Nuremberg chronicles f 111r 12. Januar 69 n.Chr.: In der Colonia Claudia Ara Agrippinensium wird Aulus Vitellius zum Kaiser des Imperium Romanum erhoben. Die CCAA ist vielen von uns heute eher unter dem Namen Köln bekannt. Die uns überlieferten antiken Berichte über Vitellius zeichnen ein widerwärtiges Bild von diesem Mann, der sich nach dem erzwungenen Suizid im turbulenten Vierkaiserjahr lediglich ein knappes Jahr behaupten konnte. Als feigen, verfressenen „Schleimer“ stellt ihn Sueton dar, der mit seinen Kaiserviten die zeitnahste Lebensbeschreibung Vitellius‘ hinterließ. Die Kaiserviten sind für Althistoriker noch immer eine der wichtigsten Quellen für die Zeit von Caesar bis Domitian. Jedoch darf auch bei diesen Quellen die kritische Sichtweise nicht vernachlässigt werden. So stellt sich die Frage: Wie groß ist der Wahrheitsgehalt des suetonischen Vitellius-Bildes?

Um sich Vitellius nähern zu können, muss man zunächst seinen „Biographen“ näher betrachten. Kein allzu leichtes Unterfangen. Vieles, was wir über Sueton und seine Familie wissen, teilt er uns selber mit –verstreut in seinen Werken. Ob er in Rom oder der näheren Umgebung geboren wurde, ist nicht bekannt. Es bestehen auch Vermutungen, dass er aus Nordafrika stammte. Spätestens seit seinem Großvater pflegte seine Familie Kontakte zum kaiserlichen Hof, auch wenn offen bleiben muss, in welcher Weise und wie intensiv diese waren. Caligula ließ zu dieser Zeit eine fünf Kilometer lange Brücke im Golf von Neapel errichten. Suetons Großvater will von Bediensteten am Hofe den wahren Grund des Brückenbaus erfahren haben. In seiner Darstellung der Ereignisse gewichtet Sueton die Aussage seines Großvaters höher als die landläufige Meinung über den Brückenbau. Ein Hinweis auf die Arbeitsweise Suetons. Er greift auf ihm persönlich bekannte Informanten zurück und schenkt ihnen größeres Vertrauen, wenn es um unterschiedliche Ansichten geht. Eine nicht zu unterschätzende Feststellung für die Darstellung des Vitellius. Suetons Vater hat im Vierkaiserjahr unter Kaiser Otho gedient – somit auch gegen Vitellius gekämpft.

Weitere Informationen für seine Werke, wenn nicht sogar den Großteil dieser, wird Sueton während seiner Amtszeiten im Dienste des Kaisers erhalten haben. Einen persönlichen Eindruck der Archive, in welchen er gearbeitet und welche er geführt hat, gibt Sueton in einem Abschnitt der Vita Vespasians: „Es war dies das schönste und älteste Archiv des Reiches gewesen, worin die Senats- und Volksbeschlüsse über Verträge und Bündnisse, sowie über irgend jemanden gewährte Privilegien fast seit der Gründung Roms enthalten waren.“ Sein Wissen über die Kaiser, deren Wirken er selbst nicht miterlebt hatte, konnte er, neben den Erzählungen anderer Personen, direkt aus den Archiven beziehen.

Hierbei sollte jedoch auch darauf hingewiesen werden, dass freilich auch diese Archive politisch gefärbt waren und wohl gerade für die Zeit des Vierkaiserjahres eine relativ einseitige Darstellung der Ereignisse beherbergten. Der Grund hierfür wird in der Legitimationspolitik seines Gegenspielers und Nachfolgers Vespasian zu suchen sein. Vespasian musste, um seine Herrschaft nach den Wirren des Vierkaiserjahres zu festigen, darauf bedacht sein, das Andenken seines Gegners nicht allzu positiv darstellen zu lassen.

Neben Informanten und Archivalien wird sich Sueton auch Briefen und sonstigen Schriftstücken bedient haben, die seiner Arbeit zuträglich erschienen. Auch hierauf gibt er selbst Hinweise, so auch schon im ersten Abschnitt seiner Vitellius Vita, in welchem er von einem Brief an den Großvater des Aulus Vitellius berichtet, aus dem er Informationen über die Herkunft der Vitellii bezog.

