Forum für Geschichte und Politik


Moderator: Barbarossa

 
Noswell
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Interpretation Karikatur

10.03.2014, 21:07

Hallo Forengemeinde,

im Rahmen meines Abiturs muss ich eine Art Referat in Geographie über "Integration in Deutschland halten" und bin über eine Karikatur gestoßen, die ich gerne mit einbauen würde, jedoch hapert es am Interpretationsansatz, denn ich verstehe nicht so ganz was die Frau mit "auch" meint, zielt das darauf ab, dass sich der Junge nur integriert fühlt, weil er sich 'Ausländerklischeehaft' kleidet oder hat sie seine Aussage falsch verstanden und auch "ignoriert" verstanden?

Es handelt sich dabei um diese Karikatur: https://www.bpb.de/cache/images/9/13463 ... .gif?F04FC

Würde mich über Hilfe freuen!
 
Renegat
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Registriert: 29.04.2012, 19:42

Re: Interpretation Karikatur

10.03.2014, 21:34

Beides, der Junge ist doch längst nicht so klischeehaft gekleidet wie die Frau. Das Wortspiel Integriert - ignoriert eignet sich mE gut als Interpretationsansatz.
 
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Marek1964
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Registriert: 30.11.2013, 12:53

Re: Interpretation Karikatur

10.03.2014, 22:03

Also, ich muss lachen, und beginne gleich leicht off-topic: Ein Witz, den ich vor ein paar Tagen gehört: In einer Geschichtsprüfung fragt der Professor: Also, erklären Sie mir mal, warum Hitler ein Demagoge war... Der Student: Wie, Hitler war Hautarzt? Hier ging es allerdings nicht um Ausländerintegration, aber um Fremdwortkenntnisse Deutscher Abiturienten.

Klar bei der Karikatur ist: Sämtliche Klischees sind sicher nicht zufällig und voll beabsichtigt.

Damit der erste Erklärungsansatz, den Du schon richtig angesetzt hast: Ja, nur der Junge ist integriert, weil er hier aufgewachsen ist. Seine Mutter dagegen kann so schlecht Deutsch (wobei mein Witz oben relativiert dass auch mancher Eingeborene mit Ariernachweis nicht Fremdwörter beherrscht) und versteht es falsch, wobei das missverstehen natürlich ein Wortspiel ist. Dass sie ein Kopftuch trägt, deutet darauf hin, dass sie als Frau eines Moslems sehr wenig unter die Leute kommt und deshalb die Deutsche Sprache kaum kann. Sie redet einfach was nach.

Ob seine Teenie Kleidung typisch "Secondo" ist (Secondo ist glaube ich eher ein Schweizer Ausdruck, heisst aber Ausländer zweiter Generation) kannst Du besser beurteilen als ich. Aber ich kenne es auch aus der Schweiz aus den 70er und 80er Jahre, die (damals überwiegend italienischen) Secondos konnte man immer auch irgendwie erkennen, an den Benetton Farben, oder an den T-Shirts, die mein Bruder "Italo-Sado-Maso-Fascho-Homo" getauft hat, wobei ich diesen Ausdruck begeistert mitnahm. Der Ärmel waren kurz geschnitten, sodass die Schultern besonder männlich wirkten. Dann fuhren sie mit ihren roten Alfas oder Fiats einer Flanierstrasse entlang, Fenster unten, rhythmische Musik an. Trotzdem - um Deine Frage zielt ja in die Richtung, ob typisches Ausländerimage Integration andeutet - ja, in gewisser weise schon. Aber auch irgendwo ein Unterschied. Übrigens gibt es im Schweizer Dialekt eine typsiche Secondosprache, eine Ausdrucksweise und Sprachrhythmus, der für sie typisch ist. Gibt es sowas auch in Deutschland?

Die Leute sind sicher intergriert, wobei es aber schon auch so seine Probleme geben kann, da der Kulturkonflikt zwischen der Elternkultur und der Kultur des Gastlandes (und ob Deutschland oder Schweiz dürfte in diesem Kontext wenig Unterschied machen) scih auch in der Kleider widerspiegeln kann. Irgendwie in dieser Richtung würde ich die Kleidung des Jungen interpretieren, so sie also tatsächlich die Kultur dieser Zweitgeneration widerspiegelt, vermutlich ja aus der Türkei, über deren volle Integration hinsichtlich westeuropäischer Werte sicher auch diskutiert werden könnte. Aber sie werden natürlich immer sagen, sie seinen integriert, wenn sie nicht sagen, sie seien benachteiligt.

Die Frau nun ist viel weniger integriert, spricht schlechter, aber sie will nicht auffallen, deshalb antwortet sie gleich wie ihr Sohn, um keinen Ärger zu haben, der kleine Versprecher soll wohl nach dem Karikaturisten zeigen, dass die Integration noch weniger weit ist wie bei ihrem Sohn. Sie mag ignoriert werden, aber ihr Kopftuch soll wohl andeuten, dass es auch an ihr liegen kann.

So würde ich das interpretieren. Karikaturan lassen sich bisweilen auch auf mehrere Weisen interpretiern.