Hier ein weiterer interessanter Artikel zu den maritimen Ambitionen des „Großen Kurfürsten", der auch noch in andere, schon gepostete Artikel eingreift.
So steht er auch direkt im Zusammenhang mit dem Holländischen Krieg von 1672–1679:
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Textzitat in voller Länge:
»Der Kaperkrieg des Großen Kurfürsten gegen Spanien
Bevor wir auf Brandenburgs maritimen Ambitionen eingehen, müssen wir den Kontext erörtern. Heute fällt der Artikel dementsprechend lange aus. Wir hoffen ihn dennoch ausreichend interessant gestaltet zu haben.
- Der Holländische Krieg und Brandenburgs Kampf gegen Schweden
Der Kaperkrieg des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm gehört zu den weniger bekannten Episoden der brandenburgischen Politik des späten 17. Jahrhunderts. Er entstand nicht aus einem eigenständigen Konflikt Brandenburgs mit Spanien, sondern aus den politischen Folgen des Holländischen Krieges von 1672 bis 1679 und den Bemühungen des Kurfürsten, seine Stellung innerhalb der europäischen Mächteordnung zu behaupten.
Ludwig XIV. von Frankreich hatte 1672 den Krieg gegen die Vereinigten Niederlande begonnen, um die französische Vormachtstellung in Europa weiter auszubauen. Die niederländische Republik konnte sich jedoch behaupten und bildete gemeinsam mit Kaiser Leopold I., Spanien und weiteren Gegnern Frankreichs eine breite Koalition. Auch Brandenburg trat auf niederländisch-kaiserlicher Seite in den Krieg ein. Für Friedrich Wilhelm war der Kampf gegen Frankreich nicht nur eine Frage europäischer Machtpolitik, sondern auch eine Möglichkeit, Brandenburg als eigenständigen Faktor innerhalb des Reiches und darüber hinaus zu stärken.
Die brandenburgische Armee war deshalb seit 1674 gemeinsam mit kaiserlichen Truppen am Oberrhein gegen Frankreich eingesetzt. Ende Dezember 1674 erlitt die brandenburgisch-kaiserliche Armee bei Türkheim im Elsass eine Niederlage gegen die französischen Truppen unter Marschall Henri de La Tour d’Auvergne, Vicomte de Turenne, der einen außerordentlich geschickten Bewegungskrieg gestartet hatte. Die brandenburgischen Verbände zogen sich mit den Kaiserlichen ostwärts über den Rhein zurück und marschierten anschließend in die Winterquartiere nach Franken ab.
Diese Abwesenheit des brandenburgischen Hauptheers nutzte Schweden aus. Schweden stand zu diesem Zeitpunkt auf französischer Seite und sollte durch ein Vorgehen gegen Brandenburg die Kräfte der antifranzösischen Koalition schwächen. Bereits am 25. Dezember 1674 – noch vor der Niederlage von Türkheim – überschritten schwedische Truppen die brandenburgische Grenze und drangen in die Uckermark ein. In den folgenden Monaten besetzten sie große Teile der nördlichen Kurmark. Wieder stand der Schwede also in der Mark! Die Bevölkerung musste in dieser Zeit erhebliche Kontributionen für die Versorgung der Besatzungstruppen leisten und abermals große Not.
Friedrich Wilhelm musste seine Politik neu ausrichten und seine gegen Frankreich eingesetzten Truppen zurückführen. Die Niederlande und Spanien unterstützten den Kurfürsten schließlich auch diplomatisch und erklärten Schweden im Juni 1675 den Krieg.
Friedrich Wilhelm führte sein durch Krankheiten dezimiertes Heer in einem spektakulären Marsch aus Franken über Thüringen und Sachsen nach Brandenburg zurück. Am 28. Juni 1675 gelang der legendäre Sieg über die schwedische Armee bei Fehrbellin. Die Schlacht hatte zwar keine Bedeutung für den gesamteuropäischen Krieg, wurde jedoch zu einem wichtigen politischen Ereignis mit großer Signalwirkung: Erstmals hatte Brandenburg ohne Unterstützung die Armee einer europäischen Großmacht besiegt.
- Spanische Subsidien und die Grenzen der Bündnispolitik
Die Kriegführung gegen Schweden stellte Brandenburg vor erhebliche finanzielle Belastungen. Wie viele Mittelstaaten des 17. Jahrhunderts war auch Brandenburg auf ausländische Subsidien angewiesen. Bündnispartner unterstützten ihre Verbündeten durch Geldzahlungen, mit denen Soldaten angeworben, ausgerüstet und versorgt werden konnten.
Spanien, das gemeinsam mit Brandenburg gegen Frankreich und Schweden kämpfte, hatte Friedrich Wilhelm deshalb finanzielle Unterstützung zugesagt. Die Summe belief sich nach den zeitgenössischen Angaben auf rund 1,8 Millionen Taler. Für Brandenburg wäre diese Zahlung eine wichtige Entlastung gewesen, da die langen Feldzüge die Finanzen stark beanspruchten.
