Forum für Geschichte und Politik


Moderator: Barbarossa

 
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Balduin
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 12:17

In meiner Heimatstadt Ellwangen war das besonders schlimm - in einem Brief schrieb ein Jesuitenpater: "Ich sehe nicht, wohin das führen soll und wie dies enden wird. Denn dieses Übel hat so überhand genommen und hat wie die Pest so viele angesteckt, daß nach Jahren, wenn der Magistrat weiterhin sein Amt so ausübt, die Stadt elend veröden wird."

Lesenswerte Ausführungen: http://www.ellwangen.de/index.php?id=65
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
 
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Gontscharow
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 12:37

Vor einigen Jahren fasste der Rat der Stadt Münster den Entschluß, künftig alle neuen Straßen
nach Frauen zu benennen, um das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der Namensgebung
bei Straßen etwas auszugleichen.
Eine Straße in einem Neubaugebiet nannten sie Greta-Bünichmann-Straße.
Diese Frau war 1635 als Hexe hingerichtet worden. Nachdem die Lokalpresse über die
Hintergründe berichtet hatte, erhoben die zukünftigen Anwohner /Besitzer Protest : Sie wollten nicht
in einer Straße wohnen, die nach einer Hingerichteten benannt ist ...
Ich habe mich damals gefragt, was ich von diesem Protest halten soll und bin mir bis heute nicht schlüssig.
Die Straße heißt inzwischen so und einige Anwohner sind immer noch nicht glücklich damit.
 
ehemaliger Autor K.

Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 12:49

Ohne die Verfolgungen zu verharmlosen, muss man allerdings davon ausgehen, dass die Zahl der Opfer offensichtlich weit übertrieben wurde. Die neuere Forschung geht aus von 40.000 bis 60.000 Opfern, andere bis zu maximal 100.000. Darunter waren auch viele Männer, sogenannte Zauberer. Die Zahl von 9 Millionen, die gelegentlich genannt wurde, ist eine Erfindung des 18.Jahrhunderts von antiklerikalen Kräften und kann nicht verifiziert werden.
Bei der geringen Bevölkerungsdichte im alten Europa hätte der massenhafte Tod von Frauen sicherlich auch demographische Folgen gehabt, auch wenn er sich über einen langen Zeitraum erstreckte. Nach ausgiebigem Studium der Gerichtsakten ist man aber auf die oben genannten Zahlen gekommen, die schon schlimm genug sind.
Hexenverfolgung war keine Spezialität der Katholiken, auch die Protestanten waren auf diesem Gebiet sehr aktiv.


http://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung
http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/r ... /basis.htm
 
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dieter
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 14:45

Lieber Karlheinz,
leider hast Du damit recht. :roll:
Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.
 
Harald
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 16:23

In Frankfurt a.M. wurde beinahe mal eine Hexe verbrannt. Man hat dann doch davon abgesehen.
Nicht der schlechteste Grund, warum ich auf diese Stadt stolz bin.

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Orianne
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 17:29

Am 13. Juni 1782 wurde Anna Göldi nach erzwungenen "Geständnissen" in Glarus hingerichtet. Auch heute, 225 Jahre später, bewegt das Schicksal der "letzten Hexe Europas".
2008 wurde Anna Göldi rehabilitiert.


http://www.annagoeldi.ch/index.php?opti ... &Itemid=61
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 18:21

Es gab ja auch noch die Gottesurteile, z.B. man band die Gliedmassen kreuzweise zusammen, und warf die sogenannte Hexe in's Wasser, schwamm sie obenauf, war sie schuldig und wurde verbrannt, ging sie unter, dann war sie unschuldig aber dennoch tot....
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Orianne
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 21:29

Conzaliss hat geschrieben:
https://www.youtube.com/watch?v=BQQwogtwCLA

Ein Film, der mich sehr beeindruckt hat...


