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Der Sozialismus - Eine politische Theorie

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Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Cherusker » 08.12.2019, 18:21

Die Uiguren sind ganz schnell aus den Medien wieder verschwunden. Schließlich hätte Deutschland sie alle als Flüchtlinge aufnehmen können. Das würde über die "Seidenstraße" heutzutage sehr schnell gehen. Aber dann hätte hier wohl schnell das "islamische" Chaos geherrscht.....

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Barbarossa » 08.12.2019, 18:01

Ein kleiner Nachtrag:
Hat jemand die Sendung am 27.11. von Lanz im ZDF gesehen?
Es ging um die Unterdrückung der Uiguren und über VW in China usw.
Hier die Sendung in der Mediathek: https://www.zdf.de/gesellschaft/markus- ... 9-100.html
Sehr Interessant. Und erschütternd.

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Marianne E. » 16.11.2019, 11:11

Zur Ergänzung zwei weitere Informationen:

Max Weber war ein international anerkannter Klassiker der Sozialwissenschaften.
Neben seiner Schrift "Politik als Beruf" wäre auch noch ein Studium seines Werkes "Wissenschaft als Beruf" sehr empfehlenswert.

Zu den Sumerer weise ich, neben der oben genannten Quelle, auf folgendes Referat hin:
https://geschichte-wissen.de/blog/sumerer-welthandel-vor-5000-jahren/

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Marianne E. » 14.11.2019, 22:11

Der Sozialismus ist eine politische Theorie, eine politische Philosophie.

Die Definition geht eindeutig aus meiner Schrift hervor.

Und lesen muss man schon, bevor man sich an eine Analyse wagt.

Und jemand, der möglicherweise und das sogar herabwürdigend "Sozialist" genannt wird, muss nicht unbedingt zum Sozialismus gehören.

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Barbarossa » 14.11.2019, 20:37

Zitat Jim Morisson:
,,Ich persönlich glaube nicht, das China wieder zum alten Sozialismus zurückkehrt, die deutschen Betriebe werden auch nicht enteignet werden. Es wird in absehbarer Zeit so eine Mischform bleiben, eine immer mehr sich zum Kapitalismus entwickelnde Wirtschaft mit einer sich kommunistisch nennenden Partei an der Spitze.''

Zugegeben: Im Moment sieht es nicht danach aus, als stünden irgendwelche Enteignungen bevor.
Aber was, wenn Xi Jinping einmal nicht mehr der Machtaber sein wird? Und das wird irgendwann kommen.
Niemand weiß, welche Strömung sich dann in der KP durchsetzen wird. Und es gibt ganz sicher noch radikale Stömungen dort, denen die jetzige Entwicklung nicht passt, bzw. die sie nur als eine Übergangsphase für die weitere Entwicklung gemäß ihrer Ideologie sehen.
Wir haben es mit einem autoritären Regime zu tun, und die sind bekannt für ihre Sprunghaftigkeit insbesondere nach Machtwechseln.

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Jim Morisson » 14.11.2019, 14:17

Wenn man ein Buch über die Geschichte des Sozialismus liest, beginnen sie meistens mit den modernen Frühsozialisten wie Babeuf, Saint-Simon, Blanqui, Fourier, Godwin, Owen usw.

Ihre politischen Systeme spiegeln deutlich den historischen Hintergrund wieder, in der sie entstanden: Den Jahrzehnten zwischen der großen Französischen Revolution und den Revolution 1848 sowie die Erfahrung der industriellen Revolution in England. Sie waren konsequente Vertreter von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sahen aber, dass man diese Forderungen nicht nur auf die politischen Rechte des Staatsbürgers, sondern auch auf seine Stellung und Chancen im wirtschaftlichen und sozialen Leben anwenden soll. Gleichheit vor dem Gesetz reichte ihnen nicht, denn wie spottete doch ein Kritiker:

„Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen, auf Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.“

Sie forderten jetzt auch die soziale Gleichheit und glaubten, das Privateigentum zerstöre die menschliche Harmonie. Sie empörten sich über die Ausbeutung der Arbeiter in den Fabriken und sie entwickelten utopische Theorien über eine Gesellschaft, in der allen alles gehört und das Privateigentum abgeschafft ist. Sie glaubten Vorbilder zu sehen in den urchristlichen Gemeinden mit ihrer Güterteilung, in den frühen Klostergemeinschaften, in denen die Mönche kein Eigentum besitzen und in den mittelalterlichen Sozialbewegungen wie den Wiedertäufern in Münster, die dort kurzfristig eine kommunistische Gesellschaft errichteten.

