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Moderator: Barbarossa

 
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Barbarossa
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Re: Das Leben: Frankreich 1781 bis 1789

04.05.2021, 16:04

So habe ich das auch verstanden. Ich finde das durchaus interessant, auch wenn mir aufgrund der vielen Dinge, die ich gerade zu erledigen habe, manchmal die Zeit fehlt, alles durchzulesen. Aber ich werde das nachholen. Mach bitte ruhig weiter.

Übrigens, neben den politischen Bedingungen, kam noch eine andere wichtige Komponente hinzu, die zur Französischen Revolution führte. Es gab 1783 starke Eruptionen auf Island, wodurch sich in ganz Europa die klimatischen Bedingungen stark verschlechterten und die einfache Bevölkerung aufgrund von Missernten hungerte. Und das über mehrere Jahre.
siehe dazu: https://scilogs.spektrum.de/geschichte- ... laki-1783/
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Kunjing
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Re: Das Leben: Frankreich 1781 bis 1789

01.06.2021, 00:07

Endlich geht es weiter:
Ich wollte erst einmal mein anderes Projekt beenden, und zwar Rezepte aus der ganzen Welt. D.h. über 4800 Rezepte aus meinem ersten Kochbuch-Programm ins neue kopieren und alles einstellen. Das hat auch mehrere Monate gedauert, da man ja nicht immer Lust und Zeit hat.
Wer Interesse hat: https://geschichte-wissen.de/foren/memberlist.php?mode=viewprofile&u=2350 unter Website: Besuchte Website

Paris, 18 Juni 1789
Gestern um halb 2 Uhr des Nachmittags hat sich der Tiers-Etat ??? auf die schon gemeldete Motion des Abbe Sner, die mit aller Beredsamkeit der Hrn. Torget unterstützt wurde, wörtlich constrituiert und sich zur Kammer des Volks, Repräsentanten , aber hier die alheimige Nationalversammlung erklärt. Während diese große Sache auf dem Taper Vorschlag zu thun, daß den Provinzen des Adels, um den Vorschlag zu thun, daß die Provinzen wegen der Bedrodtheurung (Bedrohungen) geholfen werden solle; man ließ sie warten biß die Constitultung zu Stande war; Nun traten diese Herren herein; sie fanden den Hn. Bailn, Präsident der Gemeinen allein an seinem Tische, der zu ihnen sagte:
“Meine Herren; Mir ißt von Seiten und Namen der Nationalversammlung aufgetragen, ihnen zu erklären, daß alle adeliche Mitbürger (nobles citoyens), die mit ihren Vollmachten in der Hand sich einstellen werden, unter dieselbe aufs willfahrigste ???? sollen aufgenommen werden.”
Er sprach, und die Herren giengen ab ohne ein Wort zu sagen. Von da begaben sie sich zum König, der sie, wie man sagte, nicht so wie sie erwartet, aufgenommen hat. Seine Majestät stellten ihnen vor, daß ihr letzter Schluß so voll Widersprüche wäre, daß alle Aussöhnung durch ihre Schuld unmöglich geworden sei.
Der große Volksfreund, Herzog von Orleans, sprach in der Versammlung des Adels, um diesen Stand auf bessere Grundsätze zu bringen, mit solchem Nachdruck, und einer solchen Heftigkeitt und Hitze daß er krank wurde, man mußte ihn in seinen Wagen tragen. Sein Stand legt auf ihn den öffentlichen Fluch, wenn er sich einfallen ließe, sich zu dem Tiers zu schlagen; man mißhandelte ihn gräßlich in Reden; er bleibt unerschüttert in seinen Grundsätzen; er fürchtete sich nicht. Man gewährte alle Augenblick zu vernehmen, daß er, sobald er sich wieder erhohlt, mit 40 biß 50 Edelleuten die von gleichen Gesinnungen, wie er sind, zu den Repräsentanten der Nation übergegangen sein wird, mit welchen vorgestern über 25 Pfarrer sich vereinigt haben. Die übrigen Pfarrer werden diesem Beispiel ihrer Amtsbrüder schlechterdings folgen müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, den der Zurückkunft ??? in ihrer Pfarrspiele von ihren Committenten sehr übel empfangen zu werden.
Die erste Aere der Gouverainetät, welche in der Nationalversammlung durchgegangen, war die Aufhebung aller Auflagen; und angeblich darauf wurde deren Fortdauer wieder beschlossen, aber nur biß zu Ende der gegenwärtigen Versammlung, die während ihrer Sitzung andere, constitutionsmäßige, sicherere und weniger drückende ausmitteln wird……
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505364_00589_u001/1

