Greise und Kinder sind das letzte Menschenaufgebot, daß die NS-Führung in den Kampf wirft. Der 16-jährige Hitlerjunge Willi Hübner wird nach den schweren Kämpfen um die niederschlesische Stadt Lauban mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. So versuchen die faschistischen Führer Deutschlands Kinden zu "Heldentaten" zu begeistern. Bundesarchiv, Bild 183-G0627-500-001 / CC-BY-SA 3.0
Greise und Kinder sind das letzte Menschenaufgebot, daß die NS-Führung in den Kampf wirft.
Der 16-jährige Hitlerjunge Willi Hübner wird nach den schweren Kämpfen um die niederschlesische Stadt Lauban mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. So versuchen die faschistischen Führer Deutschlands Kinden zu „Heldentaten“ zu begeistern. Bundesarchiv, Bild 183-G0627-500-001 / CC-BY-SA 3.0

Bei Kriegsende waren die Soldaten des Jahrganges 1929 noch halbe Kinder. Mit gerade einmal 16 Jahren waren sie ihrer Jugend, Unschuld und Unbeschwertheit beraubt. Doch die bedingungslose Kapitulation des Hitler-Reiches bedeutete für die Jugendlichen keinen Frieden: Statt zu ihren Familien zurückkehren zu können, wurden viele von ihnen interniert, mussten Zwangsarbeit leisten und kamen von einem Unglück ins Nächste.

 

Rudolf Freitag hat seinen Lebensweg in einem Werk zusammengefasst, das als kostenloses E-Book zum Download in Kürze veröffentlicht wird. Bernhard Sauer, der mit seinem Werk „Abituraufsätze im Dritten Reich“ über die Jugend im Nationalsozialismus forschte, hat ein Vorwort zu den biographischen Reflexionen Freitags verfasst:

 

Rudolf Freitag ist heute, im Jahr 2017, 88 Jahre alt. Jahrgang 1929. Was er und seine Freunde erlebt haben, ist für Menschen, die nach 1945 geboren worden sind, kaum noch nachvollziehbar. Umso wichtiger, dass die Älteren über ihre Erlebnisse berichten. Es sind Zeugnisse einer bewegten Zeit. Freitag schildert, wie er zur Hitler-Jugend (HJ) kam und was er dort erlebte. 1945 wurde er von dem sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet. Er wurde beschuldigt, Angehöriger des „Werwolfs“ gewesen zu sein, was aber nicht zutraf. Er kam nach Mühlberg, ins Speziallager Nr. 1, später nach Sibirien in die Arbeitslager Anshero-Sudchensk und Stalinsk. Erst 1950 kehrte er heim. Freitag hat ursprünglich seine Lebenserinnerungen nur für seine Kinder und Enkelkinder aufgeschrieben, damit diese erfahren, was er alles erlebt hat. Doch sind seine Erfahrungsberichte so bedeutsame und authentische Dokumente, dass sie – überarbeitet und mit den erforderlichen Hinweisen versehen – einem größeren Kreis unterbreitet werden sollten.

 

Rudolf Freitag wuchs in Netzschkau, einer Kleinstadt im nördlichen Vogtland, auf. Er war das dritte Kind, ein Nachzügler. Die Brüder Karl und Walter waren 20 bzw. 17 Jahre älter. Die Mutter arbeitete bis zu seiner Geburt in der Textilindustrie als Weberin und auch als Ausnäherin; danach war sie Hausfrau. Der Vater war ebenfalls in der Textilindustrie tätig. Als Freitag vier Jahre alt war, wurde Hitler Reichskanzler. Mit 10 Jahren kam er zum Jungvolk. Er wurde ein „Pimpf“. So nannte man die Jungen, die vom 10. bis 14. Lebensjahr ins Jungvolk eintraten. Das Jungvolk war die erste Stufe der männlichen HJ. Mit 14 Jahren wurden sie dann in die HJ überwiesen, wenn sie nicht gerade als Jungzugführer im Jungvolk eingesetzt wurden. So auch Freitag; er kam zur Motor-HJ. Über seine damalige Zeit sagt er: „Ich verspürte keinen Zwang, ins Jungvolk oder in die Hitlerjugend zu gehen, obwohl der Zwang sozusagen indirekt, von mir unbemerkt bzw. nicht wahrgenommen, vorhanden war. Ich ging meistens gerne zum Dienst und meine Freunde auch.“ Was Freitag damals noch nicht wissen konnte, dann aber mit aller Brutalität erlebte: Jungvolk und Hitlerjugend hatten vor allem die Aufgabe, die Jugend auf den Krieg vorzubereiten. Die Nationalsozialisten hatten von Anfang an den Krieg eingeplant. In „Mein Kampf“ hat Hitler dargelegt, dass es Aufgabe des „deutschen Volkes“ sein müsse, neue Siedlungsgebiete im Osten zu erlangen. Es könne „nicht Absicht des Himmels sein (…), dem einen Volk fünfzigmal so viel an Grund und Boden auf dieser Welt zu geben, als dem anderen.“