Marx vereinigte dann die Ideen der Frühsozialisten mit der deutschen Philosophie und der englischen Nationalökonomie zum sogenannten „wissenschaftlichen Sozialismus“. Im Kommunistischen Manifest forderte er 1848 den revolutionären Sturz des Kapitalismus:

„Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren….

In diesem Sinn können die Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums, zusammenfassen.“
https://gutenberg.spiegel.de/buch/manifest-der-kommunistischen-partei-4975/4

Der Sozialismus ist jetzt für ihn eine Übergangsphase, die zum Kommunismus führt:

„Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, zur Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen, zur Abschaffung sämtlicher gesellschaftlicher Beziehungen, die diesen Produktionsverhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämtlicher Ideen, die aus diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.“
– Karl Marx, Klassenkämpfe in Frankreich.

In der europäischen Arbeiterbewegung konnten sich diese radikalen Theorien nicht durchsetzen. Die meisten Arbeiterparteien wurden sozialdemokratisch, sie wollten nur noch Reformen, aber nicht den Kapitalismus beseitigen. Bisweilen forderten sie einen „demokratischen Sozialismus“. Das war aber nur ein Denkmodell.
Anhänger fand der marxistische Sozialismus nur in unterentwickelten Ländern und wurde dort zum Leninismus, Maoismus usw.

 Wir können zwischendurch einmal festhalten: Sozialisten gehen immer folgendermaßen vor:

1.)  Ökonomisch: Sie kritisieren die Gesellschaft, die auf dem Privateigentum basiert und wollen dieses durch Gemeineigentum ersetzen oder zumindest stark reglementieren (Siehe heute z.B. Parteiprogramm der Linken).

2.)  Politisch. Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Einige wollen eine demokratische Gesellschaft, wie früher die SPD, die von einem demokratischen Sozialismus träumte. Meistens ist aber leider so, dass die meisten Sozialisten die Diktatur einer Minderheit befürworten, so wie Marx, die den anderen dann sagt, was sie zu tun haben.
 
Ich möchte jetzt noch auf einige Beispiele eingehen, die in dem Eingangsbeitrag erwähnt werden.

Staatssozialismus in Sumer

Im zwanzigsten Jahrhundert stellten einige Forscher fest, dass es in der Antike bereits so etwas wie staatssozialistische Systeme gegeben hätte und zwar in Mesopotamien, dem frühen Ägypten, dem Inkareich und auch anderswo. Diese These wurde von dem ehemaligen Kommunisten und späteren Renegaten Wittfogel mit seinem Buch „Die orientalische Despotie“ verbreitet.  (sehr lesenswert!) In diesen frühen Staaten gab es kein Privateigentum, sondern nur staatliches Eigentum.

In trockenen Gebieten wie Mesopotamien war die Landwirtschaft abhängig von den Flussschwämmen der beiden Ströme Euphrat und Tigris. Die traten im Frühjahr weit über das Ufer. Um sie zu bändigen, musste man Deiche bauen, Kanäle anlegen, Rückhaltbecken errichten. Ein kompliziertes System der Bewässerung war nötig, anders als in Europa mit seinem Regenfeldbau. Der Staat hatte deshalb eine überragende ökonomische Bedeutung und ihm gehörte des Ackerland. Die Bauern besaßen nur ein Nutzungsrecht und lediglich mobiles Eigentum. Hier sehen wir auch die dunklen Seiten des Sozialismus. Es gab zwar kein Privateigentum, weil dem Staat alles gehörte, doch es gab keine Demokratie, denn das Land wurde regiert von einer Kaste aus Priestern und Kriegsherren. Das erinnert an den „Realen Sozialismus“ in Osteuropa, wo auch dem Staat alles gehörte und die Menschen von einer bürokratischen Kaste terrorisiert wurde. Die Ähnlichkeiten sind so stark, der DDR Dissident Rudolf Bahro hat in seinem Buch „Die Alternative“ dies hervorragend herausgearbeitet. Genauso argumentierte auch Rudi Dutschke in seinem Buch über Lenin.