Paris, 21 Juni 1789
Der Herzog von Orleans hat am Donnerstag eines erhabenen Augenblicks genossen. Alle Welt, welche um die Zeit der Promenade sich im Garten (von Palais Ronal) befand, umand ihn so bald er erblickt wurde, und schrie: Bravo! Es lebe der Herr Herzog von Orelans! Man begleitete ihn biß an die große Treppe seines Pallastes , indem man ihm Glück und Segen dafür wünschte, daß er in der Versammlung seines Standes, dem Tiers-Etat ??? das Wort geredet und sich unglaubliche aber leider vergebliche Mühe gegen dem Adel Gesinnungen der Eintracht beizubringen. Alles ist Feuer und Flammen. Der Eifer des Herzogs ist übel aufgenommen und er dafür mit schrägen Worten behandelt worden. Um ihn dafür zu trösten, und den stolzen Adel noch mehr zu ärgern, empfing das Volk diesen Prinzen so wohl.
Er ist noch immer entschlossen, zu der Nationalversammlung mit 50 bis 60 Deputierte seines Standes überzugehen. Der Himmel gebe, daß seine mißliche Lage ihn nicht hindere, den Eingebungen seines großmüthigen Herzens zu folgen; Denn ist der Herzog von Orleans einmal mit der Majorität der Deputierten der Nation vereinigt, und sitzt er einmal unter ihnen; so können unfehlbar die andern nicht länger sich sträuben abwesend zu bleiben. Er hat seinem Stand des Montags Zeit sich zu entschliessen gegeben; nach diesem Tag wird er seinen Entschluß fallen, und der wird sein, wie man’s wünscht….
…. N .S. Diesen Augenblick erhalten wir von Versailles die angenehme Nachricht, daß die Geistlichkeit durch eine Mehrheit von 141 Stimmen gegen 127 sich mit dem Tiers-Etat ??? vereinigt hat. Diese Ereigniß hat in der Versammlung die lebhafteste Freude verursacht; man umarmte, küßte und herzte sich, und sagte einander alles Verbindliche; man benachrichtigte den Adel hiervon, und lud ihn ein, einem so schönen Beispiel zu folgen, und hoffte man jetzt alles von seiner Edelmuth….
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505364_00593_u001/1

23. Juni 1789
General Lieutenant Graf Rochenbean ist zum Oberbefehlshaber der Provinz Elsas ernannt worden. Man sagt: Baron Flarlanden werde zweiter Befehlshaber werden. - Der König hat den seinem Hofstaat für jährliche 3 Millionen und 786.000 Livres hofämter abgeschaft, z.B. den Groß Falkenier mit 300.000 Livre Besoldung, 3. Kapitains der Reiger-Geier z. Jagd mit 110.000 mit 90.000 und 50.000 Livres jährlicher Besoldung.
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00639_u001/1

