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Der Zusammenbruch Preußens 1806/07

Verfasst: 15.02.2026, 18:58
von Barbarossa
Textzitat in voller Länge:

»7. und 8. Februar 1807 – Die Schlacht bei Preußisch Eylau

Mit Napoleon werden viele Schlachten verbunden. Schlachten wie Marengo, Austerlitz, Leipzig und allen voran selbstverständlich Waterloo. Wenig bekannt, vor allem weil es keine entscheidende Schlacht war, ist jene im ostpreußischen Eylau. Doch was weiter wenig bekannt, es war eine der blutigsten Begegnungen überhaupt und brachte Napoleon an den Rand einer Niederlage.

Preußen hatte sich 1806 kurzsichtig von Napoleon in eine diplomatische Sackgasse drängen lassen und erklärte ihm den Krieg: zu spät, fast isoliert, überstürzt vorgehend und in völliger Verkennung der eigenen militärischen Verfassung.

Es kam, wie es kommen mußte: Im Oktober 1806 wurde Preußen durch eine rasche Folge militärischer Niederlagen förmlich zerschmettert: Innerhalb nur weniger Tage führten das Gefecht bei Saalfeld am 10. Oktober, bei welchem Prinz Louis Ferdinand fiel, sowie die doppelte Katastrophe von Jena und Auerstedt am 14. Oktober zum weitgehenden Verlust der preußischen Feldarmee. Nachdem die allermeisten preußischen Festungen in schneller Folge kapitulierten, viele davon ohne jeden Widerstand, begann Napoleon weite Teile des Kernlandes zu besetzen. Der König floh mit seiner Familie und dem Hofstaat nach Ostpreußen, wohin sich auch die letzten Reste der Streitkräfte absetzten.

Napoleon rückte mit seinen Korps auf, um Königsberg einzunehmen, wo sich südlich davon Anfang Februar bei Preußisch Eylau eine Schlacht zutragen wird. Die Stadt liegt in der historischen Landschaft Natangen, etwa 37 Kilometer südlich von Königsberg. Dort formierte sich unter General Anton Wilhelm von L’Estocq ein verbliebenes preußisches Korps, das als Anhängsel im Zusammenwirken mit der russischen Armee unter General Levin August von Bennigsen den französischen Vormarsch auf Königsberg aufhalten sollte.

Eröffnungsgefechte

Am Nachmittag des 7. Februar kam es zu einem heftigen Begegnungsgefecht zwischen französischen Einheiten der Korps Soult und Murat und russischen Kräften. Die Kämpfe um den Besitz des Ortes, der an den Marschrouten nach Norden liegt, waren sehr schwer und dauerten bis in die späten Abendstunden an. Gegen 22:00 Uhr räumte Bennigsen schließlich die Stadt und bezog eine defensive Stellung auf dem vorteilhaft gelegenen östlichen Hochplateau. Man darf Höhe hier allerdings nicht überbewerten. Das Gelände war leicht wellig. Der tatsächliche Höhenvorteil für den Verteidiger war nicht besonders.

Die Hauptschlacht (8. Februar 1807)

Die alliierten Streitkräfte (ca. 76.000 Mann) positionierten sich in einer durch 460 Geschütze gesicherten Aufstellung auf den gefrorenen Höhenrücken östlich der Stadt. Napoleon verfügte zunächst über etwa 45.000 Mann und beabsichtigte, die russischen Linien durch die im Anmarsch befindlichen starken Korps Davout (von Süden) und Ney (von Norden) zu umfassen.

Das VII. Korps unter Pierre Augereau (9.000 Mann) begann im Zentrum mit dem französischen Angriff: Ein heftiger Schneesturm beeinträchtigte jedoch die Sichtverhältnisse außerordentlich, was nichts an Napoleons Angriffsbefehl änderte. Die Verbände verloren beim Angriff schnell alle Orientierung und gerieten in das konzentrierte Feuer der russischen Artillerie. Die Franzosen erlitten binnen kürzester Zeit schwere Verluste und das Korps wurde nahezu vollständig aufgerieben.

Die Russen setzten nun ihrerseits in der Mitte zum Gegenangriff an. Um den drohenden Durchbruch russischer Infanterie zu verhindern, ordnete Napoleon eine der massivsten Kavallerieattacken der Kriegsgeschichte an. Rund 10.700 Reiter unter Murat durchstießen die russischen Angriffslinien und stabilisierten hierdurch das wankende französische Zentrum, während der herangekommene Davout gleichzeitig am rechten Flügel den Druck auf die russische Linke erhöhte.

