträge gesehen und festgestellt, dass es außer dem geschichtlichen Nachschlagewerk auch einen Teil Politik-Diskurs gibt, mit Beiträgen zu tagespolitischen Themen.
Besonders der Beitrag über Afrika von Peppone wäre eine spannende Diskussionsvorlage.
Liegt das an mir oder ist die Einbindung der Blogbeiträge ins GW-Forum suboptimal?
Können die neuen Beiträge aus Nachschlagewerk und Diskurs nicht bei "Neue Beiträge" angezeigt werden? Und was macht man, wenn man dazu etwas diskutieren möchte?
 
WDPG
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Re: Ein paar Ergänzungen zu deinem Artikel:

25.05.2012, 14:38

Auch ich halte den Artikel den du da geschrieben hast für sehr interessant, möchte aber ein paar Anmerkungen machen bezüglich folgendem Absatz:

1458 bestieg der letzte byzantinische Kaiser den Thron, Konstantin XI. Dragases Palaiologos. Tapfer versuchte er, das Reich zu verteidigen und stellte ein 10.000 Mann starkes Heer auf. Doch die Osmanen hatten, als sie nun die Belagerung begannen, 80.000 Mann und dazu noch riesenhafte Kanonen gegenüber Konstantinopel. Sie konnten die Sperrkette durchbrechen und selbst die einst meisterhafte byzantinische Flotte besiegen. Auch die verzweifelte Anbetung von Ikonen half nichts. Der Legende nach gab den Ausschlag, dass man vergaß, eine Stadtpforte zu schließen. Sofort stürmten die Osmanen Konstantinopel, sie plünderten, brandschatzten und mordeten. Kaiser Konstantin fiel im Kampf. Das römische Reich war erneut untergegangen, das osmanische Reich war auf dem Weg zur Großmacht. Das byzantinische Reich jedoch hatte die Kultur der Antike bewahrt, bis sie nun in der Renaissance auch in Westeuropa wiederentdeckt wurde.

Nicht 1458 sondern 1448 also 10 Jahre zuvor bestieg Konstantin XI den Kaiserthron in Konstantinopel (wohl ein Tippfehler).

Was man bezüglich der Anzahl der Soldaten noch Beifügen kann. Zu den 10.000 Mann gehörten nicht nur Leute aus Byzanz (bzw. Konstaninopel) sondern auch zahlreiche ausländische Krieger (Freiwillige, Leute aus der venezianischen Kolonie und wohl auch einige Söldner), aber nicht nur das, an manchen Mauerabschnitten der 19 Kilometer langen Mauern, waren die Befehlshaber Leute die gar nicht aus dem Militär kamen, etwa geistliche oder auch der Osmanenprinz Orhan (der vor Mehmed II nach Konstantinopel geflohen war), ähnlich war es wohl auch im Heer, hier waren wohl auch viele "Amateure" am Werk.
Im Gegensatz zu den gut organisierten Osmanen.

Zum Kanoneneinsatz kann man noch ergänzend sagen, dass die Mauern von Konstantinopel im Mittelalter zu recht als uneinnehmbar galten, aber für den Einsatz von Kanonen und den Beschuss durch Kanonen nicht wirklich geeignet waren.

Was das mit der Flotte und der Sperrkette betrifft: Die bedeutenderen Schlachtschiffe auf der Seite von Byzanz kamen von den italienischen Stadtstaaten, aber ein paar aus Byzanz gab es noch.
Die Sperrkette haben die Osmanen übrigens nicht durchbrochen sondern (über Land) umgangen, somit nahm man die wichtige Bucht des Goldenen Horns ein.

Die Legende mit dem offenen Tor ist eine sehr gängige, ich halte nicht wirklich viel von dieser. OK es kann schon gewesen sein das da ein Tor geöffnet war, aber deshalb bricht keine Front zusammen, vor allem wenn da nur einzelne Kämpfer durchdringen, die sind schnell zurückgeschlagen. Schon vorher gabs oft so ein Eindringen von kleinen Gruppen, die man Bewältigen konnte.
Denke folgende Version ist realistischer Giustininani, ein Genuese und der bedeutendste Mann auf Seiten von Byzanz neben dem Kaiser, wurde getroffen und schwer verletzt. Es entstand Verwirrung, als er sich wegtransportieren lies und ihm etliche Landsleute folgten. Diese Verwirrung nutzte Mehmed II für die nächste Angriffswelle und konnte so die Verteidiger der stark beschädigten Befestigungsmauer schlagen. Konstantinopel fiel.
 