 

Solch eine „Bodenpolitik“ wäre nach Hitler schon im Ersten Weltkrieg richtig und notwendig gewesen. Stattdessen habe man sich aber auf die Kolonien konzentriert und habe dann auch noch diese Kolonialpolitik halbherzig betrieben.  Heute könne aber – so Hitler – zusätzlicher Siedlungsraum nicht mehr mit dem Erwerb von Kolonien gewonnen werden. Wir Nationalsozialisten, so betonte Hitler, ziehen „bewußt einen Strich unter die außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. (…) Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft.“ Die „Gewinnung neuen Bodens“ sei aber nur im Osten zu erreichen.  Entschieden wandte sich Hitler gegen die Forderung, lediglich die Grenzen von 1914 wieder herzustellen, wie dies die anderen völkischen und nationalkonservativen Gruppierungen taten. „Die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen des Jahres 1914 ist ein politischer Unsinn von Ausmaßen und Folgen, die ihn als Verbrechen erscheinen lassen.“  Nach Hitler waren dies „Augenblicksgrenzen eines in keinerlei Weise abgeschlossenen politischen Ringens“. Genauso gut könne man irgendein anderes Stichjahr herausgreifen, „um in der Wiederherstellung der damaligen Verhältnisse das Ziel einer außenpolitischen Betätigung zu erklären“.  Nur dem „gedankenlosen Schwachkopf“ erscheint die Gestaltung unserer Erdoberfläche als unveränderlich, in Wahrheit werden Staatsgrenzen „durch Menschen geschaffen und durch Menschen geändert“, so Hitler.

 

Der in Aussicht genommene Krieg war von Anfang an als „Beutekrieg“ geplant. Hitler gab die Linie vor: „Man müsse stets davon ausgehen, daß diese Völker uns gegenüber in erster Linie die Aufgabe haben, uns wirtschaftlich zu dienen. Es müsse daher unser Bestreben sein, mit allen Mitteln wirtschaftlich aus den besetzten russischen Gebieten herauszuholen, was sich heraus holen lasse.“  Die Bodenschätze sollten in den eroberten Gebieten ausgebeutet werden und die unterworfenen Völker den Deutschen als billige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. In welcher Weise das vor sich gehen sollte, erläuterte Himmler später: „Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zur Verfügung stehen und Deutschland jährlich Wanderarbeiter und Arbeiter für besondere Arbeitsvorkommen (Straßen, Steinbrüche, Bauten) stellen (…).“  In seiner Posener Rede vom 4. Oktober 1943 fügte Himmler hinzu: „Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. (…) Ob die anderen Völker im Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird.“   Besonderen Wert wurde darauf gelegt, dass die „Unterworfenen“ keine höhere Bildung bekommen sollten. „Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens“, so Himmler, „darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich. Außer dieser Schule darf es im Osten überhaupt keine Schule geben (…)“.  Ähnlich äußerte sich auch Hitler: „Kenntnisse der Russen, Ukrainer, Kirgisen und so weiter im Lesen und Schreiben könnten uns nur schaden. Denn sie ermöglichten es helleren Köpfen, sich ein gewisses Geschichtswissen zu erarbeiten und damit zu politischen Gedankengängen zu kommen, die irgendwie immer ihre Spitze gegen uns haben müßten.“

