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»Die Schlacht bei Fehrbellin - Wendepunkt der märkischen Geschichte
Am 28. Juni 1675 kam es im Zuge des Schwedisch-Brandenburgischen Krieges bei der märkischen Stadt Fehrbellin zum Aufeinandertreffen der Truppen des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg und dem Heer Schwedens. Das Ereignis sollte sich als ein Meilenstein erweisen, der das Machtgefüge in Nordeuropa nachhaltig erschütterte und den Aufstieg Brandenburg-Preußens einleitete.
I. Der Gesamtkontext: Brandenburg im europäischen Mächtesystem
Um die Ereignisse des Jahres 1675 zu verstehen, darf das Geschehen nicht als isolierter regionaler Konflikt betrachtet werden; es war vielmehr integraler Bestandteil des Holländischen Krieges (1672–1679). In diesem gesamteuropäischen Ringen stand die Habsburgermonarchie gemeinsam mit den Niederlanden und Spanien in einem Koalitionskrieg gegen das expansive Frankreich Ludwigs XIV.
Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte sich der kaiserlichen Allianz angeschlossen. Im Jahr 1674 stand das brandenburgische Hauptheer mit ca. 20.000 Mann unter dem persönlichen Kommando des Kurfürsten im Elsaß, um am Oberrhein gegen die Franzosen zu operieren. Die Kernlande der Mark Brandenburg blieben dadurch militärisch nahezu ungeschützt.
Frankreich, im Westen unter Druck, griff auf sein seit dem Dreißigjährigen Krieg bewährtes Bündnissystem im Osten zurück: Durch erhebliche Hilfsgelder motiviert, erklärte sich das finanziell notorisch angeschlagene Königreich Schweden bereit, als französischer Bundesgenosse zu agieren. Schweden, das seit dem Westfälischen Frieden von 1648 über ausgedehnte Territorien in Norddeutschland verfügte (Vorpommern mit Stettin, Bremen-Verden), besaß eine ideale Ausgangsbasis mitten im Reich. Der schwedische Auftrag war durch einen Einfall in die ungeschützte Mark Brandenburg den Kurfürsten zu zwingen, seine Truppen von der rheinischen Front abzuziehen und somit den Druck auf Frankreich, das an mehreren Fronten kämpfen musste, zu entlasten.
II. Der Zusammenbruch des Rheinfeldzugs und die Tragödie von Straßburg (Spätherbst 1674)
Gegen Ende des Jahres 1674 zeichnete sich ab, dass der Feldzug am Oberrhein für die kaiserliche Allianz ohne den erhofften Erfolg verlaufen würde. Die Franzosen operierten äußerst geschickt. Als sich das Wetter saisonal bedingt im Spätherbst verschlechterte, das Gelände ungangbar wurde und Erschöpfung sowie Erkrankungen und Desertionen unter den Soldaten zunahm, sahen sich die die kaiserlichen Truppen und mit ihnen die Brandenburger gezwungen, den allgemeinen Rückzug aus dem Elsaß einzuleiten und in die Winterquartiere zu gehen.
Mitten in dieser militärisch frustrierenden Phase traf den Kurfürsten ein verheerender privater Schicksalsschlag, der das Herrscherhaus in eine tiefe Krise stürzte. Im Dezember 1674 erkrankte sein erst 26-jähriger Sohn, Kurprinz Karl Emil von Brandenburg, im Feldlager vor den Toren von Straßburg an der Ruhr und verstarb innerhalb nur weniger Tage. Karl Emil, der als militärisch hochbegabt galt und von der Truppe und seinem Vater sehr geschätzt wurde, war der Hoffnungsträger der Dynastie gewesen. Der Kurfürst war vom plötzlichen Tod seines Erstgeborenen tief erschüttert; die Trauer überschattete die gesamte Führung und stellte die Willenskraft Friedrich Wilhelms auf eine harte Bewährungsprobe.
III. Das fränkische Winterquartier und der schwedische Einfall (Winter 1674/75)
Der Verlust des Thronfolgers fiel zeitlich mit dem Abmarsch vom Oberrhein zusammen. Das erschöpfte brandenburgische Heer ging in die Winterquartiere. Als Zuweisungsraum diente Franken, wobei sich das Hauptquartier in Schweinfurt befand. Die Versorgung der Truppen erwies sich als logistisches und politisches Sumpfgebiet, wenn Sie uns den Ausdruck erlauben. Es kam zu erbitterten, anhaltenden Streitigkeiten mit den kaiserlichen Alliierten. Die kaiserliche Verwaltung und die lokalen Reichsstände verweigerten den brandenburgischen Regimentern vielfach die vertraglich zugesicherten Verpflegungsrationen und Unterkünfte, um die eigenen Lasten zu minimieren. Das Durchhalten des brandenburgischen Heeres in Franken war ein Kraftakt: Hunger, mangelhafte Ausrüstung und grassierende Krankheiten dezimierten die Truppen in den Unterkünften spürbar. Friedrich Wilhelm musste immense finanzielle Mittel aufbringen und diplomatischen Druck ausüben, um seine Armee unter diesen widrigen Umständen überhaupt intakt und einsatzbereit über den Winter zu bringen.
