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1967 – Der legendäre „Summer of Love“

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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Ruaidhri » 01.09.2015, 14:46

reffliche Schilderung des Muffs bis in die End-60er.
Wobei ich das Glück hatte, einen oft non- konformen Vater zu haben, der in Teilen sogar mit den 68ern sympathisierte, weil er den Aufruhr gegen immer noch arg autoritäre Strukturen verstand. Er gehörte schon früh zu denen der Kriegsgeneration, die gelernt hatten und nicht alles akzeptierten, was "von oben" kam. Blinder Gehorsam und Autoritätsgläubigkeit waren ihm wohl von Natur aus nicht gegeben.
Das Entsetzen der Spießer über WG und sexuelle Freizügigkeit amüsierte ihn, die Erfindung der Pille beruhigte ihn. Muttern war da noch ein bisschen anders, es sollte dauern, bis wir Kinder sie modernisiert und emanzipiert hatten. :mrgreen:
In der Schule herrschte beinahe militärische Disziplin und man kriegte ständig Ohrfeigen und Hiebe mit dem Rohrstock.

Unglaublich, aber mehrfach erlebt: Wo Geschwister altersmäßig weit auseinander lagen, zwischen den Jahrgängen etwa 1942 und 1957, mit Geschwistern dazwischen, wandelte sich in den Schulen manches blitzartig.
Hieß es bei den älteren Lehrern noch: " Hosen sind für Mädchen tabu",( was u.a. meine Eltern auf die Palme brachte), kamen wir jüngsten Geschwister dann in Jeans und Parka, die ollen Hexen und konservativen männlichen Lehrer mussten nun damit leben.
Bis in die Quarta sollte ich auch noch reichlich vom autoritären, teils von streng katholischen Lehrerinnen und ebenso spießig- preußisch- evangelischen Gegenstücken belehrt werden, und dann, plötzlich, wurde alles anders.
Junge LehrerInnen kamen, und das absolutistische Gehabe der älteren lief ins Leere. Aus dem Götterhimmel gestürzt eben.
Das ging so weit, dass meine Klasse im 11. Jahrgang mit leiser Unterstützung von außen, dafür sorgten, dass zwei Lehrkräfte ausgetauscht wurden, weil sie nicht gewillt waren, das zu unterrichten, was der Lehrplan vorsah- und was wir wissen wollten, bzw. die Wiederholer schon bei anderen Lehrern erarbeitet hatten.
Wofür sich unsere älteren Geschwister noch Verweise eingefangen hätten, gehörte plötzlich zur erwünschten Alltagskultur. :mrgreen:
Geschichte endete nicht mehr bei Bismarck, sondern der 1. Weltkrieg, Weimar und das 3. Reich fanden statt. Im Deutschunterricht kamen Brecht, Böll, Andersch, die Mann- Brüder, Lenz und - unvermeidlich-Kafka und Borchert neben Sachtexten in den Literatur-Kanon, Jahre vorher noch ein Tabu.
Quer durch fast alle Fächer wurden Themen behandelt und- neue Unterrichtsmethoden- diskutiert, die es vorher nicht gegeben hatte.
Auf der Basis gesunden Wissens selber denken zu sollen statt Wiederzukäuen war ganz neu.
Schule konnte durchaus Spaß machen. Nicht immer, aber öfter. Auch, weil tatsächlich vorkommende Fiesigkeiten einzelner LehrerInnen nicht mehr hingenommen wurden.
Vielleicht spielt bei den Jahrgängen um 1955 (also den unmittelbaren Profiteuren der 68er) und später noch etwas mit: Wir wurden mit 18 volljährig, also früh selbst verantwortlich für Tun oder Lassen in jeder Hinsicht.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein » 01.09.2015, 14:12

Orianne hat geschrieben:


Es gab auch noch die DINKs (Double Income No Kids - Doppeltes Einkommen Keine Kinder).
Die gibt es aber eigentlich immer noch, ich kenne da schon ein paar Ehepaare.


Nach dem Ende der Hippies kehrten die meisten von ihnen ins normale Leben zurück, behielten aber viele Denk- und Verhaltensweisen bei. Diese Leute nannte man damals „The beautiful people“.

in Deutschland gab es dann später die Disco-people, Punks, New Wave, New Romatic, Gothic , Raver usw.

In den fünfziger Jahren gehörte mein älterer Bruder zeitweilig zu den Existentialisten, Exis genannt. Junge Leute, die die Oberschule besuchten, Sartre und Camus lasen, eine ausgesprochen nihilistische Weltanschauung besaßen, wohl verursacht durch die ständige Gefahr eines Atomkrieges, wilde Partys und Besäufnisse veranstalteten, Jazz hörten, später auch Rock’n Roll, sich seltsam kleideten, eine Vorliebe für Motorroller besaßen und auf bürgerliche Normen pfiffen.
Das waren Außenseiter, es gab nicht sehr viele.
In England gab es ähnliche Gruppen, die "Mods".

