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Moderator: Barbarossa

 
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Marek1964
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Geschichtsunterricht gestern und heute: wie er aussehen soll

22.12.2014, 19:39

Angeregt durch Lias Post im Karl der Grosse Thread, lanciere ich ein Thema, das ich auch gerne thematisieren möchte. Wie sah in der Vergangenheit der Geschichtsunterricht aus, wie sieht er heute aus, wie wird er in Zukunft aussehen?

Idealvorstellungen und Realität?

Wir haben einige Lehrer, auch eine Historikerin, einen Hochschuldozenten in der Community und sicher alles Geschichtsinteressierte, die Geschichte in mehreren Ländern hatten.



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Dietrich hat geschrieben:
Lia hat geschrieben:
Definitiv fand Karl an Gesamtschulen nicht statt, wie ich aus sehr korrekt geführten Heften zwischen den Klassenstufen 1-10. verfolgen konnte. Bei Gymnasiasten ist immerhin mehr Substanz,


Ich sagte ja oben, dass die Lehrplansthemen abhängig sind von der Schulform, für die sie erstelltv wurden. Es gibt in Deutschland keinen Gymnasiallehrplan, der das Thema "Karl der Große" nicht enthalten würde. Wie das bei Haupt- oder Gesamtschulen aussieht, entzieht sich meiner Kenntnis.

Lia hat geschrieben:
Sicher ist Personengeschichte und reine Epochengeschichte,, wie sie früher betrieben wurde, out, Mittelalter liegt vielen Kollegen und Kolleginnen eh nicht, wird allenfalls als Basis für gesellschaftskritische Betrachtungen benutzt.
(König und Adel: Böse. Bauern: Arm, aber gut. Kulturerbe: Fällt aus.


Generell wird heute im Geschichtsunterricht der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte breiterer Raum eingeräumt, als das früher der Fall war. Man kann das auch "Strukturgeschichte nennen. Dafür musste die Ereignisgeschichte Federn lassen, denn niemand wird - und kann angesichts der minimalen Stundenzahl - heute noch Antike. Mittelalter und Neuzeit lückenlos unterrichten. Das ist weder von der Stundenzahl her möglich, noch pädagogisch sinnvoll.

Stattdessen werden wichtige Kreuzpunkte der Geschichte beleuchtet, von denen aus neue Entwicklungen oder Umbrüche ihren Ausgang nahmen. Da können dann auch bestimmte historische Personen im Brennpunkt stehen, die das verkörpern: so z.B. Alexander der Große, Augustus, Dschinghis Khan, Ludwig XIV. oder Friedrich II. (immer noch). Personengeschichte alter Machart wird allerdings heute nicht mehr betrieben und vor allem auch keine Kriegsgeschichte mehr, wie noch vor 1945, wo entscheidende Schlachten im Detail analysiert oder sogar nachgestellt wurden. Aber: Viel von dem, was ich hier schreibe, gilt nur für das Gymnasium. In der Hauptschule sieht es da erheblich düsterer aus.

Lia hat geschrieben:
Wirklich, Dietrich, ich habe erlebt, dass meine Schützlinge (samt Eltern) entgeistert waren, was aus der Schule nicht kam, gekommen ist, das deutsche/ europäische Mittelalter betreffend, außer den groben Rastern wie oben.
Jetzt, in der Oberstufe wird es teilweise schwierig, diesen Teil der Allgemeinbildung nachzuholen, wenn in Sachtexten darauf Bezug genommen wird.


In der Hauptschule erschöpft sich das Mittelalter in der Strukturgeschichte, wo es im LP heißt: "Menschen im Mittealter: Bauern - Ritter auf den Burgen - die Stadt. Das sieht aber im Gymnasium ganz anders aus, denn mit Büchern für diesen Schultyp habe ich mich intensiv beschäftigt.

Lia hat geschrieben:
Ein Beispiel von vielen, und es sind durchaus gute, interessierte Schüler. Weiter:
Angelsachsen? Darum heißt England England? Wie, die Römer waren auch da? Mutter wie ich wussten zwar, dass vieles im Unterricht nicht stattgefunden hatte, aber wie abgrundtief die Lücken sind, merkten wir erst, als es bei einer großen Hausarbeit mal in die ferne Geschichte gehen musste.
So ähnlich erlebe ch es oft, wenn ich mal Fächer- übergreifend irgendetwas voraussetze- und dann erklären, erzählen muss, was mit Anspielungen etc. in Texten auf sich hat.


Man muss leider feststellen, dass das Fach Geschichte heute zu den Stiefkindern des Unterrichts gehört. Die Stundenzahl wurde im Verlauf der Jahrzehnte immer weiter herabgesetzt, sodass Geschichte oft nur noch rudimentär unterrichtet werden kann. Und wenn dann noch Unterricht ausfällt, fallen dem ganze historische Themenbereiche zum Opfer, was sich noch summieren kann.