WDPG
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Re: Beifügungen zu den Nachfolgereichen von Byzanz nach 1204

25.05.2012, 15:08

Möchte auch in folgendem Absatz noch ein paar Beifüngen machen (hoffe es stört Maxdorfer nicht):

Doch das eigentliche oströmische Kaisertum ging ins Exil und wurde zum Kaiserreich von Nikaia. Es gab noch weitere Nachfolgestaaten von Byzanz, wie das Kaiserreich von Trapezunt, dessen Herrscher aus der Dynastie der Komnenen (hatte von 1081 bis 1185 in regiert) stammten, oder das von Thessaloniki. Auch das einfache Volk orientierte sich in diese „Exilreiche“ und empfand die Fremdherrschaft als drückend.

Nimmt man es genau, war es nicht das Kaisertum direkt das bewusst in Nikea ins Exil ging. Alexios III Angelos war der Kaiser der die erste Belagerung durch die Kreuzritter nicht überstand. Er hatte zuvor seinen erfolglosen, aber tatkräftigen Vorgänger Isaak II Angelos gestürzt. Als die Stadt an die Kreuzritter gefallen war und diese den geblendeten Isaak II Angelos und seinen Sohn Alexios IV Angelos auf den Thron gebracht hatte flüchtete Alexios III.
Alexios IV hatten den Kreuzrittern Versprechungen gemacht die er nicht halten konnte, diese machten Druck auf Konstantinopel, bis es dem Volk dort reichte, sie setzten die beiden Kaiser ab, Alexios V Dukas wurde nun Kaiser.
Es kam zum erneuten Konflikt, zur Eroberung und Plünderung von Konstantinopel durch die Kreuzritter und schließlich zur Gründung des Lateinischen Kaiserreichs. Alexios V floh zu Alexios III und wurde von diesem an die Kreuzritter ausgeliefert.
Kurz bevor Konstantinopel fiel versuchten einige Adelige noch Theodor Laskaris (Schwiegersohn von Alexios III) zum Kaiser zu machen, der lehnte aber aufgrund der Aussichtslosigkeit ab und gründete zusammen mit seinem Bruder das Kaiserreich Nikea in Kleinasien.
Nur eines von mehreren Exilreichen, ein weiteres war das Despotat Epiros, das von Verwandten der Angelos und Dukas gegründet wurde. Schon kurz vor der Eroberung von Konstantinopel durch die Kreuzritter gelang den Komnenen in Nordostanatolien die Eroberung der Stadt Trapezunt und ihres Umlandes. Hilfe erhielten sie dabei von Georgien (mit dem Herrscherhaus waren sie Verwandt).
Alexios III versuchte nochmals ein "Comeback". Mit der Hilfe der Rum-Seldschuken ging er gegen Nikea vor und wurde von Theodor Laskaris geschlagen.
Wie Maxdorfer schon erwähnt hatte, hatten die Einheimischen mit den neuen Herrschern schwierigkeiten. Die Abgaben dürften nicht wesentlich gestiegen sein, aber die Byzantiner wurden von ihren Besatzern, als Leute zweiter Klasse behandelt, was sich das stolze Volk nicht bieten lies. Am Balkan wandte man sich deshalb auch an die Bulgaren, die 1205 dem Lateinischen Kaiserreich eine gewaltige Niederlage zufügten (bei der auch der erste Kaiser des Lateinischen Kaiserreichs fiel).

Thesalonike war übrigens anfangs kein Exilreich, es gehörte dem Anführer des 4. Kreuzzugs Bonifaz von Montferrat, wurde aber unter seinem Nachfolger vom Despotat Epiros erobert und erst dann zum Exilreich.


Was das Kaiserreich Nikea aber hervorhob waren 2 Sachen, erstens hatte man den Patriachensitz und zweitens setzte man sich schließlich durch und erneute das Byzantinische Reich.
 