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Renegat » 01.09.2015, 12:42

Wallenstein hat geschrieben:

Es gab noch viel mehr Ungereimtheiten. Dieser ganze Muff musste erst einmal weg, damit sich eine wirklich freie Gesellschaft bilden konnte.

Ja, an heimischen Beispiel sieht man sehr deutlich, dass man Demokratie und Freiheit nicht von oben und außen verordnen kann, sie muß sich mühsam entwickeln. Damals mussten erst 1 -2 Generationen rauswachsen, bevor sich ein anderes, freieres Weltbild etablieren konnte. Sowas geht nicht ohne Rückschläge und extreme Auswüchse vonstatten, irgendwann Jahrzehnte später, nivelliert es sich dann.

Dabei fällt mir ein, wie wurden denn Hippies und die 68er in der DDR gesehen? Die Musik, Mode und das Lebensgefühl sind auf jeden Fall drüben angekommen. Im benachbarten Prag brach der Frühling aus. Zu einer Demokratie ist es aber damals im Ostblock nirgends dauerhaft gekommen. Gab es wenigstens kleine Freiheiten?

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein » 01.09.2015, 10:30

Ralph hat geschrieben:
Die Gesellschaft wurde toleranter?


Ich habe meine Jugend und Schulzeit in den fünfziger Jahren durchlebt und habe diese Zeit als extrem intolerant und autoritär erlebt. In der Schule herrschte beinahe militärische Disziplin und man kriegte ständig Ohrfeigen und Hiebe mit dem Rohrstock. Konformes Verhalten war gefragt, bloß nicht auffallen oder aus der Reihe tanzen. Der kleinbürgerliche Mief und die spießbürgerliche Moral waren unerträglich. Alles war wohlgeordnet, am Sonntag ging die ganze Familie hübsch gekleidet spazieren.

Dem Land war zwar eine Demokratie verordnet worden, aber eigentlich wusste keiner, was das eigentlich ist und deshalb haben sie alle einfach so weitergemacht, wie sie es von früher gewohnt waren.

Es gab auch noch viele kuriose Gesetze. Bis 1958 durften Frauen nur mit Genehmigung des Mannes ihren Führerschein machen oder ein eigenes Konto führen. (Eigenes Konto wurde erst 1962 erlaubt). Berufstätigkeit war ihnen nur möglich, wenn der Ehemann oder der Vater dies gestattete. (wurde erst in den siebziger Jahren geändert).

In Bayern mussten Lehrerinnen zölibatär leben wie Priester – heirateten sie, mussten sie ihren Beruf aufgeben. Denn sie sollten entweder voll und ganz für die Erziehung fremder Kinder zur Verfügung stehen. Oder alle Zeit der Welt haben, um den eigenen Nachwuchs zu hegen.

Der Kuppeleipraragraph stellte vorehelichen und außerehelichen Geschlechtsverkehr unter Strafe. Homosexualität wurde mit Gefängnis bestraft.

Es gab noch viel mehr Ungereimtheiten. Dieser ganze Muff musste erst einmal weg, damit sich eine wirklich freie Gesellschaft bilden konnte.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein » 01.09.2015, 10:27

Ralph hat geschrieben:
Diese Yuppie-Kultur in den 80ern und 90er wurde doch im Buch und Film American Psycho von Bret Easton Ellis aufgegriffen?


Ja, das ist richtig. Sehr gut ist auch das Buch „Fegefeuer der Eitelkeiten“ von Tom Wolfe (wurde ebenfalls verfilmt) und solche Filme wie „Wall Street“ und „Das Geheimnis meines Erfolges“)

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Orianne » 01.09.2015, 09:25

Ralph hat geschrieben:
Die Gesellschaft wurde toleranter?


Auf jeden Fall, die 50er Jahre galten doch als sehr spiessig, und davor, na ja.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Balduin » 31.08.2015, 20:32

Die Gesellschaft wurde toleranter?

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Katarina Ke » 31.08.2015, 20:22

In den sechziger Jahren kam es in den westlichen Industriegesellschaften zu einem Wertewandel. Die Nachkriegszeit war vorbei, die Zukunft schien ein Kredit zu sein, den man problemlos einlösen konnte. Dieses Gefühl von ungeahnter Freiheit äußerte sich in solchen Ereignissen.

Die Frage ist, welche langfristigen Auswirkungen diese "Events" hatten.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Balduin » 31.08.2015, 19:45

Diese Yuppie-Kultur in den 80ern und 90er wurde doch im Buch und Film American Psycho von Bret Easton Ellis aufgegriffen?

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Orianne » 31.08.2015, 16:59

Wallenstein hat geschrieben:
Als Kontrastprogramm zu den Hippies entstand in den frühen achtziger Jahren die Jugendbewegung der Popper, junge Leute mit Tolle und Kaschmirpullover. Immer schick gekleidet, teure Klamotten legten sie großen Wert auf demonstrativen Konsum und Hedonismus. Sie wollten erfolgreich sein und viel Geld verdienen („Eure Armut kotzt mich an!“). Egoismus und Exhibitionismus waren ihre Markenzeichen. Vielleicht waren es zum Teil Kinder von Hippies, die nun das genaue Gegenteil wollten.
Das Pendant dazu waren in den USA und England die Yuppies.


