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„Nibelungentreue“ - Der lange Weg nach Sarajevo

Verfasst: 29.03.2026, 13:50
von Barbarossa
Im folgenden Beitrag geht es um einen Aspekt im Vorfeld des Ersten Weltkrieges, den ich so noch nicht auf dem Zettel hatte. Es gibt ja sowieso unglaublich viele Aspekte - unglaublich kompliziert das alles - die bei diesem Thema zu berücksichtigen sind.
Textzitat in voller Länge:

»„Nibelungentreue“ - Der lange Weg nach Sarajevo

Am 29. März 1909 verlas der deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow im Reichstag eine außenpolitische Erklärung zur sogenannten Bosnischen Annexionskrise. In dieser Rede stellte sich das Deutsche Reich demonstrativ hinter seinen Verbündeten Österreich-Ungarn, der im Oktober des Vorjahres die Provinzen Bosnien und Herzegowina formell annektiert hatte. Die Erklärung steht für einen wichtigen Moment der europäischen Bündnispolitik im frühen 20. Jahrhundert und stand zugleich in einem größeren Zusammenhang der politischen Entwicklung auf dem Balkan, die schließlich auch zu den Ereignissen von Sarajevo im Jahr 1914 führte und in jener Katastrophe endete, die in Symbolsprache als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird.

Hintergrund der Krise

Bosnien und Herzegowina standen bereits seit dem Berliner Kongress von 1878 unter Verwaltung Österreich-Ungarns, gehörten völkerrechtlich jedoch weiterhin zum Osmanischen Reich. Die Habsburgermonarchie hatte das Gebiet militärisch besetzt und administrativ übernommen, ohne es bislang formell in den eigenen Staatsverband einzugliedern.

Als Wien am 5. Oktober 1908 die formelle Annexion verkündete, entstand eine internationale Krise. Besonders Serbien protestierte scharf, da es selbst Ansprüche auf die mehrheitlich südslawisch bewohnten Gebiete erhob und Bosnien als Teil eines möglichen großserbischen Nationalstaates betrachtete.
Russland, das sich traditionell als Schutzmacht der slawischen Staaten verstand, reagierte strikt ablehnend. Großbritannien und Frankreich betrachteten die Annexion ebenfalls mit Skepsis, weil sie eine einseitige Veränderung der europäischen Ordnung darstellte, die auf den Vereinbarungen des Berliner Kongresses beruhte.

Die Situation eskalierte zur schweren diplomatischen Spannung innerhalb des europäischen Staatensystems, getragen von einer vergifteten Publizistik. Serbien mobilisierte teilweise seine Streitkräfte, während Russland, im Inneren geschwächt, zunächst eine internationale Konferenz zur Klärung der Frage anstrebte.

In dieser Situation gewann die parteiische Haltung des Deutschen Reiches besondere Bedeutung, da es der engste Bündnispartner Österreich-Ungarns war.

Die Rede Bernhard von Bülows

Vor diesem Hintergrund gab Reichskanzler Bernhard von Bülow im Reichstag eine Erklärung ab, mit der die Haltung der deutschen Regierung öffentlich festgelegt wurde.

Bülow erklärte, das Deutsche Reich stehe uneingeschränkt an der Seite Österreich-Ungarns. In diesem Zusammenhang verwendete er eine Formulierung, die später große Bekanntheit erlangte: Deutschland werde seinem Verbündeten „in Nibelungentreue“ beistehen.

Der Begriff griff auf die mittelalterliche Sage der Nibelungen zurück und charakterisierte eine besonders treue, nahezu unauflösliche Loyalität. In der politischen Sprache des Kaiserreichs wurde diese Formulierung rasch zur bekannten Chiffre für das deutsch-österreichische Bündnis.

Die Erklärung hatte somit nicht nur einen aktuellen diplomatischen Zweck, sondern setzte auch ein politisches Signal über die Festigkeit der Bündnisse innerhalb des europäischen Staatensystems und forcierte die Bildung der Bündnisblöcke.