Die Preußen greifen ein

Am Nachmittag drohte der linke russische Flügel unter dem Druck des Korps Davout bei Kutschitten zu kollabieren. In dieser kritischen Phase erreichte das preußische Korps L’Estocq gegen 13:00 Uhr Althof und formierte sich bis 14:00 Uhr bei Schloditten. Trotz der Erschöpfung durch den Gewaltmarsch bei furchtbaren Winterbedingungen, gingen die preußischen Verbände unmittelbar zum Gegenangriff über. Der Stoß in die Flanke Davouts warf die ebenfalls physisch erschöpften französischen Spitzen zurück und stellte die russische Front wieder her.

Das späte Erscheinen des Korps Ney auf französischer Seite führte zu keiner Veränderung der Lage mehr. Mit Einbruch der Dunkelheit erstarrten die Fronten. Trotz des Unentschiedens entschied sich Bennigsen in der Nacht zum 9. Februar aufgrund der prekären Versorgungslage zum Rückzug auf Königsberg.

Eylau verdeutlichte die Grenzen der napoleonischen Strategie unter extremen klimatischen Bedingungen. Seine maßgeblichen Erfolge waren auch auf die hohe Mobilität seiner Streitkräfte zurückzuführen. Dieser Vorteil kam unter den harschen Bedingungen, die der ostpreußische Winter mit sich brachte, nicht zum Tragen.

Mit insgesamt etwa 50.000 bis 55.000 Toten und Verwundeten gilt die Schlacht als eine der verlustreichsten Begegnungen der Napoleonischen Kriege.
Das Ergebnis war ein strategisches Patt. Für Preußen bedeutete die Leistung des Korps L’Estocq eine gewisse militärische Rehabilitation, nach all den deutlichen Niederlagen seit Oktober des Vorjahres. Das entschlossene Eingreifen verhinderte den Zusammenbruch des russischen linken Flügels und half den militärischen Fortbestand der Verbündeten vorerst zu bewahren.«
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Re: Der Zusammenbruch Preußens

Verfasst: 07.07.2026, 13:25
von Barbarossa
Ein wirklich interessanter Artikel.
Ich muss zugeben, dass ich von dieser Seite selbst noch einiges lernen kann.
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Textzitat in voller Länge:
»Zar Alexander I., Retter Preußens oder Verräter: Der Friede von Tilsit 1807

Der Friede von Tilsit war schon zahlreich Gegenstand dieser Seite. Der preußisch Teil des Friedens, dessen Jahrestag übermorgen ist, war ein Desaster, eine Demütigung und eine kaum zu tragende Hypothek für ein Königreich, dass aus dem Olymp in die tiefsten Tiefen geworfen wurde. Unter dem Nachfolger Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm II., dem das Volk spöttisch den Beinamen Lüderjan gab, erreichte Preußen im Rahmen der polnischen Teilungen zwar seine bislang mit weitem Abstand größte territoriale Ausdehnung, doch die Armee war auf einem niedrigen Ausbildungsstand, seine Offiziere überaltert und mehr standesbewusst als leistungsbezogen und auch die Verwaltung hatte nicht mehr jene straffe und weitestgehend korruptionsfreie Haltung früher Tage. Das Königreich glich einer innen morsch werdenden, scheinbar noch stolzen Eiche.

Mit Friedrich Wilhelm III. hörte am Hof zwar augenblicklich der sittenlose Schlendrian auf, doch war dieser König wortkarg, unnahbar, geradlinig und voller Ideale aber ohne Esprit und Visionen.

In Frankreich hat die Revolution zwischenzeitlich die Welt des Ancient Regimes buchstäblich einen Kopf kürzer gemacht. um schließlich selbst einem korsischen Emporkömmling und charismatischen Militärgenie zum Opfer zu fallen. Napoleon Bonaparte war wie ein Naturereignis über die verfeindeten Nachbarn hergefallen und triumphierte mit seinem Volksheer auf dem Kontinent.

Lange zögernd und zaudernd, hielt Friedrich Wilhelm II. in Berlin eine Mittelstellung und trügerische Neutralität, glaubte sogar daraus Kapital schlagen zu können, indem er Napoleon auf den Leim ging, Hannover annektierte, hierdurch den Zorn Großbritanniens auf sich zog und schließlich außenpolitisch großteils isoliert und in völliger Verkennung der Lage im Herbst 1806 gegen Napoleon ins Feld zog.

