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Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

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Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Orianne » 22.11.2014, 09:29

Von Weizsäcker war ja Deutscher Gesandter von 1933 - 1937. In diesem Amt versuchte er u.A. mehrfach den "Gauleiter" der Schweiz Wilhelm Gustloff mit einem diplomatischen Rang zu versehen, um ihn vor der Ausweisung zu retten.

Differenzen mit Ribbentrop waren an der Tagesordnung, so versuchte Weizsäcker 1940 auch den Krieg mit der Sowjetunion zu verhindern.

1938 trat er in die Partei ein (gleichzeitig ersetzte Hitler von Neurath durch Ribbentrop), und erhielt den Rang eines SS-Oberführers (eigentlich ein Ehrenrang). In der Zeit wollte er aber auch von seinen Ämtern zurücktreten, weil er von Ribbentrop kalt gestellt wurde.

Inwiefern ihn die Kontakte Wilhelm Canaris, Ludwig Beck, Franz Halder, und zu Ulrich von Hasel geschadet haben, ich weiss es nicht.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Katarina Ke » 22.11.2014, 00:34

Ich hatte mal den zweiten Band seiner Tagebücher in der Hand, die ein australischer Historiker herausgegeben hat. Über den Reichsaußenminister machte er sich lustig. Im März 1943 hielt er vor Offizieren in Potsdam einen Vortrag und meinte, die Herren sollten nicht glauben, dass er täglich viel mit Politik zu tun hätte.

Deutschland unterhielt kaum noch diplomatische Beziehungen. Neben den Verbündeten waren das staatliche Kunstgebilde wie das Kaiserreich Mandschuko. Klassische Außenpolitik schien kaum noch möglich. Hitler wollte keine Kompromisse eingehen, und die Alliierten verlangten die bedingungslose Kapitulation des Reiches.

Der Posten eines deutschen Botschafters im Vatikan bot 1943 vielleicht Chancen, mit den Westmächten ins Gespräch zu kommen. Außerdem "konnte" er es mit dem Außenminister nicht mehr.

Es bleibt wohl immer ein Problem für den Historiker, die Motive und Handlungsspielräume einzelner Akteure zu ergründen. Weizsäcker hat - meines Wissens nach in seinen Erinnerungen - behauptet, Historiker könnten aus den Akten des III. Reiches keinen großen Nutzen ziehen. Man hätte eben regimekonforme Vorlagen diktiert und konnte sich allenfalls Andeutungen erlauben. Ribbentrop hätte sich meistens in der Nähe Hitlers, also in dessen Feldquartieren, aufgehalten. In der Wilhelmstraße sei er selten gesehen worden.

Vielleicht ist von Weizsäcker mit jenen Generälen zu vergleichen, die nicht unbedingt Nationalsozialisten waren, aber ähnliche Ziele verfolgten: Revision des Versailler Vertrages, dann der "Anschluss Österreichs", und schließlich sollte Deutschland zur Vormacht auf dem Kontinent aufsteigen. Der Freiburger Militärhistoriker Manfred Messerschmidt sprach in den sechziger Jahren von "Teilidentitäten".

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Orianne » 21.11.2014, 13:39

Katarina Ke hat geschrieben:
Tragische Figur - dass ist mir etwas zu viel der Nachsicht.

Weizsäcker war ein großdeutscher Nationalist; ein Nationalsozialist war er nicht. Aber er wollte Karriere machen. Von den Verbrechen in den besetzten Gebieten hatte er nach meinem Wissensstand Kenntnis.

Sicherlich sollte man es sich aus heutiger Sicht mit Schuldzuweisungen nicht zu einfach machen. Doch ich finde es gerecht, dass man ihm nach dem Krieg den Prozess machte.

Weizsäcker bedauerte in den Tagebüchern 1941/42, dass das "Kaisermanöver" gegen die Russen nicht wie geplant ablief - die schossen ja zurück. Dass war der großdeutsche Machtpolitiker, der Hitlers Weltanschauungskrieg machtpolitisch kalkulieren wollte, weil er sich keine Illusionen mehr über die drohende Niederlage machte.