Seinen einzelnen Kaiserviten verlieh Sueton eine stets ähnliche Struktur. Neben immer wiederkehrende Abschnitte wie Herkunft der Familie, Ausbildung oder auch der Tod des Kaisers, findet man Abschnitte, die dem charakterlichen Merkmalen der Kaiser gewidmet sind. Besonderen Wert legt Sueton auf die Darstellung von Zeichen und Vorhersagen. Über den jüngeren Plinius erfahren wir vom Aberglauben Suetons. Eine Eigenschaft, die sich bei Suetons Beschreibungen fortwährend wiederfinden lässt.

Welches Bild zeichnet nun Sueton von Vitellius? Er beginnt mit der Herkunft der Familie. Und bietet dem Leser gleich zwei Optionen. In der ersten Variante entstammen die Vitelii von einer Göttin Namens Vitellia ab. Zudem seien sie direkte Nachfahren des Königs Faunus, des Königs der Aboriginer. Somit ein mythologischer Ursprung, der in der römischen Gesellschaft für ein gewisses Standing sorgen konnte. Allerdings führt Sueton lediglich einen damals über 100 Jahre alten Brief als Beweis für diese Aussage an. Wäre es ihm daran gelegen gewesen, dies glaubwürdig darzustellen, hätte er verschiedene aktuellere Belege hierfür darlegen müssen, die es bei einer so bedeutenden mythologischen Herkunft sicherlich gegeben und der antike Leser wohl auch erwartet hätte.

Im Gegensatz zu seiner ersten Version beginnt er die zweite gleich mit deutlichem Nachdruck. Dass die Vitelii Nachkommen eines Handwerkers, der durch das Unglück anderer zu Wohlstand gekommen sei, und einer Frau, welche die Tochter eines Freigelassenen gewesen sei, seien, würden zahlreiche Schriftsteller belegen. Auch hier nennt Sueton einen Zeugen für seine Aussage. Jedoch nicht wie im ersten Fall, einen eher unbekannten, sondern Cassius Severus, welchen er bereits in der Vita des Caligula und des Augustus erwähnt. Cassius Severus tritt in der Augustus Vita als Ankläger auf, der selbst davor nicht zurückschreckte, eine Person anzuklagen, welche Augustus nahe stand. Als geschulter Rhetoriker wird Sueton die Anordnung der beiden Versionen nicht unüberlegt gewählt haben.

Sueton gibt einen kurzen Überblick über nähere Verwandte des Aulus Vitellius‘. So sollen seine Onkel und auch sein Vater zu großen Würden im Imperium gelangt sein. Jedoch zeigt er bei jedem einzelnen auch die negativen Seiten auf, sodass der Eindruck entstehen muss, dass die gesamte Familie der Vitelii verschiedene Laster besessen hat. Der eine litt an Prunksucht, der andere verlor unter Tiberius seinen Rang als Senator, der dritte wurde als Verschwörer verurteilt. Lucius, dem Vater des späteren Kaisers, widmet Sueton eine etwas längere Passage. Während der Britannienexpedition des Claudius 43. n. Chr. soll Lucius sogar die Regierungsgeschäfte in Rom übernommen haben. Doch auch hier weiß Sueton über irritierende Eigenschaften zu berichten. So soll Lucius den Speichel einer Freigelassenen, mit Honig vermischt, zu sich genommen haben, um ein Rachenleiden zu bekämpfen. Zudem soll er „mit einem bewundernswerten Talent zu schmeicheln“ gesegnet gewesen sein. Einzig an der Frau Lucius Vitellius´ scheint Sueton keine negativen Eigenschaften gefunden zu haben.

Dass das Leben und Wirken des Aulus Vitellius‘ unter keinen guten Vorzeichen begann, lässt uns Sueton bereits zu seiner Geburt erkennen. So sollen Vitellius´ Eltern ein Horoskop für ihn in Auftrag gegeben haben, welches sie sogleich in Entsetzen versetzt habe. Über den Inhalt des Horoskops erfahren wir nichts. Lediglich, dass von da an sein Vater darauf bedacht war, keine Statthalterschaft zu erlangen. Welchen Wert Sueton selbst solchen Hinweisen beimaß wurde bereits oben erwähnt.

Ganz der Vater, sei Aulus Vitellius ebenfalls ein begnadeter Schmeichler gewesen. Dieser Eigenschaft verdankte er seinen Aufstieg unter den Kaisern Tiberius, Claudius, Caligula und Nero. Als Prokonsul in der Provinz Africa habe sich seine Habgier deutlich gemacht. Weihgeschenke aus silber und Gold habe er in Gegenstände aus relativ wertlosen Zinn und Messing ausgetauscht. Zudem soll er seinen ersten Sohn umgebracht haben, nachdem dessen Mutter ihn als Erben hat einsetzen lassen. Eine Anklage vermied Vitellius hierbei, indem er den Tod des Jungen erfolgreich als Selbstmord darstellte.