Platon-Vordenker des Totalitarismus

Platon wird gelegentlich auch als früher Sozialist angesehen, was wohl nur mit Einschränkungen gilt. In seinen Werken unterhält sich meistens Sokrates, der Lehrmeister von Platon, mit seinen Schülern oder Athener Mitbürger. Auch in seinem berühmten Buch „Der Staat“, worauf ich jetzt eingehe, bestreitet meistens Sokrates die Konversation. (Das Buch sollte man unbedingt lesen. Hier ist auch das berühmte „Höhlengleichnis im Kapitel 7)

Platon kritisiert er die damalige Gesellschaft, in der sich das Privateigentum schon durchgesetzt hatte und hier finden wir seine berühmte Äußerung über die „Zwei Staaten“ in einem Land:...daß ein solches Gemeinwesen, nicht einen einzigen, sondern zwei Staaten bilden: den der Armen und den der Reichen. Sie wohnen am gleichen Ort und machen Anschläge gegeneinander“ ( Platon, der Staat, Hamburg 1968, S.327)

Wie kann man das ändern? Man muss wissen, Platon hasste die Demokratie. Das hatte er übrigens mit Sokrates und Aristoteles gemeinsam. Er gehörte zur Oberschicht und die Athener Vollversammlung war damals ein Tummelplatz von Demagogen. In seinem Idealstaat, den er erträumt, sollen deshalb die Philosophen regieren, denn nur sie haben das rechte Wissen.

Die Philosophen leben bei ihm in einer kommunistischen Gütergemeinschaft, in der sie alles teilen. Privateigentum ist bei Ihnen abgeschafft. Die Philosophen haben die richtige Einsicht über alles. Sie bestimmen, was Gerechtigkeit ist. Philosoph wird man nach einer langen Erziehung. Die Philosophen sind eine elitäre, nicht gewählte Kaste, die die Regierung stellt. Es gibt bei ihnen eine Gemeinschaft der Konsumgüter und auch der Frauen! Vorbild ist hier die Kriegerkaste von Sparta, die ebenfalls einen Konsumkommunismus praktizierte und über ein Heer von Sklaven herrschte.

Der Rest der Gesellschaft besteht aus Kriegern oder Wächter, Handwerker und Bauern. Über die Produktion macht er sich wenig Gedanken. Wie der Rest der Bevölkerung leben soll, wird nicht ganz deutlich. Privateigentum will er anscheinend nicht abschaffen, jeder soll aber wohl nur für seinen Eigenbedarf produzieren. Es darf kein neuer Reichtum entstehen, keine Ungleichheit der Vermögen.

Ob man Platon wirklich als Sozialisten bezeichnen kann, ist nicht ganz klar. Er ist aber der erste, der ein totalitäres System erdacht hat. In seinem Staat bestimmen die Philosophen alles, sie regeln die Erziehung und das Privatleben. Platon entwirft ein System von zahlreichen Vorschriften und einer lückenlosen Überwachung der Menschen, alles zu deren Wohl natürlich. Platon ist der Vorläufer der totalitären Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts. Karl Popper hat ein Buch über ihn geschrieben: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Falsche Propheten, Der Zauber Platons.
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Was Max Weber jetzt hier soll, ist mir nicht ganz klar. Er ist der Begründer der deutschen Soziologie und ich habe viel von ihm gelesen. Ein Sozialist war er aber nun wirklich nicht. Seine Theorie des „sozialen Handels“ hat auch mit dem Sozialismus überhaupt nichts zu tun. Er will nur aufzeigen, welche Handlungsformen es in der Gesellschaft überhaupt gibt und da unterscheidet er vier Typen, die sie auch, aber leider nicht richtig, aufgeführt haben. Lassen wir den Meister deshalb selber zu Wort kommen:

2. Wie jedes Handeln kann auch das soziale Handeln bestimmt sein 1. zweckrational: durch Erwartungen des Verhaltens von Gegenständen der Außenwelt und von anderen Menschen und unter Benutzung dieser Erwartungen als »Bedingungen« oder als »Mittel« für rational, als Erfolg, erstrebte und abgewogene eigne Zwecke, – 2. wertrational: durch bewußten Glauben an den – ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden – unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg, – 3. affektuell, insbesondere emotional: durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen, – 4. traditional: durch eingelebte Gewohnheit."
(Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1980, S.12)

Das sind allgemeine Handlungstypen, die wir in jeder Gesellschaft, auch in der sozialistischen, vorfinden, aber eben nicht nur dort.