Ich werde mir den Film anschauen, das interessiert mich.
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Orianne
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

05.10.2014, 21:33

Ich habe vorhin noch die Geschichte der letzten "Hexe" von Deutschland, Anna Maria Schwegelin gelesen.
Die Frau wurde m.E. Opfer ihrer Zeit, dazu konvertierte sie noch zum evangelischen Glauben, ich meine, dass hat sie erst vor Gericht gebracht. Ob das Urteil gegen sie vollstreckt wurde, dass weiss man nicht. Sie lebte von 1729 - 1781(?)

http://www.histo-couch.de/uwe-gardein-d ... gelin.html
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Peppone
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

02.11.2014, 18:09

Es hing schon auch viel vom jeweiligen Herrscher ab, wie ausufernd die Hexenverfolgungen waren: Beispiel Pfalz-Neuburg.

http://www.neusob.de/historischerverein ... 0donau.pdf

"Neuerdings ist (...) eine grundlegende Arbeit Wolfgang Behringers über Hexenverfolgungen in Bayern erschienen (...).
Nach dieser Arbeit sind im Fürstentum Pfalz-Neuburg vor 1570 keine Hexenverfolgungen bekannt. Danach sind einzelne Hexenprozesse in Höchstädt und Lauingen dokumentiert, die zeigen, dass man in der evangelischen Periode zwar grundsätzlich die Bestrafung von Hexerei befürwortete und auch umliegende Territorien bei deren Verfolgung unterstützte, dass man selber aber durchaus vorsichtig bei der Bewertung der angezeigten Fälle vorgegangen ist. Für die Stadt Neuburg sind die ersten Hexenprozesse 1602 und 1613 beurkundet; der Prozess 1613 endete mit einer Hinrichtung.
Eine große Verfolgungswelle ist im Fürstentum Pfalz-Neuburg erst in der katholischen Zeit unter der Regierung des Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm festzustellen, der sich wie sein Schwager Herzog Maximilian von Bayern durch eine düstere, an Sünde und Strafe orientierte Religiosität und besonderen Hexenwahn auszeichnete. Offenbar haben sich in Neuburg die durch den teilweise erzwungenen kollektiven Religionswechsel verursachten, bewussten und unbewussten Ängste stimulierend ausgewirkt.
Auch wird in dieser Zeit der Einfluss der Verfolgungsbefürworter aus Ingolstadt wirksam, deren Vertreter prominente Jesuiten, wie Petrus Canisius und Jakob Gretser waren. (...)
Aus den Jahren 1629/30 sind aus Neuburg 38 Prozesse mit vielen Hinrichtungen bekannt. In Reichertshofen wurden 1628/29 ebenfalls etwa 80 Prozesse durchgeführt, von denen mindestens 51 mit einer Hinrichtung endeten. Diese Verfolgungswelle ebbte erst nach 1635 ab. "

Trotzdem wurden in Reichertshofen noch 1661 ganze Familien hingerichtet, ebenso 1655 im brandenburgischen Amberg, 1656 in der Stadt Memmingen. die Familienprozesse hatten ihren Höhepunkt zwischen 1690 und 1730, wiederum mit "Höhepunkten" in Bayern (Haidau, Rain) und im augsburgischen Schwabmünchen. (Behringer: Witchcraft Persecutions in Bavaria).
1717 und 1723 wurden in Freising sogar Kinder als Hexen bzw. Hexer hingerichtet! (kurz: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderhexe ... n_Freising).
Laut Reinhard Haiplik ("Hexen in der Hallertau", Pfaffenhofen/Ilm 2000) fand noch 1730 in Pfaffenhofen der letzte Hexenprozess in der Hallertau statt, die letzten Hexen wurden in Bayern 1754 und 1756 in Landshut verbrannt. Eine davon war erst 13 Jahre alt...

1775 wurde im Stift Kempten die letzte Hexenhinrichtung auf deutschem Boden vollzogen, die letzte in Europa war die von Anna Göldi in Glarus 1782.

Zusammenfassend: In Pfalz-Neuburg machten die Protestanten von Höchstädt und Lauingen den Anfang, richtig hoch her ging es in Sachen Hexen aber im katholischen Bayern bzw. im rekatholisierten Pfalz-Neuburg. Und auch Augsburg und Kempten waren ja katholisch...genauso muss aber gesagt werden, dass es Katholiken waren, die energisch dagegen eintraten, dass Hexenverfolgungen auf purem Aberglauben beruhen. Es waren Ingolstädter Professoren, die noch im 16.Jh. juristische Stellungnahmen abgaben, um ihren hexengläubigen Kollegen, die ja auch an der Uni Ingolstadt lehrten, in die Parade zu fahren. Und 1766 war es der Theatinerpater Ferdinand Sterzinger, der mit einer öffentlichen Rede die Hexenprozesse (in Bayern) endgültig beendete. Zitat Haiplik: "Doch erst im Strafgesetzbuch von Feuerbach 1813 standen Hexerei und Zauberei nicht mehr unter Strafe."

