Der schwere Winter 1708/09 dokumentiert in Brandenburg-Preußen
Verfasst: 15.02.2026, 19:15
Hier noch ein sehr interessanter Beitrag. Er beschreibt wirklich gut die große Not der damaligen Zeit angesichts von Klimaveränderungen.
Textzitat in voller Länge:
»Der Jahrtausendwinter von 1708/09 in Brandenburg und Preußen
Seit Anfang des 14. Jahrhunderts erlebte Europa eine fundamentale Veränderung des Klimas. Die bislang relativ milde Klimaphase endete verhältnismäßig abrupt. Die Winter wurden im Mittel kälter, die Sommer niederschlagsreicher. Jahren mit starken Niederschlägen folgten immer wieder solche mit ausgesprochenen Dürreperioden. All dies hatte unmittelbare Folgen auf die bis dahin steigende Bevölkerung, die nun erstmals in Wellen in manchen Jahrzehnten abnahm, sich wieder erholte, um erneut einzubrechen. Es war das Zeitalter der Kleinen Eiszeit angebrochen, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts andauerte.
In den rund 500 Jahren kam es wiederholt zu harten Wintern, besonders regional, doch keiner ist im kollektiven Gedächtnis Europas so erhalten geblieben wie jener Winter von 1708/1709, der auch in der Geschichte Brandenburg-Preußens ein einschneidendes Ereignis darstellte. Nicht Krieg oder Misswirtschaft bedrohten das noch ganz junge Königreich Preußen, sondern die Natur zwang die Menschen in die Knie.
Eine ungewöhnlich lang anhaltende Periode mit stetigem Ostwind brachte bereits im Herbst 1708 Fröste. Mit Drehen des Windes entspannte sich die Situation zunächst wieder, um schließlich in der ersten Januarwoche abermals zu kippen. Die Temperaturen fielen so schnell und so stark, dass alle zeitgenössischen Aufzeichnungen weit übertroffen wurden. Da die heute in Europa gebräuchliche Celsius-Skala erst Jahrzehnte später entwickelt wurde, stützt sich die moderne Forschung auf die täglichen Wetterbeobachtungen des Astronomen Gottfried Kirch in Berlin sowie auf spätere Rekonstruktionen. Die damaligen Messwerte, umgerechnet auf heutige Standards, lassen auf anhaltend niedrige Temperaturen im Bereich von -25 °C bis -30 °C schließen.
Spree, Havel und Oder froren bis auf den Grund zu. Die Ostsee war über weite Strecken so massiv vereist, dass sie bis ins Frühjahr hinein mit schweren Lastschlitten befahren werden konnte. Die Häfen von Danzig und Stettin konnten wegen des Eises bis in den Mai hinein nicht genutzt werden.
Zeitgenössische Aufzeichnungen aus der Mark berichten, dass Bäume mit einem Knall, der wie ein Pistolenschuss klang, der Länge nach aufplatzten, weil der Saft im Inneren gefror. In den Häusern der Berliner Vorstädte froren Speisen und Getränke unmittelbar auf dem Teller oder in den Trinkbehältern ein. In den Wein- und Bierkellern erstarrte der Inhalt der Fässer zu Eis.
Es wird berichtet, dass Vögel mitten im Flug tot zu Boden fielen. Das Wild in den kurmärkischen Wäldern verendete massenhaft, und hungrige Wölfe drangen bis unmittelbar an die Berliner Stadttore vor.
Die Auswirkungen auf die Infrastruktur und die Agrarwirtschaft waren verheerend. Die zugefrorenen Wasserwege unterbrachen die etablierten Versorgungsketten und es brach besonders in den Städten große Not aus.
Es konnte kein Brennholz in die Städte transportiert werden. Die Preise stiegen ins Unermessliche, woraufhin die ärmere Bevölkerung begann, Möbel und Zäune zu verheizen. Überall kam es zu Holzdiebstahl und Zerstörungen beim Versuch Brennholz zu erbeuten. Zudem standen die Wassermühlen still, was trotz vorhandenen Getreides zu einer akuten Mehl- und Brotknappheit führte und die Not weiter erhöhte. Der Holzmangel war zeitweise so groß, dass nur noch zur Nahrungszubereitung ein größeres Feuer unterhalten werden konnte, sonst aber auf sprichwörtlicher Sparflamme die Glut erhalten wurde. War das Feuer einmal erloschen, konnte es bei den tiefen Temperaturen oft nur mit Mühe neu entzündet werden.
Um Unruhen und den Zusammenbruch in der Residenzstadt zu verhindern, ließ König Friedrich I. öffentliche Suppenküchen einrichten, in denen einfache Erbsen- oder Graupensuppen an Bedürftige ausgegeben wurden. Auf öffentlichen Plätzen wurden große Feuer unterhalten. Zudem wurde ein striktes Getreideausfuhrverbot verhängt, um die verbliebenen Vorräte für die städtische Versorgung zu sichern.
