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Moderator: Barbarossa

 
Aneri

Ökonomie/Lehrstunde

08.04.2016, 10:56

Ich hatte schon in anderem Thread erwähnt Dani Rodrik "Das Globalisierungsparadox. Die Demokratie und die Zukunft der Wirtschaft". Es war Thread: welches Wirtschaftmodel ist das besster?. Mit diesem Buch begann meine bewusste Beschäftigung mit ökonomischen Fragen.
Meines Erachtens benötigen wir zuerst überhaupt das Grundwissen, um die ökonomische Zusammenhänge zu verstehen. Daher dieses Thread soll sich nicht mit der Ideologie beschäftigen, sondern erst mit ökonomischen Grundsätzen sich zu beschäftigen.

Ich habe schon mal gehört, dass die Staatsschulden sind keine Schulden des alltäglichen Gebrauchs. Hier ist sehr interessanter Artikel, der m. E. es ganz gut erklärt:
Ist Sparen ohne Verschuldung möglich?
 
Aneri

Re: Ökonomie/Lehrstunde

14.04.2016, 11:49

Ver(w)irrter Angriff von links – aber auch glatt an der Sache vorbei
In der Tat geht so einiges durcheinander. Aber der Reihe nach. Es geht um die Frage, die uns hier schon häufig beschäftigt hat, nämlich, was die entscheidende Ursache der Eurokrise ist. Während Neoklassiker wie Hans-Werner Sinn üblicherweise argumentieren, die Kapitalströme in der EWU seinen entscheidend für die Entstehung der Ungleichgewichte gewesen, haben Costas Lapavitsas und ich (aber lange vorher schon Friederike Spiecker und ich) argumentiert, die Ursache sei bei den Güterströmen zu suchen und diese seien von einer großen realen Abwertung Deutschlands (infolge von Lohndumping in der Währungsunion) ausgelöst worden. Die Kapitalströme seien dem gefolgt.

Ich bin sicher keine Expertin, seine Erklärung finde aber schlüßig. Ja, das Verständnis von ökonomischen Vorgängen bewirkt die politische Entscheidungen.
 
Dietrich
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Re: Ökonomie/Lehrstunde

14.04.2016, 13:23

Aneri hat geschrieben:

Ich habe schon mal gehört, dass die Staatsschulden sind keine Schulden des alltäglichen Gebrauchs.


Allerdings haben Staatsschulden eine massive Wirkung auf das Alltagsleben der Bürger. Wenn der Staat hohe Zinsen für aufgenommene Kredite zahlen muss. ist er gezwungen, Steuern in allen Bereichen anzuheben, Investitionen zu kürzen und Bedienstete abzubauen. Man sieht das gegenwärtig beispielhaft bei Griechenland.
 
Aneri

Re: Ökonomie/Lehrstunde

14.04.2016, 18:44

Dietrich hat geschrieben:
Allerdings haben Staatsschulden eine massive Wirkung auf das Alltagsleben der Bürger. .

Das Artikel auf den ich verlinkt habe, hat Dich anscheint nicht interessiert :roll:
Wenn der Staat hohe Zinsen für aufgenommene Kredite zahlen muss. ist er gezwungen, Steuern in allen Bereichen anzuheben, Investitionen zu kürzen und Bedienstete abzubauen.
Ich bin mit Sicherheit nicht in der Lage hier ökonomisch an die Sache eingehen (ich bin nur in anfänglichen Verdauungsstadium :) ), dennoch m. E. muss man zuerst fragen: woher die höhen Zinsen? Die höhe Zinsen sind ein Symptom (nicht unbedingt für eine Krankheit, in Gegenwart haben wir das gegensätzliches Syndrom und es scheint wirklich eine Krankheit zu sein).

Über Kapitaldeckungsverfahren der Renten lesen hier: http://www.flassbeck-economics.de/den-zins-haben-die-deutschen-schon-verloren-nun-verlieren-sie-auch-noch-den-verstand-allgemeiner-medien-schwachsinn-zu-zins-sparen-und-rente/
 
Aneri

Re: Ökonomie/Lehrstunde

14.04.2016, 18:58

Woher kommt die europäische Deflation, die den Kern des Problems ausmacht und in deren Gefolge die EZB die Zinsen auf Null senkte? Ist sie vom Himmel gefallen? Hat die EZB sie verursacht? Haben andere Länder in Europa sie zu verantworten?
Über Sparpolitik und Eurokrise in Die Deflation ist ein Meister aus Deutschland – und die EZB ist sein Opfer
 
Dietrich
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Re: Ökonomie/Lehrstunde

15.04.2016, 15:20

Aneri hat geschrieben:
... woher die höhen Zinsen? Die höhe Zinsen sind ein Symptom (nicht unbedingt für eine Krankheit, in Gegenwart haben wir das gegensätzliches Syndrom und es scheint wirklich eine Krankheit zu sein).


