Wie sollte die Bundesrepublik mit ihrer preußischen Vergangenheit umgehen?

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Moderator: Barbarossa

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Balduin
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Aktuelle Diskussionen um die preußische Vergangenheit

In den letzten Wochen kam eine Diskussion um den richtigen Umgang mit Deutschlands preußischer Vergangenheit in den Medien auf:
  • Im Auswärtigen Amt wurde das Bismarck-Zimmer in Saal der deutschen Einheit umbenannt.
  • Die Kulturstaatsministerin beabsichtigt, die Stiftung preußischer Kulturbesitz umzubennen.
Ich möchte die Diskussion jetzt überhaupt nicht auf aktuelle Politiker beziehen - die Pläne der Umbenennung des Bismarcks-Zimmers reichen vor die Amtszeit von Annalena Baerbock zurück. Zudem halte ich den neuen Namen angesichts der SED-Vergangenheit des Gebäudes für sehr treffend.

Verwandte Diskussionen im Geschichte-Wissen Forum

Preußen war schon öfters Thema im Forum. Zu den preußischen Tugenden haben wir hier: viewtopic.php?t=3411 sehr ausführlich diskutiert. Dort wurden sehr konträre Ansichten ausgetauscht - ich finde die Diskussion sehr lesenswert. Auch diese Diskussion mit der provokativen Frage: "Väter der Nazis?" viewtopic.php?t=4078 kann ich sehr empfehlen.

Wie sollte die Bundesrepublik mit ihrer preußischen Vergangenheit umgehen?

Eine allgemeine Antwort: Ich finde es richtig, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Geschichte prägt Gegenwart - das ist einfach so. Man sollte Geschichte, Menschen und Ereignisse aber immer im historischen Kontext verstehen: Wenn man heutige Maßstäbe hinsichtlich Demokratie, Liberalismus und Vielfalt ansetzt, wird man kaum eine Person oder Institution finden, die unseren Werten entspricht. Dennoch gab es auch in der damaligen Zeit wichtige Entwicklungen, die man würdigen sollte.

Meine Meinung zur Umbenennung des Bismarck-Zimmers habe ich bereits geschrieben. Das finde ich nicht verwerflich. Sollte man die SPK umbennen? Ich denke nicht. Preußen ist Teil der deutschen Vergangenheit. Dass diese Vergangenheit kritisch zu würdigen ist, wird in den Schulen ausreichend vermittelt. Ich erinnere mich daran, dass da sehr abwägend und überlegt die preußische Geschichte dargestellt wird.

Noch ein Gedanke: Ich finde es bemerkenswert und toll, wie das Berliner Stadtschloss wiederaufgebaut wurde. Die barocke Fassade auf einer Seite, die möglichst originalgetreu gebaut wurde - innen aber eine moderne Gestaltung mit dem neuen Kulturzentrum. Das ist für mich überlegte und schlaue Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Ich bin auf Eure Gedanken gespannt!
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
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Balduin
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In der FAZ erschien eine Komplettabrechnung mit Roths Plänen: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ ... 69478.html
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
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Geht es nicht auch um die Frage: Was halten die Deutschen allgemein von den Preußen? Da scheint es doch bei der Sympathie ein Nord/Süd-Gefälle zu geben. Ich bin auf der Mainlinie geboren und Preußen hat mich nie besonders interessiert und begeistert. Und wenn man weiter in den Süden kommt nimmt das auch kontinuierlich ab. Nehmen wir die Bayern ganz unten - sie kennen sie zumeist und nennen sie auch so: „Saupreißn“.
Die Preußen waren arrogante, steife, macht- und geldgierige Soldatenlemminge, so sah die landläufige Meinung unter der bayerischen Bevölkerung aus.
https://stadtflaneurin.de/bayern-vs-pre ... die_Bayern
Dann:
Otto von Bismarck und der Deutsche Krieg von 1866
So geisterte die Frage nach einer deutschen Lösung eine ganze Weile ungeklärt durch den Raum. Bis schließlich der Mann aufs Parkett trat, der die deutschen Geschicke in die Hände nehmen sollte: der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck. Auf dem Weg zur alleinigen Vorherrschaft Preußens war ihm vor allem Österreich ein Dorn im Auge, weshalb er 1866 schließlich den “Deutschen Krieg” gegen den Rivalen anzettelte.
Bayern kämpfte auf Seiten der Habsburger gegen Preußen, doch nach nicht einmal einem Monat waren Österreich und seine Verbündeten geschlagen. Das preußische Heer machte mit seinen Gegnern gnadenlos kurzen Prozess. Grund dafür war, dass es wesentlich modernere Waffen besaß, was Preußen einen unschlagbaren militärischen Vorteil verschaffte.
Nach seiner Niederlage musste Österreich den Deutschen Bund verlassen und Preußen zwang Bayern mit einem Schutz- und Trutzbündnis an seine Seite – was so viel hieß, dass es im Kriegsfall der preußischen Heeresleitung unterstellt war.
Politisch war das bayerische Königreich von nun an also vom preußischen Staat abhängig und der Weg für eine endgültige Machtübernahme Preußens im Deutschen Bund geebnet.