Das habe ich noch miterlebt, ich war zwar erst 8 Jahre alt, aber ich wollte mich damals wie Madonna kleiden, aber meine Mutter wollte das nicht. Sie wollte ein adrettes Mädchen mit dem sie sich nicht schämen musste, also wurde ich mit schönen Kleidern ausgestattet :wink:
Meine Mutter war wie ich oben beschrieb keine Anhängerin der Hippie Bewegung, ja vielleicht modisch ein wenig.

Es gab auch noch die DINKs (Double Income No Kids - Doppeltes Einkommen Keine Kinder).
Die gibt es aber eigentlich immer noch, ich kenne da schon ein paar Ehepaare.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein » 31.08.2015, 16:43

Als Kontrastprogramm zu den Hippies entstand in den frühen achtziger Jahren die Jugendbewegung der Popper, junge Leute mit Tolle und Kaschmirpullover. Immer schick gekleidet, teure Klamotten legten sie großen Wert auf demonstrativen Konsum und Hedonismus. Sie wollten erfolgreich sein und viel Geld verdienen („Eure Armut kotzt mich an!“). Egoismus und Exhibitionismus waren ihre Markenzeichen. Vielleicht waren es zum Teil Kinder von Hippies, die nun das genaue Gegenteil wollten.
Das Pendant dazu waren in den USA und England die Yuppies.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Ruaidhri » 29.08.2015, 16:46

Wallenstein hat geschrieben:
Ich hatte keine Lust, drei Tage auf einer Insel unter diesen Bedingungen zu verbringen.

Gemütlich ist anders, aber Insel war Fehmarn da ja schon nicht mehr so wirklich.
Irgendwann war die Hippie-Welle auch mehr Commerz als "echt", aber nach Indien und Nepal wollten immer noch viele.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein » 29.08.2015, 15:35

Ralph hat geschrieben:
Wahnsinn - war die Angst vor Überfällen und Kriminalität nicht allgegenwärtig? Warst du da allein unterwegs oder in einer Gruppe? Allein die Verpflegung, wenn man relativ planlos unterwegs ist, stelle ich mir schon schwierig vor. Respekt.



Angst hatte ich eigentlich nie. Es ist auch nie etwas passiert, auch wenn manche Leute Horrorgeschichten erzählten, die wollten sich aber meistens wichtig machen. Ich fuhr häufig allein, war aber auch nie ein Problem. Und um die Verpflegung braucht sich niemand Sorgen zu machen. Zu Essen gibt es überall. Auch in einem Entwicklungsland wie z.B. Indien gibt es unzählige Imbisse an jeder Ecke.


@Ruaidhri
Ich wollte 1970 auch nach Fehmarn fahren, war auch schon auf dem Weg dahin, bin dann wieder umgekehrt. Es war damals ein saumäßiges Wetter, es hat geregnet und gestürmt, kalt außerdem. Ich hatte keine Lust, drei Tage auf einer Insel unter diesen Bedingungen zu verbringen.

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Ruaidhri » 28.08.2015, 13:41

Tolles Revival, Danke an Wallenstein! :clap:
So einige meiner Atersklasse waren in Indien, später Nepal. Geschadet hat es ihnen nicht.
Oh ja, die Gammler...
Meiner Mutter ein Graus, meinem Vater gar nicht so unsympathisch, bis auf den Drogenkonsum. Im Nachgang zu 1967:
https://de.wikipedia.org/wiki/Love-and-Peace-Festival
Habe ich ohne Wissen meiner Eltern und der meiner Kieler Freundin partiell miterlebt, allerdings nicht das ganz und gar nicht friedliche Ende oder die Keilereien m Umfeld.
Jimmi Hendrix haben wir noch mitbekommen, und dann mussten wir als brave Kinder fix nach Hause.
Was wir angestellt hatten, erfuhren unsere Eltern erst, als wir schon um die 30 waren. :mrgreen:

Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Orianne » 28.08.2015, 11:43

Meine Mutter war damals so um die 18 Jahre alt, sie fühlte sich der Bewegung nicht nah, aber eine meiner Tanten schon eher.
Wie Du oben in Deinem wunderbaren Post schreibst Wallenstein, kehrten die meisten Hippies der Szene wieder den Rücken.
In meiner Familie wurden diese Leute damals Gammler genannt, und meine beiden Grosselternpaare hatten Angst, dass ihre Kinder in
die Drogenwelt einsteigen würden. Also blieb es manchmal nur beim bodenlangen Kleid, den Blumen in den Haaren u.s.w.

Heute sind Kleider aus jener Zeit wieder total in, ich muss gestehen, dass auch ich mir zwei lange Hippiekleider gekauft habe.