24. Juni 1789
Gestern, gegen halb zwölf Uhr, kam der König mit dem Prinzen vom Geblüte unter einer Bedeckung von 800 Mann und der Leibwache nach dem Versammlungssaale der allgemeinen Stände. Seine Majestät eröffneten die Sitzung, indem Sie den Herren von Barentiu und von Villedeuil den Auftrag gaben, den anweisenden 3. Ständen Ihre Befehle und Vorträge kund zu machen, nemlich: daß Allerhöchstdieselbe alles, was seit dem 6. Mai bis zum 23sten dieses durch die 3 Stände geschehen ist, für null und nichtig erklären; Sie befehlen, daß die Vollmachten gemeinschaftlich untersucht werden, und in allem, was die Gesetzgebung und den Geldantheil aller und jeder Deputierter betrifft, Mann für Mann, hingegen in jenen Sachen, welche auf die Ehre und Vorrächte einigen Bezug haben, jeder Stand für sich bestimmen soll.
Ferner verbieten Seine Majestät den Ständen, sich mit der Armee und demjenigen, was die Pflichten und die Zucht des Soldatenstandes betrifft, abzugeben, und erklären zugleich, daß Sie von allem, so in den Berathschlagungen der Stände ausgedrückt wäre, Einsicht genommen hätten…
Dieser Vortrag hat der Nationalversammlung deutlich genug zu verstehen gegeben, daß man Willens ist, dieselbe aufzuheben, falls sie nicht gehorchen wollte. Die Sitzung dauerte nicht volle 20 Minuten, indem der König um die Mittagszeit wieder auf dem Schloße zurückgekommen war. Als der Monarch aus dem Versammlungssaale trat, befahl Er, die Sitzung aufzuheben. Der Adel und die mindere Anzahl der Kleriken folgten Ihm; die Nationalversammlung hingegen setzte die Sitzung fort, und, als der Marquis von Breze ihr den Befehl des Königs überbrachte, daß sie auseinander gehen sollte, so erhielt er zur Antwort, daß, da sie sich über die Angelegenheiten der Nation befürchten, sie nicht gestört werden dürften. Gleich darauf kam der Graf von Agonit mit dem nemlichen Auftrage; er erhielt aber auch die nämliche Antwort und nachgehends ward sogar beschlossen, das derjenige, welcher irgend einem von den Deputierten in dieser Eigenschaft etwas in den Weg legen würde, für insam, und als ein Verräther des Vaterlandes gehalten und als ein solcher ihm von der Nationalversammlung die Strafe zuerkannt werden sollte. Als der König gegen 5 Uhr Abends von Marln zurückkahm, wo Er einige Briefschaften geholt hatte, zeigte sich ihm eine ungeheure Menge Volkes, welcher Recker ! Recker ! Recker ! rief. Dieser hatte zuvor seine Entlassung genommen, und man glaubte, der Prinz Conti würde erster Minister werden. Nun ließ die Königin den Herrn Recker rufen, welcher sich in seinem Hotel mitten unter einer Menge von Abgeordneten des 3ten Standes befand. Der Minister gehorchte. Von der Königin gieng er in das Kabinet des Königs, wo er sich von 7 bis halb 9 Uhr mit dem Monarchen unterhielt Nach dieser Audienz kam er wieder zu denjenigen, welche ihn in seinem Saale jenigen, welche ihn in seinem Saale erwarteten, und sagte: “Meine Herren, seid nur ruhig, ich bleibe Minister, so eben hat mich der König mit Güte überhäuft.” Der Monarch sah wohl ein, daß der Schritt, wozu man ihn bewogen hatte, sehr unangenehm war.
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00647_u001/1

Schreiben aus Paris, 25. Juni 1789
Ich weiß die Ausdrücke nicht zu finden, um Ihnen die Niedergeschlagenheit, Schmerz, und beinahe Verzweiflung zu schildern, welche die nach der gehaltenen königlichen Sitzung vorgestern Abend aus Versailles angekommenen Nachrichten verursacht haben. Innerhalb einer Stunde versammelten sich mehr als 1000 Menschen an dem Palais-Royal, welche sich äussersr dringend um das Resultat dieser Sitzung befragten, und da sie es vernahmen, ein so schreckliches Mißvergnügen äusserten, daß man den Augenblick des Ausbruchs eines allgemeinen Aufruhrs in der ganzen Stadt zu sehen glaubte. Glücklicherweise erfuhr man bald, daß die Sachen nicht in einer so verzweiflungsvollen Lage seien, wie man sie anfänglich angegeben hatte; denn wie die ersten Nachrichten lauteten, so war von nichts weniger die Rede, als von Verbannung der Deputierten des dritten Standes, Gefangenennehmung einiger von ihnen, Cassierung aller ihrer Entschlüsse, Abdankung des Herrn Reckers, Erhebung des Herrn von Espremenil ??? zur Großsiegelbewahrerstelle, zu Gunsten des Prinzen von Conti, nebst noch mehreren mehr oder weniger unangenehmen Veränderungen.
Aber von allem diese, hatte sich nichts bestätigt, und so, wie immer nach und nach mehrere Personen von Versailles ankamen, so wurde man eines besseren belehret, die Gährung verschwand nach und nach, und man tröstete sich, als man um Mitternacht vernahm, daß Herr Recker seine Stelle behalte…..
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00651_u001/2
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Kunjing
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Re: Das Leben: Frankreich 1781 bis 1789