Tragische Figur? Nein - für mich nicht. Ein intelligenter Machtpolitiker, der den Tiger reiten wollte und sich dabei überschätzte.


Ganz sicher wusste er von den Verbrechen, das ist belegt. Ich würde ihn auch nicht als Nazi bezeichnen, Deine Metapher mit dem Tiger ist treffend. Ich erinnere noch daran, wie er sich mit der Presse in der Schweiz anlegte, als die gegen AH und sein Regime schoss, da sah er für mich nicht sonderlich gut aus, irgendwie wirkte er hilflos.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Katarina Ke » 21.11.2014, 00:21

Tragische Figur - dass ist mir etwas zu viel der Nachsicht.

Weizsäcker war ein großdeutscher Nationalist; ein Nationalsozialist war er nicht. Aber er wollte Karriere machen. Von den Verbrechen in den besetzten Gebieten hatte er nach meinem Wissensstand Kenntnis.

Sicherlich sollte man es sich aus heutiger Sicht mit Schuldzuweisungen nicht zu einfach machen. Doch ich finde es gerecht, dass man ihm nach dem Krieg den Prozess machte.

Weizsäcker bedauerte in den Tagebüchern 1941/42, dass das "Kaisermanöver" gegen die Russen nicht wie geplant ablief - die schossen ja zurück. Dass war der großdeutsche Machtpolitiker, der Hitlers Weltanschauungskrieg machtpolitisch kalkulieren wollte, weil er sich keine Illusionen mehr über die drohende Niederlage machte.

Tragische Figur? Nein - für mich nicht. Ein intelligenter Machtpolitiker, der den Tiger reiten wollte und sich dabei überschätzte.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Orianne » 27.06.2014, 13:18

Gut, meiner Meinung nach war Ernst von Weizsäcker beides, ein Karrierist und eine tragische Figur. Wäre er in der Armee geblieben wäre sein Lebensweg sicher besser gelaufen, ohne die angewiesene Judenverschleppung, ohne die Ausbürgerung von Thomas Mann und ohne Parteimitgliedschaft und ohne den Generalsrang in der SS. Tragisch wurde es für ihn in Nürnberg, denn ihm drohte ja der Strick, dem er u.A. durch die Verteidigung seines Sohnes entgehen konnte. So verabscheue ich persönlich seine Aussage im September 1945: Deutschland hatte in den 1920er Jahren „im Osten die Grenzen zu weit aufgemacht“. So habe „die Inflation viele Juden angezogen“ und diese hätten sich „zu einer Großmacht entwickelt“. Mit all seinen Mühlsteinen um den Hals wundert es mich nicht, dass er schon 1951 starb, mich hätte das Gewissen, und die Gewissheit, dass Juden getötet wurden, was er ja beim Prozess abstritt, aber durch sein Visum auf verschiedenen Dokumenten widerlegt wurde sehr sehr geplagt.

„Im Reichskommissariat Ostland wurde […] eine Festnahmeaktion sämtlicher Juden […] eingeleitet, […] etwa 2.000 […]. Die männlichen über 16 Jahre alten Juden wurden mit Ausnahme der Ärzte und der Judenältesten exekutiert […]. In der Ukraine wurden als Vergeltungsmaßnahmen für die Brandstiftungen in Kiew dortselbst sämtliche Juden verhaftet und Ende September d. J. insgesamt mehr als 33 000 Juden hingerichtet. In Shitomir wurden mehr als 3.000 Juden zur Vermeidung der Anstiftung von Sabotage durch sie erschossen. Im Raum ostwärts des Dnjepr wurden annähernd 5.000 Juden erschossen.“

Dem war der Tätigkeits- und Lagebericht Nr. 6 der Einsatzgruppen beigefügt. Dort findet sich folgende Passage:

„Die Lösung der Judenfrage wurde insbesondere im Raum ostwärts des Dnjepr seitens der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD energisch in Angriff genommen. Die von den Kommandos neu besetzten Räume wurden judenfrei gemacht. Dabei wurden 4 891 Juden liquidiert.“


Ausnahmsweise habe ich mich hier bei Wikipedia bedient.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von dieter » 26.08.2013, 14:23

Vergobret hat geschrieben:
Ein Nazi, mit zweifelhafter Selbstüberhöhung. Zeichnete auch seinen Physikersohn aus letzteres.