So sehen Bayern heute noch typische Merkmale - Die preußische Kriegsführung:
Von den Einheimischen zunächst freundlich empfangen, indem sie besagtem Preußen ein Grundstück überlassen und eine Baugenehmigung erteilen, beginnt der echte Preuße - in Gedenken an den "alten Fritz" - umgehend mit seiner Kriegsführung.
Er sucht sich als neuen Wohnsitz in der Regel ein kleines, idyllisches Dorf mit ländlichem Charakter ( = überwiegend Landwirtschaft ) um sich dann vom Gebimmel der Kuhglocken, dem krähenden Hahn und zugehörigem Misthaufen gestört zu fühlen. In einem langjährigen und nervenaufreibenden Prozess erwirkt er schließlich, dass den bayrischen Kühen die Glocken untersagt werden, der Gockel in einen Käfig gesperrt wird und verklagt auch gleich noch den benachbarten Schweinezüchter wegen Geruchsbelästigung.


Und noch etwas zum Schmunzeln:
https://de.wikipedia.org/wiki/Preißn#/m ... Fische.jpg
Tschechische Karikatur von Josef Kočí (1908) mit einem preußischen Grenzbeamten und einem böhmischen Angler: „Wissen Sie, daß Sie an der Grenze sind? Haben Sie eine Genehmigung zum Angeln preußischer Fische?“ – „Ich fange nur die österreichischen. Wenn ich einen preußischen erwische, so werfe ich ihn ins Wasser zurück.“ – „Und wie erkennen Sie den?“ – „Sehr gut; jeder preußische Fisch hat ein großes Maul.“
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Barbarossa
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Ich finde auch, die Geschichte Preußens ist ein wichtiger und untrennbarer Teil der deutschen Geschichte. Man kann den preußischen Aspekt in der mittleren und jüngeren Geschichte Deutschlands nicht aus der deutschen Geschichte tilgen - das wäre der Versuch einer Geschichtsfälschung.

Dass ausgerechnet Politiker der Grünen hier besonders vorpreschen, spricht für mich schon wieder Bände. Gerade eine Claudia Roth, die noch 1990 auf der Straße mit dem Spruch ,,Nie wieder Deutschland'' gegen die deutsche Einheit protestierte, oder auch ein Minister Habeck, der mit deutscher Identität ebenfall so gar nichts anzufangen mag (nach eigener Aussage)...
Mich wundert deswegen auch diese Umbenennungswut jetzt nicht.
Abzulehnen ist sie aus besagten Gründen der historischen Untrennbarkeit auf jeden Fall.

Auch wenn im Süden Deutschlands alles Preußische wohl eher unbeliebt zu sein scheint - meine Wurzeln sind preußisch. Ich habe großelterliche Wurzeln z. T. aus Ostpreußen und auch aus Pommern. Das Land Brandenburg sieht sich auch heute ganz offiziell in der Tradition Preußens. Und ich bezeichne mich gern auch mal als Preuße (neben meiner Identität als Deutscher). Für mich hat das Preußische also neben dem historischen Aspekt sogar auch einen persönlichen Aspekt, was meine eigene Wurzeln und Identität betrifft.
Und ja - ich habe am 18.01.2021 auch den 150. Jahrestag der Reichseinigung mit einigen Gläsern Sekt feierlich gedacht.