06.06.2021, 09:47

Paris den 28. Juni 1789
Seit gestern ist enflich, dem Himmel sei Dank ! die Vereinigung aller 3 Stände vor sich gegangen; gestern Abend um 4 Uhr sind die Deputierten des Adels, und der Geistlichkeit in Nationalsaal, wo die vom Burgerstand schon versammelt waren, erschienen, aber diejenigen unter ihnen, die bisher sich der Vereinigung am heftigsten wiedersetzt hatten, traten mit niedergeschlagenen Augen in den Saal. Gewiß, es war die höchste Zeit, daß einmal diese Vereinigung geschähe. Das Volk war aufs höchste aufgebracht, und die Regimenter, vorzüglich die Schweizerregimenter erklärten laut, daß sie auch bei dem strengsten Befehl gegen keinen Bürger Gewalt brauchen würden. Äußerst rührend waren unter dessen die Auftritte vor dem königl. Pallast in Versailles. Denn das Volk, auf die Nachricht, daß die 3 Stände sich vereinigt hätten, strömte von Freude trunken vor den Pallast, und rief unaufhörlich: Es lebe der König ! Es lebe die Königin ! Man schätzt die Menge auf 25000 Menschen. Auf dieses Jubelgeschrei erschien der König, mit der Königin auf dem Balkon. Beiden strömten Wonne Thränen aus den Augen. Die Königin war im Pudermantel, mit ausgekämten Haaren, und lehnte ihren Arm auf die Achsel des Königs. Von da gieng der Strom des Volks vor den Pallast des Herrn Neckers. Anfänglich winkte er immer mit der Hand, und gab dem Volk durch Zeichen zu verstehen, daß dem Volk durch Zeichen des verstehen, daß dem König diese Ehre erwiesen werden müßte. Als aber einer mit lauter Stimme schrie: daß man so eben vom königl. Pallast herkäme, so ließ sich Herr Necker den Zuruf des Volks gefallen.
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00659_u001/1

Paris den 30. Juni 1789
Heute, da alle Stände vereint beisammen sitzen, hört man schon Wirkungen ihrer Verhandlungen. Eine der ersten war der Befehl alle Kornwucherer in Frankreich aufzusuchen und sie zur Strafe zu ziehen. Schon sind alle Strafen mit Korn besetzt, die von den Getreidebesitzern der Nachbarschaft auf die Märkte geliefert werden.
Man sagt, die Französische Garde habe sich verschworen, bei keiner Gelegenheit ihr Gewehr wider die Nation zu gebrauchen. Die andern um Paris liegenden Regementer haben gleichen Eid geschworen, und von den Besatzungen der übrigen Stände will man gleiche Nachricht habe. Der Graf von Affri bot sich gegen den Grafen von Artois erklärt, die 13 Schweizer-Kantons wollten nicht leiden, daß ihre in französischen Solde stehenden Regimenter gegen das Volk, von welchem sie bezahlt werden, Krieg führten, zumal da es in ihrem Vertrage stünde, daß sie im Fall eines Bürgerkriegs abgehen sollten.
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00667_u001/1

Paris den 30. Juni 1789
Eine ganze Nation, die gewohnt war, einem einzigen Oberhaupte zu gehorchen, übernimmt die oberste Gewalt; ein Monarch, der zwischen dem Interesse seines Volkes, und seiner eigenen Macht wankte, zieht das erstere dem letzteren vor; ein Volk erhält seine so lange Zeit unterdrückte Spannkraft wieder, dieß ist vielleicht das Wichtigste in unserer Geschichte. Die Zeitungen haben der Vorfälle erwähnt, die innerhalb 5 bis 6 Tagen mit einer ausserordentlichen Geschwindigkeit auf einande gefolgt sind, und die uns den Gräueln eines Bürgerkriegs hätten aussetzen können, wenn wir einen einen Monarchen gehabt hätten, der nicht so der ???? seines Volks gewesen wär, wie unser jetziger Souverain…..
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00671_u001/1

1. Juli 1789
…. 30. Juni… An eben diesen Tage, den 30sten, war allhier ein großer Lärm; das Volk lief gegen 7 Uhr Abends haufenweise nach dem Gefängnisse der Abtei St. Germain des Pres; über 4 tausend Menschen forderten die Kerkermeister auf, die Thüre zu eröffnen, und, da sich dieser weigerte, so holten sie Hacken, Brecheisen und andere Instrumente herbei; schlugen und brachen alles entzwei,
und befreiten alle Gefangene, worunter sich auch Deserteur befanden. Endlich erschien ein Kommando Dragoner, um Ruhe zu schaffen, dem die Bürger aber antworteten: Ihr sehet ja, daß wir uns wegbegeben. Das Volk hatte seinen Zweck erreicht, folglich war alles ruhig….
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00675_u001/1

