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Moderator: Barbarossa

 
Wallenstein

Die Fragilität moderner Gesellschaften

01.10.2015, 16:35

Am 17.Oktober 1969 brach in dem sonst eher friedlichen Kanada in der Stadt Montreal das Inferno aus. Der Grund: Die Polizei begann um 8.00 Uhr morgens mit einem Streik.

Um 11.20 wurde die erste Bank überfallen, Um zwölf Uhr mittags waren fast alle Geschäfte in der Innenstadt restlos ausgeplündert. Heckenschützen schossen auf Passanten, Plünderer überfielen Hotels und Restaurants, Frauen wurden auf offener Straße angegriffen und vergewaltigt. Am Abend des Tages waren sechs Banken ausgeraubt, über hundert Geschäfte geplündert, zwölf Brände gelegt, vierzig Wagenladungen Schaufensterglas zerbrochen, Schäden in Höhe von drei Millionen an Privateigentum angerichtet. Eine Reihe junger Mädchen und Frauen wurde vergewaltigt, zahlreiche Personen verletzt. An den Plünderungen beteiligte sich die halbe Stadt: Jugendliche, massenweise Rentner, Hausfrauen.

(nach: Pinker, S. The Blank State, London 2002, s.458ff.)
Ich kann mich noch gut an die damaligen Berichte in den Zeitungen erinnern.

Was zeigt uns dies? Brechen die üblichen Ordnungsstrukturen zusammen, kollabiert unsere Gesellschaft. Das ist keine Frage von Wochen oder Monaten, sondern von Stunden. Wie eine Mumie, die plötzlich an die Luft kommt und augenblicklich zu Staub zerfällt.

Ähnliche Vorfälle wiederholten sich später. Als der Hurrikan Katrina New Orleans verwüstete, entstand dort vorübergehend ein rechtsfreier Raum und plündernde Banden zogen umher. Die Regierung musste Soldaten aus dem Irak dorthin verlegen, um wieder die Kontrolle zu gewinnen.

Es zeigte sich dort aber auch noch etwas anderes. An manchen Stellen organisierten sich die Bürger, ergriffen die Selbsthilfe unter Anleitung charismatischer Führer. Sie sorgten in ihrer Umgebung für Ordnung, bewaffneten sich, vertrieben die Banden, versuchten ihr Terrain wieder funktionsfähig zu machen.

Was würde passieren, wenn die staatliche Macht dauerhaft zusammenbricht? Die Menschen würden sich erneut organisieren in Gruppen unter Führung charismatischer Persönlichkeiten und ein Gebiet kontrollieren. Es würde zunächst viele solcher Gruppen geben, die teilweise kooperieren, manchmal sich bekämpfen. Sie wären teils diktatorisch, teilweise demokratisch aufgebaut, einige wären reine Gangsterbanden, andere würden einer zivilen Tätigkeit nachgehen.

Heutzutage sind zahlreiche Regionen nur durch staatliche Infrastrukturbauten lebensfähig. Städte an der Ostküste, wie New York, würden sonst vom Meer überschwemmt werden. Wüstenstaaten brauchen Wasserversorgung. Bricht das alles zusammen, gäbe es gewaltige Massenbewegungen von Menschen, wahrscheinlich verbunden mit gewalttätigen Auseinandersetzungen. Am Ende würden vermutlich eine Reihe kleiner und mittlerer Staaten entstehen. Jedenfalls über einen längeren Zeitraum. Verschwinden würde die Menschheit nicht, sie organisiert sich neu, wahrscheinlich aber zunächst auf einem recht niedrigen Niveau und mit einer geringeren Bevölkerungszahl. Eine Devolution, wie beim Untergang des Römischen Imperiums.
 
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Barbarossa
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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

01.10.2015, 16:47

Aber unglaublich finde ich das trotzdem. Kaum streikt die Polizei, mutieren die Menschen zu reinsten Barbaren?
Hier in Deutschland dürfen die Polizisten nicht streiken, da sie Beamte sind. Darum stellt sich die Frage nicht, ob hier auch passieren könnte.