Das Drama nahm mit dem Tod des Prinzen Louis Ferdinand seinen Anfang. In Jena und Auerstedt wurde im Oktober an nur einem Tag die preußische Armee faktisch vernichtet. Was folgte, war der Zusammenbruch des ausgehöhlten Staates und die Flucht der königlichen Familie nach Ostpreußen.

Im Sommer 1807 war es dann endgültig vorbei, im Frieden von Tilsit verlor Preußen alle seine Provinzen links der Elbe sowie den größten Teil seiner polnischen Provinzen. Die Bevölkerung halbierte sich. Hinzukamen Kriegskontributionen in astronomischer Höhe.
Hier sind wir nun an jenem Punkt, wo die Frage nach der Existenz Preußens in Gänze gestellt wird und wo der anhaltende Mythos den Zaren Alexander als den Retter Preußens sieht. Russland hatte 1813 und 1814 ohne jeden Zweifel den bedeutendsten Anteil bei der Befreiung Preußens und Deutschlands von Napoleon, doch wir wollen uns heute die Rolle des russischen Zaren im Jahr 1807 ansehen.

Zar Alexander I. von Russland

In der Geschichtsschreibung und der Erinnerungskultur des 19. Jahrhunderts hält sich hartnäckig die Darstellung, Zar Alexander I. sei im Sommer 1807 durch seine persönliche Intervention bei Napoleon Bonaparte der Retter Preußens gewesen, der die Auflösung des Königreichs heroisch verhindert habe. Eine Überprüfung der diplomatischen Dokumente und Verträge von Tilsit (7./9. Juli 1807) bestätigt diese Lesart jedoch nicht. Die Quellen weisen die Bedingungen der Erhaltung Preußens als ein von Frankreich diktiertes Konstrukt aus, das den Interessen der beiden Großmächte gleichermaßen entsprach und auf einem Bruch bestehender Verträge beruhte.

Die Quelle der Darstellung: Artikel 4 des Tilsiter Friedens

Die Annahme, Preußen existiere durch die Fürsprache des Zaren, geht auf den Text des franko-preußischen Friedensvertrages vom 9. Juli 1807 zurück. In Artikel 4 wurde auf Betreiben Napoleons festgelegt, dass der französische Kaiser die verbliebenen Provinzen und den Thron Friedrich Wilhelms III. restituiere:

„[...] aus Achtung für Seine Majestät den Kaiser aller Reußen (Russen).“

Die Passage entsprach der Absicht Napoleons, dem preußischen Staat das Recht auf eine eigenständige Existenz abzusprechen und den preußischen König in eine Position der Abhängigkeit zu bringen. Gleichzeitig bot sie der russischen Diplomatie die Möglichkeit, das Vorgehen des Zaren gegenüber den europäischen Höfen politisch zu rechtfertigen.

Die Konvention von Bartenstein

Gegen das Bild des uneigennützigen Schützers in Persona des Zaren spricht die Konvention von Bartenstein vom 26. April 1807. In diesem Defensivbündnis hatten sich Russland und Preußen verpflichtet, keinen Separatfrieden oder Waffenstillstand mit Frankreich einzugehen. Artikel 6 untersagte Verhandlungen ohne Einbindung des Partners.
Mit dem Einleiten von Waffenstillstandsgesprächen nach der Niederlage bei Friedland (14. Juni 1807) brach die russische Führung diesen Vertrag in vollem Bewusstsein. Die Korrespondenz des preußischen Hofes im ostpreußischen Memel dokumentiert die Erschütterung über die Isolierung Preußens durch den Alliierten.

Das Königspaar in Tilsit

Wenden wir nun den Blick auf den König und seine Gemahlin. Hatten beide überhaupt irgendeine Aussicht in den Verhandlungen etwas am Schicksal Preußens zu beeinflussen? Gerade der Mission der Königin wird dahingehend bis heute hohe Aufmerksamkeit geschenkt. Was ist Mythos, was Realität?

Das Handeln Friedrich Wilhelms III. und Königin Luises im Juli 1807 stellt sich in den Quellen wie folgt dar:

1. Die Verhandlungsprotokolle und die preußischen Gesandtenberichte belegen, dass die persönliche Intervention Königin Luises bei Napoleon am 6. Juli 1807 – das Ersuchen um den Verbleib Magdeburgs bei Preußen – ohne Einfluss auf die Ergebnisse blieb. Napoleon hielt an seinen Plänen fest. Friedrich Wilhelm III. besaß in den Verhandlungen überhaupt keine ausreichende Machtbasis, um als gleichwertiger Partner irgendwie agieren zu können. Zu seiner realen Machtlosigkeit kam sein wenig einnehmender Charakter und Auftreten.