Seine Statthalterschaft in Germanien verdankte Vitellius gleich zwei negativen Charaktermerkmalen. Neben seiner Fähigkeit zu schmeicheln, soll ihm hierbei auch seine Vorliebe für üppige Mahlzeiten dienlich gewesen sein. Galba soll seine Entscheidung damit gerechtfertigt haben, dass niemand weniger zu fürchten sei, als die, die nur ans Essen dächten. Und Vitellius könne mit den Reichtümern der Provinz seinen unersättlichen Magen füllen. Tatsächlich wird dies aber nicht die Intention Galbas gewesen sein, Vitellius in diese Provinz zu entsenden. Ganz im Gegenteil benötigte Galba in dieser Provinz einen starken und ergebenen Statthalter, welcher die dort ansässigen Legionen auf ihn einschwor.

Mit dem Eintreffen in der Provinz verbindet Sueton erneut seine Fähigkeit der Schmeichelei, da Vitellius sich dort selbst mit einfachen Soldaten und Maultiertreibern gut stellte. Auch erweckt Sueton den Eindruck, dass Vitellius seine eigene Disziplinlosigkeit auf die Soldaten übertragen hätte. Vitellius habe beim Eintreffen in seinem Lager den Soldaten Strafen erlassen und Anklagen fallen gelassen. Dieses Vorgehen wird jedoch die angespannte Lage in der Provinz erzwungen haben, weswegen die Legionen beschwichtigt werden mussten. Anscheinend tat dies Vitellius mit großem Erfolg. Vermutlich am 2. Januar 69 wurde er von den Legionen zum Imperator ausgerufen. Fast schon selbstverständlich, erkennt Sueton die Schlechten Zeichen, unter denen die Herrschaft stehen sollte. Zum einen galt dieser Tag allgemein als Unglückstag und zum anderen sei zur gleich Zeit ein Feuer in Vitellius‘ Speisezimmer ausgebrochen.

Wäre Vitellius mit seinen Truppen Richtung Süden gezogen, so hätte er es nach Sueton wahrscheinlich nicht bis in die ewige Stadt geschafft. Aber Vitellius reiste über Gallien, um weitere Truppen zu sammeln. Seinen Legionen aus Germanien flog ein Adler zu, der die Feldzeichen umflog und ihnen dann langsam voran flog. Ein gutes Zeichen, was die späteren Erfolge dieser Truppen bestätigen. Vitellius‘ hatte weniger Glück. Zum einen seien bei seinem Aufbruch alle Ehrenstatuen, die für ihn errichtet worden waren, unter ihrer Last zusammengebrochen. Dann fiel ihm der Lorbeerkranz, der ihm bei den religiösen Feierlichkeiten aufgesetzt wurde, in den Fluss. Zuletzt sei ihm in Vienna ein Hahn zunächst auf die Schulter und dann auf den Kopf geflogen. Den Schluss aus der Summe dieser Vorzeichen zieht Sueton gleich selbst: „Die Ereignisse bestätigen diese Vorzeichen; denn seine Generale erkämpften ihn den Thron, den er selbst nicht zu behaupten vermochte.“

Mit Suetons einleitenden Worten zur Herrschaft des Vitellius’ beginnt er den Princeps als Tyrannen darzustellen. Zunächst lässt er ihn, nachdem er die Schlachtfelder von Betriacum betreten hatte und die Opfer sah, sagen, dass ein erschlagener Feind sehr gut rieche, ein erschlagener Mitbürger aber noch besser. Diese Aussage richtet sich offenkundig gegen die zivilen Opfer der Schlacht gegen Otho und verdeutlicht das Desinteresse Vitellius’ an der römischen Bevölkerung. Nach seinem triumphalen Einzug in Rom habe sich Vitellius dann über alle göttlichen und menschlichen Richtlinien hinweggesetzt und sich selber zum consul perpetuus ernannt. Dies war seit Caesars Regierung ein Anzeichen auf eine monarchische Regierungsform. Selbst Augustus bekleidete das Amt des Konsuls nicht auf Lebenszeit, um die republikanischen Traditionen nicht vollends außer Kraft zu setzen. Auch die tyrannischen Kaiser Caligula und Nero beachteten solche Richtlinien nicht, indem sie das Amt als consul sine collega ausübten. Dadurch baut Sueton einen eindeutigen Bezug zwischen diesen beiden Caesaren und Vitellius auf. Daran, dass der geächtete Nero das Vorbild des Vitellius sei, lässt Sueton keinen Zweifel, da er es ihm selbst bescheinigt.

