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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Verfasst: 01.09.2015, 10:30
von Wallenstein
Ralph hat geschrieben:
Die Gesellschaft wurde toleranter?


Ich habe meine Jugend und Schulzeit in den fünfziger Jahren durchlebt und habe diese Zeit als extrem intolerant und autoritär erlebt. In der Schule herrschte beinahe militärische Disziplin und man kriegte ständig Ohrfeigen und Hiebe mit dem Rohrstock. Konformes Verhalten war gefragt, bloß nicht auffallen oder aus der Reihe tanzen. Der kleinbürgerliche Mief und die spießbürgerliche Moral waren unerträglich. Alles war wohlgeordnet, am Sonntag ging die ganze Familie hübsch gekleidet spazieren.

Dem Land war zwar eine Demokratie verordnet worden, aber eigentlich wusste keiner, was das eigentlich ist und deshalb haben sie alle einfach so weitergemacht, wie sie es von früher gewohnt waren.

Es gab auch noch viele kuriose Gesetze. Bis 1958 durften Frauen nur mit Genehmigung des Mannes ihren Führerschein machen oder ein eigenes Konto führen. (Eigenes Konto wurde erst 1962 erlaubt). Berufstätigkeit war ihnen nur möglich, wenn der Ehemann oder der Vater dies gestattete. (wurde erst in den siebziger Jahren geändert).

In Bayern mussten Lehrerinnen zölibatär leben wie Priester – heirateten sie, mussten sie ihren Beruf aufgeben. Denn sie sollten entweder voll und ganz für die Erziehung fremder Kinder zur Verfügung stehen. Oder alle Zeit der Welt haben, um den eigenen Nachwuchs zu hegen.

Der Kuppeleipraragraph stellte vorehelichen und außerehelichen Geschlechtsverkehr unter Strafe. Homosexualität wurde mit Gefängnis bestraft.

Es gab noch viel mehr Ungereimtheiten. Dieser ganze Muff musste erst einmal weg, damit sich eine wirklich freie Gesellschaft bilden konnte.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Verfasst: 01.09.2015, 12:42
von Renegat
Wallenstein hat geschrieben:

Es gab noch viel mehr Ungereimtheiten. Dieser ganze Muff musste erst einmal weg, damit sich eine wirklich freie Gesellschaft bilden konnte.

Ja, an heimischen Beispiel sieht man sehr deutlich, dass man Demokratie und Freiheit nicht von oben und außen verordnen kann, sie muß sich mühsam entwickeln. Damals mussten erst 1 -2 Generationen rauswachsen, bevor sich ein anderes, freieres Weltbild etablieren konnte. Sowas geht nicht ohne Rückschläge und extreme Auswüchse vonstatten, irgendwann Jahrzehnte später, nivelliert es sich dann.

Dabei fällt mir ein, wie wurden denn Hippies und die 68er in der DDR gesehen? Die Musik, Mode und das Lebensgefühl sind auf jeden Fall drüben angekommen. Im benachbarten Prag brach der Frühling aus. Zu einer Demokratie ist es aber damals im Ostblock nirgends dauerhaft gekommen. Gab es wenigstens kleine Freiheiten?

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Verfasst: 01.09.2015, 14:12
von Wallenstein
Orianne hat geschrieben:


Es gab auch noch die DINKs (Double Income No Kids - Doppeltes Einkommen Keine Kinder).
Die gibt es aber eigentlich immer noch, ich kenne da schon ein paar Ehepaare.


Nach dem Ende der Hippies kehrten die meisten von ihnen ins normale Leben zurück, behielten aber viele Denk- und Verhaltensweisen bei. Diese Leute nannte man damals „The beautiful people“.

in Deutschland gab es dann später die Disco-people, Punks, New Wave, New Romatic, Gothic , Raver usw.