Die zugesagten Gelder blieben jedoch aus. Der Grund hierfür lag in der schwierigen Lage der spanischen Krone. Spanien war im 17. Jahrhundert zwar weiterhin eine Großmacht, verfügte aber nicht mehr über die finanzielle Stärke des 16. Jahrhunderts. Mehrere Staatsbankrotte, hohe Kriegskosten und die Belastungen durch die europäischen Konflikte hatten die Handlungsfähigkeit der Krone dramatisch eingeschränkt.
Unter Karl II., der 1665 als Kind den spanischen Thron bestiegen hatte, verschlechterte sich die Situation weiter. Die Einkünfte aus den amerikanischen Besitzungen waren zu großen Teilen auf Jahre hinaus verpfändet, und die spanische Regierung musste ihre begrenzten Mittel auf Unzählige verteilen. Zahlreiche Verbündete Spaniens machten deshalb ähnliche Erfahrungen.
Brandenburg erhielt trotz wiederholter Bemühungen keine ausreichenden Zahlungen. Friedrich Wilhelm musste daher nach anderen Möglichkeiten suchen, seine finanziellen Ansprüche durchzusetzen.
- Benjamin Raule und der Aufbau der kurbrandenburgischen Flotte
In dieser Situation gewann Benjamin Raule für die brandenburgische Politik eine besondere Bedeutung. Der aus Zeeland stammende Kaufmann und Reeder hatte umfassende Erfahrungen im niederländischen Seehandel gesammelt und war mit den Möglichkeiten und Risiken der Seefahrt vertraut. Seit 1675 stand er im Dienst Friedrich Wilhelms und erhielt den Auftrag, eine eigene brandenburgische Seestreitmacht aufzubauen.
Für Brandenburg war dies ein fast neues Feld. Der Kurstaat war traditionell ein Binnenstaat, der erst mit dem Herzogtum Preußen Anfang des 17. Jahrhunderts einen Seezugang erhielt. Der Ausbau einer Flotte entsprach den weiterreichenden Vorstellungen Friedrich Wilhelms, der Brandenburg nicht nur als Binnenmacht. sondern als selbstständig handelnde europäische Großmacht etablieren wollte.
Raule verband dabei kaufmännische Interessen mit militärischen Zielen. Nach niederländischem Vorbild sollte die brandenburgische Flotte nicht allein für den Schutz des Handels dienen, sondern durch Kaperfahrten auch Einnahmen erzielen. Im 17. Jahrhundert war die Grenze zwischen staatlicher Seekriegsführung und privatem Gewinnstreben fließend. Staaten stellten sogenannte Kaperbriefe aus, die es Schiffseignern erlaubten, feindliche Schiffe aufzubringen und deren Ladung als rechtmäßige Beute einzuziehen.
Der Vorschlag, die ausstehenden spanischen Subsidien auf diesem Weg einzutreiben, war deshalb ein Instrument der damaligen Zeit.
Im Jahr 1680 lief schließlich ein brandenburgischer Verband unter dem Kommando von Claus von Bevern aus dem Hafen Pillau aus. Der Hafen an der ostpreußischen Küste war zu dieser Zeit der wichtigste Stützpunkte der jungen kurbrandenburgischen Marine. Die Schiffe operierten im Auftrag des Kurfürsten und führten entsprechende Vollmachten für die Kaperfahrt.
Das Ziel war der spanische Seehandel. Obwohl zwischen Brandenburg und Spanien kein förmlicher Kriegszustand bestand, betrachtete Friedrich Wilhelm die ausstehenden Zahlungsverpflichtungen als Grundlage für sein Vorgehen. Die Unternehmung war politisch dennoch heikel, da Spanien weiterhin ein möglicher Partner gegen Frankreich blieb und ein offener Konflikt mit Madrid und dem verwandten Hof in Wien vermieden werden sollte.
- Die Kaperung der „Carolus Secundus“
Der erste größere Erfolg der brandenburgischen Kaperunternehmung gelang 1680 vor der belgischen Küste bei Ostende. Dort brachte der Verband das spanische Schiff Carolus Secundus auf. Das Schiff war schwer bewaffnet und führte nach den überlieferten Angaben 52 Kanonen sowie eine wertvolle Ladung.
Die Einnahme eines so bedeutenden spanischen Schiffes war für die junge brandenburgische Marine ein großer Erfolg. Die Prise wurde nach Pillau gebracht, wo die Ladung verkauft wurde. Der Erlös soll sich auf etwa 100.000 Taler belaufen haben – eine beträchtliche Summe für die brandenburgischen Finanzen.