Parallel zu dieser Versorgungskrise in Franken stießen im Dezember 1674 die schwedischen Truppen von Pommern aus ohne Kriegserklärung in die weitgehend unverteidigte Mark vor. Die Hiobsbotschaften wollten für Kurfürsten nicht abreißen. Die schwedischen Verbände besetzten schrittweise die Mittelmark und bezogen dort ausgedehnte Winterquartiere. Für die märkische Bevölkerung bedeutete die Anwesenheit der Besatzer eine gewaltige Last: Durch das rücksichtslose Eintreiben extrem hoher Zwangsabgaben, die erzwungene Verpflegung der Truppen sowie fortlaufende Plünderungen wurden ganze Landstriche wirtschaftlich erschöpft und ausgesogen.
Die schwedische Armeeführung agierte während dieser Monate auffallend passiv, ein Vorstoß Richtung Berlin unterblieb. Dies lag maßgeblich an der Person des schwedischen Feldherrn Carl Gustav Wrangel: Der bereits gealterte Feldmarschall litt an schwerer Gicht, die ihn zeitweise völlig bettlägerig machte und seine Fähigkeit zur entschlossenen Truppenführung massiv einschränkte.
IV. Der Eilmarsch an die Elbe und der Vorstoß an die Havel (Mai–Juni 1675)
Als die Nachricht vom schwedischen Einfall den Kurfürsten im Winterquartier in Franken erreichte, entschloss er sich zu einem folgenschweren Schritt, er blieb in Franken, statt den völligen Zusammenbruch der brandenburgischen Truppen auf einem Wintermarsch zu riskieren. Erst Ende Mai 1675 wurde ein Eilmarsch an die Elbe eingeleitet, der in jener Epoche als logistische Meisterleistung gilt. Innerhalb von nur zwei Wochen legten die brandenburgischen Verbände die rund 250 Kilometer weite Hauptstrecke von Schweinfurt bis nach Magdeburg zurück. Um die Infanterie zu schonen und das Tempo maximal hochzuhalten, wurden Fußsoldaten teilweise auf Wagen transportiert oder blieben als Nachhut sogar weit zurück. Der Stoßkeil bestand im Wesentlichen aus ca. 5.600 Reitern und einigen mitgeführten leichten Geschützen.
Am 11. Juni erreichten die Brandenburger die Elbe bei Magdeburg und setzten über den Fluss. Von dort aus folgte der operativ entscheidende Vorstoß über die verbleibenden rund 70 Kilometer an die Havellinie. Die schwedische Führung, die die Brandenburger noch immer in Franken wähnte, wurde von der Geschwindigkeit der gesamten Operation vollkommen überrascht. Die schwedischen Truppen waren weit verstreut entlang der Havel zwischen Havelberg, Rathenow und Brandenburg an der Havel sowie östlich davon in Kremmen positioniert.
Der Kurfürst und sein erfahrener Feldmarschall Georg von Derfflinger nutzten das Überraschungsmoment nach dem Elbübergang konsequent aus. In einem nächtlichen Handstreich am 15. Juni gelang es brandenburgischen Truppen, die wichtige Havelbrücke bei Rathenow zu nehmen und die dortige schwedische Besatzung aufzureiben. Damit war die schwedische Armee an der Havellinie faktisch gespalten. Der schwedische Generalwachtmeister Wolmar Wrangel (der Stiefbruder des Feldmarschalls) sah sich gezwungen, den eiligen Rückzug nach Norden in Richtung der schwedisch-pommerschen Grenze anzutreten, um nicht abgeschnitten zu werden. Dieser Fluchtweg führte unweigerlich über den Engpass bei Fehrbellin.
V. Das Gefecht am Rhin
Am Morgen des 28. Juni 1675 trafen die brandenburgische Vorhut und die abziehenden Schweden bei Fehrbellin aufeinander. Das Gelände war von entscheidender Bedeutung: Der Fluss Rhin begrenzte das Areal, die Brücke über den Rhin bei Fehrbellin war von den Schweden im Zuge ihres Rückzugs teilweise zerstört worden, was zu einem Stau der schwedischen Kolonnen führte. Das umliegende Gelände war morastig und für rasche Truppenbewegungen ungeeignet.
Die schwedische Armee, bestehend aus etwa 7.000 Infanteristen und 4.000 Reitern mit 38 Geschützen, stellte sich in klassischer Schlachtordnung auf, um den Übergang zu sichern. Die Brandenburger verfügten vor Ort fast ausschließlich über Kavallerie – ca. 5.600 Reiter – sowie 13 leichte mitgeführte Geschütze. Die Fußtruppen des Kurfürsten waren zu diesem Zeitpunkt noch meilenweit zurück und hatten teilweise nicht einmal die Elbe erreicht. Ein großes Wagnis.
