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Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Verfasst: 21.11.2014, 13:39
von Orianne
Katarina Ke hat geschrieben:
Tragische Figur - dass ist mir etwas zu viel der Nachsicht.

Weizsäcker war ein großdeutscher Nationalist; ein Nationalsozialist war er nicht. Aber er wollte Karriere machen. Von den Verbrechen in den besetzten Gebieten hatte er nach meinem Wissensstand Kenntnis.

Sicherlich sollte man es sich aus heutiger Sicht mit Schuldzuweisungen nicht zu einfach machen. Doch ich finde es gerecht, dass man ihm nach dem Krieg den Prozess machte.

Weizsäcker bedauerte in den Tagebüchern 1941/42, dass das "Kaisermanöver" gegen die Russen nicht wie geplant ablief - die schossen ja zurück. Dass war der großdeutsche Machtpolitiker, der Hitlers Weltanschauungskrieg machtpolitisch kalkulieren wollte, weil er sich keine Illusionen mehr über die drohende Niederlage machte.

Tragische Figur? Nein - für mich nicht. Ein intelligenter Machtpolitiker, der den Tiger reiten wollte und sich dabei überschätzte.


Ganz sicher wusste er von den Verbrechen, das ist belegt. Ich würde ihn auch nicht als Nazi bezeichnen, Deine Metapher mit dem Tiger ist treffend. Ich erinnere noch daran, wie er sich mit der Presse in der Schweiz anlegte, als die gegen AH und sein Regime schoss, da sah er für mich nicht sonderlich gut aus, irgendwie wirkte er hilflos.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Verfasst: 22.11.2014, 00:34
von Katarina Ke
Ich hatte mal den zweiten Band seiner Tagebücher in der Hand, die ein australischer Historiker herausgegeben hat. Über den Reichsaußenminister machte er sich lustig. Im März 1943 hielt er vor Offizieren in Potsdam einen Vortrag und meinte, die Herren sollten nicht glauben, dass er täglich viel mit Politik zu tun hätte.

Deutschland unterhielt kaum noch diplomatische Beziehungen. Neben den Verbündeten waren das staatliche Kunstgebilde wie das Kaiserreich Mandschuko. Klassische Außenpolitik schien kaum noch möglich. Hitler wollte keine Kompromisse eingehen, und die Alliierten verlangten die bedingungslose Kapitulation des Reiches.

Der Posten eines deutschen Botschafters im Vatikan bot 1943 vielleicht Chancen, mit den Westmächten ins Gespräch zu kommen. Außerdem "konnte" er es mit dem Außenminister nicht mehr.

Es bleibt wohl immer ein Problem für den Historiker, die Motive und Handlungsspielräume einzelner Akteure zu ergründen. Weizsäcker hat - meines Wissens nach in seinen Erinnerungen - behauptet, Historiker könnten aus den Akten des III. Reiches keinen großen Nutzen ziehen. Man hätte eben regimekonforme Vorlagen diktiert und konnte sich allenfalls Andeutungen erlauben. Ribbentrop hätte sich meistens in der Nähe Hitlers, also in dessen Feldquartieren, aufgehalten. In der Wilhelmstraße sei er selten gesehen worden.

Vielleicht ist von Weizsäcker mit jenen Generälen zu vergleichen, die nicht unbedingt Nationalsozialisten waren, aber ähnliche Ziele verfolgten: Revision des Versailler Vertrages, dann der "Anschluss Österreichs", und schließlich sollte Deutschland zur Vormacht auf dem Kontinent aufsteigen. Der Freiburger Militärhistoriker Manfred Messerschmidt sprach in den sechziger Jahren von "Teilidentitäten".

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Verfasst: 22.11.2014, 09:29
von Orianne
Von Weizsäcker war ja Deutscher Gesandter von 1933 - 1937. In diesem Amt versuchte er u.A. mehrfach den "Gauleiter" der Schweiz Wilhelm Gustloff mit einem diplomatischen Rang zu versehen, um ihn vor der Ausweisung zu retten.

Differenzen mit Ribbentrop waren an der Tagesordnung, so versuchte Weizsäcker 1940 auch den Krieg mit der Sowjetunion zu verhindern.

1938 trat er in die Partei ein (gleichzeitig ersetzte Hitler von Neurath durch Ribbentrop), und erhielt den Rang eines SS-Oberführers (eigentlich ein Ehrenrang). In der Zeit wollte er aber auch von seinen Ämtern zurücktreten, weil er von Ribbentrop kalt gestellt wurde.

Inwiefern ihn die Kontakte Wilhelm Canaris, Ludwig Beck, Franz Halder, und zu Ulrich von Hasel geschadet haben, ich weiss es nicht.