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»Zar Peter III., Preußens Rettung, seine Absetzung und Ermordung
Am 17. Juli 1762 wurde der kurz zuvor entthronte russische Zar Peter III. auf dem Landgut Ropscha nahe Sankt Petersburg ermordet. Um den völlig unerwarteten Tod des abgesetzten Herrschers vor der europäischen Öffentlichkeit zu erklären, ließ seine Gattin und Nachfolgerin Katharina II. ein offizielles Manifest veröffentlichen. Darin wurde behauptet, der Zar sei an einer schweren, plötzlich aufgetretenen Unterleibserkrankung verstorben.
Die offizielle Erklärung war indes ein Ablenkungsmanöver der neuen Mächtigen im Land. Sie sollte der russischen Bevölkerung und den europäischen Höfen einen zwar tragischen aber letztlich natürlichen Tod vorspielen, um die tatsächlichen Hintergründe zu verdecken. In der Forschung gilt es heute jedoch als nahezu gesichert, dass Peter III. in seiner Gefangenschaft von Alexei Orlow und weiteren Verschwörern erdrosselt wurde.
Ein deutscher Herzog auf dem Zarenthron
Peter III. war als Karl Peter Ulrich von Schleswig-Holstein-Gottorf in Kiel aufgewachsen. Er blieb seiner holsteinischen Heimat und der deutschen Sprache zeitlebens enger verbunden als seiner neuen russischen Heimat. Er empfand sich primär als protestantischer, deutscher Reichsfürst und wurde von der russischen Elite dementsprechend stets als hochmütiger Fremder wahrgenommen. Innerhalb seiner nur sechsmonatigen Regierungszeit machte er sich fast den gesamten Hof, das Militär und vor allem die russische-orthodoxe Kirche zum Feind. Der entscheidende Akteur beim Umsturz war schließlich seine eigene Ehefrau, die spätere Zarin Katharina II., gestützt auf die kaiserliche Garde und den hofnahen russischen Adel.
Dafür gab es drei wesentliche Gründe:
Erstens, der radikale außenpolitische Kurswechsel aus geradezu irrationaler preußenfreundlicher Gesinnung. Als fanatischer Bewunderer des preußischen Königs Friedrich II. vollzog der holsteinische Zar unmittelbar nach seinem Herrschaftsantritt im Januar 1762 eine beispiellose Kehrtwende. Er schloss einen einseitigen Frieden mit Preußen und gab alle im Siebenjährigen Krieg mühsam eroberten Gebiete, einschließlich des bereits russisch verwalteten Ostpreußens, bedingungslos zurück. Für das russische Offizierskorps, das jahrelang blutige Schlachten gegen Preußen geschlagen hatte, war die Preisgabe der russischen Erfolge ein unerträglicher Verrat. Völlig selbstlos war es indes nicht: Der Zar hoffte auf die Unterstützung Friedrichs II. bei einem Krieg gegen Dänemark um Holstein.
Zweitens, der Angriff auf die Landeskirche. Peter plante die Enteignung der Güter der russisch-orthodoxen Kirche nach dem protestantischem Vorbild im Heiligen Römischen Reich, befahl den Geistlichen ihre Bärte zu rasieren, und wollte lutherische Bräuche einführen. Damit verlor er den für jeden Zaren unerlässlichen Rückhalt der einflussreichen Geistlichkeit.
Drittens, die persönliche Bedrohung Katharinas. Peter machte keinen Hehl daraus, dass er seine kluge Gemahlin verstoßen, in ein Kloster sperren und seine Mätresse heiraten wollte. Um ihr eigenes Leben und das ihres Sohnes Paul zu retten, handelte Katharina sie. Am 9. Juli 1762 inszenierte sie gemeinsam mit den Brüdern Orlow den Staatsstreich. Die strategisch entscheidenden Garderegimenter, die sich gegen die Einführung preußischer Uniformen und des harten preußischen Exerzierreglements sträubten, liefen sofort zu ihr über. Peter wurde isoliert, zur Abdankung gezwungen und auf dem Landgut Ropscha festgesetzt.
Mord aus Staatsräson
Warum reichte die bloße Entthronung und Gefangenschaft nicht aus? Weshalb war der anschließende Mord aus Sicht der Verschwörer zwingend notwendig?
Aus machtpolitischer Sicht war ein lebender, legitimer Ex-Zar eine permanente, unkalkulierbare Gefahr für die neue Herrschaft. Katharinas eigene Legitimität war äußerst schwach; auch sie war als gebürtige deutsche Prinzessin aus dem Hause Anhalt-Zerbst ohne traditionellen Anspruch auf den russischen Thron. Solange Peter lebte, bliebe er eine Gefahr und Ausgangspunkt einer Gegenverschwörung, gestützt auf unzufriedene Militärs oder für Unruhen im Volk. Eine mögliche Befreiung des abgedankten Zaren hätte das Reich in einen verheerenden Bürgerkrieg stürzen können. Die Brüder Orlow, die den Putsch angeführt hatten, erkannten dieses Risiko und beseitigten die Gefahr in Ropscha, um vollendete Tatsachen zu schaffen.
