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Auf dem Hippie Trail

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Re: Auf dem Hippie Trail

Beitrag von Barbarossa » 27.10.2015, 22:16

Wirklich interessante Einblicke, Wallenstein.

Auf dem Hippie Trail

Beitrag von Wallenstein » 27.10.2015, 13:37

In den sechziger Jahren zog es junge Leute wie mich in die weite Ferne. Mit viel Zeit, aber wenig Geld, war dies ohne weiteres möglich. Es gab verschiedene Wege in exotische Länder zu fahren. Die meisten zogen auf dem sogenannten Hippie Trail zunächst nach Marokko, dann später über Spanien, Italien und Griechenland in die Türkei und von dort über Land nach Indien und Nepal.

Aber zur Vorgeschichte: In dieser Zeit vollzogen sich gesellschaftliche Umwälzungen, die es mit sich brachten, das die jungen Leute nicht mehr so ohne weiteres die Werte und Lebenspläne der Älteren übernehmen wollten. In den USA entstanden die Hippies, die in Deutschland meistens als Gammler bezeichnet wurden. Es waren zwar nicht viele, aber da sie sich an exponierten Stellen in den Großstädten aufhielten, erschienen sie den etablierten Mächten als Bedrohung und riefen sogar den Bundeskanzler Erhardt auf den Plan, der ein Untergangsszenario beschwor und von den „Gammlern, Pinschern und Intellektuellen“ sprach, die nicht in sein Konzept der „Formierten Gesellschaft“ passten. Dieses sah vor: Eine homogene Gesellschaft, gemeinsame Werte, einheitliche Kultur (Musik, Kleidung, Wohnen), aber keinerlei Toleranz gegenüber Abweichungen von der Norm. Eine Vielfalt der Lebensstile erschien als Untergang des Abendlandes.
Dabei hatte sich vieles gewandelt:

Das Bildungsniveau hatte sich geändert: 1952 besuchten 80% der Kinder die Volksschule, 1960 dann noch 70%. Der Anteil der Realschüler stieg in dieser Zeit ständig an, die Zahl der Abiturienten stagnierte allerdings zwischen 1950 bis 1960 bei etwa 5%. Danach weitete er sich aber langsam aus. Die Mädchen waren bei den Gymnasiasten stark unterrepräsentiert. Auch dies begann sich zu ändern

Die Klassen Frequenzen betrug 1950 49 Schüler pro Lehrer, sanken dann auf etwa 30 ab.

Durch die zunehmende Qualifikation begann sich allmählich ein Bildungsgefälle zwischen den Generationen herauszubilden. Als Indikator hierfür kann beispielsweise die zunehmende Beherrschung des Englischen gelten. Nicht selten waren die jungen Leute gebildeter als ihre Eltern.

Noch 1950 beendeten 80% aller Kinder die Schule mit 14 Jahren und begannen anschließend eine Berufsausbildung, in den 60er Jahren begann die berufliche Ausbildung meistens erst mit 16 Jahren.

Das Jugendarbeitsschutzgesetz sah zwar noch 1960 eine Höchstarbeitsgrenze von 48 Stunden vor, doch in vielen Branchen brauchte nur noch 40 Stunden gearbeitet werden, oftmals gab es bereits die 5 Tage Woche und längeren Urlaub.
Die Einkommen der jungen Leute stiegen Ende der fünfziger Jahre stark an, die Jugendlichen konnten aktiv am Konsum teilhaben, wurden von der Industrie als neue Käuferschicht entdeckt und umworben mit speziellen Produkten für ihren Geschmack.

Die Arbeitszeitverkürzungen und die höheren Löhne und Einkommen hatten mittlerweile die Möglichkeiten zur Freizeit auch der berufstätigen Jugend, also der Mehrheit der Jugendlichen vermehrt. Und massenkulturelle Angebote in Film, Musik und Mode- nicht zuletzt aus den USA – führten zu neuen Leitbildern.

Seit dem Ende der fünfziger Jahre stießen überkommene und autoritäre Erziehungsstile und der Wunsch der Jugendlichen nach einem selbstbestimmten Raum, einer eigenen „Jugendkultur“ zusammen. Erstmals besaßen sie auch das Geld, die Freizeit und die Bildung, so etwas zu realisieren. Die alten Autoritäten, Eltern, Lehrer, Lehrherren und Geistliche verloren tendenziell die Kontrolle über die jungen Leute.