Nell-Breuning hat sich große Verdienste um die Gewerkschaftsbewegung erworben und seine katholische Soziallehre ist wirklich beachtenswert. Sozialist war er aber nicht, ebenso wenig wie der Papst Sozialist ist.

Na ja, und Helmut Schmidt, Ein guter Politiker, der zudem aus meiner Heimatstadt Hamburg kommt. Ich habe ihn immer gewählt, trotz seiner unerträglichen Arroganz. Er war Sozialdemokrat, aber überzeugter Marktwirtschaftler, die aber sozial ausgestaltet sein sollte. Soweit ich weiß hat er nicht einmal in seiner Jugend den „demokratischen Sozialismus“ gewollt.






 
 

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Cherusker » 14.11.2019, 10:51

Marianne E. hat geschrieben:
Wenn ich nach China blicke und die politische (und gesellschaftliche) Elite betrachte, sehe ich Kapitalisten.
Ich kann mir nicht helfen, Kommunismus geht anders.
Und Demokratie geht auch anders. Du wirst Demokratie nur dort etablieren können, wo die kulturellen Gepflogenheiten und auch die Überlieferungen das erlauben.

China ist ein kommunistischer Staat. Der Staat lenkt alles, auch die Unternehmen. Die chinesischen Millionäre und Milliardäre sind immer noch abhängig vom Wohlwollen der Partei (gab da einen Bericht bei ARTE über das plötzliche Verschwinden einiger Reichen). China hat nur einen wirtschaftlichen Aufschwung erreicht, weil sie sich begrenzt den Märkten geöffnet haben und durch billige Produktion von globalen Gütern eine gewisse Zeit ein sehr hohes wirtschaftliches Wachstum erreichen konnten. :shock: Aber die Chinesen sind nicht doof und haben erkannt, daß durch die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung in Verbindung mit künstlicher Intelligenz ihre "Billiglohn"-Politik zum Scheitern verurteilt ist. :wink: Eine Maschine kann 24 Stunden pro Tag laufen, während Menschen das bei weitem nicht können. Auch wenn es "chinesische Arbeitssklaven" sind. :mrgreen: Daher will China sich jetzt mehr auf dem Dienstleistungssektor konzentrieren und verstärkt auf die eigene Nachfrage setzen.
In China hat diese teilweise Öffnung zur Marktwirtschaft auch einen Wohlstand der breiten Massen bewirkt, d.h. vom Fahrrad zum Auto (während bei uns die Linken es wieder umgekehrt wollen :roll:).
Grundlage für so ein kommunistisches bzw. sozialistisches System ist immer die Überwachung des Menschen ! Ohne diese Kontrolle geht es nicht. So haben alle sozialistischen und kommunistischen Systeme eine Geheimpolizei und Spitzelwesen zur Überführung von Abweichlern aufgebaut, z.B. die Nazis die Gestapo, die SED die Stasi, Stalin den KGB, usw.

Deswegen sind die Reichen in China auch nur abhängig von der Partei. Genauso schnell wie sie zum Reichtum kamen, können sie auch wieder verschwinden ! :shock:
China stellt den totalen Überwachungsstaat dar, davon konnten Hitler und Stalin nur träumen. Behilflich ist hier auch die Automatisierung und Digitalisierung, die eine Gesichtserkennung erlaubt. So wird jeder Chinese selbst im Straßenverkehr überwacht, d.h. unnötiges Hupen wird registriert und derjenige wird ausfindig gemacht. Jeder Chinese hat ein Punktekonto. Für Verfehlungen werden im Punkte abgezogen........wenn sie aufgebraucht sind, was gibt es dann ? Umerziehungslager ? Geldstrafen ?
Georg Orwell hätte seine wahre Freude gehabt, wenn er dieses moderne chinesische System noch miterlebt hätte. :mrgreen:
 

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Marianne E. » 13.11.2019, 14:27

Selbstverständlich können Sie schreiben, was Sie wollen.