Paris, den 3. Juli
Die von der Nationalversammlung an den König abgesandte Deputation in Betreff der aufwieglerischen gefangen genommenen, nachher aber mit Gewalt befreiten französischen Gardisten ist von dem König sehr gut aufgenommen worden, mit dem Beifügen: er werde seine Willensmeinung darüber zu erkennen geben. Man glaubt überhaupt, daß die französiche Garderegimenter in Provinzen werden verlegt werden….
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00681_u001/1

5. Juli 1789
Zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe hat der Herr Marschall von Broglin die Oberbefehlshabung der in der Isle de France vertheilten Kriegsvölker erhalten. Nur die innere Schloßwache zu Versailles ist davon ausgenommen. Man zählet gegenwärtig bei 30000 Mann lauter Deutsche und Schweizer, welche in der Nähe von Paris und Versailles versammelt sind.
Nach gewissen Berechnungen kostet die Versammlung dem Staate monatlich 62 Millionen Livres. Es ist daher sehr zu wünschen, daß alle Hindernisse gehoben, und die Geschäfte derselben eben so leicht und beschwind als glücklich beendiget werden mögen. Indessen ist der königl. Schatz bis auf weitere Befehle geschlossen, so daß weder die Pensionisten, noch diejenigen, welche Leibrenten ziehen, etwas erhalten. Ohne ein neues Aufnehmen von 80 Millionen weis sich der Hr. Finanzdirector nicht mehr zu helfen, nachdem für die letzten 8 Monate dieses Jahres schon 172 Millionen zum voraus eingenommen worden sind.
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00689_u001/1

Paris den 8. Juli 1789
In der vorgestrigen Sitzung der Nationalversammlung ward ein Ausschuß ernannt, welcher sich blos damit beschäftigen soll, daß er patriotische Artikel zur Beschaffung einer feierlichen Konstituzionsakte in eine Denkschrift zusammenträgt. Aus dieser Konstitutionsakte werden vermuthlich in der Folge die größten Ereignisse entspringen, welche das Wohl oder Weh Frankreichs auf ewig bestimmen dürften. Man sagt nicht, daß die Minister in diesem Betrachte mit der Nationalversammlung übereinstimmen. Auch will man nicht, das Paris, so wie eine große Anzahl anderer Städte das Recht wieder erhalte, die Bürgerkompagnien in Thätigkeit zu setzen, weil dieser neue Gebrauch die Nation zu militärisch stimmen würde. Indessen steigt unter unserm Soldatenstande die Unordnung aufs höchste. Täglich ereignen sich bei demselben die ärgerlichsten Auftritte. So schlugen sich am 6sten 12 Grenadiere von der französischen Leibgarde mit 16 Husaren von Berchini im Angesichte einer Menge Volkes. Einige Bürgersleute, denen die ungleiche Zahl der Streitenden auffiel, mengten sich unter die Gardisten; daher kam es also, daß ein Schreinerpursch durch einen Säbelhieb die Hand verlohr, und ein anderer Handwerker zwerch durch den Leib gehauen ward. Dagegen wurden 3 Husaren getödtet und verschiedene verwundet. Tages vorher hatten die berchiner Husaren einen Mann von der französischen Garde niedergehauen, und das mag wohl in dem Streite Anlaß gegeben haben. Übrigens sind diese leichte Truppen zu Versailles ganz verhaßt, seitdem sie nämlich 2 verkleidete Soldaten arretirt und dieselbe in den Kerker geführt haben. Das Regiment sah sich also gezwungen, gestern abzumarschieren, weil es Gefahr lief, entweder durch das Garderegiment oder durch das Volk selbst aufgerieben zu werden. Gestern sollten 5 Regimenter in dem Martisfelde bei der königl. Militairschule ein Lager beziehen. Ein zweites steht in der Ebene von Grenelle und ein dies auf dem Sablonsplatze. Die 3 Lager machen ein Korps von 16.000 Mann aus, und werden durch eine fürchterliche Artillerie gedeckt. Es heißt, jedermann habe die Freiheit, in den Linien spazieren zu gehen, um zu sehen, daß eine fürchterliche Macht in Bereitschaft stehe, den dem mindesten Aufruhr mit gewaffneter Hand zu erscheinen. Das Ministerium streuet aus, diese militairische Aussichten sein blos dazu bestimmt, jenen aufrührischen Haufen zu bändigen, welcher nichts zu verlieren hat, sondern vielmehr in dem großen Unordnungen alles zu gewinnen sucht. Bei dem allem giebt es hier Leute, welche sich von den 3 Lagern viel Vergnügen versprechen. Dem sei nun, wie ihm wolle, so wird doch eine Menge Pulver und Kugeln dahin geführet. Es scheint, als wolle der König mitten unter einem großen Kriegsherr einen Gerichtstag halten, um seinen Vorträgen destomehr Gewicht zu geben; man behauptet aber, die Abgeordneten des dritten Standes sein fest entschlossen, sich lieber aufzuopfern, als dem aristocratischen Einflusse nachzugehen.
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00695_u001/1

