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1797: Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern - Gemahlin von Preußenkönig Friedrich II. gestorben

Die Alleinherrschaft wurde durch die Ideen der Aufklärung abgelöst.

Moderator: Barbarossa

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Barbarossa
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Textzitat in voller Länge:

»13. Februar 1797

Aus unserer Dauerreihe „Frauen der brandenburgischen Geschichte“

Eine Ära im Schatten geht zu Ende

Am 13. Februar 1797 verstarb Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern im Berliner Stadtschloss. Die verschmähte Gemahlin Friedrichs II. nimmt in der brandenburg-preußischen Geschichte eine kaum beachtete Sonderstellung ein: Mit insgesamt 64 Jahren, in denen sie die königliche Würde trug – davon allein 46 Jahre als Gemahlin des regierenden Königs (1740–1786) –, war sie die am längsten titulierte Königin in der Geschichte des preußischen Staates. Da der König sie nach seiner Thronbesteigung von seinem privaten Hofleben in Potsdam ausschloss, verbrachte sie ihre Zeit vorwiegend im Schloss Schönhausen und im Berliner Stadtschloss.

Herkunft und die dreifache dynastische Verknüpfung

Elisabeth Christine entstammte der herzoglichen Linie Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern und stand im Zentrum einer fast beispiellosen verwandtschaftlichen Verflechtung mit dem Hause Hohenzollern. Die Verbindung beider Häuser beruhte auf einer dreifachen geschwisterlichen Überkreuzheirat: Während Elisabeth Christine 1733 den preußischen Kronprinzen Friedrich heiratete, wurde ihre Schwester Luise Amalie mit dem Bruder des Königs, Prinz August Wilhelm, vermählt. Komplettiert wurde dieses dynastische Geflecht durch die Ehe ihres ältesten Bruders, Herzog Karl I. von Braunschweig, mit der preußischen Prinzessin Philippine Charlotte, einer jüngeren Schwester Friedrichs II.

Diese ohnehin schon dichte familiäre Allianz wurde durch zusätzliche Dienstanstellungen komplettiert: Ihr Bruder, Herzog Ferdinand von Braunschweig, avancierte als preußischer Generalfeldmarschall zu einem der fähigsten militärischen Vertrauten Friedrichs II. Im Siebenjährigen Krieg sicherte er die westliche Flanke Preußens gegen die französische Übermacht, die im Konzert mit der Reichsarmee auftrat. Trotz der persönlichen Distanz in der königlichen Ehe bildete diese familiäre Schicksalsgemeinschaft ein unauflösliches Band, was die Stellung Elisabeth Christines am Berliner Hof völlig unangreifbar machte.

Korrktur eines anhaltenden Vorurteils

In weiten Teilen der traditionellen preußischen Geschichtsschreibung, vor allem in zahlreichen Biografien Friedrichs II. wird Elisabeth Christine oft als eine Frau ohne nennenswerte intellektuelle Ambitionen dargestellt. Diese Geringschätzung ihrer Fähigkeiten geht maßgeblich auf den König selbst zurück, der sie in seiner Korrespondenz – insbesondere mit seiner Schwester Wilhelmine von Bayreuth – wiederholt als geistig beschränkt darstellte. Dieses einseitige Urteil prägte über Generationen hinweg eine Geschichtsschreibung, die sich in einer oft unkritischen Hörigkeit gegenüber den persönlichen Aufzeichnungen Friedrichs II. verlor und seine subjektiven Aversionen unkritisch zur historischen Tatsache erhob.

Ihr tatsächliches Wirken zwingt jedoch zu einer Korrektur dieses ungerechten Urteils. Jenseits ihrer privaten Korrespondenz hinterließ Elisabeth Christine mehr als ein Dutzend publizierter Schriften. Ein wesentlicher Beleg für ihre intellektuelle Befähigung ist ihre gezielte Arbeit als Übersetzerin. Dass sie komplexe französische Texte, etwa des Marquis d’Argens, ins Deutsche übertrug, entsprang dem Wunsch der Kulturvermittlung, zugleich erhoffte sie sich hierbei ihrem Mann gefallen zu können, dessen Hang zu allem Französischen weithin bekannt war, trotz der sich unübersehbar zeitgleich emanzipierenden deutschsprachigen Literatur und Philosophie. Während die Potsdamer Elite das Französische zur bewussten Abgrenzung nutzte, adressierte die Königin mit ihren deutschsprachigen Publikationen gezielt das märkische Bürgertum, die Beamtenschaft und den Landadel - den Mittelstand, wie man heute vielleicht sagen würde.
Indem sie moralphilosophische und religiöse Gedanken in die Landessprache übersetzte, verfolgte sie einen pädagogischen Auftrag: Sie wollte moderne ethische Diskurse einer Leserschaft zugänglich machen, die keinen Zugang zur französischen Literatur und Sprache hatten. Zugleich war es ein Akt der sprachpolitischen Selbstbehauptung. In einer Zeit, in der ihr Gemahl das Deutsche geringschätzig als unzureichend für die Philosophie und Literatur abtat, bewies sie durch ihre Publikationen die Ausdruckskraft und Würde der aufstrebenden deutschen Schriftsprache.

Ergänzt wurde ihr dahingehendes Wirken durch ein außergewöhnlich karitatives Engagement: Sie unterstützte Waisenhäuser, förderte die Seidenmanufakturen und unterhielt in Schönhausen eine Freischule für mittellose Kinder. Während der König in der Ferne Kriege führte oder in Sanssouci seine Männergesellschaften leitete, wurde die Königin in Berlin als wahrhafte Landesmutter und wikungsvolle Ansprechpartnerin bei sozialen Nöte wahrgenommen.

In den Jahrzehnten ihrer Trennung vom König übernahm Elisabeth Christine die tragenden repräsentativen Pflichten am Berliner Hof. Ihr Wirken in Schönhausen war geprägt von der Pflege eines literarisch-religiösen Zirkels, der einen bewussten Kontrast zur radikalen Aufklärung in Sanssouci bildete. Auch nach dem Tod Friedrichs II. blieb sie als Königinwitwe bis zu ihrem Tod die hochangesehene „Erste Dame“ des Staates. im Jahr 1786 erfuhr ihr Status eine weitere Aufwertung. Als Königinwitwe blieb sie die unangefochtene moralische Instanz am Berliner Hof, wobei ihr Neffe Friedrich Wilhelm II., der sie sehr verehrte, anordnete, dass sie zeremoniell weiterhin den Vorrang vor der amtierenden Königin innehatte.

Mit ihr endete ein Kapitel preußischer Geschichte, das in seiner Verbindung von aufopferungsvoller dynastischer Pflicht und eigenständiger intellektueller Leistung heute eine neue Bewertung erfahren muss. Ihr Dienst für das Wohl des Gesamtstaats steht in keiner Weise hinter jenem ihres großen Mannes zurück. Es war ihre Demut, ihr leises, aber beständiges Wirken und ihre auf tiefer Ethik und aufrichtiger Menschenfreundlichkeit beruhende Persönlichkeit, die sie zu einer der eindrucksvollsten Frauen der brandenburgisch-preußischen Geschichte machte.«

Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1HEsqLrrmJ/
mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
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