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Ruaidhri
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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

01.10.2015, 17:59

Barbarossa hat geschrieben:
Aber unglaublich finde ich das trotzdem. Kaum streikt die Polizei, mutieren die Menschen zu reinsten Barbaren?
Hier in Deutschland dürfen die Polizisten nicht streiken, da sie Beamte sind. Darum stellt sich die Frage nicht, ob hier auch passieren könnte.

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Die Zeiten, in denen die Deutschen brav noch eine Bahnsteigkarte kaufen, wenn sie während einer Revolution einen Bahnhof besetzen wollen, sind auch vorbei.
Sicher darf die Polizei nicht streiken, aber mit zunehmender personeller Unterbesetzung und abnehmendem Respekt vor jeder Ordnungsmacht haben wir doch schon längst Ansätze zu solchem Verhalten zu vermelden.
Interessant Wallensteins Ansatz, die Menschen würden sich immer wieder neu organisieren, unter welchen Vorzeichen auch immer.
Vermutlich ist das tief genetisch verankertes Verhalten, wie es auch bei in sozialen Verbänden lebenden Tieren genauso passiert, wenn Leittiere plötzlich ausfallen.
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LG Ruaidhri
 
Aneri

Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

01.10.2015, 19:03

Barbarossa hat geschrieben:
... mutieren die Menschen zu reinsten Barbaren?

Ich habe erlebt den Staatszerfall und ich würde so nicht ausdrucken. Sie mutieren nicht zu Barbaren. Die Barbaren waren schon immer da, nur durch gesellschaftliche Normen und Institutionen in Schach gehalten. Fällt es aus, dann gilt das Gesetz des Stärkeren. So wird das Barbarismus gefordert.

In Städten muss auch nicht neu organisieren. Es waren schon Parteien, Bewegungen, Vereine etc. , also Gruppierungen, die als Kristallisationspunkte sich erweisen würden für Organisationen, die sich mit der für Wiederbelebung der vorhandenen Strukturen beschäftigen würden. In dem sinne, denke ich ein entwickelter Staat ist sogar besser gerüstet.

Nur wenn es das Vorhandene weggefegt wurde, z. B. wie in Irak, dann steht man wirklich von Ruinen.
 
Ruaidhri
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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

02.10.2015, 09:24

Aneri hat geschrieben:
Nur wenn es das Vorhandene weggefegt wurde, z. B. wie in Irak, dann steht man wirklich von Ruinen.

Auferstanden aus Ruinen... falsche Hymne, ich weiß.
Deutschland 1945: Ruinen gab es wahrlich, im wörtlichen Sinne. Und im übertragenen Sinne?
Trotz des Chaos staune ich, wie schnell sich doch wieder Organisation zeigte. Im Kleinen wie im Großen. Zu welchem Zweck auch immer.
Wallenstein hat geschrieben:
Bricht das alles zusammen, gäbe es gewaltige Massenbewegungen von Menschen, wahrscheinlich verbunden mit gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Bricht das alles zusammen, gäbe es gewaltige Massenbewegungen von Menschen, wahrscheinlich verbunden mit gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Haben wir das nicht schon im Ansatz? Ist das derzeitige Geschehen nicht auch Folge des Zuammenbruches einiger Staaten?
Muttersprache: Deutsch Vaterland: Keins. Heimat: Europa
LG Ruaidhri
 
Wallenstein

Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

02.10.2015, 10:09

In den failed states erleben wir, dass sich die Menschen neu organisieren auf der Mikroebene. Ansatzpunkte sind Sippen, Clans, ethnische Gruppen, Religionsgemeinschaften. Hier handelt es sich um Entwicklungsländer. Bei uns würden sich andere Kristallisationspunkte bilden.

Es gibt bei den Menschen keine genetische Programmierung für eine bestimmte Organisationsstruktur. Die Anweisung der Natur lautet nur: „Organisiert euch, denn alleine könnt ihr nicht leben. Wir ihr das aber macht, das bleibt euch überlassen.“

Während bei Bienen, Ameisen und bei vielen anderen Tierarten die Organisationsstruktur genetisch festgelegt wird, ist dies bei Menschen nicht der Fall.