Ich tue das auch, halte mich aber an die beweisbare und objektive Erkenntnisse der Wissenschaft.

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Jim Morisson » 13.11.2019, 14:15

Der Sozialismus von Marx und Engels sollte natürlich gegen und nach dem Kapitalismus durchgesetzt werden. Sie gingen aus von einer Entwicklung über Urkommunismus-Sklavenhaltergesellschaft-Feudalismus-Kapitalismus-Kommunismus.

Der Kapitalismus sollte durch eine Revolution gestürzt werden. Danach folgt dann eine Übergangsphase, die ist für sie der Sozialismus. In dieser Periode ist die politische Herrschaftsform die Diktatur des Proletariats, in ihren Augen keine richtige Diktatur, denn nach ihrer Auffassung besteht die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung aus Proletariern und die Diktatur beträfe nur die kleine Schar der Kapitalisten (zurzeit von Marx und Engels bestand die Bevölkerung allerdings nur zu einem kleinen Teil aus Arbeitern, sie glaubten aber, dass sich dies bald ändern würde).
 
Im Kommunismus gibt es dann keine Klassen mehr, kein Privateigentum, auch keine Diktatur, denn der Staat würde dann nicht mehr existieren.

Sehr viel später glaubte Engels, vielleicht könnte man den Sozialismus auch friedlich erreichen und dann durch Gesetze das kapitalistische Eigentum enteignen.

Die Geschichte entschied aber anders. Sozialistische Revolutionen gab es nur in unterentwickelten Ländern, die eine Industrie überhaupt erst aufbauen mussten und das ging nur mit staatlichem Eigentum. Nach einer längeren Entwicklungsphase funktionierte aber die Planwirtschaft nicht mehr und das System geriet an seine Grenzen.

 In Russland ist der Sozialismus wieder zusammengebrochen und wurde dort durch den Kapitalismus ersetzt. In China hat man nach der chaotischen Phase unter Mao sukzessive wieder kapitalistische Elemente zugelassen, Landwirtschaft und viele Betriebe privatisiert. In keinem Land gibt es so viele Milliardäre, außer in den USA, wie in China. Sie nennen das jetzt „sozialistische Marktwirtschaft“. In meinen Augen ist das Kapitalismus mit Resten staatlichen Eigentums als einer Art Allmende. Die Partei ist aber weiter an der Macht. Ich persönlich glaube nicht, das China wieder zum alten Sozialismus zurückkehrt, die deutschen Betriebe werden auch nicht enteignet werden. Es wird in absehbarer Zeit so eine Mischform bleiben, eine immer mehr sich zum Kapitalismus entwickelnde Wirtschaft mit einer sich kommunistisch nennenden Partei an der Spitze.

Ob wir unsere Werte nun zu universellen Werten machen sollen, das ist natürlich eine interessante Frage. Als Geologe bin ich aus beruflichen Gründen in fast 100 verschiedenen Ländern auf der Erde gewesen und deshalb weiß ich, dass an vielen Orten der Welt die Menschen ganz anders denken als bei uns. Im Abendland hat sich eine individualistische Einstellung durchgesetzt, die es in anderen Kulturen nicht gibt, dort sogar als schädlich betrachtet wird. In Asien zählt das Kollektiv, nicht der einzelne. In China sagt man: ein Nagel, der hervorsteht, muss wieder eingeschlagen werden. Abweichendes Verhalten ist nicht erwünscht. Solche Vorstellungen gibt es auch in Afrika oder bei indigenen Völkern in Amerika. Und die Scharia, die wir, (ich meine zu Recht), nicht gut finden, darüber denken viele auch ganz anders. Die europäische Rechtsordnung, die den Kolonien übergestülpt wurde, wird von den Menschen dort häufig nicht verstanden. Für sie ist das eine Ordnung der dortigen korrupten Eliten und die Scharia verstehen sie wenigstens.