Die Grünen machen sich damit bei mir tatsächlich nicht beliebt, so sehr ich aktuell bei ihnen angenehm überrascht bin, wenn es um Waffenlieferungen an die Ukraine geht.
Das wären so meine ersten Gedanken zum Thema.
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Balduin
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Die Reichseinigung war für mich kein Tag zum Feiern - da eignen sich andere Ereignisse in Deutschlands Vergangenheit besser: Beispielsweise die Verabschiedung des Grundgesetzes, das unseren freiheitlichen demokratischen Staat definiert - das war von den Verfassungsvätern - und müttern eine immense Leistung.

Es ist ja übrigens nach wie vor umstritten, ob die kleindeutsche Lösung nicht besser für Deutschland gewesen wäre.

Zum Thema Preußen: In Brandenburg hat man da sicher einen anderen Bezug. Zumal, wenn man noch eine Vertriebenenhistorie hat.

Den preußischen Aspekt kann man sicherlich nicht aus der Geschichte tilgen. Es ist eben ein bewusster Umgang damit erforderlich. Letztlich ist es ja positiv zu werten, dass wir uns differenziert und kritisch mit unserer eigenen Geschichte beschäftigen (das ist in vielen Ländern anders).
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He has called on the best that was in us. There was no such thing as half-trying. Whether it was running a race or catching a football, competing in school—we were to try. And we were to try harder than anyone else. We might not be the best, and none of us were, but we were to make the effort to be the best. "After you have done the best you can", he used to say, "the hell with it". Robert F. Kennedy - Tribute to his father
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Wenn man genau das Gegenteil von dem macht, was Claudia Roth fordert, dann hat man alles richtig gemacht ! :wink: Diese Frau ist unerträglich und fällt eher durch ihre Unwissenheit und Naivität auf. :mrgreen: Sie glaubt wirklich, daß man nur eine große Klappe haben muß und schon hat man Recht. :crazy: P.S. Man sollte sich auch mal daran erinnern, daß Claudia Roth auf Demos hinter deutschfeindlichen Bannern mitgelaufen ist. Hat sie das vielleicht gar nicht bemerkt, welche Parolen sie vor sich hatte ? :crazy:
Skeptik
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Balduin hat geschrieben: 06.01.2023, 18:20 Den preußischen Aspekt kann man sicherlich nicht aus der Geschichte tilgen. Es ist eben ein bewusster Umgang damit erforderlich. Letztlich ist es ja positiv zu werten, dass wir uns differenziert und kritisch mit unserer eigenen Geschichte beschäftigen (das ist in vielen Ländern anders).
Da hätten andere Länder auch einiges zu überdenken. - Zum Beispiel die Engländer: …noch im selben Jahr brach der Krimkrieg aus, der von 1853–1856 währte und für die Engländer sehr verlustreich war. Im Jahr 1855 traf VIKTORIA mit BISMARCK zusammen.

Um Rauschgift führte man ganz offiziell Krieg:
Der Erste Opiumkrieg war ein bewaffneter Konflikt zwischen Großbritannien und dem Kaiserreich China der Qing-Dynastie, der vom 4. September 1839 bis zum 29. August 1842 ausgetragen wurde. Die britische Seite nahm die Beschlagnahmung des Opiums britischer Händler zum Anlass, den Krieg zu beginnen. Das Motiv dahinter war die Erhaltung des illegalen Opiumhandels, der für den Ausgleich des britischen Handelsdefizits mit China sorgte.

Beim Rauschgift hatte man dann auch Verbündete. Im Jahre 1857 befand sich England wieder im Krieg. Zusammen mit Frankreich wurde der sogenannte „Zweite Opiumkrieg“ geführt:
Der Zweite Opiumkrieg oder Arrow-Krieg Großbritanniens und Frankreichs gegen das Kaiserreich China währte von 1856 bis 1860. Die europäischen Mächte versuchten hierbei, das von der Taiping-Rebellion geschwächte Kaiserreich durch die Demonstration militärischer Macht zu erneuten vertraglichen Zugeständnissen im Außenhandel zu zwingen. Die Kämpfe endeten nach Versuchen der chinesischen Regierung, die Ratifizierung zu verhindern, 1860 nach dem Einmarsch der verbündeten Truppen in Peking mit der Ratifizierung des Vertrag von Tianjin, der China weiter für europäische Wirtschaftsinteressen öffnete. Beim Einmarsch in die chinesische Hauptstadt zerstörten die Europäer den Kaiserlichen Sommerpalast.