Die Regierungszeit nutzt Sueton einzig, um die negativen Merkmale Vitellius‘ auszubauen. In Verschiedenen Anekdoten schildert er seine Maßlosigkeit, Wankelmütigkeit, Grausamkeit und seinen Hang zur Völlerei. Interessant ist bei der Schilderung zu seinen ausschweifenden Gelagen, dass die Spezialitäten vermeintlich auch aus dem Grenzgebiet zum Partherreich kamen. Zum einen wäre dies nach dem 1. Juli kaum mehr möglich gewesen, da dies der Zeitpunkt der Erhebung Vespasians war, und zum anderen ist darin ein Versuch Suetons zu sehen, den Kaiser als unfähigen Anführer darzustellen, der die Bedrohungen im Osten des Reiches hinter sein leibliches Wohl ordnet. Etwas, was Sueton selbst sehr getroffen haben muss, war das Edikt, in welchem Vitellius alle Astrologen aus Italien verwies, woraufhin diese die Aussage tätigten, dass eher Vitellius sterben würde, bevor dies geschehe. Dies ist auch das letzte Vorzeichen, welches Sueton über Vitellius Leben zu berichten weiß.

Anscheinend fast unbeachtet lässt Vitellius die Machtergreifung Vespasians, der sich mit seinen Legionen aus dem Osten bis Rom durchkämpfen kann. Auf seiner Flucht soll Vitellius dann auf bewährte Soldaten verzichtet haben und lediglich seinen Bäcker und seinen Koch mitgenommen haben. Rom konnte er jedoch nicht rechtzeitig verlassen. In einem Pförtnerhäuschen wurde er von seinen Häschern entdeckt. Anstatt einen Ehrenhaften Tod anzunehmen, begann Vitellius jämmerlich zu Flehen, wie Sueton zu berichten weiß. Im Angesicht des Todes versucht sich Vitellius somit auf seine von Sueton ausführlich beschriebene Fähigkeit des Einschmeichelns zu besinnen.

Die Vita des Vitellius beschließt Sueton letztlich noch mit der Deutung eines zuvor beschriebenen Vorzeichens. Der Hahn, der in Vienna auf der Schulter und dem Kopf des Vitellius gelandet sei, sei ein Vorbote für den Mörder des Vitellius gewesen. Der Hahn hätte stellvertretend für Antonius Primus, ein Feldherr gallischer Herkunft, der den Beinamen Beccus (Hahnenschnabel) trug, gestanden. Somit verdeutlicht Sueton, dass das gesamte Leben Vitellius` zu keinem Zeitpunkt unter einem positiven Zeichen stand, da es von negativen Omen zu seiner Geburt und auf seinen Tod hin eingeschlossen wurde.

Die gesamte Vita Suetons über das Leben Vitellius´ zeichnet ein negatives Bild des Kaisers und seiner Familie. Selbst, wenn er nicht daran vorbei kommt, positive Eigenschaften über die Vitelii zu Berichten, hat Sueton sogleich mehrere Beispiele parat, um den Leser diese gleich wieder vergessen zu lassen. Sueton erweckt so den Eindruck einer neutralen historischen Betrachtungsweise, verleitet den Leser jedoch zur Ablehnung Vitellius‘. Das Vitellius-Bild, was uns Sueton bietet, ist auf seine direkten Quellen zurückzuführen, die er selbst zwar nicht alle nennt, jedoch aus seiner Biographie und seinen eigenen Angaben zu rekonstruieren sind. Den Falviern, und hier im besonderen Vespasian, wird es daran gelegen gewesen sein, das Bild des Vitellius dermaßen zu verzerren, so dass es bis heute nicht mehr möglich ist ein Bild des Vitellius´ wieder herzustellen, dass der Person annähernd gerecht würde.

 

Literatur:

  • Gugel, Helmut: Studien zur biographischen Technik Suetons, Wien 1977.
  • Mouchova, Bohumila: Studien zu Kaiserbiographien Suetons, Prag 1968.
  • Richter, Brigitte:  Vitellius ein Zerrbild der Geschichtsschreibung. Untersuchungen zum Prinzipat des A. Vitellius, Frankfurt am Main 1992.
  • Steidle, Wolf: Sueton und die antike Biographie, München 1963².