2. Die Entstehung des Luise-Narrativs: Das Treffen in Tilsit wurde in der späteren Darstellung überhöht. Luises Briefe an ihren Vater, den Herzog von Mecklenburg-Strelitz, zeigen ihre guten Absichten, vor allem ein ausgeprägtes Pflichtgefühl das Schicksal des Landes zu bessern, es zeigt jedoch keine versierte politische Akteurin, mit klarem Blick und einer festen Strategie. Die spätere preußische Geschichtsschreibung formte aus ihrer Initiative ein Bild, das ab 1813 zur moralischen Mobilisierung genutzt wurde und das Versagen des Staates 1806 und des Königshauses 1807 ausgleichen sollte.

Die geheimen Zusatzabkommen: Territoriale Veränderungen und Bündniswechsel

Dass die russische Führung in Tilsit eigenen strategischen Zielen folgte, wird durch die geheimen franko-russischen Zusatzartikel vom 7. Juli 1807 belegt. Die Verträge zeigen, dass Russland die ganze Situation zur eigenen territorialen Verbesserung zulasten seiner bisherigen Verbündeten nutzte:
1. Die Abtretung von Bialystok: Während Preußen im öffentlichen Vertrag mehr als die Hälfte seines Staatsgebietes verlor und durch Kontributionen über alle Maßen belastet wurde, musste Russland selbst keine Territorien abtreten, auch nicht in Polen. Im Geheimvertrag wurde stattdessen sogar der vormalige preußische Regierungsbezirk Neuostpreußen aufgeteilt, wobei der Bezirk Bialystok an das russische Kaiserreich fiel.

2. Die veränderte Position gegenüber Schweden: König Gustav IV. Adolf von Schweden hatte im Vertrauen auf die Allianz mit Russland Truppen an der pommerschen Ostseeküste operieren lassen. Im Tilsiter Geheimvertrag verpflichtete sich Alexander I., Schweden zum Frieden mit Frankreich und zum Beitritt zur Kontinentalsperre gegen Großbritannien zu zwingen.

Dem folgte schließlich der russische Angriff auf Schweden im Februar 1808 und die spätere Annexion Finnlands.

Wieso steht das Bild des Zaren dennoch so positiv da?

Dass das Bild des Zaren als Retter Preußens in der Geschichtsschreibung fortbestand, war der preußischen Außenpolitik nach 1812 geschuldet. Ab dem Vertrag von Kalisch (1813) und der Begründung der Heiligen Allianz (1815) bildete das Einvernehmen zwischen Berlin und St. Petersburg eine Grundlage der europäischen Neuordnung. In einer Epoche, in der die dynastische Verbundenheit zwischen Hohenzollern und Romanows gewahrt werden musste, unterblieb eine offizielle Kritik am russischen Vorgehen des Jahres 1807.

Die oben zitierte Formulierung des Artikels 4 wurde stattdessen als gegeben übernommen.

Die Quellen des Jahres 1807 bestätigen jedoch die Darstellung des Zaren als Retter Preußens nicht. Der Erhalt des preußischen Staates war darüber hinaus das Resultat russischer Staatsraison: Ein preußisches Territorium zwischen der eigenen Grenze und dem französischen Machtbereich war für die Sicherheit des Russischen Reiches zweckmäßig. Russland beendete das erst seit April 1812 bestehende Bündnis einseitig, erwarb sogar Anteile des preußischen Territoriums und nutzte die verbliebene Substanz des Nachbarstaates als Sicherheitszone im vorläufigen Einvernehmen mit Frankreich.

Die Lage einer geschlagenen und hilflosen Nation ist immer beklagenswert. Richtig bedrückend wird es, wenn selbst nach einer nachhaltigen Veränderung der Situation falsche Narrative von vermeintlicher Freundschaft, Befreiung und selbstloser Hilfe fortbestehen. Möglicherweise gab es in der Geschichte Beispiele selbstlosen Beistands, uns fällt auf die Schnelle keines ein.
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Re: Der Zusammenbruch Preußens 1806/07

Verfasst: 09.07.2026, 15:57
von repo
Ich hoffe der Hinweis ist erlaubt, dass der 1. Pariser Friede 1814 auf Verlangen Alexanders sehr Milde für Frankreich war, insbesondere für Staaten keinerlei Kriegsentschädigung aufwies.
Erst der 2. Pariser Friede 1815 legte Frankreich erhebliche Kriegsentschädigungen auf, die insbesondere Preußen vor dem Staatsbankrott bewahrten.