Lieber Vergobret,
so war es. :wink:

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Vergobret » 25.08.2013, 23:24

Ein Nazi, mit zweifelhafter Selbstüberhöhung. Zeichnete auch seinen Physikersohn aus letzteres.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von dieter » 24.08.2013, 10:08

Ernst von Weizsäcker war Karrierist, er wurde auch von den Alliierten verurteilt. Sein Sohn hatte ihn verteidigt. :wink:

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Der Germane » 24.08.2013, 05:51

Moin Ralph,

habe nochmal nachgelesen und es wird auch darauf hingewiesen, daß dies aus den "Erinnerungen" W. übernommen wurde.

Apropo "rechtsextrem": Wie kann und sollte man dann Prof. Dr. Franz W. Seidler einordnen?
Prof. Seidler lehrte an der Bundeswehr Uni in München!!!

Sobald ein Autor gegen den allgemeinen "Strom" schwimmt, wird er autom. als rechtsextrem abgestempelt.
Gerade diese Autoren geben das bekannt, was in den "normalen" Sachbüchern nicht zu lesen ist oder verfälscht wiedergegeben wird!

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Balduin » 23.08.2013, 22:30

... bei dem ich nach kurzer und oberflächlicher Recherche wohl eine rechtsextreme Gesinnung annehmen darf. Ich denke, dass hier die Autobiographie von Weizsäcker ("Erinnerungen") eindeutig die glaubhaftere Quelle ist.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Der Germane » 23.08.2013, 22:19

Autor ist Dr. Hans Meiser, nicht zu verwechseln mit dem TV-Mann Hans Meiser - ehem. Nachrichtensprecher.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Barbarossa » 23.08.2013, 21:27

Hans Meiser ist nun aber kein ausgewiesener Historiker, sondern eher ein Vertreter der seichten TV-Unterhaltung...
:roll:

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Balduin » 23.08.2013, 21:00

Ich beziehe mich auf die Autobiographie von Weizsäcker selbst.

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Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Der Germane » 23.08.2013, 19:46

Ist alles nachzulesen in
Hans Meiser "Verratene Verräter"
einschließlich dem Schriftverkehr von W.

Re: Ernst von Weizsäcker: Tragische Figur oder Karrierist?

Beitrag von Balduin » 23.08.2013, 19:40

Der Germane hat geschrieben:
Ahoi,

von Weizsäcker hatte zu Henderson (brit. Botschafter) ein Vertrauensverhältnis (`38) geschaffen. Bei jeder Gelegenheit nutzte v. W. seine Amtstellung aus, um über Ribbentrop Unwahrheiten zu verbreiten.

W. Bestreben war, das auswärtige Amt In schlechtes Licht zu bringen und diesbzgl. Ribbentrobs Ansehen und Ruf als Englandkenner zu zerstören, sowie den Sturz des Regimes herbeizuführen.

W. bekennte sich zu seinem Landesverrat.

W. war neben Canaris der Drahtzieher für das Attentat auf Hitler.


Rippentrop war das Schoßhündchen Hitlers, er hätte nie den Plänen Hitlers widersprochen.

Das mit dem Drahtzieher des Attentats stimmt eindeutig nicht. Weizsäcker hatte zwar anfänglich Kontakte zu Widerstandskreisen, brach diese aber ab.
Er ist für mich teils eine tragische Figur, teils aber ein Karrierist. Es war Selbstüberschätzung zu meinen, einen Krieg verhindern zu können - ein Krieg, den aber die NS-Führung seit jeher wollte. Der Ehrgeiz und auch die nationalistische Gesinnung liesen ihn wohl auch über Leichen gehen.