Rolle Kaiser Wilhelms II.

Im politischen System des Deutschen Kaiserreichs war der Reichskanzler allein dem Kaiser verantwortlich und wurde von ihm ernannt oder entlassen. Außenpolitische Grundsatzentscheidungen wurden daher grundsätzlich im Einvernehmen mit dem Monarchen getroffen, von wo aus auch, wenn nicht Direktiven, so doch Wünsche herangetragen wurden.

Während der Bosnischen Annexionskrise unterstützte Kaiser Wilhelm II. die Politik Österreich-Ungarns. Die deutsche Diplomatie setzte sich dafür ein, dass Russland und Serbien die Annexion letztlich akzeptierten. Die Reichstagsrede Bülows vom 29. März 1909 gilt in der Forschung als öffentliche Formulierung der gemeinsamen Linie der Reichsleitung, nicht als Einzelinitiative des Kanzlers.

Einige Sätze zum Verhältnis zwischen Wilhelm II. und Bülow: Es war zu dieser Zeit bereits belastet. Hintergrund war unter anderem die Daily-Telegraph-Affäre von 1908, die eine schwere innenpolitische Krise ausgelöst hatte und das Vertrauen zwischen Kaiser und Kanzler schwächte. Wir werden hier zu gegebner Zeit einen eigenen Artikel veröffentlichen. Wenige Monate nach der Rede endete Bülows Kanzlerschaft; im Juli 1909 wurde er durch Theobald von Bethmann Hollweg ersetzt.

Außenpolitische Wirkung

Die Rede verstärkte den diplomatischen Druck auf Russland und Serbien erheblich. Russland befand sich nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) und der Revolution von 1905 in einer innenpolitisch schwierigen Lage und sah sich militärisch nicht zu einem Konflikt bereit.

Unter diesen Zwangsumständen aus der eigenen momentanen Schwäche heraus, akzeptierte Russland schließlich im Frühjahr 1909 faktisch die Annexion, wodurch auch Serbien seinen Widerstand aufgeben musste. In diesem Sinne wird die Krise in der Forschung als formell beigelegt betrachtet, doch blieb die Stimmung unter der proserbischen Bevölkerung aufgeheizt.

Internationale Reaktionen

Gleichzeitig verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den europäischen Großmächten. Großbritannien und Russland reagierten auf die demonstrative deutsche Unterstützung für Wien mit deutlicher Verstimmung. In der internationalen Öffentlichkeit entstand der Eindruck, Deutschland habe die diplomatische Entscheidung zugunsten Österreich-Ungarns erst erzwungen. Die eigentliche Handlung Österreichs trat in den Hintergrund und die unerwartet deutliche deutsche Parteinahme in den Vordergrund.

Ein Teil der Forschung sieht in der Krise, wie schon erwähnt, einen Schritt zur Verhärtung der europäischen Bündnissysteme vor dem Ersten Weltkrieg.

Langfristige Folgen auf dem Balkan

Neben ihren diplomatischen Auswirkungen veränderte die Annexion die politische Situation innerhalb Bosniens und im gesamten Balkanraum nachhaltig.

Mit der formellen Eingliederung Bosniens und Herzegowinas in die Habsburgermonarchie wurde ein Gebiet mit einer großen südslawischen Bevölkerung endgültig Teil des multinationalen Großreichs Österreich-Ungarn. Zugleich verschärfte sich in der Region der Einfluss nationalistischer Bewegungen, die eine Vereinigung der südslawischen Gebiete anstrebten.

In Serbien wurde die Annexion als politische Niederlage und Demütigung empfunden. Die serbische Regierung hatte die Eingliederung Bosniens zunächst energisch bekämpft, musste ihren Widerstand jedoch unter dem Druck der europäischen Großmächte schließlich aufgeben. Diese Erfahrung prägte die politische Stimmung im Land nachhaltig.