Lia hat geschrieben:
Was die Gymnasien betrifft, sehen wir die Dinge gleich, sind uns auch einig, wie Geschichtsunterricht nicht mehr aussehen soll und wie er aussehen könnte. Zumindest im Gymnasialbereich.
Doch auch dort fehlt öfter mal die nachhaltige Verknüpfung, die auch fächerübergreifend Sinn macht. Wiederum umgekehrt fehlen simple Hinweise der Sprachler auf historische Zusammenhänge, und oft genug werden gerade Lektionen, die sich auf Geschichte beziehen, also auch so ein bisschen Landeskunde, gern ausgelassen und deren Inhalt lehrwerksfrei unterrichtet.
Was Gemeinschafts- und Gesamtschulen angeht: Düster, und auch für gymnasialfähige Schüler fällt vieles einfach weg, was einst auch Hauptschüler noch lernen mussten und auch konnten. Nicht nur in Geschichte, ab Klasse 10 wird in allen Fächern nachgeholt, was man den Hauptschülern nicht zutrauen oder zumuten konnte, damit für die Wechsler in die gymnasiale Oberstufe das Handwerkzeug da ist.
Unterrichsstunden 2 pro Woche, wieviele durch Ausfall, sei es durch Krankheit oder andere schulische Belange am Ende des Schuljahres dann wurden- kann ich traurige Lieder (aus allen Fächern) von singen.
 
Nico_Neacsu
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Re: Geschichtsunterricht gestern und heute: wie er aussehen

22.12.2014, 21:42

In jedem Falle nicht die Weisheiten eines Herrn Guido K. den Schülern übermitteln.
Nico Neacsu
 
Lia

Re: Geschichtsunterricht gestern und heute: wie er aussehen

22.12.2014, 21:43

Dietrich hat geschrieben:
Generell wird heute im Geschichtsunterricht der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte breiterer Raum eingeräumt, als das früher der Fall war. Man kann das auch "Strukturgeschichte nennen. Dafür musste die Ereignisgeschichte Federn lassen, denn niemand wird - und kann angesichts der minimalen Stundenzahl - heute noch Antike. Mittelalter und Neuzeit lückenlos unterrichten. Das ist weder von der Stundenzahl her möglich, noch pädagogisch sinnvoll.

Stattdessen werden wichtige Kreuzpunkte der Geschichte beleuchtet, von denen aus neue Entwicklungen oder Umbrüche ihren Ausgang nahmen. Da können dann auch bestimmte historische Personen im Brennpunkt stehen, die das verkörpern: so z.B. Alexander der Große, Augustus, Dschinghis Khan, Ludwig XIV. oder Friedrich II. (immer noch). Personengeschichte alter Machart wird allerdings heute nicht mehr betrieben und vor allem auch keine Kriegsgeschichte mehr, wie noch vor 1945, wo entscheidende Schlachten im Detail analysiert oder sogar nachgestellt wurden. Aber: Viel von dem, was ich hier schreibe, gilt nur für das Gymnasium. In der Hauptschule sieht es da erheblich düsterer aus.

Im Prinzip ist das auch gut und richtig so, Geschichte anders zu unterrichten als zu Dieters Zeiten und noch ein bisschen anders als zu Zeiten meiner Ausbildung. Dennoch fehlen oft komplett die Aufhänger, die Kinder und Jugendliche mehr brauchen als Du und ich- ein Caesar, ein Karl, usw.
( Mal ganz gemein: Ein 8.Klässler, Gym, hatte sich so auf Geschichte gefreut, aber für die Jungs gab es keine Ritter, für die Mädels auch keine Prinzessinnen, nichts, was als Ausgangspunkt mal spannend gewesen wäre, um im kontrastiven Arbeiten die Kehrseite erkennen zu lassen. Mehr denn je wird es schwierig, den jungen Menschen Geschichte schmackhaft zu machen, nur Strukturen und Dauer-Betroffenheit als Lernziele sind da so uninteressant wie einst tumbes Geschichtszahlen- Lernen und Persönlichkeitsverklärung.
Reine Persönlichkeitsgeschichte ist Unfug, bringt keine Erkenntnisse, aber Personen fast ganz auszulassen, wo es eigentlich leicht ist, bestimme einschneidende Ereignisse und Gegebenheiten mit Namen zu verknüpfen, ist auch fatal und macht- zumindest in Unter- und Mittelstufe das Fach inzwischen zu dröge. Muss gerade an Karlheinz Postulat denken, mehr Statistik in den Unterricht- macht den nicht unbedingt lebendiger, fassbarer, gäbe es noch mehr als sowieso schon.
Namen wie Alexander, Caesar, Karl, Friedrich den Großen, meinethalben noch den Barbarossa :wink: , Napoleon, Bismarck nicht mehr zu kennen und damit nicht zuordnen zu können, finde ich auch wieder ungut.
 