Wobei allerdings vermutlich evolutionär vorgegeben ist, dass sich ein Leithammel herausbildet. In Tierherden ist dies oft zu beobachten, das sich ein Alphatier herausschält und die Führung übernimmt. Eine Gruppe mit einem fähigen Leittier ist vermutlich erfolgreicher als eine Gruppe, in der alle gleichberechtigt sind und dann keine Entscheidungen gefällt werden. Die Gruppe wird dann handlungsunfähig. Die Evolution hat deshalb vermutlich autoritäre Strukturen prämiert.
Bei den Menschen gibt es allerdings viele Möglichkeiten, wie der Führer einer Gruppe agiert. Das muss keine Diktatur sein.


P.S. In dem Tatort-Krimi: „Borowski und der Engel“ philosophiert der Kommissar Klaus Borowski alias Axel Milberg zu Beginn des Films über die Frage vor Studenten: „Warum morden andere – und warum morden wir nicht?“
Er glaubt, dass wir dies nur aufgrund von Erziehung und Zivilisation nicht tun, aber ansonsten dazu durchaus bereit wären. Bei einigen brennen dann aber trotzdem alle Sicherungen durch.
Es ist vermutlich vor allem die Angst vor Strafe, die uns vor solchen Taten abhält.
 
Aneri

Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

02.10.2015, 10:24

Ruaidhri hat geschrieben:
Deutschland 1945: Ruinen gab es wahrlich, im wörtlichen Sinne. Und im übertragenen Sinne?
Trotz des Chaos staune ich, wie schnell sich doch wieder Organisation zeigte. Im Kleinen wie im Großen. Zu welchem Zweck auch immer.

Gerade es zeigt, dass staatliche Strukturen sind nicht nur irgendwelche materielle Infrastruktur. Es ist unsere Vorstellungen und Verständnis, wie ein Staat funktionieren soll, unsre Gedeächtnis, der festhältt, wie es war, wann alles einigemaßen funktionierte. Daher wird das materielle zerbombt, bleibt es die schon vorhanden Vorstellungen mit eigenen Händen wiederaufbauen.

Ruaidhri hat geschrieben:
Aneri hat geschrieben:
Nur wenn es das Vorhandene weggefegt wurde, z. B. wie in Irak, dann steht man wirklich von Ruinen.

Auferstanden aus Ruinen... falsche Hymne, ich weiß.

Ich versteh nicht, worauf du beziehst. Bei uns war staatliche und wirtschaftliche Strukturen "zerbombt". Übrigens, ein Westler hat keine Ahnung, wie schnell alles runtergeht, wenn das Vorhandene nicht instand gehalten wird. Wenn ich mit meinem Mann nach Vilnius flogen und mit Taxi über Stadt gefahren haben, es hat mir das Herz geknifft, was ich gesehen habe. Es war wie im Krieg. Runtergekommene Häuser, alles grau grau grau. Ich habe meinen Stadt nicht erkannt. Bis jetzt habe ich vor Augen, wie eine Telefonzelle im Zentrum mit zwei Brettern quer genagelt war.

Ich habe erlebt, wie auf mein Bus in Polen geschossen wurde. Es ist unbeschreiblicher Gefühl, wenn man sitzt auf vorderem Sitz, sieht wie zwei Auto uns überholen und maskierte Männer zeigen, dass wir uns stoppen müssen. Wenn wir es nicht getan haben, wurden wir direkt geschossen. Wir müssten beraubt werden, wie hunderte sogar tausende auf der Straßen Polens, da sie wussten, dass Litauer-arbeiter mit Geld mindestens von 3 Monaten nachhause bringen.
Wie in dem Mittelalter. Ich nicht untertreibe. Wenn ich schon selbst mit Auto gefahren bin, war ich gewarnt, dass keinesfalls an einem Unfall stehen bleiben. Da gab es öfter Inszenierungen.

Also das nenne ich Ruinen. Stattliche Ruinen sind, wenn kein neu gegründetes - kapitalistisches - Unternehmen Steuer bezahlen will. Es gab keine Gesetze und wenn, dann keine Verfahren, die die Gesetze sichert. Ich selbst habe zwei Jahre "schwarz" gearbeitet. Viele meine Freunde, die nicht in staatlichen Unternehmen (wie z. B. Ärzte oder Lehrer) arbeiteten, ging es ähnlich. Keine soziale Versicherungen. Und es war viel viel länger. Die tiefste Phase dauerte mindestens Jahrzeht und in dem Leben eine Menschen ist es sehr viel.
 