Staatsschulden und eine hohe Zinslast entstehen, wenn der Staat über lange Zeiträume mehr ausgibt als einnimt und die Lücke durch die Aufnahme von Krediten schließen muss. Der Staat hat also "über seine Verhältnisse" gelebt und wenn die Schulden- und Zinslast irgendwann allzu drückend wird, muss er alle öffentlichen Aufgaben und Dienste einschränken oder sogar abbauen.

Leider neigen Staaten dazu, sich zu verschulden - weil sie Wohltaten übers Volk auschütten, Steuergeschenke machen, ihre eigene Klientel befriedigen müssen oder einfach eine disziplinierte Haushaltsführung vermissen lassen. Griechenland ist dafür ein treffendes Beispiel, aber auch Italien oder Spanien zeigen ein mediterranes laisser-faire.
 
Wallenstein

Re: Ökonomie/Lehrstunde

18.04.2016, 15:05

Aneri


Mir ist hier die Fragestellung nicht ganz klar, auch nicht nach dem Lesen der links. Aber ich erzähle die Sache einmal so, wie ich sie sehe.

Zinsen und Staatsschulden
Zinsen sind der Preis für geliehenes Geld und entstehen auf dem Markt durch Angebot und Nachfrage. Wird viel Geld angeboten und wenig nachgefragt, sind sie niedrig. Ist Geld knapp und die Nachfrage groß, steigen die Zinsen.
Geld wird geliehen von Konsumenten, Investoren und dem Staat. Braucht der Staat Geld, konkurriert er mit der Privatwirtschaft. Das wird als negativ angesehen, weil die Zinsen dann steigen und Investitionen zu teuer werden. Ein sparsamer Staat mit wenig Schulden braucht keine Kredite, die Nachfrage auf dem Kapitalmarkt wird kleiner und die Zinsen sinken.

Staatsschulden sind unterschiedlich zu bewerten:
Werden sie produktiv angelegt in Infrastrukturen, Bildung etc. können sie längerfristig das Wachstum der Wirtschaft beschleunigen, die Steuersumme wird dann größer und die Schuldentilgung ist dann unproblematisch.

Werden sie konsumtiv angelegt, kann das in konjunkturellen Krisen sinnvoll sein, um die Nachfrage anzuregen und die Kapazitäten auszulasten. Nach der Rezession steigen die Einnahmen wieder und die Schulden können getilgt werden.

Dienen die Schulden aber dazu, Strukturmängel zu überdecken, ohne dass diese später beseitigt werden, wird der Staat, wenn er seine Ausgaben nicht senkt, immer wieder neue Schulden machen müssen, sie werden zu einem Dauerproblem.

(Die Staatsverschuldung in Prozent des Bruttosozialprodukts beträgt in Deutschland 58%, in den USA 106%, in Griechenland 183% und in Japan bei 252%. Die enorme Verschuldung in Japan wird als ungefährlich eingestuft, da der Staat hauptsächlich bei den Inländern verschuldet ist und nur sehr wenig Zinsen zahlt. Griechenland zahlt viel höhere Zinsen und ist vorwiegend im Ausland verschuldet.)

Unterentwickelte Regionen

Nach der neoklassischen Theorie sollen sich die Unterschiede im Entwicklungsstand der Regionen langfristig ausgleichen. In der reichen Region gibt es viel Kapital, der Arbeitsmarkt ist ausgeschöpft und die Lohnkosten ziemlich hoch. In der armen Region gibt es wenig Kapital, aber viele Arbeitskräfte zu niedrigen Löhnen. Wenn die Grenzproduktivität des Kapitals in der reichen Region erreicht ist, eine zusätzliche Investition bringt dann keinen zusätzlichen Gewinn, sollte das Kapital in die armen Regionen abwandern. Das dauert so lange, bis auch dort die Grenzproduktivität erreicht ist. Die Entwicklung der Regionen hat sich dann angeglichen. Was in der Theorie einfach klingt, funktioniert in der Regel nicht in der Praxis.

Unterschiede in der Eurozone
Früher gab es einmal das Ziel „außenwirtschaftliches Gleichgewicht“. Das gibt es zwar noch, wird aber nur noch wenig beachtet, seitdem es die Eurozone mit der gemeinsamen Währung gibt. Überschüsse führten früher zu Aufwertungen, diese Gefahr besteht nicht mehr. Die BRD hat erhebliche Exportüberschüsse in der Handelsbilanz, 2013 waren es 184 Milliarden Euro. (Dafür sind allerdings die anderen Positionen der Zahlungsbilanz wie z.B. die Dienstleistungsbilanz, die Übertragungsbilanz und die Kapitalbilanz stets defizitär).