Derfflinger erkannte bei der Erkundung des Terrains eine entscheidende taktische Schwachstelle der schwedischen Aufstellung: Ein sanfter Höhenrücken, der sogenannte Hakelberg, beherrschte die rechte Flanke der Schweden, war von diesen jedoch unbesetzt gelassen worden.
1. Besetzung des Hakelbergs: Derfflinger ließ die brandenburgischen Geschütze im Schutz des Geländes auf den Hakelberg transportieren. Von dort oben eröffnete die brandenburgische Artillerie ein wirkungsvolles Flankenfeuer auf die schwedischen Linien.
2. Schwedischer Gegenangriff: Wolmar Wrangel erkannte den Fehler und befahl seiner Kavallerie sowie Teilen der Infanterie, den Hakelberg zu stürmen. Es folgten schwere, verlustreiche Begegnungsgefechte zwischen der schwedischen und der brandenburgischen Kavallerie auf den Hängen des Berges.
3. Kavallerie-Kämpfe im Zentrum: Unter der persönlichen Führung des Kurfürsten und des Prinzen von Homburg hielten die brandenburgischen Reiter den schwedischen Attacken stand. Die schwedische Kavallerie, durch das fortwährende Artilleriefeuer zermürbt, wich schließlich zurück und riss die eigene Infanterie im Zentrum teilweise mit.
4. Schwedischer Rückzug: Den Schweden gelang es unter Aufbietung ihrer verbliebenen disziplinierten Infanterieformationen, den Kern ihres Heeres über die notdürftig reparierte Rhinbrücke zurückzuziehen. Sie zündeten die Brücke hinter sich an, was eine unmittelbare brandenburgische Verfolgung unmöglich machte.
Die Verluste beliefen sich bei den Schweden inklusive der Folgetage auf rund 4.000 Mann, die Masse davon Gefangene und Desertierte, die Brandenburger beklagten etwa 500 Tote und Verwundete.
VI. Der psychologische und politische Wendepunkt
Die historische Bewertung der Schlacht bei Fehrbellin offenbart eine Tragweite, die weit über die reinen, vergleichsweise überschaubaren Verlustzahlen des Tages hinausreicht. Das Gefecht bildete in mehrfacher Hinsicht einen tiefen Einschnitt für die europäische Geschichte:
1. Der psychologische Epochenwechsel
Seit dem Eingreifen Gustav II. Adolfs in den Dreißigjährigen Krieg im Jahr 1630, lag über Nordeuropa der Schatten schwedischer Militärdominanz. Die schwedischen Truppen galten als unbezwingbare Veteranen. Dass das noch junge brandenburgische Heer diese europäische Großmacht im offenen Feld, unter numerischer Unterlegenheit der eigenen Infanterie, schlug und zum Rückzug zwang, war eine regelrechte Sensation. Es war das unmissverständliche Signal, dass eine neue Militärmacht die Bühne betreten hatte, und der Nimbus der schwedischen Unbesiegbarkeit war dauerhaft erschüttert.
2. Die Legitimation des „Miles perpetuus“
Der Sieg lieferte die endgültige historische Rechtfertigung für die Militärdoktrin des Kurfürsten. Friedrich Wilhelm hatte gegen den erbitterten Widerstand der märkischen Stände ein stehendes Heer (Miles perpetuus) und die dafür notwendigen Steuern durchgesetzt. Fehrbellin bewies den Landständen und der Bevölkerung im härtesten denkbaren Praxistest, dass diese Armee notwendig war, um die Heimat effektiv zu schützen. Ohne diesen Erfolg wäre die Festigung des brandenburgischen Militärstaates nach innen dauerhaft kaum haltbar gewesen.
3. Der bleibende außenpolitische Statusgewinn
Auch wenn unter französischem Druck im Frieden von Saint-Germain (1679) die Früchte der überragenden brandenburgischen Siege im Norden, die auf Fehrbellin folgten, verwehrt blieben und Brandenburg fast alle eroberten pommerschen Gebiete zurückgeben musste, war der langfristige Statusgewinn unumkehrbar. Brandenburg wurde fortan als eigenständiger Machtfaktor in Europa wahrgenommen. Der hier begründete militärische Ruhm und das gewachsene Selbstbewusstsein des Hauses Hohenzollern bildeten das unverzichtbare Fundament, auf dem Kurfürst Friedrich III. im Jahr 1701 in Königsberg die preußische Königskrone erlangen konnte.
Fehrbellin war der Hebel, der die Mark Brandenburg auf die europäische Bühne katapultierte und den Weg zur Großmachtstellung ebnete.
Der bleibende Beiname Friedrich Wilhelms – „Der Große Kurfürst“ – wurde an diesem Junitag geboren.«
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