Waterloo

Robespierre, Danton, Umsturz, Ancien Regime, Napoleon, Kaisertum, Französische Kriege

Moderator: Barbarossa

Cherusker
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Fast jeder kennt die Schlacht von Waterloo, die am 18.Juni 1815 stattfand. Hier standen sich anfangs Napoleon mit seiner fast ausschließlich französischen Streitmacht gegen Wellington mit der englischen Streitmacht und seinen Verbündeten gegenüber. Napoleon hatte durch seine Flucht aus dem Exil auf Elba Europa wieder in einen Krieg gestürzt. :shock:
Nachdem Napoleon kurz vor Waterloo ein Gefecht gegen die Preußen für sich entscheiden konnte, glaubte er, daß die Preußen hastig gen Osten verschwinden werden. Zur Verfolgung schickte er Marshall Grouchy mit einer großen Streitmacht hinterher. Napoleon selbst wollte Wellington bei Waterloo stellen und ihn durch an einen raschen Angriff an einer Flucht (dann übers Meer) zu hindern. Napoleon verfügte über 74000 Soldaten, während die Armee Wellingtons 68000 Mann betrug. Aber die französische Armee hatte einen wesentlich höheren Tauglichkeitsgrad. :!: Somit war Napoleon sich siegesgewiß, wenn er die englische Armee mit einem Frontalangriff vernichten würde. :wink:
Wellington selbst hoffte auf das Erscheinen der Preußen, die sich durch einen Trick (Marschrichtung in einem großen Bogen) den französischen Verfolgern erledigten. Er positonierte einen Teil seiner Streitkräfte hinter einem Hügel (Mont St.Jean) in Karreeform. Der Rest stand vor dem Hügel und rechts beim Schloß Hougoumont (das verteidigten die Nassauer) und direkt vor dem Hügel lag in einer Senke der Meierhof La Haye Sainte. Dessen Verteidigung war Aufgabe des 2. leichten Bataillons der Könglich Deutschen Legion (KGL= King German Legion). Sie wies eine Truppenstärke von ca. 400 Mann auf. Die KGL hatte unter der Führung von Georg Baring die Gebäude (Wohnhaus, Stall und Scheune), sowie den Obst- und Küchengarten besetzt.
Napoleon begann mit einem Scheinangriff auf das Schloß Hougoumont, um dann mit der Hauptstreitmacht frontal Wellington anzugreifen. Um aber dahinzukommen mußte er an La Haye Saint vorbei und seine Truppen hatten den Auftrag den Meierhof schnellstens zu erobern.
Beide Feldherren, Napoleon sowie auch Wellington, waren sich anfangs der Bedeutung von La Haye Saint nicht bewußt. :mrgreen:
Und gerade Napoleon hat seine Niederlage in Waterloo diesem Gehöft zu verdanken. Die KGL kämpfte stundenlang verbissen und mit großem Heldenmut gegen eine vielfache Übermacht. Baring selbst ritt auf einem Pferd (es wurden ihm etliche unter dem Hintern weggeschossen :mrgreen: ) durch den Obstgarten und gab seinen Männern Befehle. Aber bald kam es zu vielen Zweikämpfen und als der KGL die Munition ausging, gab Baring den Rückzugsbefehl und die Aufgabe des Meierhofs. Aber das geschah erst nach 3 französischen Großangriffen und es war bereits nach 19 Uhr und die ersten Preußen erschienen auf dem Schlachtfeld. Wellington soll den Ausspruch geäußert haben: Ich wünschte es wäre Nacht oder die Preußen kämen.... Baring kämpfte bis zu letzten Patrone, aber nicht bis zum letzten Mann.
Napoleon selbst glaubte es kaum, daß seine Armee es stundenlang nicht schaffte den Meierhof zu erobern. Er glaubte, daß dort eine Division, also über 1000 Mann gegen ihn kämpften, dabei war es nur das 2. leichte Bataillon der KGL mit noch nicht einmal Sollstärke.
Der Heldenmut der KGL und der dadurch aufgehaltene französische Hauptangriff waren schlachtentscheidend. Wäre La Haye Saint früher eingenommen worden, dann hätte Napoleon gewonnen. Dies wurde bisher in der Literatur zuwenig gewürdigt. Erst in neuerer Zeit hat man (besonders der Engländer Brendan Simms) die Ereignisse der Schlacht bei Waterloo anhand der Berichte (auch unveröffentlichte) neu bewertet. Simms kommt zu der Ansicht, daß die Schlacht in der Schlacht um La Haye Saint wesentlich bedeutender war als das allgemein üblich angenommene Gefecht um Hougoumont.