Dies wurde durch objektive Prozesse gefördert: Die Jugendlichen waren aufgeschlossener und oft begabter gegenüber technischen Innovationen und verstanden die neuen Prozesse besser als die Älteren. Dadurch drehte sich das Verhältnis der Generationen um. Alt bedeutete jetzt nicht mehr weise und klug zu sein, sondern galt als rückschrittlich und überholt. Die Werbung betrieb zudem einen Kult der Jugend: Junge Leute waren modern, fortschrittlich, dynamisch und tüchtig, anders als ihre Eltern.

Das Leistungsprinzip hatte sich voll durchgesetzt: Autoritäten wurden nicht mehr ungefragt hingenommen, sondern mussten sich durch Leistung legitimieren. Die war nicht selten aber gar nicht vorhanden.

In den 1970er-Jahren hat der amerikanische Soziologe Ronald Inglehart (1989) in der westlichen Welt einen einschneidenden Wertewandel von materialistischen (Vermögen und Besitztum) zu postmaterialistischen Werten (Selbstverwirklichung und Kommunikation) ausgemacht. In einer Welt, in der die Versorgung weitgehend gesichert ist, stellen sich die Menschen vor allem Sinnfragen und experimentieren mit neuen Lebensstilen.

Dieser Sinneswandel vollzog sich in der 60er Jahren bei den Hippies oder Gammlern (deutsche Version). Sie lehnten traditionelle Autoritäten ab, zeitweilig auch übermäßigen Konsum und gingen eigene Wege. In gewisser Weise waren sie die Vorläufer der späteren Studentenrevolte, doch sie selbst blieben meistens unpolitisch. Erste Vorboten waren die Schwabinger Krawalle 1964, in denen es eigentlich um nichts ging, doch es kam tagelang zu schweren Straßenschlachten. Die Polizei hatte es verboten, dass junge Leute auf der Straße Musik machten. Anders als früher nahm man dies jetzt nicht mehr einfach hin.

Nach dem Ende der bleiernen Zeit unter Adenauer ging es vielen Jungen in Deutschland nicht schnell genug mit den Veränderungen und sie setzten sich zeitweilig ins Ausland ab. Dies war die Geburtsstunde des Hippie Trail:

Im Frühjahr sammelte man sich in München im Englischen Garten, aß billige Hähnchen in der Leopoldstraße und feierte jede Nacht am Wedekind - Brunnen. Dann per Autostopp nach Paris, ich blieb mehrere Wochen im Quartier Latin, dann weiter nach Südfrankreich. Dort anschließend nach Spanien und von Barcelona mit der Fähre nach Ibiza. In der weißen, arabisch wirkenden Stadt entwickelte sich damals eine regelrechte Hippie-Kultur, die später von den Pauschaltouristen verdrängt wurde. Auf der Nachbarinsel Formentera wohnten wir in kleinen Häusern, die die Einheimischen vermieteten. Nach einigen Wochen ging es weiter nach Süd Spanien und von Algeciras mit dem Schiff nach Tanger in Marokko. Dort lernte man erstmals den Orient kennen, eine völlig andere Welt, weiße Häuser mit Flachdächern, ein verwinkeltes Gewirr aus Gassen, verschleierte Frauen, Gebetsrufe von den Minaretten. Die Menschen waren freundlich, wenn auch ein wenig aufdringlich.

Mit der Eisenbahn dann zur Endstation in Marrakesch, eine Stadt wie aus Tausendundeiner Nacht. Wir wohnten in billigen Hotels in der Nähe von dem weltberühmten Platz Djemaa el Fna, auf dem pausenlos Gaukler, Akrobaten, Schlangenbeschwörer und Händler aktiv waren. In den Hotels wurde überall Haschisch geraucht, kein Mensch kümmerte sich um Verbote.

Im Sommer trampte ich dann zurück über Spanien nach Italien bis nach Brindisi und nahm dort die Fähre nach Griechenland. Auf Kreta und anderen Inseln ließ es sich wunderbar und billig leben. Auch Mykonos war damals noch ein Geheimtipp, es gab kaum Touristen.