Auch in Bosnien selbst entstanden unter Studenten und Intellektuellen Bewegungen, die die habsburgische Herrschaft ablehnten. Zu ihnen gehörte die später bekannt gewordene Gruppierung „Mlada Bosna“ (Junges Bosnien).

Zusammenhang mit den Ereignissen von Sarajevo 1914

Der langfristige Zusammenhang zwischen der Annexion von 1908 und dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 ist deutlich.

Das Attentat richtete sich gegen den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, der an diesem Tag Sarajevo besuchte. Die Täter, darunter Gavrilo Princip, stammten aus dem Umfeld nationalistischer Netzwerke, die eine Loslösung der südslawischen Gebiete aus der Habsburgermonarchie anstrebten.

Die politische Situation, in der diese Gruppen entstanden, war eng mit der Eingliederung Bosniens und Herzegowinas in die Habsburgermonarchie im Jahr 1908 verbunden. Ohne diese Annexion hätte Sarajevo nicht in gleicher Weise als Symbol habsburgischer Herrschaft gegolten.

Das Attentat selbst entstand aus einer Vielzahl von Faktoren – darunter der serbisch-österreichische Konflikt, südslawischer Nationalismus und die Spannungen des europäischen Bündnissystems. Gleichwohl ist die Bosnische Annexionskrise eine wichtige Etappe in der Vorgeschichte der Julikrise von 1914.

Die Bündnispolitik spielte hierbei eine zentrale Rolle. Als Österreich-Ungarn nach dem Attentat militärisch gegen Serbien vorgehen wollte, suchte es erneut die Unterstützung Deutschlands. Die deutsche Regierung erklärte Anfang Juli 1914 ihre politische Rückendeckung für Wien – ein Schritt, der in der Forschung oft als „Blankoscheck“ bezeichnet wird.

Historische Einordnung

Die Reichstagsrede vom 29. März 1909 gilt nicht nur als ein Ereignis der damaligen diplomatischen Krise, sondern auch als ein Beispiel für die feste Bündnispolitik zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn im Vorfeld des Ersten Weltkriegs, die einen gegensinnigen Machtblock verfestigte.

Die Formel der „Nibelungentreue“ entwickelte sich zum häufig zitierten Schlagwort für dieses Bündnisverhältnis.

Zugleich zeigt der weitere Verlauf der Geschichte, dass die Bosnische Annexionskrise eine Reihe politischer Spannungen hinterließ, die in den folgenden Jahren fortwirkten und schließlich in der Julikrise von 1914 erneut sichtbar wurden.«

Quelle: https://www.facebook.com/share/1BchrpASN7/
mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤

Re: „Nibelungentreue“ - Der lange Weg nach Sarajevo

Verfasst: 29.03.2026, 19:04
von repo
Der Außenminister des Zaren, Iswolski bot im September 1908 dem ÖU-Außenminister Ährental für die Unterstützung eines Durchfahrtsrechts der russ. Schwarzmeerflotte durch die Meerengen Bosporus pp. die Okkupation Bosniens hinzunehmen, wobei der Sandschar, zdZ ebenfalls ÖU besetzt, an Serbien gehen sollte.
ÖU räumte den Sandschak und erklärte die Okkupation Bosniens.
Die Großmächte insbesondere Großbritannien verweigerten der zaristischen Schwarzmeerflotte das Durchmarschrecht in den Meerengen. Wollten keine russ. Kriegsschiffe im Mittelmeer!

Dass sich das Zarenreich angeschmiert vorkam ist klar, aber letztlich war es ja Großbritannien das verweigerte.

Das war in "dürren Worten" der Ablauf und die Vorgänge.
Bei etwas diplomatischerem Verhalten der kaiserlich deutschen Regierung hätte sich daraus kaum eine europäische Verstimmung gegen das Deutsche Reich entwickeln können.