Schreiben aus Paris vom Sonntag den 12. Juli 1789
Was jeder Vernünftige, und Sachverständige schon lange befürchtete, ist endlich gestern eingetroffen. Der Liebling des Volks, die Hoffnung aller, die französischen Leibrenten ziehen, Necker (https://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Necker) – ist nicht mehr Minister der Finanzen. Gestern Nachmittags erhielt er einen königlichen Verbannungsbrief, und reißte noch in der Nacht von Versailles ab. So bald diese Nachricht heute Früh in Paris sich verbreitete, entstand in allen Gegenden der Stadt ein fürchterlicher Auflauf des Volks, und seit einigen Stunden hat es bereits traurige Auftritte zwischen dem Militaire und dem Pöbel gegeben. Man befürchtet hier, und in den Provinzen, schreckliche Szenen. Die Scoutierkasserste sich unter diesen Umständen nicht mehr lange halten. Die Staatspapiere sinken mit jeder Stunde. Die Post geht ab. Ich muß schließen.
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00699_u001/2

Frankreich.
(Von den fürchterlichen Auftritten in Paris und Versailles, welche die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich ziehen, und die in der französischen Geschichte ein Hauptepoche machen werden, sind wir heute im Stande, vom 10. bis 16. Jul. ein sehr interessantes Journal zu liefern, um das zu ergänzen, was bereits in unsern Zeitungs-Blättern davon gemeldet worden.)
Den 10. Jul. Der König hält verschiedene Konferenzen, wobei seine Brüder sich einfinden.
In der Reichsversammlung wird der Entschluß gefaßt, alle Ausgaben und Einnahmen des Reichs einem eigenen Finanzkollegium von 64 Männern zu unterwerfen. Dazu sollen nemlich 1 Abgeordneter aus jeder Kammer und zu diesen 30 Abgeordnete von jeder der 34 Generalitäten, worein Frankreich in Absicht auf seine Finanzen getheilt ist, 1 Abgeordneter erwählt werden. Diese 64 Männer sollen nach einem bleibenden Fuß alle Finanzen verwalten. Ein wohl getroffener aber schmelzender Schlag für alle die, so die Reichs Einkünfte um ihres eigenen Vortheils willen gerne in der Verwirrung sahen.
Den 11. Jul. Necker erhält den Befehl sogleich das Land zu verlassen, unmittelbar nach einem Zwist, der sich wegen seiner Weigerung, die rückständigen Zinsen und Schulden des Grafen von Artois unter die ausserordentliche Ausgaben des Staates aufzunehmen, erhob.
Den 12. Jul. Man erfährt Mittags, daß Necker entlassen und Graf Artois Bruder des Königs daran Schuld sei. Ein allgemeiner Unwille des Volks erhebt sich gegen diesen und die ihm gleich gesinnte Ministers und zugleich gegen die Schweizer und deutsche Soldaten die man um den Thron zu umlagern und gegen die Nation zu schüzen herbei gerufen hatte. Um 7 Uhr Abends hörte man die ersten Kanonenschüsse von dem Platz Ludwig XV. In weniger als einer Stunde waren mehr als 100.000 Menschen mit Säbeln, Flinten, Prügeln, brennenden Fackeln usw. bewaffnet. Sie liefen gleich Rasenden durch die Strassen, erhoben ein fürchterliches Geschrei und zwangen junge Leute sich zu ihnen zu gesellen. Sie fielen über das Reiterregiment Royal Allemand her, erschlugen mehr als 30 derselben nicht sowohl aus Haß gegen diese deutsche Reiter, als vielmehr gegen ihren Obristen den Herzog Karl Eugen von Lotheringen und Fürsten von Lambesc, der es sich zum Geschäft macht, Alles was nicht hoher Adel heißt, als Kanallie zu behandeln. Schon wollte man Feuer in seiner Wohnung legen, als man erfuhr, daß solche nicht dem Prinzen sondern dem König gehöre, und deshalb es unterließ. Fällt seine Person in die Hand der Unzufriedenen, so ist er verloren. Jedermann war im größten Schrecken wegen des unabläßlichen Kanonenfeuers.
