Nach den tollen Tagen - Fromme Erleichterungen zum Aschermittwoch

Die Kirche hatte eine machtvolle Stellung im Leben der Menschen des Mittelalters und bestimmte Politik und Gesellschaft auf einzigartige Weise.

Moderator: Barbarossa

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Christen hatten in früher Zeit den Fisch als Erkennungszeichen. Griechisch „Ichthys“:
Iesous = Jesus / Christos = Christus / Theou = Gottes / Yios = Sohn / Soter = Erlöser

Das Zeichen wurde später durch das Kreuz abgelöst. Die Katholische Kirche behielt den Fisch als Fastenspeise. Schon früh fand man Mittel und Wege um den Gläubigen die Fastenzeit ab Aschermittwoch bis Ostersonntag erträglicher zu gestalten. Das Konstanzer Konzil von 1414 bis 1418 erklärte den Biber kurzerhand zum Fisch, weil er hauptsächlich im Wasser lebt und erlaubte dessen Verzehr. Im Laufe der Jahrhunderte wurden aber auch andere Säugetiere und Vögel zu Fischen ehrenhalber erklärt.

Michel Foucault (Les Mots et les Choses: Une archéologie des sciences humaines (Paris: Gallimard, 1966). Er führt das Beispiel der Walnuss an, deren Windungen denen des Gehirns ähneln und die deshalb souverän gegen Kopfschmerzen und Wahnsinn ist.) spiegelt bei seiner Bildbeschreibung den weit verbreiteten Glauben wider, dass Gott sowohl auf Pflanzen als auch auf Tiere "Signaturen" geschrieben hat, d. h. sichtbare Zeichen, die uns ihren Nutzen für den Menschen offenbaren. So ist der geschuppte Schwanz des Bibers ein deutliches Zeichen dafür, dass das Tier ein Fisch ist und dementsprechend am Freitag verzehrt werden darf. Charlevoix berichtet von einer Entscheidung der theologischen Fakultät in Paris zu diesem Thema. Es wurde darüber diskutiert. Schließlich wurde der Biber vor allem wegen seines Pelzes ausgebeutet. Einige Autoren waren daher der Meinung, dass der Biber teils Tier, teils Fisch sei und daher nur sein Schwanz am Freitag gegessen werden dürfe. Dem ist nicht so, entschied die Fakultät.
...durch seinen Schwanz ist er ganz und gar Fisch, daher wurde er von der medizinischen Fakultät in Paris rechtlich als solcher erklärt, und als Folge dieser Erklärung hat die theologische Fakultät beschlossen, dass man sein Fleisch an mageren Tagen essen kann. Herr Lemery hat sich geirrt, als er sagte, dass diese Entscheidung nur das Hinterteil des Bibers beträfe. Er wurde in seiner Gesamtheit mit der Makrele (d.h. den Wasservögeln) gleichgestellt: https://www.erudit.org/fr/revues/scient ... 9752ar.pdf

Unsere Schwaben - als sehr findige Leute und natürlich auch findige Gläubige bekannt - fanden eine originelle Lösung des Problems: Sie haben einfach das Fleisch klein gehackt und im Nudelteig versteckt. Fertig waren die schmackhaften Maultaschen. Hinter vorgehaltener Hand nennen sie diese auch «Herrgottsb'scheisserle».
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Balduin
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Es wurde darüber diskutiert. Schließlich wurde der Biber vor allem wegen seines Pelzes ausgebeutet. Einige Autoren waren daher der Meinung, dass der Biber teils Tier, teils Fisch sei und daher nur sein Schwanz am Freitag gegessen werden dürfe. Dem ist nicht so, entschied die Fakultät.
Darüber musste ich jetzt wirklich schmunzeln.

Die närrischen Tage sind - beinahe - ganz an mir vorbeigegangen. Einen Umzug habe ich mir allerdings nicht entgehen lassen.

Die theologischen Verrenkungen sind schon nett - wie war es dann aber mit den - übrigens sehr schmackhaften - Herrgottsb'scheisserle? Ist es eine Legende, dass die Maultaschen von Mönchen erfunden wurden? Wenn nicht: Wurde das vom Klerus einfach geduldet?
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
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Balduin hat geschrieben: 17.02.2024, 19:05 Die theologischen Verrenkungen sind schon nett - wie war es dann aber mit den - übrigens sehr schmackhaften - Herrgottsb'scheisserle? Ist es eine Legende, dass die Maultaschen von Mönchen erfunden wurden? Wenn nicht: Wurde das vom Klerus einfach geduldet?
Ja, das ist sicher eine hübsche Legende. Dem Mönch Jakob aus dem Kloster Maulbronn soll in der Fastenzeit ein schönes Stück Fleisch untergekommen sein. Und für einen Schwaben gilt: Nix verkomma lassa! - Und Schwabe Jakob erfand die Maulbronner Nudeltaschen.

Und dem Klerus half alle Strenge nichts. Der Heilige Benedikt hatte noch Fleisch nur für Schwache und Kranke toleriert. Tempi passati - schon auf dem Konzil 1414 fand man Wege das zu umgehen. Denn der Adel fand mehr und mehr Gefallen am klösterlichen Leben. Mit ihm schwand das klösterliche Gesetz der Bruderschaft. Der Grundsatz des Vorrechts und der sozialen Ungleichheit hielt Einzug. Dem Adeligen fiel es schwer seine angestammten Gewohnheiten so einfach an der Klosterpforte abzugeben. Nachlassende Askese nährte die Bereitschaft, sich Lebensgewohnheiten adliger Führungsschichten zu öffnen. Von Hildegard von Bingen, selbst Aristokratin, weiß man, daß sie in ihren Orden sogar nur Frauen höherer Geburt eintreten ließ, weil ihrer Meinung nach, ein Kloster die Hierarchie des himmlischen Hofstaates ab- und nachzubilden habe.
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Balduin hat geschrieben: 17.02.2024, 19:05 Wurde das vom Klerus einfach geduldet?
Von Dulden kann gar keine Rede sein? - Da hat man in der Zentrale in Rom ein Geschäft draus gemacht. Eine extra Abteilung verwaltete die „Gnadenakte“ des Papstes. Gegen Gebühren erlaubte die Pönitentiarie (eine Zentrale für die Verwaltung des christlichen Gewissens) z.B Ausnahmen von strengen Fastenregeln. An die Datarie, eine päpstliche Behörde, richtete man eine Supplikation, eine „flehentliche Bitte“, und erhielt nach Prüfung eine Dispense von den betroffenen kirchlichen Rechtsvorschriften. Insider schrieben dicke Ratgeber, an wen man sich auf welche Weise wenden musste, um bestimmte Gnadenakte zu erlangen.

Aus der Zeit stammen auch die sogenannten „Butterbriefe“. Butter war wie andere tierische Produkte früher in den katholischen Fastenzeiten verboten, bis Papst Innozenz VIII. im Jahr 1491 die Zugabe von Butter erlaubte. Vorher mußte in der Fastenzeit notgedrungen Olivenöl als Ersatz herhalten. Eine geschmackliche Zumutung für jeden Kenner des köstlichen Gebäcks.
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Das köstliche Gebäck hat natürlich auch einen Namen: Dresdner Christstollen!

https://www.stollen-aus-dresden.de/gesc ... er-stollen
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Balduin
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Sehr interessante Erklärung Skeptik
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