*seufz* Haiplik berichtet für die Hallertau sogar noch aus den 1960er Jahren von Anzeigen wegen Hexerei...der Aberglaube sitzt tief...

Beppe
 
Lia

Re: Hexenverfolgung und Kirche

02.11.2014, 18:59

Böses Thema, und doch musste ich gerade grinsen.
In Schleswig begann Dagmar Unverhau ( damals Landesarchiv Schleswig)schon früh, die Hexenverfolgung zu erforschen und zu dokumentieren, was ihr unter den Studis den liebevollen Namen " Oberhexe von Schleswig" eintrug.
Des Themas nahmen sich noch einige aus meinen Examenssemestern an.

Inzwischen gibt es etliche (wissenschaftliche) Publikationen zu dem Thema für Schleswig- Holstein, und auch Aktionen.
Der plakativste Link ist dieser:
http://www.taz.de/!134570/

Gefolgt von diese, hier:
http://www.geschichte-s-h.de/vonabisz/hexen.htm

Literatur zum Thema , regionalgeschichtlich u.a.
Hexenmeister. Die Verfolgung von Männern im Rahmen der Hexenverfolgung 1530-1730 im Alten Reich, Frankfurt u.a. 2000.
https://www.historicum.net/themen/hexen ... 939e2a65c/
Hexenverfolgung in Schleswig-Holstein vom 16. bis 18. Jahrhundert, Heide 2001.

http://books.google.de/books?id=55nDXp4 ... au&f=false
Ähm, ja, dass man mich einst als Hexe verbrannt hätte, habe ich schon oft genug gehört, und das nur, weil ich oft Gedanken lesen kann. :angel:
Oder den bösen Blick habe, wenn man mich gar zu sehr ärgert. :angel:
 
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Barbarossa
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

03.11.2014, 00:00

grusel...
:shifty:

(siehe auch auf die Uhrzeit :mrgreen: )
Die Diskussion ist eröffnet!

Jedes Forum lebt erst, wenn Viele mitdiskutieren.
Schreib auch du deine Meinung! Nur kurz registrieren und los gehts! ;-)
 
Lia

Re: Hexenverfolgung und Kirche

03.11.2014, 09:06

Barbarossa hat geschrieben:
grusel...

Beim nächsten Urlaub in Skandinavien solltest Du in Dänemark dann erstmal einige Tüten Hexehyler als Wegzehrung kaufen. :mrgreen:
 
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Orianne
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Re: Hexenverfolgung und Kirche

03.11.2014, 09:40

Lia hat geschrieben:
Ähm, ja, dass man mich einst als Hexe verbrannt hätte, habe ich schon oft genug gehört, und das nur, weil ich oft Gedanken lesen kann. :angel:
Oder den bösen Blick habe, wenn man mich gar zu sehr ärgert. :angel:


Hmm, das wurde mir auch schon öfters gesagt, in dem Fall bin ich ja nicht alleine :angel:

Natürlich wurden ja oft missliebige Leute als Zauberer oder Ketzer denunziert, und dann sprichwörtlich mundtot gemacht.
Grant stood by me when I was crazy, and I stood by him when he was drunk, and now we stand by each other.

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Lia

Re: Hexenverfolgung und Kirche

03.11.2014, 10:34

Orianne hat geschrieben:
Hmm, das wurde mir auch schon öfters gesagt, in dem Fall bin ich ja nicht alleine :angel:

Natürlich wurden ja oft missliebige Leute als Zauberer oder Ketzer denunziert, und dann sprichwörtlich mundtot gemacht.

Nicht zuletzt Frauen, die klüger waren und sind als Durchschnittsmann erlaubt.
Wobei nicht immer die Kirche, sondern ebenso die weltliche Obrigkeit an Hexenprozessen Interesse hatte und sich dann an die Kirche wandte, um geistliche Unterstützung und Beweise zu bekommen.
Gibt eine recht interessante Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Ansätzen zur Hexenforschung.
Guckst Du unter diesem Link, scrollen solltest Du, weil ich die Oerhexe von Schleswig als Such-Tag eingegeben hatte.
http://books.google.de/books?id=wIlg0ab ... au&f=false