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Triton
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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

02.10.2015, 10:35

Wallenstein hat geschrieben:
Es ist vermutlich vor allem die Angst vor Strafe, die uns vor solchen Taten abhält.

Nein, es ist eine unbewusste Programmierung in uns, vielleicht ist "Instinkt" der bessere Begriff. Es muss schon viel zusammenkommen, damit wir gegen unsere Instinkte handeln. Das kann eine Notsituation sein, eine psychische Erkrankung wie durch harte Drogen/Alkoholismus verursachte Wesensveränderungen und so weiter. Sehen wir uns selbst aber in einer solchen Situation, dann ist der Mensch auch zu schwersten Straftaten bereit. Oder wie es Bestsellerautor Ferdinand von Schirach ausgedrückt hat: Menschen sind zu allen Verbrechen fähig. Jeder!
Meiner Erfahrung nach ist die Gewöhnung/Wiederholung das eigentliche Problem. Hat ein Mensch die Erfahrung gemacht, dass eine Straftat ein Problem lösen kann und ihm nichts passiert, wird er beim nächsten Problem wieder in einer Straftat die Lösung suchen.

Zum eigentlichen Thema hier: Mir gefällt der positive Unterton nicht mit dem hier Selbstjustiz, wenn auch von Gruppen organisiert, dargestellt wird. Das Problem bei solchen improvisierten Bürgerwehren sind immer die Legitimation und die Durchsetzung eigentlich positiver Ziele. Ich erinnere mich an solche Filme wie "Das Experiment", wo aus Ordnungshütern schnell Straftäter werden, weil es ja keine Kontrolle gibt und selbst schwere Vergehen nur zur Aufrechterhaltung der Ordnung dienen.
"Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, in dem man sie ignoriert." (Aldous Huxley)
 
Aneri

Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

02.10.2015, 10:53

Wallenstein hat geschrieben:
In den failed states erleben wir, dass sich die Menschen neu organisieren auf der Mikroebene. Ansatzpunkte sind Sippen, Clans, ethnische Gruppen, Religionsgemeinschaften.

Da möchte ich korrigieren. Sie es nicht neu organisieren, sie kehren den alten - schon vorhandenen - Organisationsformen zu. Dazu kommen auch andere, wie etwa Kämpfergruppierungen. In Russland hat die Kirche in Zerfallzeit sich s. z. neuorganisiert und massenhaften Zulauf erlebt. Es zeigt aber, dass die Mneschen brauchen eine Perspektive. Wer ist im Stande diese Perspektive zu zeigen, der wird von Menschen unterstützt.
Wobei allerdings vermutlich evolutionär vorgegeben ist, dass sich ein Leithammel herausbildet. In Tierherden ist dies oft zu beobachten, das sich ein Alphatier herausschält und die Führung übernimmt.

Es gibt psychologische Teste, in dem man Gruppenverhalten untersucht. Z.B. passiert etwas außerordentliches und vorbeigehende Menschen reagieren nicht, weil jeder in der Maße denkt, dass ein anderer es tut. Man hat als Betroffener bessere Chancen, wenn man Hilfe von der konkreten Person anfordert. Damit der sich persönlich angesporochen würde.

Zuerst scheint es nicht mit Deinem Fall zu tun. Dennoch glaube ich, dass "Leittier" ist eben die Person, die persönlich jeden anspricht mit der Angelegenheit, die er zu Angelegenheit anderer macht.

Bei den Menschen gibt es allerdings viele Möglichkeiten, wie der Führer einer Gruppe agiert. Das muss keine Diktatur sein.
Ja, aber dort führt ein Entwicklungsweg. Auch ein Mensch wird zwar als Mensch geboren, muss aber davor noch langen weg machen (embryonale Entwicklung), in dem er zwangsläufig eine komprimierte Evolution durchläuft.
Was ich vermisse oft, es ist die Tatsache, dass man es ausblendet. man will von einem tag der Befruchtung gleich ein Baby vor sich haben. Ohne wenn und aber. So funktioniert aber nicht.
 