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Re: Byzanz

25.05.2012, 15:43

Romanos IV. (1068 – 1071), ein Kaiser aus der kurzlebigen Dynastie der Dukai, erlitt die schwere Niederlage von Mantzikert (1071) in Ostanatolien (Teil des Beitrags von Maxdorfer)

Romanos IV selbst war kein Kaiser der Dukas, sondern durch seine Frau mit ihnen Verbunden (diese war die Wittwe von Dukaskaiser Konstantin X). In der Zeit vor der Schlacht bei Mantzikert gab es in Byzanz einen Machtkampf zwischen dem Militäradel und dem Beamtenadel. Die Dukas gehörten dem Beamtenadel an, Romanos IV aber dem Militäradel. Die Differenzen dürften bei der Niederlage ein wesentliche Rolle gespielt haben.

Auch wenn es stimmt das man nicht besonders lange die Kaiser gestellt hat, würde ich die Dukai nicht als kurzlebige Dynastie darstellen. Schon im 9. Jahrhundert gehörten sie zu den bedeutendsten Dynastien im Reich (im 10. Jahrhundert stellten sie sogar eine Zeit lang einige Gegenkaiser). An die Macht kamen die Dukai im Jahr 1059 als Isaak I Komnenos abdankte. Sie förderten Kunst und Kultur, benachteiligten wieder eher das Militär und übersahen dabei die Bedrohung durch die Seldschuken die auf das Reich zukam. Nach dem Tod des ersten Dukaikaisers Konstantin X, heiratete sein Frau Romanos IV und machte ihm zum Kaiser, nach der verheerenden Schlacht bei Mantzikert und seiner Gefangenname wurde wieder ein Dukai Kaiser (Michael VII). Er war jedoch nicht der begabte Kaiser den man gebraucht hätte um den Niedergang zu stoppen. Vom Westen wurde man bedroht und im Osten verlor man das Kerngebiet Anatolien an die Seldschuken. Den Kaiser stellten die Dukai schon nach 1078 nicht mehr, nun stritten Militärführer um die Macht, bis sich schließlich einer von ihnen durchsetzte, dabei handelte es sich um Alexios I Komnenos.
Ihre Macht verloren die Dukai aber auch jetzt noch nicht. Alexios I und seine Nachfolger, versuchten mit einer Politik der Vergabe von Posten und geschickter Heiratspolitik die führenden Dynastien (darunter auch die Dukai) an den Kaiser zu binden. Die Frau von Alexios I kam von den Dukai und meines Wissens hatten sie auch noch andere Einflussreiche Ämter über.
Habe mich vor längerer Zeit mal mit den bedeutendsten Familien in dieser Zeit im byzantinischen Reich auseinandergesetzt, die Liste die ich damals schrieb habe ich gerade nicht zur Hand, aber wenn ich mich richtig erinnere hatte die Dynastie sogar noch unter Manuel I Komnenos wichtige Komandoposten inne gehabt.

Was ich nicht weiß ist ob die Dukai die Kaiser Alexios V gestellt haben und die von Epiros, auch noch etwas mit jener Kaiserdynastie zu tun gehabt haben, die Ende des 11. Jahrhunderts geherrscht hat.
 
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Re: Byzanz

27.09.2012, 19:25

Danke für die Lobe (ist wirklich die Mehrzahl von Lob) und die Ergänzungen von WDPG, hab ich ja bisher noch gar nicht mitgekriegt :oops:
Schenk den andren etwas Glück, denn es kommt zu dir zurück!

Essen Wissenschaftler eigentlich nur belegte Brötchen???
 
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Re: Byzanz

27.09.2012, 19:27

Drago hat geschrieben:
Maxdorfer hat geschrieben:
Muss halt noch auf ein Buch warten (Weihnachtsgeschenk).

Du planst ganz schön weit in die Zukunft.
Deine Texte fand ich schon bei G/Geschichte gut und diese sind mal wieder erstklassik.
Gratulation. :clap: :D

Das war letztes Weihnachten. :!:
Schenk den andren etwas Glück, denn es kommt zu dir zurück!

Essen Wissenschaftler eigentlich nur belegte Brötchen???