Re: Der Zusammenbruch Preußens

Verfasst: 10.07.2026, 11:10
von repo
Barbarossa hat geschrieben: 07.07.2026, 13:25 Ein wirklich interessanter Artikel.
Ich muss zugeben, dass ich von dieser Seite selbst noch einiges lernen kann.
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Textzitat in voller Länge:
»Zar Alexander I., Retter Preußens oder Verräter: Der Friede von Tilsit 1807
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Die geheimen Zusatzabkommen: Territoriale Veränderungen und Bündniswechsel

Dass die russische Führung in Tilsit eigenen strategischen Zielen folgte, wird durch die geheimen franko-russischen Zusatzartikel vom 7. Juli 1807 belegt. Die Verträge zeigen, dass Russland die ganze Situation zur eigenen territorialen Verbesserung zulasten seiner bisherigen Verbündeten nutzte:
1. Die Abtretung von Bialystok: Während Preußen im öffentlichen Vertrag mehr als die Hälfte seines Staatsgebietes verlor und durch Kontributionen über alle Maßen belastet wurde, musste Russland selbst keine Territorien abtreten, auch nicht in Polen. Im Geheimvertrag wurde stattdessen sogar der vormalige preußische Regierungsbezirk Neuostpreußen aufgeteilt, wobei der Bezirk Bialystok an das russische Kaiserreich fiel.

2. Die veränderte Position gegenüber Schweden: König Gustav IV. Adolf von Schweden hatte im Vertrauen auf die Allianz mit Russland Truppen an der pommerschen Ostseeküste operieren lassen. Im Tilsiter Geheimvertrag verpflichtete sich Alexander I., Schweden zum Frieden mit Frankreich und zum Beitritt zur Kontinentalsperre gegen Großbritannien zu zwingen.

Dem folgte schließlich der russische Angriff auf Schweden im Februar 1808 und die spätere Annexion Finnlands.

Wieso steht das Bild des Zaren dennoch so positiv da?

Dass das Bild des Zaren als Retter Preußens in der Geschichtsschreibung fortbestand, war der preußischen Außenpolitik nach 1812 geschuldet. Ab dem Vertrag von Kalisch (1813) und der Begründung der Heiligen Allianz (1815) bildete das Einvernehmen zwischen Berlin und St. Petersburg eine Grundlage der europäischen Neuordnung. In einer Epoche, in der die dynastische Verbundenheit zwischen Hohenzollern und Romanows gewahrt werden musste, unterblieb eine offizielle Kritik am russischen Vorgehen des Jahres 1807.

Die oben zitierte Formulierung des Artikels 4 wurde stattdessen als gegeben übernommen.

Die Quellen des Jahres 1807 bestätigen jedoch die Darstellung des Zaren als Retter Preußens nicht. Der Erhalt des preußischen Staates war darüber hinaus das Resultat russischer Staatsraison: Ein preußisches Territorium zwischen der eigenen Grenze und dem französischen Machtbereich war für die Sicherheit des Russischen Reiches zweckmäßig. Russland beendete das erst seit April 1812 bestehende Bündnis einseitig, erwarb sogar Anteile des preußischen Territoriums und nutzte die verbliebene Substanz des Nachbarstaates als Sicherheitszone im vorläufigen Einvernehmen mit Frankreich.

Die Lage einer geschlagenen und hilflosen Nation ist immer beklagenswert. Richtig bedrückend wird es, wenn selbst nach einer nachhaltigen Veränderung der Situation falsche Narrative von vermeintlicher Freundschaft, Befreiung und selbstloser Hilfe fortbestehen. Möglicherweise gab es in der Geschichte Beispiele selbstlosen Beistands, uns fällt auf die Schnelle keines ein.
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Man muss hier vielleicht auch einfügen,
dass die preußische Erfahrung mit den beiden Bündnispartnern Zarenreich und Großbritannien für die letztendlich verhängnisvolle Entwicklung zwischen 1890 und
1910 verantwortlich war, dass das Deutsche Reich letztlich ohne Bündnispartner dastand.
Die Erfahrung mit Großbritannien "Siebenjähriger Krieg" usw. Preußen hatte fürchterliche Verluste zu tragen, und die Briten machten gewaltige Gewinne.
Die Erfahrungen mit dem Zarenreich 1807 (siehe oben) und 1814 als der Zar Frankreich praktisch völlig ungeschoren lassen wollte.
Letztlich hat Napoleon mit seinen "100 Tagen" Preußen gerettet.