Ruaidhri
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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

02.10.2015, 12:14

Triton hat geschrieben:
Zum eigentlichen Thema hier: Mir gefällt der positive Unterton nicht mit dem hier Selbstjustiz, wenn auch von Gruppen organisiert, dargestellt wird. Das Problem bei solchen improvisierten Bürgerwehren sind immer die Legitimation und die Durchsetzung eigentlich positiver Ziele. Ich erinnere mich an solche Filme wie "Das Experiment", wo aus Ordnungshütern schnell Straftäter werden, weil es ja keine Kontrolle gibt und selbst schwere Vergehen nur zur Aufrechterhaltung der Ordnung dienen.


Ich lese die Posts als Darstellung von Fakten und wertneutrale Betrachtung dessen, was passiert, wenn Ordnungsstrukturen verloren gehen.
Hat Wallenstein doch sehr gut und neutral geschrieben, und die anderen TN bewgen sich imho noch auf der neutralen Ebene.
Triton hat geschrieben:
Das Problem bei solchen improvisierten Bürgerwehren sind immer die Legitimation und die Durchsetzung eigentlich positiver Ziele.

Das steht, als nächster Schritt, selbstverständlich als Frage im Raum, woher die Legitimation stammt und wie sie bewertet wird.
Grundsätzlich tut der Mensch entgegen seiner Sozialisation in Notsitautionen und Krisen das, was ihm als einzelnen und dann in der Gruppe das Überleben zu gewährleisten scheint. Die einzige Legitimation ist das eigene Überleben.
Jeder ist sich selbst der Nächste oder Fressen kommt vor der Moral. Die kommt, wenn alle satt sind- vielleicht.
Vielleicht erinnert man sich, wie es mal ging- und versucht einen Neuaufbau. Im Augenblick 0 aber, behaupte ich, ist jeder einzelne Mensch und jede Gruppe erstmal ziemlich frei von moralischen Bedenken.
Nächster Schritt und irgendwie unausweichlich: Bildung neuer Hierarchien, ob nun demokratisch oder diktatorisch organisiert, auf die sich das" erweiterte Rudel Mensch" beruft, um nun im weiteren Umfeld seine Ressourcen zu verteidigen, zu erweitern- ob mich friedlichen Mitteln oder mit Gewalt.
Inzwischen wieder mit geistig-moralischem Überbau oder Fundament.
Scheint so, dass es- ganz wertfrei, eben nicht ohne gegenseitige soziale und auch hierarchische Kontrolle funktionieren kann:
Ich erinnere mich an solche Filme wie "Das Experiment", wo aus Ordnungshütern schnell Straftäter werden, weil es ja keine Kontrolle gibt und selbst schwere Vergehen nur zur Aufrechterhaltung der Ordnung dienen.
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Aneri

Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

04.10.2015, 18:17

Eine Gesellschaft "ohne sozialen/staatlichen Gedächtnis" ist m. E. Kosovo. Man hat gekämpft für die Unabhängigkeit, man hat weitgehend Unterstützung erhalten und trotzdem schafft nicht die Probleme zu lösen. Ein Flut von Flüchtlingen, die mit Kriegsgebiet vergleichbar sind.
Ja, schon wieder die Folgen unserer Politik :(
 
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Barbarossa
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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

04.10.2015, 19:16

Aneri hat geschrieben:
Barbarossa hat geschrieben:
... mutieren die Menschen zu reinsten Barbaren?

Ich habe erlebt den Staatszerfall und ich würde so nicht ausdrucken. Sie mutieren nicht zu Barbaren. Die Barbaren waren schon immer da, nur durch gesellschaftliche Normen und Institutionen in Schach gehalten. Fällt es aus, dann gilt das Gesetz des Stärkeren. So wird das Barbarismus gefordert.
...

Das war aber in den meisten Ländern des Ostblocks auch nicht so - auch nicht in der DDR.
Denn auch dort hatten die Staatsogane und Sicherheitskräfte jeglichen Respekt verloren in der Zeit der "Wende", aber es gab dennoch nicht "Mord und Totschlag". Ok, in der DDR hieß die wichtigste Losung "keine Gewalt", aber ich denke, für den Ausbruch von Gewalt muss noch ein Aspekt hinzu kommen, zusätzlich zum Niedergang eines verhassten Regimes. Armut - Korruption vielleicht?