Ich glaube oder hoffe, dass sich die Demokratie weltweit durchsetzt. Indien, Korea, Taiwan, manche Länder in Lateinamerika sind gute Beispiele. Oft aber habe ich Zweifel und dann glaube ich manchmal unser Modell ist ein Auslaufmodell. Die Populisten stellen unsere Werte zur Disposition und viele folgen ihnen. Vielleicht ist auch unsere Demokratie wie im antiken Griechenland nur eine kurze Phase, die von ein einer neuen Diktatur abgelöst wird.

(Über die Entstehung des Sozialismus werde ich noch einiges schreiben. Ich glaube hier gibt es noch Erklärungsbedarf.)

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Barbarossa » 12.11.2019, 22:58

In Tunesien scheint die Demokratie einigermaßen zu funktionieren.
Für eine funktionierende Demokratie müssen aber auch die passenden gesellschaftlichen Verhältnisse vorhanden sein.

In China mag die Wirtschaft eine kapitalistische sein, aber es wohl fast alles Unternehmen, wo der Staat mindestens teilweise der Eigentümer ist.
Und da China genau wie Russland zum Zeitpunkt der kommunistischen Machtübernahme überwiegend Agrarländer waren, mussten diese die Industrie erst nach der Revolution entwickeln. Und das passt dann wieder zur Lehre der Erschaffer Marx, Engels und Lenins.
Sollten Chinas Kommunisten das Land irgendwann als entwickelt genug ansehen, könnte es zu einem weiteren Schritt in Richtung ,,Kommunismus'' kommen und eine Vergesellschaftung bzw. Verstaatlichung der Wirtschaft wird vollzogen. Darum würde ich der deutschen Industrie ausdrücklich nicht empfehlen, in China größere Investitionen zu tätigen.
Im Moment scheint hingegen das Motto der chinesischen Kommunisten zu sein, die sogenannten Kapitalisten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Das machen sie im Moment ziemlich erfolgreich.

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Marianne E. » 12.11.2019, 21:41

Stimmt das lieber Barbarossa?
Wenn ich nach China blicke und die politische (und gesellschaftliche) Elite betrachte, sehe ich Kapitalisten.
Ich kann mir nicht helfen, Kommunismus geht anders.
Und Demokratie geht auch anders. Du wirst Demokratie nur dort etablieren können, wo die kulturellen Gepflogenheiten und auch die Überlieferungen das erlauben.

Denk doch nur an die "befreiten" Länder, Libyen, Ägypten, Irak, und andere. Es funktioniert nicht, obwohl die Voraussetzungen und einmalige Chancen vorhanden waren.

Wir müssen vielleicht unsere Philosophie und politische Denkweise übersetzen. Ich bezweifle übrigens, dass die "Abendländer" das können oder dazu legitimiert sind.

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Barbarossa » 12.11.2019, 21:24

Letztlich sollte der Kapitalismus aber durch eine sozialistische Ordnung ersetzt werden. Dies sei nach Marx und Engels aber erst möglich, wenn sich der Kapitalismus voll entwickelt hat und das Proletariat die Bevölkerungsmehrheit in der Gesellschaft stellt (und nicht mehr die Bauern).
Lenin wich in Russland von dieser Reihenfolge ab und startete seine Revolution in einer überiegenden Agrargesellschaft. In China u. a. asiatischen Ländern geschah das gleiche. Demokratie gab und gibt es in keinem dieser Länder und wird es auch nicht geben, solange dort die Kommunisten an der Regierung sind.

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Marianne E. » 12.11.2019, 20:58

Wenn ich auch konstatieren muss, dass die wissenschaftlichen Definition von "Sozialismus" und "Politische Theorie" nicht die Beachtung findet, die ihr gebührt, ist doch sicherlich jedem aufgefallen, dass der sogenannte Sozialismus in allen sozialistischen Ländern unterschiedlich interpretiert wird.

Marx und Engels hatten eine andere Vision, aber beide wussten, dass der Sozialismus nicht gegen den Kapitalismus zu verwirklichen ist.
Nicht gegen, aber mit. Und dafür sind demokratische Strukturen erforderlich.