Heute wird ein deutscher Überschuss beim Handel mit Spanien als genauso wenig bedrohlich angesehen wie ein Exportüberschuss von Bayern gegenüber Mecklenburg-Vorpommern. Und der deutsche Überschuss wertet auch nicht den Euro gegenüber dem Dollar, dem britischen Pfund oder dem Yen auf, da hierfür entscheidend ist die gesamte Ausfuhr und Einfuhr in die Eurozone.

Der Fortfall der nationalen Währungen lässt aber nun die strukturellen Differenzen im Entwicklungsgefälle viel deutlicher hervortreten. Solche Strukturunterschiede gibt es auch in Deutschland, man versucht sie abzumildern z.B. durch den Länderfinanzausgleich, durch gezielte Fördermaßnahmen, den Solidarpakt II für Ostdeutschland und durch eine einheitliche Sozialpolitik für alle Bürger.

Im europäischen Maßstab fehlen solche Instrumente weitgehend. Das Ergebnis sind sich aufbauende Verschuldungsketten. In jedem Land gibt es Konsumenten, Investoren und den Staat, die deutsche Produkte kaufen. Wird mehr importiert als exportiert, wird versucht, Zahlungsschwierigkeiten über Kredite zu überbrücken. Das kann irgendwann einen Punkt erreichen, an dem keine dieser Gruppen mehr Tilgung und Zinsen begleichen kann.

Ich habe mir die links von Aneri durchgelesen und aber so richtig eigentlich nicht verstanden. Aber es geht wohl um folgendes: Die Politik der deutschen Regierung in den letzten 10 Jahren zielte darauf ab, möglichst niedrige Lohnstückkosten durchzusetzen, um die Exportfähigkeiten zu steigern. Die Produkte wurden relativ günstig und inflationäre Tendenzen weitegehend unterdrückt. In den Ländern in Südeuropa sind die Lohnstückkosten aber gestiegen.

Dieser Prozess kann nur durch Produktivitätssteigerungen oder sinkenden Lohnstückkosten oder beiden gestoppt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Dies ist aber bisher nicht geschehen.

Theoretisch sollte in der Theorie Kapital aus den reichen Nationen in die armen Nationen abfließen. Dies geschieht aber nicht. Das Land mit viel Kapital, Deutschland, hat gleichzeitig die niedrigsten Lohnstückkosten, die armen Nationen haben wenig Kapital, aber höhere Lohnstückkosten. Es gibt deshalb keinen Grund für das deutsche Kapital abzuwandern.

Der überall einsetzende Preiskampf hat deflationäre Tendenzen in Gang gesetzt. So etwas ist schlecht, denn bei sinkenden Preisen besteht die Gefahr, dass sich Investitionen langfristig nicht rentieren. Gewinne, die in den ärmeren Staaten gemacht werden, führen nicht zu neuen Investitionen im Realsektor, sondern bleiben liquide oder bilden Blasen. Gewinne in Deutschland führen zwar begrenzt zu neuen Investitionen, aber nicht genügend, da die schwache Inlandsnachfrage bei gleichzeitig deflationären Tendenzen Realinvestitionen riskant machen. Auch hier bleibt das Geld in liquiden Anlagen stecken. Es kommt zu einem gewaltigen Anwachsen des Finanzsektors und zu einer enormen Liquidität, aber kaum zu Wachstum. Die EZB will diesen Prozess umkehren, in dem sie mit ihrer Zinspolitik Liquidität bestraft und mit Hilfe von einer begrenzten Inflation Investitionen im Realsektor wieder lohnend machen will. Gleichzeitig hilft diese Politik auch den Schuldnerstaaten beim Abbau ihrer Defizite.

Dies ist, wenn ich es richtig verstehe, die Aussage dieser Beiträge. Ob das richtig ist, dazu will ich mich jetzt nicht äußern.
 
Paul
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Re: Ökonomie/Lehrstunde

22.12.2017, 19:47

Lt Fernsehnachrichten heute, läuft die Schuldenuhr nach vielen Jahrzehnten der Staatsverschuldung zum erstenmal wieder Rückwärts. Hoffentlich ist das ein Dauerzustand und es wird nie mehr über unsere Verhältnisse und auf Kosten unserer Nachkommen konsumiert.
viele Grüße

Paul

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Paul
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Re: Ökonomie/Lehrstunde

28.12.2017, 13:48

Zum Anfang des Jahres treten wieder kleine Anpassungen an die Inflation in mehreren Bereichen des Sozial- und Steuerrechts in Kraft. Richtige große Schritte in die Richting einer vernünftigen Steuerreform werden nicht gemacht. Der Grundfreibetrag wird nur leicht aif 9000 E erhöht, obwohl es vernünftig wäre Leistung zu belohnen. Es muß sich lohnen arbeiten zu gehen, statt Sozialhilfe zu nehmen. Mehrere positive Effekte hätte die massive Erhöhung der Kinderfreibeträge. 
viele Grüße

Paul

aus dem mittelhessischen Tal der Loganaha