Doch es blieb nicht bei der akuten Not, die es nur zu überleben galt, bis endlich der Frühling kam. Der Frost drang so tief in das Erdreich ein, dass die Wintersaat vollständig vernichtet wurde. Besonders anhaltend desaströs war der Verlust der Obstbaumbestände und Weinstöcke um Berlin und Frankfurt (Oder). Auf Jahre fiel die Obstproduktion in der Region aus, bis nachgewachsene Bäume begannen, Frucht zu tragen. Die Menschen auf dem Land brachten ihr Vieh oft in die eigenen Wohnstuben, nicht nur um von der gegenseitigen Körperwärme zu profitieren, sondern um das Überleben der Tiere zu sichern, die massenhaft in den Ställen verendeten – vor allem an Wassermangel, nicht nur wegen der Kälte, weil alle Tränken völlig zugefroren waren.
In der historischen Rückschau ist der Winter 1709 untrennbar mit der nachfolgenden Pestepidemie verbunden. Die durch Kälte und chronische Unterernährung geschwächte Bevölkerung besaß kaum Widerstandskräfte gegen die aus dem Osten eingeschleppten Erreger.
In Ostpreußen forderte die Kombination aus Winter, Hunger und Pest (1709–1711) etwa 240.000 bis 250.000 Todesopfer. Dies entsprach einem Verlust von fast 40 % der Gesamtbevölkerung. In der Mark Brandenburg verzeichneten die Kirchenbücher für 1709 eine sprunghaft angestiegene Sterblichkeit, primär durch Kältetod im Winter und Mangelkrankheiten wie Skorbut oder Typhus im darauffolgenden Frühjahr.
Der Jahrtausendwinter von 1709 war für Brandenburg und Preußen eine substanzielle Herausforderung, welche die Hilflosigkeit des Menschen gegenüber der Natur offenlegte. Das Ereignis zwang die Krone zu einer Neuausrichtung der staatlichen Vorratshaltung sowie zu groß angelegten Peuplierungsprojekten, die sich bis weit in die Zeit Friedrichs des Großen erstreckten. Sie blieb auf Generationen als ein prägendes Trauma im kollektiven Gedächtnis der besonders hart betroffenen Region verankert.
PS: Die heute von uns ausgewählten Bilder sind im Grunde zu romantisierend. Die Bedingungen von damals können heute wahrscheinlich nur noch die Älteren und ganz Alten unter uns ansatzweise erahnen, die den Hungerwinter 46/47 oder das Chaos 78/79 erlebt haben.«
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1KGDgq6b1Z/
mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
Textzitat in voller Länge:
»Der Jahrtausendwinter von 1708/09 in Brandenburg und Preußen
Seit Anfang des 14. Jahrhunderts erlebte Europa eine fundamentale Veränderung des Klimas. Die bislang relativ milde Klimaphase endete verhältnismäßig abrupt. Die Winter wurden im Mittel kälter, die Sommer niederschlagsreicher. Jahren mit starken Niederschlägen folgten immer wieder solche mit ausgesprochenen Dürreperioden. All dies hatte unmittelbare Folgen auf die bis dahin steigende Bevölkerung, die nun erstmals in Wellen in manchen Jahrzehnten abnahm, sich wieder erholte, um erneut einzubrechen. Es war das Zeitalter der Kleinen Eiszeit angebrochen, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts andauerte.
In den rund 500 Jahren kam es wiederholt zu harten Wintern, besonders regional, doch keiner ist im kollektiven Gedächtnis Europas so erhalten geblieben wie jener Winter von 1708/1709, der auch in der Geschichte Brandenburg-Preußens ein einschneidendes Ereignis darstellte. Nicht Krieg oder Misswirtschaft bedrohten das noch ganz junge Königreich Preußen, sondern die Natur zwang die Menschen in die Knie.
Eine ungewöhnlich lang anhaltende Periode mit stetigem Ostwind brachte bereits im Herbst 1708 Fröste. Mit Drehen des Windes entspannte sich die Situation zunächst wieder, um schließlich in der ersten Januarwoche abermals zu kippen. Die Temperaturen fielen so schnell und so stark, dass alle zeitgenössischen Aufzeichnungen weit übertroffen wurden. Da die heute in Europa gebräuchliche Celsius-Skala erst Jahrzehnte später entwickelt wurde, stützt sich die moderne Forschung auf die täglichen Wetterbeobachtungen des Astronomen Gottfried Kirch in Berlin sowie auf spätere Rekonstruktionen. Die damaligen Messwerte, umgerechnet auf heutige Standards, lassen auf anhaltend niedrige Temperaturen im Bereich von -25 °C bis -30 °C schließen.
Spree, Havel und Oder froren bis auf den Grund zu. Die Ostsee war über weite Strecken so massiv vereist, dass sie bis ins Frühjahr hinein mit schweren Lastschlitten befahren werden konnte. Die Häfen von Danzig und Stettin konnten wegen des Eises bis in den Mai hinein nicht genutzt werden.