Aneri hat geschrieben:
Eine Gesellschaft "ohne sozialen/staatlichen Gedächtnis" ist m. E. Kosovo. Man hat gekämpft für die Unabhängigkeit, man hat weitgehend Unterstützung erhalten und trotzdem schafft nicht die Probleme zu lösen. Ein Flut von Flüchtlingen, die mit Kriegsgebiet vergleichbar sind.
Ja, schon wieder die Folgen unserer Politik :(

Ich weiß nicht, ob man das so pauschal sagen kann. Ich weiß jetzt auch nicht, was im Kosovo schief gelaufen ist, dass dort jetzt so viele weg wollen. 15 Jahre sind eigentlich genug Zeit, um funktionierende staatliche Strukturen aufzubauen und die Wirtschaft zum laufen zu bringen.
Die Form der Konfliktlösung war für mich keinesfalls ein Fehler. Vielmehr war das Eingreifen der NATO längst überfällig - ein noch früheres Eingreifen hätte sogar frühere Massaker verhindern und damit viele Menschenleben retten können.
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Aneri

Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

05.10.2015, 07:22

Barbarossa hat geschrieben:
Das war aber in den meisten Ländern des Ostblocks auch nicht so - auch nicht in der DDR.

In Polen nicht, da dort private Wirtschaft schon vorher zugelassen wurde - sie müsste nicht neu erfunden werden. Die Wirtschaft ist doch ein von wesentlichen staatlichen Infrastrukturfaktoren. Es sind nicht nur Verwaltung, Bildung Straßen und etc. Wirtschaft ist der Blutkreis. Kollabiert er - geht alles runter.

Dass in anderen Ostblockstaaten anders ging, bezweifele ich. Wobei es auf jeden Fall anders "anders" ging. In Jugoslawien z. B. dominierten andere als wirtschaftliche Probleme.
Ich weiß jetzt auch nicht, was im Kosovo schief gelaufen ist, dass dort jetzt so viele weg wollen. 15 Jahre sind eigentlich genug Zeit, um funktionierende staatliche Strukturen aufzubauen und die Wirtschaft zum laufen zu bringen.
Ich würde behaupten - ich weiß. Es ist ein falsche Verständnis von einer Gesellschaft als eine Summe von Schachfiguren, die jemand kann hin und hier bewegen, um nötige Struktur und Funktionalität des Ganzen zu erreichen. Das Ganze war in so frühen embryonalen Entwicklungsstadium, dass es einfach zu früh abgetrennt wurde. Die Unabhängigkeitskämpfer hatten Ziel sich zu lösen, aber kein Programm, wie es weiter fortbestehen sollte. Anscheint war auch ihre Rückhalt in Bevölkerung nicht so groß, wie man hierzulande sehen wollte. Eher andere politische Motive für das Eingriff zu Grunde lagen. Irgendwann kommt es auch "an Oberfläche" und wir werden es wissen. Wann Politiker, die dazu brachten längst gestorben, höchstens in Ruhestand sich befinden werden. Und nicht zu Verantwortung gezogen werden können.

Allerdings zu Flüchtlingsprobleme. Ein Viertel (!!!) litauischen Bevölkerung hat emigriert. Vor allem nach England, Deutschland, Schweden und USA, wo viele Verwandte haben. Ich habe keine Daten von anderen Ländern, dennoch anzunehmen, dass auch dort die Tendenz zu beobachten ist.