Zur gleichen Zeit führte in Indien die Einführung des moderneren Enfield-Gewehrs 1857 zu Problemen mit den indischen Soldaten:
Die Vorderlader-Büchse wurde mit Papierpatronen geladen, deren gefalztes Ende gemäß britischem Exerzierreglement vor dem Laden mit den Zähnen abgebissen werden musste. Um die Patronen mit dem hygroskopischen Schwarzpulver vor Feuchtigkeit zu schützen und eine geringere Verschmutzung der Waffe beim Schießen zu erreichen, wurden Papierpatronen mit Fett imprägniert. Unter den Sepoys und Sawars war spätestens ab Januar 1857 weitläufig das Gerücht verbreitet, die Munition sei mit einer Mischung aus Rindertalg und Schweineschmalz behandelt. Gläubigen Hindus und Muslimen musste dies gleichermaßen als schwerer Affront erscheinen. Die befehlsgemäße Benutzung des Gewehrs hätte zu einer religiösen Unreinheit der Soldaten geführt, da Schweinefleisch sowohl für Hindus als auch Muslime als unrein gilt und Rinder für Hindus heilig sind und daher nicht getötet, geschweige denn verzehrt werden dürfen.
85 von 90 indischen Soldaten (Sepoys) der britischen Garnison in Merath (Nordindien) weigern sich am 7. Mai 1857, das neue Enfield-Gewehr zu benutzen. Die Briten banden sie vor Kanonen und feuerten sie ab:
https://www.welt.de/geschichte/article1 ... utern.html
Zuletzt geändert von Balduin am 07.01.2023, 17:05, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Bild aus urheberrechtlichen Gründen entfernt
Ruaidhri
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Der preußische Anteil an der Geschichte dieses Landes ist nicht wegzudiskutieren, ist nur auch nicht ausschließlich positiv zu beurteilen.

Ja, ich weiß, wir haben Bismarck den NOK zu verdanken, :crazy: aber auch eine tiefe Spaltung der Bevölkerung. 1864 war wahrlich alles andere als gut, zu Teilen eine Annexion, was den dänischen Teil betrifft, und preußische Provinz wollten auch die Holsteiner nicht unbedingt werden. erst in den letzten Jahrzehnten erholt sich das Grenzland wirklich von den Folgen peußischer und nachfolgender Politik.
Mit vielem im peußischen "Erscheinungsbild" und Vorgehen muss man sich sehr kritisch auseinandersetzen, ohne die auch missverstandene preußische Disziplin wärter manches nicht denkbar gewsen.
Wieder waren es Teile des preußischen Adels, der gegen Hitler Widerstand leistet, wenn auch spät.
Kritisch heißt, alle Aspekte zu betrachten, und die sind nie ausschließlich negativ oder positiv.
Balduin hat geschrieben: 06.01.2023, 18:20 Die Reichseinigung war für mich kein Tag zum Feiern - da eignen sich andere Ereignisse in Deutschlands Vergangenheit besser: Beispielsweise die Verabschiedung des Grundgesetzes, das unseren freiheitlichen demokratischen Staat definiert - das war von den Verfassungsvätern - und müttern eine immense Leistung.
Bedenlkenswerter Einwurf!
Skeptik hat geschrieben: 07.01.2023, 16:46 Da hätten andere Länder auch einiges zu überdenken. -
Es geht ausschließlich um die Bundesrepublik und wie sie mit ihrer Geschichte umgeht, das ewige Verweisen auf " die haben aber auch..." bringt nichts für die Diskussion.
Muttersprache: Deutsch Vaterland: Keins. Heimat: Europa
LG Ruaidhri
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Ruaidhri hat geschrieben: 08.01.2023, 18:09 Der preußische Anteil an der Geschichte dieses Landes ist nicht wegzudiskutieren, ist nur auch nicht ausschließlich positiv zu beurteilen.
Aber was soll in der heutigen Bundesrepublik ein Bismarckzimmer? Da wir uns ja immer mehr als Europäer verstehen, könnte man - wenn überhaupt - auch an ein Karl-der-Große-Zimmer denken. Er ist schließlich für viele „Vater Europas“.

Aber der Karl gefällt mir genauso wenig:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/ka ... s-100.html

wie der markige Otto:
Zuletzt geändert von Balduin am 10.01.2023, 06:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Barbarossa
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Balduin hat geschrieben: 06.01.2023, 18:20 Die Reichseinigung war für mich kein Tag zum Feiern - da eignen sich andere Ereignisse in Deutschlands Vergangenheit besser: Beispielsweise die Verabschiedung des Grundgesetzes, das unseren freiheitlichen demokratischen Staat definiert - das war von den Verfassungsvätern - und müttern eine immense Leistung.