Den 13. Jul. Alle Kassen, Kaufmannsbuden und mehrere Marktplätze sind geschlossen.
Die Bestürzung ist allgemein.
Die Menge Volks will mitten durchbrechen, um das Schloß zu Versailles anzuzünden. Sie erwartet 30,000 junge Bretagner, ohne die Normannier zu zählen, welche letztere, kommen um die Nationalversammlung zu beschützen, die sich nicht getrennt hat.
Man erbricht das Kloster St. Lazarus, findet sehr viel Mehl darin, führt es auf den Kornmarkt und auf jedem Wagen 2 Geistliche des Klosters zur Begleitung.
Wer nicht eine grüne Kokarde, die von dem rasenden Haufen zum Nachtheil und Verdruß der Gutdenkenden aufgebrachte Farbe des Bürgerstandes, trägt, wird mishandelt. Alle Prinzen, selbst auswärtige Gesandten und ihre Dienerschaften, stecken zur Sicherheit ihres Lebens grüne Kokarden auf.
Die Dragoner und die Reiter des Regiments Royal Allemand werfen die Waffen weg. Die Empörer tragen die Hüte der erschlagenen deutschen Reiter auf ihren Köpfen.
De la Galaiziere wurde von dem König zum Generaldirektor der Finanzen, Breteuil zum Chef des königl. Raths der Finanzen ernannt. Bidond de la Tour erhält das Contentiose, Herzog de la Baugunondte auswärtige Geschäfte, von Broglis das Kriegsfach, Foulon ist ihm untergeordnet, und de la Porte erhält das Seewesen.
Der Bürger, dem Prinz von Lothringen Lambesc den Kopf spaltete war ein 75jähriger Greis.
Den 14. Jul. Von allen Seiten gehen aus Provinzen Nachrichten von fürchterlichem Aufstand, und Bewafnung der Bürgerschaften ein. Die Bastille in Paris wird gestürmt, und der Gouverneuer derselben de Launan, und der Prevot der Kaufleute, der Graf von Fleselle auf öffentlichem Gerüst, als Verräther der Nation enthauptet.
Den 15. Der König, von dem schrecklichen Zustand seiner Hauptstadt Paris, seiner Residenzstadt Versailles, und der ganzen Monarchie benachrichtigt, von den treulosen Rathgebungen seiner Hofleute überzeugt, von der fürchterlichen Gefahr, die über ihm, der königl. Familie und dem ganzen Hofe schwebt, beunruhigt, und gemartert, faßt auf Eingeben einiger redlicher Männer, die keine Hofleute sind, den Entschluß sich selbst in die Reichsversammlung, oder Versammlung der Generalstaaten zu begeben. Er geht Mittags ganz allein, ohne alle Pracht, in einem fimolen Auszug nach dem Reichssaal. Der König tritt in die Versammlung wieder alles Erwarten ein, er setzt sich auf den Thron, und hält due unten folgende Rede. Kaum ist sie geendigt, so erhebt sich unter der ganzen Versammlung die einhellige Stimme: Es lebe der König. Die Glieder der Reichsversammlung eilen, dem Volk, das vor dem Saal in unzählbarer Menge harrt, die fröhlichen Aeusserungen des Königs, zu hinterbringen. Der König geht aus dem Reichssaal heraus, ohne Wache, ohne Höflinge, zu Fusse, begleitet von den Reichsständen. (Generalstaaten) das Volk ist vor Freude ausser sich, die Luft ertönt von Vive le Roi ! der Zug des Königs dauert anderthalb Stunden. Der Monarch wird durch die Aeusserungen der Liebe und der Zuneigung seines Volks bis zu Thränen gerührt. Von der heftigen Rührung ermattet, stützt er sich anfänglich auf die Arme einiger Glieder der Generalstaaten, dann aber wird er im Triumph in die Höhe gehoben, und bis vor das königl. Schloß (in Versailles) auf den Händen getragen. Die Königin ist mit ihren 2 Kindern auf dem großen Balkon des Schlosses, sie hält dieselbe auf den Armen benetzt mit Thränen und weint laut vor Freuden bei dem Anblick des Königs. Der Monarch kommt im Schlosse an, wird die Treppen hinauf getragen, begiebt sich auf den Balkon, und genießt noch eine Stunde lang am der Seite der Königin den Anblick eines vor Wonne taumelnden, und Freudetrunkenen Volkes.