Daraus einen Umkehrschluss abzuleiten, ist schon sehr mutig.

Der Sozialismus ist älter als Karl Marx und Friedrich Engels. Bei sind als Philosophen in der Geschichte präsent. Zu Recht und deshalb sollten sie auch vollständig, unter Beachtung der Zeit, in der sie lebten, gelesen werden. 

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Barbarossa » 12.11.2019, 20:13

Dass Sozialismus nur unter den Bedingungen einer Diktatur funktionieren würde, das wussten auch schon Marx und Engels. Darum: ,,Diktatur des Proletariats''. Im Zuge einer Revolution der Arbeiterschaft unter der Führung einer Kommunistischen Partei sollte diese die politische Macht im Staat erringen und auch nicht mehr abgeben, damit anschließend die ökonomischen Ziele erreicht werden können. Die praktische Umsetzung dieser Lehre war dann der real-existierende Sozialismus im 20. Jh. und ansatzweise ja auch noch heute in verschiedenen Ländern der Welt. Etwa Venezuela als neuestes abschreckendes Beispiel.

Re: Der Sozialismus - Eine politische Theorie

Beitrag von Jim Morisson » 12.11.2019, 13:22

Feldwebel57
Hm , könnte es sein , daß die soziale Marktwirtschaft nicht allzuweit vom Sozialismus entfernt ist ?

Mal abgesehen von den Eigentumsverhältnissen .


Oh nein, davon kann überhaupt keine Rede sein. Denn die Eigentumsverhältnisse sind der ganz entscheidende Unterschied. Daraus leiten sich dann auch die verschiedenen politischen Strukturen ab. In meinem Lexikon steht über Sozialismus
 
"Sozialismus gezeichnet eine der großen politischen und ideologischen Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Sein Kern liegt in der Neugestaltung der Wirtschaftsordnung durch Überwindung der kapitalistischen Eigentums-, Ausbeutungs- und Klassenverhältnisse zugunsten einer gesellschaftlich gesteuerten und egalitär geordneten Ökonomie" (Kleines Lexikon der Politik, München 2015, S.608)

Der Sozialismus ist vor allem eine Reaktion auf soziale Ungleichheit, und die wird nach Meinung der Sozialisten durch das Privateigentum an Produktionsmitteln hervorgerufen, denn mit denen werden ihrer Auffassung nach Menschen ausgebeutet. Die Sozialisten wollen deshalb das Privateigentum abschaffen und durch Kollektiveigentum ersetzen. Im Kommunistischen Manifest steht auch ausdrücklich, dass die Abschaffung des Privateigentums das Ziel der Bewegung um Marx und Engels ist. Deren Ideen nannte man später wissenschaftlichen Sozialismus im Gegensatz etwa zum utopischen Sozialismus.

Sie glauben, dass nach Abschaffung des Privateigentums und der Errichtung des Kollektiveigentums (volkseigene Betriebe oder wie die sich nennen mögen) die Ursache von Gier, Neid, Unterdrückung verschwindet.

 Ich glaube nicht, dass das geht. Vielleicht widerspricht dies auch dem Wesen des Menschen. Und weil die Sozialisten merkten, dass die Leute ihnen nicht folgten, griffen sie überall zum Mittel der Diktatur. Leninismus, Stalinismus, Maoismus, das sind die besonders üblen Spielarten des Sozialismus.

Die soziale Marktwirtschaft hingegen ist eine kapitalistische Wirtschaftsform, die auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln basiert. Da eine Marktwirtschaft aber zu gewaltigen sozialen Verwerfungen führt, muss der Staat eingreifen, um dies zu verhindern, durch eine soziale Gesetzgebung. Den Anfang machte ja schon Bismarck im 19. Jahrhundert mit seiner Sozialgesetzgebung. Die wurde in Weimar weiter entwickelt und die BRD knüpfte daran an. Die soziale Marktwirtschaft ist ein Gegenmodell zum Sozialismus der DDR.

Die soziale Marktwirtschaft hat eine Demokratie als Voraussetzung, der Sozialismus funktioniert offenbar nur mit einer Diktatur