Bemerkenswert ist noch der einfache KGL-Soldat Friedrich Lindau, der aus Hameln stammte und der aufgrund seines Hasses gegen Napoleon (das starke Hamelner Fort hatte sich damals kampflos ergeben) einen "Privatkrieg" führte. :mrgreen: Trotz etlicher Verwundungen, u.a. 2 Kopfschüsse, kämpfte er verbissen weiter und als Baring ihm befahl er solle sich ins Lazarett begeben, kam nur die Antwort: "Ein Hundsfott, der Sie verlässt, solange der Kopf noch oben ist!" Lindau hat einen Schluck Rum genommen, Rum auf den Verband und seine Kopfwunde gegossen und den Tschako aufgesetzt und weitergekämpft. Nachdem Lindau keine Munition mehr hatte, kämpfte er mit seinem Hirschfänger und dem Gewehr als Schlagwaffe weiter. Lindau selbst wurde im Hof von Franzosen umringt. Mit dem Gewehrkolben verteidigte er sich als ein Franzose ihn packte und es zu einem Ringkampf kam. Ein zweiter Franzose wollte mit dem Bajonett nach Lindau stechen, aber er wirbelte seinen Gegner herum, sodaß der Franzose seinen eigenen Mann erstach. Danach floh Lindau zur Scheune, die aber auch von den Franzosen besetzt war. Er fand einen Ausweg über einen Zaun. Da wurde er und sein Hauptmann Holtzermann aber von der französischen Übermacht gefangen genommen. Somit war der wildeste Kämpfer der KGL für den Rest der Schlacht außer Gefecht gesetzt. Aber selbst beim Abtransport in die kurzzeitige Gefangenschaft kam es noch zu einem Vorfall. Die Franzosen stachen auf einen verwundeten KGL-Soldaten ein und dann kam es zu einem Handgemenge. Bei Lindau fanden die Franzosen Beutegut (Goldmünzen und Uhren) und er schlug einem Franzosen noch ins Gesicht. Es wäre da wohl zu einem Massaker gekommen, wenn nicht zwei englische Kanonenschüsse in die Gruppe eingeschlagen wären. Lindau hat Waterloo überlebt und ist später nach Hameln zurückgekehrt. :wink:
Im Kampf boten der Leutnant John Drummond Graeme und Friedrich Lindau ein unnachahmliches Duo, daß die Franzosen an vielen Taten hinderte.
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Agrippa
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Winston Churchill sagte in Bezug auf seine siegreichen Piloten in der Luftschlacht um England 1940:

"Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few"

Dieser historische Ausspruch müsste eigentlich relativiert werden.

Denn einmal zuvor, nämlich in der Schlacht von Waterloo, die das weitere Schicksal Europas entschied, haben lediglich 400 Soldaten, jene des 2. leichten Bataillons der Königlich Deutschen Legion, durch das stundenlange Halten des Gehöfts La Haye Sainte entscheidend zum Ausgang der Schlacht und zur endgültigen Niederlage Napoleons beigetragen. Von den 400 haben bis auf 42 ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt.
Katarina Ke
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Wie hat der Soldat denn zwei Kopfschüsse überlebt? Die Narkose war noch nicht entdeckt worden; gegen die Wundinfektion konnte man wenig oder nichts tun. Gibt es Literatur über diesen Friedrich Lindau?
Geschichte sollte so geschrieben werden, wie man eine Geschichte erzählt - lebendig und an den Fakten orientiert. Meine Homepage: http://www.katharinakellmann-historikerin.de/
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Agrippa
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Hallo Katharina,

es waren wahrscheinlich Streifschüsse des Kopfes. Nach Zeugenaussagen hat aber Lindau so sehr geblutet, dass der Verband vollkommen rot war. Wundinfektionen traten hauptsächlich dann ein, wenn Stoffreste in das Innere der Wunde gelangten, was bei Kopfschüssen selten der Fall war.

Ich habe einmal vor Jahren die Memoiren von Friedrich Lindau gelesen:

"Ein Waterlookämpfer: Erinnerungen eines Soldaten aus den Feldzügen der königlich deutschen Legion"

Sehr interessant!
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Agrippa
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In England ist die „Kings German Legion“ in Historiker- und Militärkreisen noch heute hoch angesehen.

Großbritannien hatte 1701 durch den „Act of Settlement“ die Grundlage für die Personalunion mit dem Kurfürstentum Hannover geschaffen, die von 1714-1837 Bestand haben sollte.

In Hannover erinnern heute die Halkettstraße und die Baringstraße an die Kommandeure der KGL.

Auch gibt es in Hannover zu Ehren der KGL den Waterlooplatz und die Waterloosäule, an deren Basis sich Kanonen befinden, die in der Schlacht von Waterloo von den Franzosen erbeutet wurden.

An Friedrich Lindau, den einfachen aber tapferen Soldaten, der sich durch seinen persönlichen, unermüdlichen Einsatz auf den Feldzügen der KGL, insbesondere aber in der Schlacht von Waterloo, hervortat, erinnern sich heute nur noch wenige.
Harald
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Man kommt nicht umhin, "Sternstunden der Menschheit" von Stefan Zweig zu erwähnen, der anschaulich beschreibt, wie Marschall Grouchy die geschlagene Armee Blüchers im Regen Flanderns ins Nichts verfolgt und aus den Augen verliert, was Blücher die Möglichkeit gab, zum Schlachtfeld Waterloo zu kommen und Napoleon endgültig den Garaus zu machen.

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Cherusker
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Harald hat geschrieben:Man kommt nicht umhin, "Sternstunden der Menschheit" von Stefan Zweig zu erwähnen, der anschaulich beschreibt, wie Marschall Grouchy die geschlagene Armee Blüchers im Regen Flanderns ins Nichts verfolgt und aus den Augen verliert, was Blücher die Möglichkeit gab, zum Schlachtfeld Waterloo zu kommen und Napoleon endgültig den Garaus zu machen.

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Aber Blücher wäre viel zu spät erschienen, wenn nicht die KGL die Franzosen solange aufgehalten hätte. :wink: Das wird heutzutage von englischen Militärhistorikern als entscheidend angesehen. Zwar gebürt den Preußen der letztendliche Sieg, aber ohne die KGL wären sie zu einem siegreichen Napoleon gekommen, der sie dann auch endgültig vernichtet hätte. :mrgreen:

Und es waren solche Männer, wie Friedrich Lindau, die standhaft kämpften. Kein Selbstmordkommando, sondern Kämpfer, die solange die Stellung hielten bis es wegen Munitionsmangel unsinnig wurde. Baring hat sie nicht in den Tod geschickt, sondern sie haben freiwillig den Meierhof verteidigt. Bei dem Kampf stand kein Vorgesetzter hinter ihnen, der sie zum Kampfe trieb, sondern hier kämpften alle Seite an Seite.
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