Es ist ja übrigens nach wie vor umstritten, ob die kleindeutsche Lösung nicht besser für Deutschland gewesen wäre.

Zum Thema Preußen: In Brandenburg hat man da sicher einen anderen Bezug. Zumal, wenn man noch eine Vertriebenenhistorie hat.

Den preußischen Aspekt kann man sicherlich nicht aus der Geschichte tilgen. Es ist eben ein bewusster Umgang damit erforderlich. Letztlich ist es ja positiv zu werten, dass wir uns differenziert und kritisch mit unserer eigenen Geschichte beschäftigen (das ist in vielen Ländern anders).
Natürlich ist ein historisches Ereignis gerade von Historikern immer objektiv zu betrachten. Und immer gibt es negative wie positive Seiten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist natürlich richtig, dass wir es heute als wenig positiv ansehen, dass die Reichseinigung nach 3 Kriegen erfolgte.

--> Aber: Historische Ereignisse sind immer aus der jeweiligen Zeit heraus zu betrachten!
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Und da war es so: Die Einigung war ganz überwiegend in der deutschen Bevölkerung äußerst populär. Sie wurde spätestens seit der Revolution 1848/49 bereits gefordert - war demnach lange überfällig - und hätte nicht Bismarck diese Einigung herbeigeführt, dann wäre eigens zu diesem Zweck noch einmal eine Revolution (,,von unten'') notwendig gewesen. Diese wäre dann vermutlich auch nicht unblutig verlaufen.
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Als ein Paradebeispiel für die positiven Aspekte bismarckscher Politik wird ja immer die Sozialgesetzgebung angeführt. Aber das ist aus meiner Sicht längst nicht der einzige positive Aspekt der Reichseinigung:
Denn es war tatsächlich so, dass man nach 1871 von den ,,Gründerjahren'' spricht, in denen es einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung gab. Deutschland entwickelte sich danach überhaupt erst zu einer Industrienation. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass wir heute wirtschaftlich nicht dort stünden, wo wir stehen, wenn es damals nicht diesen Entwicklungsschub gegeben hätte.
Also - ein Grund zum Feiern? Ich denke schon.

Die Reichseinigung war vielleicht keine Sternstunde der Demokratie - als das war sie auch nicht gedacht. Wobei man aber auch erwähnen sollte, dass selbst diesbezüglich das Kaiserreich für seine Zeit ein durchaus fortschrittliches Wahlrecht hatte - zwar nicht der preußische Landtag mit seinem 3-Klassen-Wahlrecht, aber ganz sicher der deutsche Reichstag. Das Wahlrecht zum Deutschen Reichstag stand zur gleichen Zeit hinter denen etwa von Großbritannien oder Frankreich in nichts nach.
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Fest steht, dass Bismarck ein für seine Zeit herausragender Politiker war. Offenbar hat er zum Zwecke der Reichseinigung keinen anderen Weg gesehen, als diese durch 3 Kriege in Folge zu erreichen.
Dass gerade das bismarcksche Kaiserreich oft madig gemacht wird, scheint mir ein sehr aggressiver linker Propagandatrick zu sein. Immerhin hat Bismarck neben den Sozialgesetzen auch die Sozialistengesetze erlassen. Das dürften ihm gerade Linksorientierte sicher nicht verzeihen. Da sollte man nicht darauf hereinfallen. Aber wohin ultralinke Politik führen kann, hat man dann im 20. Jh. bei den totalitären Diktaturen gesehen.
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Zur Frage: Was hat ein Bismarck-Zimmer im Auswärtigen Amt zu suchen?
Von den Räumlichkeiten her gesehen eigentlich nicht viel. Das Auswärtige Amt hat seinen Sitz im ,,Haus am Werdischen Markt'' - bis 1945 Sitz der Reichbank und in der DDR Sitz des Zentralkomitees der SED.
Der Sitz des Auswärtigen Amtes in der Kaiserzeit war in der Wilhelmstr. 75/76.
Vielleicht sollte man dort ein Museum o. ä. mit einem Bismarckzimmer einrichten.
Andererseits trägt immerhin das ,,Auswärtige Amt'' seinen Namen aus traditionellen Gründen (deswegen eben nicht ,,Außenministerium''), die noch aus der Kaiserzeit herrühren.
zum Nachlesen: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ausw%C3%A4rtiges_Amt
Die Diskussion ist eröffnet!