Rede des Königs, gehalten am 15. Jul. Mittags in dem Saal der Generalstaaten.
Ich habe Sie, meine Herren, versammelt, um über die wichtigsten Staatsangelegenheiten Ihren Rath zu vernehmen. Kein Gegenstand beklemmt und betrübt mehr mein Herz, als die in der Hauptstadt entstandene Unordnungen. Der Chef der Nation komt mit Zutrauen mitten unter die Representanten seines Volks, entdeckt ihnen seinen Kummer, und ladet sie ein, die Mittel ausfindig zu machen, um Ordnung und Ruhe wieder herzustellen. Ich weiß, man hat ungerechte Meinungen gefaßt, man hat sogar vorgegeben, daß selbst eure eigene Personen nicht mehr sicher seien; aber solche strafbare Gerüchte, die schon durch meinen bekannten Charakter widerlegt sind, verdienen keine weitere Widerlegung, Wohlan, meine Herren, ich mache mit der Nation nur ein Ganzes aus! Ihnen vertraue ich mich an ! helfen Sie mir in der gegenwärtigen Lage das allgemeine Beste berathen. Ich erwarte dieß von der Nationalversammlung. Der Eifer der Repräsentanten meines Volkes für das allgemeine Beste vereinigt, ist mir Bürge dafür. Und weil ich auf die Liebe, und auf das Zutrauen meiner Unterthanen rechne, so habe ich den Truppen Befehl gegeben, sich von Paris und Versailles zu entfernen (welches bekanntlich die Reichsstände zuvor durch eine Deputation verlangt hatten.) Ich gebe Ihnen auch Vollmacht diese meine Gesinnung meiner Hauptstadt Paris bekannt zu machen.
So hätte ich also der König in die Arme der Reichsstände geworfen. In dieser, als der Volks-Repräsentanten, Händen, ist das Schicksal Frankreichs. Der Schritt, den der König that, macht seinem Herzen, und seinen Rathgebern Ehre; und er war das nächste und treffendste Mittel, um Frankreich vom drohenden Untergang zu retten. Aber noch ist weiter nichts gethan, als die Ruhe wieder hergestellt, die vielen und großen Gegenstände, welche die Berathschlagung der Reichsstände ausmachen sollen, sind noch nicht erörtert: Neckers Schicksal und Verbannung von diesen noch nicht gut geheissen, die Rebellion in den Provinzen, noch nicht gefüllt, lauter Punkte, dies erst die Zukunft aufklären wird.
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00711_u001/1

Weitere Berichte zum 14. Juli 1789:
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505155_00715_u001/2
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10505364_00673_u001/1
https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10018170_00051_u001/1

Hiermit beende ich nun diese Interessante Reise durch die Vorläufer der Revolution. Ich hoffe Ihr hattet Spaß !
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Re: Das Leben: Frankreich 1781 bis 1789

06.06.2021, 09:56

Es war eine Aufregende Zeit, und ich selbst würde gern die ganzen Segelschiffe gesehen haben, die im Hafen entstanden, um später in den Krieg zu gehen. Der Anblick mußte erhaben gewirkt haben.

Das Leid der Menschen hat mich tief gebrochen, wo die Eltern mit Ihren Kindern auf einer Brücke standen, sich die Eltern umarmten und geküsst hatten. Dann vor den Augen ihrer Kinder in den Tod sprangen. Was wohl die Kinder zu dem Zeitpunkt fühlten.

Das einer klaute, um Kohle kaufen zu können, das er es warm hatte, und wo der Soldat ihm folgte, und am nächsten Tag ihm was gutes tun wollte, aber nur seine Leiche fand.

All das ist sehr leidvoll, und man erfährt es nicht, in den heutigen Wissenschaftlichen Berichten. Aber dies macht es aus, warum ich die Zeitungen lese. Auch der Junge, der Veräzt wurde, als er etwas, wohl aus Unwissenheit, was aufsammelte, dann vom Pferd fiel und im Fluss landete, und es zur Reaktion kam.

Das Lustigste war meiner Meinung nach der entführte Maurer, der eine Leiche einmauern musste.

Wie empfandet Ihr es ? Habt Ihr was gelernt, was ihr noch nicht gewusst habt.
Eines meiner Lieblingszitate:

"Ihr Menschen seid erstaunlich, in einer Welt voller Wunder, habt Ihr es geschaft, die Langeweile zu erfinden !"
Terry Pratchett