Die Weiterfahrt in die Türkei war immer mühselig, die Verbindungen schlecht, die Kontrollen endlos. In Istanbul gab es den sogenannten „Pudding Shop“ in der Nähe der Blauen Moschee. Hier trafen sich alle, die nach Asien weiter wollten. Ich wählte den Zug nach Teheran, er dauerte dreieinhalb Tage und war außerordentlich strapaziös, doch er kostete nur 30,- DM und fuhr durch eine einmalig schöne Landschaft. In der Ferne sah ich den Berg Ararat.

Die moderne Stadt Teheran gefiel den Reisenden nicht, die einzige Unterkunft, Amir Kabir, eine Art Jugendherberge, war ständig überfüllt und der Geheimdienst des Schahs schnüffelte dort herum und kontrollierte ständig Pässe und Gepäck. Also weiter mit dem Bus an das Kaspische Meer und dann nach Afghanistan. Persien war nur Durchgangstation, dort wollte keiner bleiben.

An der afghanischen Grenze dauerten die Kontrollen einen ganzen Tag, dann ging es endlich mit dem Bus nach Herat, eine Stadt wie im finstersten Mittelalter, kaum Autos, Frauen mit Burkas, alles extrem primitiv. Die Hippies verließen selten die Hotels, meistens lagen sie mit Haschisch vollgedröhnt in den Aufenthaltsräumen auf den Teppichen herum, schon morgens völlig dicht.

24 Stunden dauerte der Bus nach Kabul, eine ziemlich hässliche, gesichtslose Stadt. In der Chicken Street wimmelte es von jungen Ausländern, Haschisch wurde überall offen verkauft, die Rock Cafés waren Tag und Nacht geöffnet, überall dröhnende Rockmusik aus dem Westen, das Essen und Trinken war hervorragend. Die Preise ein Witz, alles nur Pfennigbeträge für uns. Für 100,- DM konnte man in Kabul leben wie Gott in Frankreich.

Hatte man von der Hauptstadt die Nase voll, besuchte man das Bamyan Tal mit den Buddha Statuen oder die wunderschönen Seen von Band-e-Amir. Auch hier gab es jede Menge Hotels, voll von Hippies.

Dann ging es weiter über den Khaiber-Pass nach Pakistan, ein Land, in dem sich auch keiner gerne aufhielt und dann ging es endlich ins gelobte Land, nach Indien. Auch hier war es unglaublich billig. Inzwischen war es Herbst geworden und ich fuhr mit der Eisenbahn und weiter mit Bussen nach Nepal in die Hauptstadt Katmandu, ein wunderschöner Ort im Himalaya Gebirge. Wenn der Monsun im August endet, kann man die Berge in voller Pracht sehen. In Katmandu gab es Geschäfte, in denen Haschisch und Opium verkauft wurde, das war damals dort ganz legal. Deshalb war die Stadt voll von jungen Leuten aus Europa und den USA. Eine Alternative war das wunderschöne Kaschmirtal im Norden von Indien. In Srinagar konnte man preiswert auf einem Hausboot leben.

Wenn es kälter wurde, war es Zeit nach Goa in Südindien zu fahren, eine ehemalige portugiesische Kolonie mit endlosen weißen Stränden und Palmen. Der ideale Ort zum Überwintern. Wir wohnten in kleinen Hütten am Strand und fast jeden Abend fanden hier tolle Feten statt. Im Frühjahr konnte man dann die Rückreise nach Deutschland ins Auge fassen.

Solche langen Reisen kosteten damals fast nichts. Man konnte natürlich keine Ansprüche stellen.
Ja, lange ist es her. Die Hippies stammten meist aus dem liberalen Mittelstand, heute würde Wissenschaftler sie wahrscheinlich einordnen in das Hedonistisch- subkulturelle Milieu oder Intellektuell-Kosmopolitische Milieu. Die meisten waren recht gebildet und lasen Sartre, Nietzsche, Sigmund Freud, Hermann Hesse, Ernst Bloch, Karl Marx und noch manches andere.

Sie haben dem Massentourismus viele neue Ziele erschlossen: Ibiza, Mykonos, Kreta, Marrakesch, Goa, Katmandu und noch viele weitere Orte. Zuerst kamen die Hippies und legten den Grundstein für eine touristische Infrastruktur. Danach ging es dann richtig ab, allerdings nur noch für normale Touristen.