In den fünfziger Jahren gehörte mein älterer Bruder zeitweilig zu den Existentialisten, Exis genannt. Junge Leute, die die Oberschule besuchten, Sartre und Camus lasen, eine ausgesprochen nihilistische Weltanschauung besaßen, wohl verursacht durch die ständige Gefahr eines Atomkrieges, wilde Partys und Besäufnisse veranstalteten, Jazz hörten, später auch Rock’n Roll, sich seltsam kleideten, eine Vorliebe für Motorroller besaßen und auf bürgerliche Normen pfiffen.
Das waren Außenseiter, es gab nicht sehr viele.
In England gab es ähnliche Gruppen, die "Mods".

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Verfasst: 01.09.2015, 14:46
von Ruaidhri
reffliche Schilderung des Muffs bis in die End-60er.
Wobei ich das Glück hatte, einen oft non- konformen Vater zu haben, der in Teilen sogar mit den 68ern sympathisierte, weil er den Aufruhr gegen immer noch arg autoritäre Strukturen verstand. Er gehörte schon früh zu denen der Kriegsgeneration, die gelernt hatten und nicht alles akzeptierten, was "von oben" kam. Blinder Gehorsam und Autoritätsgläubigkeit waren ihm wohl von Natur aus nicht gegeben.
Das Entsetzen der Spießer über WG und sexuelle Freizügigkeit amüsierte ihn, die Erfindung der Pille beruhigte ihn. Muttern war da noch ein bisschen anders, es sollte dauern, bis wir Kinder sie modernisiert und emanzipiert hatten. :mrgreen:
In der Schule herrschte beinahe militärische Disziplin und man kriegte ständig Ohrfeigen und Hiebe mit dem Rohrstock.

Unglaublich, aber mehrfach erlebt: Wo Geschwister altersmäßig weit auseinander lagen, zwischen den Jahrgängen etwa 1942 und 1957, mit Geschwistern dazwischen, wandelte sich in den Schulen manches blitzartig.
Hieß es bei den älteren Lehrern noch: " Hosen sind für Mädchen tabu",( was u.a. meine Eltern auf die Palme brachte), kamen wir jüngsten Geschwister dann in Jeans und Parka, die ollen Hexen und konservativen männlichen Lehrer mussten nun damit leben.
Bis in die Quarta sollte ich auch noch reichlich vom autoritären, teils von streng katholischen Lehrerinnen und ebenso spießig- preußisch- evangelischen Gegenstücken belehrt werden, und dann, plötzlich, wurde alles anders.
Junge LehrerInnen kamen, und das absolutistische Gehabe der älteren lief ins Leere. Aus dem Götterhimmel gestürzt eben.
Das ging so weit, dass meine Klasse im 11. Jahrgang mit leiser Unterstützung von außen, dafür sorgten, dass zwei Lehrkräfte ausgetauscht wurden, weil sie nicht gewillt waren, das zu unterrichten, was der Lehrplan vorsah- und was wir wissen wollten, bzw. die Wiederholer schon bei anderen Lehrern erarbeitet hatten.
Wofür sich unsere älteren Geschwister noch Verweise eingefangen hätten, gehörte plötzlich zur erwünschten Alltagskultur. :mrgreen:
Geschichte endete nicht mehr bei Bismarck, sondern der 1. Weltkrieg, Weimar und das 3. Reich fanden statt. Im Deutschunterricht kamen Brecht, Böll, Andersch, die Mann- Brüder, Lenz und - unvermeidlich-Kafka und Borchert neben Sachtexten in den Literatur-Kanon, Jahre vorher noch ein Tabu.
Quer durch fast alle Fächer wurden Themen behandelt und- neue Unterrichtsmethoden- diskutiert, die es vorher nicht gegeben hatte.
Auf der Basis gesunden Wissens selber denken zu sollen statt Wiederzukäuen war ganz neu.
Schule konnte durchaus Spaß machen. Nicht immer, aber öfter. Auch, weil tatsächlich vorkommende Fiesigkeiten einzelner LehrerInnen nicht mehr hingenommen wurden.
Vielleicht spielt bei den Jahrgängen um 1955 (also den unmittelbaren Profiteuren der 68er) und später noch etwas mit: Wir wurden mit 18 volljährig, also früh selbst verantwortlich für Tun oder Lassen in jeder Hinsicht.