Zeitgenössische Aufzeichnungen aus der Mark berichten, dass Bäume mit einem Knall, der wie ein Pistolenschuss klang, der Länge nach aufplatzten, weil der Saft im Inneren gefror. In den Häusern der Berliner Vorstädte froren Speisen und Getränke unmittelbar auf dem Teller oder in den Trinkbehältern ein. In den Wein- und Bierkellern erstarrte der Inhalt der Fässer zu Eis.
Es wird berichtet, dass Vögel mitten im Flug tot zu Boden fielen. Das Wild in den kurmärkischen Wäldern verendete massenhaft, und hungrige Wölfe drangen bis unmittelbar an die Berliner Stadttore vor.
Die Auswirkungen auf die Infrastruktur und die Agrarwirtschaft waren verheerend. Die zugefrorenen Wasserwege unterbrachen die etablierten Versorgungsketten und es brach besonders in den Städten große Not aus.
Es konnte kein Brennholz in die Städte transportiert werden. Die Preise stiegen ins Unermessliche, woraufhin die ärmere Bevölkerung begann, Möbel und Zäune zu verheizen. Überall kam es zu Holzdiebstahl und Zerstörungen beim Versuch Brennholz zu erbeuten. Zudem standen die Wassermühlen still, was trotz vorhandenen Getreides zu einer akuten Mehl- und Brotknappheit führte und die Not weiter erhöhte. Der Holzmangel war zeitweise so groß, dass nur noch zur Nahrungszubereitung ein größeres Feuer unterhalten werden konnte, sonst aber auf sprichwörtlicher Sparflamme die Glut erhalten wurde. War das Feuer einmal erloschen, konnte es bei den tiefen Temperaturen oft nur mit Mühe neu entzündet werden.
Um Unruhen und den Zusammenbruch in der Residenzstadt zu verhindern, ließ König Friedrich I. öffentliche Suppenküchen einrichten, in denen einfache Erbsen- oder Graupensuppen an Bedürftige ausgegeben wurden. Auf öffentlichen Plätzen wurden große Feuer unterhalten. Zudem wurde ein striktes Getreideausfuhrverbot verhängt, um die verbliebenen Vorräte für die städtische Versorgung zu sichern.
Doch es blieb nicht bei der akuten Not, die es nur zu überleben galt, bis endlich der Frühling kam. Der Frost drang so tief in das Erdreich ein, dass die Wintersaat vollständig vernichtet wurde. Besonders anhaltend desaströs war der Verlust der Obstbaumbestände und Weinstöcke um Berlin und Frankfurt (Oder). Auf Jahre fiel die Obstproduktion in der Region aus, bis nachgewachsene Bäume begannen, Frucht zu tragen. Die Menschen auf dem Land brachten ihr Vieh oft in die eigenen Wohnstuben, nicht nur um von der gegenseitigen Körperwärme zu profitieren, sondern um das Überleben der Tiere zu sichern, die massenhaft in den Ställen verendeten – vor allem an Wassermangel, nicht nur wegen der Kälte, weil alle Tränken völlig zugefroren waren.
In der historischen Rückschau ist der Winter 1709 untrennbar mit der nachfolgenden Pestepidemie verbunden. Die durch Kälte und chronische Unterernährung geschwächte Bevölkerung besaß kaum Widerstandskräfte gegen die aus dem Osten eingeschleppten Erreger.
In Ostpreußen forderte die Kombination aus Winter, Hunger und Pest (1709–1711) etwa 240.000 bis 250.000 Todesopfer. Dies entsprach einem Verlust von fast 40 % der Gesamtbevölkerung. In der Mark Brandenburg verzeichneten die Kirchenbücher für 1709 eine sprunghaft angestiegene Sterblichkeit, primär durch Kältetod im Winter und Mangelkrankheiten wie Skorbut oder Typhus im darauffolgenden Frühjahr.
Der Jahrtausendwinter von 1709 war für Brandenburg und Preußen eine substanzielle Herausforderung, welche die Hilflosigkeit des Menschen gegenüber der Natur offenlegte. Das Ereignis zwang die Krone zu einer Neuausrichtung der staatlichen Vorratshaltung sowie zu groß angelegten Peuplierungsprojekten, die sich bis weit in die Zeit Friedrichs des Großen erstreckten. Sie blieb auf Generationen als ein prägendes Trauma im kollektiven Gedächtnis der besonders hart betroffenen Region verankert.
PS: Die heute von uns ausgewählten Bilder sind im Grunde zu romantisierend. Die Bedingungen von damals können heute wahrscheinlich nur noch die Älteren und ganz Alten unter uns ansatzweise erahnen, die den Hungerwinter 46/47 oder das Chaos 78/79 erlebt haben.«
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