Natürlich wurde das wertvolle Schiff selbst weiter genutzt. Nach seiner Übernahme erhielt es den Namen Markgraf von Brandenburg und wurde zum Flaggschiff der kurfürstlichen Flotte. Damit verfügte Brandenburg erstmals über ein größeres Kriegsschiff, das nicht nur symbolische Bedeutung hatte, sondern die wachsenden maritimen Ambitionen des Kurfürsten sichtbar machte.
Der Gesamterfolg blieb jedoch begrenzt. Die Einnahmen konnten die ausgebliebenen spanischen Subsidien bei weitem nicht ersetzen. Zudem verschärfte die Kaperfahrt die diplomatischen Beziehungen zu Spanien und anderen europäischen Mächten. Brandenburg bewegte sich mit seiner Politik in einem schwierigen Spannungsfeld: Einerseits wollte Friedrich Wilhelm seine Ansprüche durchsetzen, andererseits durfte er die Möglichkeit künftiger Bündnisse nicht vollständig gefährden.
- Die zweite Expedition und das Gefecht vor Kap São Vicente
Parallel zur Unternehmung gegen spanische Schiffe im europäischen Seegebiet wurde auch im Atlantik operiert. Nach der älteren Überlieferung brachte ein weiterer brandenburgischer Verband vor der amerikanischen Küste zwei spanische Galeonen auf. Die Ladung wurde anschließend auf Jamaika verkauft.
Diese Fahrten zeigen, dass die brandenburgische Marine nicht nur als Küstenstreitkraft gedacht war. Friedrich Wilhelm und Raule verfolgten vielmehr ein weitergehendes Konzept: Brandenburg sollte am internationalen Seehandel teilnehmen und eigene Handels- und Kolonialinteressen entwickeln.
Im Sommer 1681 lief die Markgraf von Brandenburg abermals aus. Das Schiff stand nun unter dem Kommando von Thomas Alders und sollte die bisherigen Operationen gegen spanische Schiffe fortsetzen. Diesmal blieb der Erfolg jedoch aus.
Ende September 1681 traf der brandenburgische Verband vor dem Kap São Vicente an der portugiesischen Küste auf mehrere spanische Kriegsschiffe. Es kam zu einem Gefecht, das etwa zwei Stunden dauerte. Die brandenburgischen Schiffe erlitten empfindliche Treffer und Verluste bei der Besatzung. Die Flottille mussten sich schließlich zurückziehen und Schutz im portugiesischen Hafen Lagos suchen.
Die Niederlage machte deutlich, dass Brandenburg trotz seiner neuen Flotte noch weit davon entfernt war, mit den etablierten Seemächten Europas gleichzuziehen. Spanien, England, Frankreich, Schweden und die Niederlande verfügten über jahrzehntelange Erfahrungen im Seekrieg, während Brandenburg erst am Beginn seiner maritimen Entwicklung stand.
- Das Ende des Kaperkrieges und Brandenburgs kurze Zeit als Seemacht
Nach den begrenzten wirtschaftlichen Erfolgen und den zunehmenden diplomatischen Schwierigkeiten beendete Friedrich Wilhelm die Kaperunternehmungen noch 1681. Die erhoffte Kompensation der ausstehenden spanischen Subsidien blieb weitgehend aus. Der Kaperkrieg hatte sein unmittelbares Ziel verfehlt. Trotzdem war die Unternehmung von größerer Bedeutung für die Entwicklung Brandenburg-Preußens. Sie fiel in eine Phase, in der Friedrich Wilhelm seine Herrschaft zunehmend über die Grenzen des traditionellen brandenburgischen Territorialstaates hinaus ausrichtete und europäische Züge annahm, denn bereits seit den 1670er Jahren hatte Benjamin Raule am Aufbau einer kurbrandenburgischen Marine gearbeitet. Die Kaperfahrten waren dabei nur ein Teil eines größeren Programms. Hinzu kamen Handels- und Kolonialpläne, die schließlich zur Gründung der Brandenburgisch-Afrikanischen Compagnie im Jahr 1683 führten.
An der westafrikanischen Goldküste errichtete Brandenburg mit dem Fort Groß Friedrichsburg einen eigenen Stützpunkt, der bis 1721 unter brandenburgisch-preußischer Herrschaft blieb. Gemeinsam mit den Flottenprojekten und den Überseeexpeditionen zeigt diese Entwicklung, dass Brandenburg-Preußen unter dem Großen Kurfürsten für einige Jahrzehnte bedeutende maritime und koloniale Ambitionen verfolgte.
Der Kaperkrieg selbst war kein großer Erfolg, weder militärisch, noch ökonomisch. Seine Bedeutung liegt darin, dass er ein ungewöhnliches Kapitel der brandenburgischen Geschichte sichtbar macht: Der Staat, der später vor allem durch seine Landmacht bekannt wurde, versuchte unter Friedrich Wilhelm zeitweise auch den Weg einer See- und Handelsmacht einzuschlagen.«
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