Katharinas moralische Schuld
Die persönliche Verantwortung und die moralische Dimension des Handelns Katharinas darf nicht unerwähnt bleiben. Ihr Aufstieg zur Macht beruhte auf einer tiefen moralischen Schuld und einer skrupellosen Doppelzüngigkeit, die Kern ihrer Herrschaft war. Eine öffentliche Untersuchung oder gar ein Gerichtsverfahren gegen die Orlows war selbstverständlich von vornherein ausgeschlossen; deren Macht war groß und die Zarin brauchte sie. Überhaupt wäre die eigene Lüge vom natürlichen Tod sofort entlarvt und ihr junges Regime delegitiert worden.
Doch die tatsächliche Niedertracht und Kälte Katharinas zeigt sich in der mörderischen Symbiose, die sie daraufhin einging: Sie deckte das Verbrechen nicht nur schweigend, sondern band die Königsmörder durch immense Gunstbeweise dauerhaft an sich. Die Mörder ihres Mannes wurden mit fürstlichen Gütern, Orden und höchsten Staatsämtern überhäuft. Diese Rangerhöhungen waren der Blutpreis für den Erhalt ihrer Krone und das gegenseitige Schweigen. Für ihren eigenen Machterhalt opferte Katharina jedes Recht, jeden Anstand und das Leben des Vaters ihres Kindes, während sie sich gleichzeitig nach außen durch Briefverkehr als feinsinnige Ikone der Aufklärung inszenierte.
Die Rechtfertigung des Verbrechens und das moralische Schweigen Europas
Dass Peter III. keines natürlichen Todes starb, war an den europäischen Höfen ein offenes Geheimnis. Dennoch blieb die Ächtung Katharinas aus, was an einer Kombination aus pragmatischer Machtpolitik und dem geschickten „Reputationsmanagement“ der Zarin lag.
Auf offizieller Ebene hielt der russische Hof die Fiktion des natürlichen Todes konsequent aufrecht, während man Peter im Ausland gezielt als unfähigen, labilen Geistesschwachen darstellte, der an den seelischen Belastungen seiner Abdankung innerhalb weniger Tage körperlich zugrunde gegangen sei. Friedrich II. von Preußen, der dem Zaren eigentlich tief verpflichtet war, denn nur durch dessen völligem Kurswechsel konnte er sich im Krieg behaupten, erkannte Katharinas Herrschaft als Erster offiziell an. Für ihn zählte einzig eiskalter Pragmatismus: Er benötigte dringend die russische Neutralität, um Preußen im verbleibenden Konflikt mit Österreich zu retten. Auch Wien und Paris schwiegen, da sie hofften, die neue Herrscherin für ihre jeweiligen Allianzen zu gewinnen.
Gleichzeitig verstand es Katharina meisterhaft, die europäische Öffentlichkeit zu lenken. Durch ihre intensiven Briefkontakte mit den führenden Köpfen der französischen Aufklärung wie Voltaire und Denis Diderot sicherte sie sich einflussreiche Fürsprecher. Diese Intellektuellen verharmlosten den Tod des angeblich despotischen Zaren in ihren Schriften bereitwillig und feierten die neue Kaiserin als aufgeklärte Lichtgestalt, wodurch jede moralische Empörung in Westeuropa im Keim erstickt wurde.
Quellenkritik und historische Bewertung
Die Forschung steht bei der Bewertung dieser Ereignisse vor einer klassischen Herausforderung. Die wichtigsten zeitgenössischen Dokumente stammen aus dem unmittelbaren Umfeld der Beteiligten selbst. Während die offiziellen Manifeste Katharinas die Legende vom natürlichen Tod verbreiteten, zeichneten ausländische Diplomaten in ihren Berichten allerdings ein anderes Bild. Sie verwiesen auf verdächtige Strangulationsmerkmale am Hals des aufgebahrten Leichnams und die ungewöhnliche Eile bei der Bestattung.
Besonders aufschlussreich sind die überlieferten Briefe Alexei Orlows aus Ropscha an Katharina, deren Echtheit in der Forschung zwar teilweise debattiert wird, die aber die enorme Nervosität der Bewacher dokumentieren. Ob Katharina den Mord direkt befahl, bleibt ungewiss und ist eher unwahrscheinlich, da eine angeordnete Hinrichtung ihrem mühsam aufgebauten Image als aufgeklärte, europäische Monarchin geschadet hätte. Dass sie die Mörder jedoch zeitlebens schützte und reich beschenkte, zeigt die Janusköpfigkeit ihrer Herrschaft: Ihre Macht beruhte auf einem Militärputsch und anschließendem Königsmord.
Friedrich II. profitierte indes von den russischen Wirren, konnte seinen Kopf aus der Schlinge eines fast verlorenen Krieges ziehen und letztlich einen Frieden auf dem Status quo ante bellum vereinbaren.«
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