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Die F.A.Z. hat sich schon immer auch am „Preußischen“ abgearbeitet. Heute wieder ein Artikel. Daraus:
…Preußen ist 1947 nicht nur endgültig von der Landkarte getilgt worden. Auch als Namensgeber hatte es nach der Auflösung durch die Siegermächte des Zweiten weltkriegs ausgedient. Nur eine bedeutendere Institution der Bundesrepublik erinnert bis heute an den untergegtangenen Staat: die „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“.
…Es war der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer der den Nationalsozialismus in einem privaten Schreiben vom 22. Dezember 1946 als „konsequente Weiterbildung des preußischen Staatsgedankens“ bezeichnete. Auch öffentlich ließ erkein gutes Haar an der Hohenzollernmonarchie, deren Militarismus und Überhöhung des Staates aus seiner Sicht Hitler den Weg geebnet hatten.
…Die Siegermächte standen somit nicht allein, als der Kontrollrat Preußen im Gesetz zu dessen Auflösung am 25. Februar 1947 bescheinigte, „seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen" zu sein. Angesichts dieses preußenfeindlichen Klimas in der Nachkriegszeit ist es bemerkenswert, daß die Errichtung der „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“, nach allem, was bislang bekannt ist, ohne größere Kontroverse über den Namen vonstattenging.


Zum „preußenfeindlichen Klima“ hat sicher der letzte Repräsentant dieses Staates seinen unrühmlichen Beitrag geleistet: Kaiser Wilhelm II. Der durch einen verkrüppelten Arm Behinderte war von Jugend an ein schwieriger Charakter. Er galt als überheblich, unkonzentriert fahrig und ohne Ausdauer. Um ihn von den Ablenkungen Berlins zu trennen schickten ihn seine Eltern mit einem Erzieher aufs Lyceum Fridericianum nach Kassel. Seine Mutter Victoria schrieb an ihren Mann Friedrich, der Filius sei „von Natur aus ein solcher Bummelant und Tagedieb“. Seine Briefe schickte sie ihm korrigiert zurück. Und recht verzweifelt: „Du hälst Dich für wunderbar begabt, Du glaubst, daß Du eine gute Hand und einen guten Stil schreibst, daß Du gut reitest, daß Du gute Manieren hast und gut zeichnest - während wir glauben, daß Du in allen diesen Dingen weit zurückbist im Vergleich zu dem, was Du leisten könntest“.
Das setzte sich im weiteren Leben fort. Der Schweizer Robert Stuker, Erzieher am griechischen Hof erlebte ihn später: Gerade dem eitlen letzten Kaiser wurden Schmeicheleien nie zuviel: Es war ihm stets wohlgefällig, wenn seine Umgebung „in Ehrfurcht erstarb“. Man konnte z.B. lesen: Niemand regte sich darüber auf, wenn da etwa in fast gotteslästerlicher Art im Bericht über eine religiöse Feier stand, „der Allerhöchste hätte sich in den Dom begeben, um zum Höchsten zu beten“.Jährlich ging er dem europäischen Adel auf den Geist, wenn er mit seiner protzigen „Hohenzollern" zur Sommerfrische vor Griechenland aufkreuzte. Man amüsierte sich köstlich, wenn Wilhelm II. von seinem „he4rrlich einfachen Leben“ auf Korfu erzählte. Dieses einfache Leben bestand im Mitführen einer ganzen Armee ordenbedeckter Generäle und Adjutenten, in täglichen Hoftafeln mit unendlichen Gängen, die zu lauter Musik der Schiffskapelle eingenommen wurden, in großartigen Illuminationen und in Landausflügen, die von einer Kolonne standartengeschmückter kaiserlicher Automobile auf den holprigen Straßen Korfus durchgeführt wurden!“

Mein Faszit: Es wird wohl wie immer sein in der Geschichte: Man muß dem Preußischen die Zeit lassen in der Geschichte erst einmal „abzusacken“. Siehe die Franzosen mit ihrem Napoleon. Dann werden sich die Historiker sicher - unbelastet von persönlichen Empfindungen - auch diesem Zeitraum der deutschen Geschichte liebevoll annehmen.
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