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Marek1964
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Re: Geschichtsunterricht gestern und heute: wie er aussehen

22.12.2014, 21:50

Nico_Neacsu hat geschrieben:
In jedem Falle nicht die Weisheiten eines Herrn Guido K. den Schülern übermitteln.
Nico Neacsu


Warum nicht Guido Knopp - den meinst Du wohl - wo siehst Du das Problem? Wir schätzen es hier im Forum, wenn Dinge klar beim namen genannt werden und zumindest eine gewisse Begründung haben.

Dass generell Geschichtsdokus, fürs Fernsehen aufbereitet, nicht immer alles so gut abdecken, wie beispielsweise der vielgelobte 800 Seiten Wälzer von Christopher Clark (den ich aber gerade in entscheidenden Passagen durchaus kritisch sehe), ist wohl klar.
 
Lia

Re: Geschichtsunterricht gestern und heute: wie er aussehen

22.12.2014, 23:08

Marek hat geschrieben:
Dass generell Geschichtsdokus, fürs Fernsehen aufbereitet, nicht immer alles so gut abdecken, .... ist wohl klar.

Trotzdem geben diese Dokus, gibt ja auch noch andere als die von Knopp, oft bessere Impulse als Schulunterricht, der bewusst so abstrakt, entpersonalisiert bleiben soll.
Ob wir da inhaltlich und methodisch-didaktisch nicht doch wieder zu akademisch weit weg sind, frage ich zusehends.
Weit weg von den Bedürfnissen der jungen Menschen, die ein wenig Geschichte und Kultur kennenlernen sollen- und diese als Struktur, als entfremdet, als Zahlen serviert bekommen, die wieder nicht so wirklich "menschlich" erscheinen.
Ob überhaupt noch Antike und MA wichtig sind, ist eh umstritten.
Ich denke, ja, und z.T. aber nicht nur, an Persönlichkeiten der Geschichte orientiert- oder aufgehängt.
 
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Orianne
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Re: Geschichtsunterricht gestern und heute: wie er aussehen

23.12.2014, 09:49

Marek1964 hat geschrieben:
Nico_Neacsu hat geschrieben:
In jedem Falle nicht die Weisheiten eines Herrn Guido K. den Schülern übermitteln.
Nico Neacsu


Warum nicht Guido Knopp - den meinst Du wohl - wo siehst Du das Problem? Wir schätzen es hier im Forum, wenn Dinge klar beim namen genannt werden und zumindest eine gewisse Begründung haben.

Dass generell Geschichtsdokus, fürs Fernsehen aufbereitet, nicht immer alles so gut abdecken, wie beispielsweise der vielgelobte 800 Seiten Wälzer von Christopher Clark (den ich aber gerade in entscheidenden Passagen durchaus kritisch sehe), ist wohl klar.


Ich denke, dass Guido Knopp dem deutschsprachigem Raum die Geschichte sehr nahe gebracht hat, eine Tatsache die bis zu seinem Start im TV sicher nicht optimal gelöst war, dass seine Sendungen vielleicht manchmal ein wenig trivial erschienen, ich kann es ihm verzeihen. Mein derzeit liebster Historiker ist Sönke Neitzel.

Aber zum Geschichtsunterricht kann ich sagen, dass ich Mitte der 90er Jahre einen ganz anderen Stil gelernt hatte, man zwang die Kinder und Jugendlichen nicht mehr Daten auswendig zu lernen, dazu ein paar Fakten, man brachte uns bei warum es so war, dazu die Folgen eines Ereignisses. Auch im Unterricht von heute läuft es mit Hilfsmitteln wie Bilder, Filmen u.s.w., ich fühle mich manchmal wie eine Animateurin in einem Ferienclub;-) - Aber die Kinder interessiert das sehr, man muss Geschichte auch spüren können, deshalb arbeite ich auch mit kleinen "Militärpuppen", die ich einmal in den Staaten billig kaufen konnte, die sind bei den Schülern immer noch gross im Kurs - Am meisten mögen sie Julius Cäsar und den den Tempelritter, mit seinem Kettenhemd. Wir, die nahe von Vindonissa dem heutigen Windisch sind, haben es relativ leicht die Römerzeit zu erklären, da es auch hier Kisten mit Alltagsdingen vom Vindonissa Museum in Brugg gibt, diese Kisten kann man für den Unterricht anfordern.

Bei meiner Mutter war 1918 der Geschichtsunterricht zu Ende, sie kam Mitte 1965 ins Gymnasium und hatte dort noch immer trockenen Unterricht mit Daten, und wie ich oben schrieb, fast ohne Fakten. Das erzeugte bei ihr eine gewisse Scheu vor Geschichte, deshalb studierte sie Psychologie.
Grant stood by me when I was crazy, and I stood by him when he was drunk, and now we stand by each other.

General William Tecumseh Sherman
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