Was ich will sagen, sie bieten nicht in EU um Asyl. Sie sind gleich s. z. in Arbeitsmarkt integriert. Dennoch sind diejenige verblendet, die nicht sehen wollen, dass die billige Arbeitskraft aus Osten die Arbeitsverhältnisse hier ändert. Und es betrifft nicht nur Niedriglohnsektor. Aufgrund dieses Flutes werden eigentlich die kapitalistische Verhältnisse in einer Ganzheit - Staat - außer Kraft gesetzt. Die Verhältnisse übrigens, den man sein Wohlstand zu verdanken hat. da war realtiv abgeschlossene Ganzheit, in der Angebot-Nachfrage- Gesetz relativ stabil war. Öffnete man Grenzen, gilt es für gesamte EU, was gesetzmäßig für große Migrationen sorgt. Die deutsche Ärzte, die für den Lohn sind nicht bereit in Deutschland zu arbeiten, emigrieren nach Norwegen. Die Ärzte aus Litauen kommen hier zu arbeiten und füllen damit die Lücke. also wird nicht Lohn - entsprechend Nachfrage aufgehoben, sondern bleibt auf dem oder sogar niedrigeren Niveau. Man hat mir erzählt, dass es gibt deutsche Agenturen, die gezielt in Ostländern nach Ärzte suchen, die in Unis Studierende suchen, die guten Deutschkenntnis haben, und sie gezielt ansprechen. So war mit dem Sohn meines Klassenkamerades, der hier in Deutschland arbeitet.
Das Gleiche für Pflegekraft. Ich habe nämlich beruflich zu tun mit Brange und ich weiß, wie schwer Pflegekraft zu finden. Meint ihr wirklich, dass in Deutschland fehlen die Menschen, die den Beruf ausüben könnten. Mit Sicherheit - NICHT. Es fehlen Menschen diesen Beruf für DIESE LOHN ausüben. Politik stönt, Betreiber stönen - es geht aber nicht voran. Weil gerade diese Brange erfordert gute Sprachkenntnisse, die Immigranten nicht sofort zeigen können.

Gerade das Füttern des Arbeitsmarktes mit Fachleuten finde ich sehr fragwürdig auch in moralische Sicht. Das reiche Deutschland entzieht den Herkunftsländern eine Mittelschicht, die von deren staatlichen Ressourcen ausgebildet wurde. Wenn ich über nah Osten und Afrika nachdenke, dann heißt es, man lässt in zweifaceh Weise die Länder bluten. Zum Einem allgemein - starke Mittelschicht ist Garant für Demokratie. Zum Anderem übernimmt die Bildung das schon ohnehin schwächere Land.
 
Renegat
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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

05.10.2015, 10:46

Gute Analyse des globalen Arbeitsmarktes, Aneri.
Und was folgt daraus?
Sind die einzelnen Gesellschaften fragil und müssen durch eine globale Gesellschaft ersetzt werden? Oder würden kleinere, in sich geschlossene Gesellschaften besser funktionieren, wenn man sie denn künstlich aufrechterhalten könnte?
 
Aneri

Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

05.10.2015, 11:35

Wir haben schon mal festgestellt, dass eine Demokratie sinkt die Fragilität: es kann keine große Fehler gemacht werden, die große Reformen versinken aber. Auch ein autoritäres Regime kann Vorteile - für die Gesellschaft gesamt - haben. In Irak z.B. trotz eines autoritären Regimes hatte starke Mittelschicht gebildet. Es war auch den Reformen zu verdanken, die das autoritäres Regime durchgeführt hatte - auch auf Rücken der Bevölkerung. Schlimm ohne Frage. dennoch wenn jemand mit Finger zeigen will, muss sich erst selbst an der Nase fassen. Was hat unsere Politik dort angerichtet?! Wieviel tote, verletzte, wieviel ihren ganzen Hab und Gut verloren haben, wieviel Leid und Schrecken durch die "Öffnung der Pandora Kiste" haben wir - Fremde - dort reingebracht?! Eine sippenähnliche Gesellschaft in Verbund der Nationen zu halten, der Mindestanforderungen gerecht zu sein, muss nach meiner Analyse eine Periode der "starken Hand" durchlaufen. Es gehört zu dem Muster.

Höchstwahrscheinlich in Irak Geschichte anders verlaufen wurde, wenn Mittelschicht durch westliche Sanktionen nicht ausgerodet wurde. Die Mittelschicht ist Stütze einer demokratischen Gesellschaft. Wenn man deklariert, dass eine Schere zwischen reichen und armen in Deutschland wächst, das allein macht mir nicht Sorgen. Sehr wohl aber die Tatsache, dass Verschiebungen in Mittelschicht zu beobachten sind. Es heißt ihre Breite wird schmaler...