 

Hitler war sich völlig im Klaren, dass solche Ziele nur gewaltsam zu erreichen seien, nur – wie er es in „Mein Kampf“ formulierte – mit der „Gewalt eines siegreichen Schwertes“ erkämpft werden können.  Für Hitler war der Krieg Mittel zum Zweck. In einer Rede im Jahre 1928 erklärte er: „Die Idee des Kampfes ist so alt wie das Leben selbst, denn das Leben wird nur dadurch erhalten, daß anderes Leben im Kampfe zugrunde geht. (…) In diesem Kampf gewinnt der Stärkere, Fähigere, während der Unfähige, der Schwache verliert. Der Kampf ist der Vater aller Dinge (…). Nicht durch die Prinzipien der Humanität lebt der Mensch oder ist er fähig, sich neben der Tierwelt zu behaupten, sondern einzig und allein durch die Mittel brutalsten Kampfes (…).“  1937 erklärte er unumwunden: „Zur Lösung der deutschen Frage“ – Gewinnung neuen Bodens durch Ostkolonisation – „könne es nur den Weg der Gewalt geben.“  Für diese Aufgabe sollte das deutsche Volk und insbesondere die Jugend vorbereitet und erzogen werden. Bereits im Jahre 1928 hatte Hitler erklärt: „An sich hat die nationalsozialistische Bewegung das deutsche Volk dahin zu erziehen, daß es für die Gestaltung seines Lebens den Bluteinsatz nicht scheut.“

 

In der Schule und in der Hitlerjugend wurde die Jugend auf den Krieg vorbereitet. Der Tod für „das Vaterland“ wurde als größte Tugend dargestellt. Ein Beteiligter erinnerte sich: „Die Schrecken des Krieges störten uns Knaben nicht, sie zogen uns an. Daß unsere Väter einberufen wurden, schien nur recht und billig. Und der ‚Heldentod‘ gehörte dazu. Viele der Lieder, die wir in der Schule und später in der Hitlerjugend lernten, handelten von der Ehre, fürs Vaterland zu sterben: Die Fahnen wehten ins Morgenrot und leuchteten zum frühen Tod, heilig Vaterland war in Gefahren, mochten wir sterben, Deutschland stürbe nicht (…).“  In einem Schulaufsatz hieß es: „Auch auf unser Leben dürfen wir keinerlei Rücksicht nehmen; so lange Menschen denken, war es höchstes Glück eines jeden, für sein Vaterland freudig zu sterben.“  Die „Erziehung zum Sterben“, die Bereitschaft, das eigene Leben zu opfern, war grundlegendes Erziehungsziel und Teil der Kriegsvorbereitung.

 

Von dieser Perspektive ahnte Freitag noch nichts als er zum Jungvolk kam. Lagerromantik, Fahnenappelle, Fußmärsche, Geländespiele … detailliert und sehr anschaulich schildert er das Leben als „Pimpf“, das er durchaus interessant fand. Es ging aber auch um Disziplin. Der Jungzugführer erklärte, was ein Befehl ist und dass die „Pimpfe“ Vertrauen zu ihren Führern haben müssen. Vor allem ging es darum, so Freitag, den jungen „Pimpfen“ die Lieder zu vermitteln. „Die Texte hatten fast alle etwas mit der Fahne zu tun, die mehr sei als der Tod, mit der Jugend, die keine Gefahren kenne und dem ‚heiligen‘ Vaterland.“ Ein Text lautete: „Die Juden ziehen dahin, daher, sie ziehn wohl übers Meer, die Wellen schlagen zu, die Welt hat Ruh.“ Aus eigenem Erleben kannte Freitag keine Juden näher. Nur einmal sah er kurz nach der „Kristallnacht“ – er war gerade mit seiner Mutter auf dem Wege zum Friedhof – wie die Gaststätte eines älteren jüdischen Ehepaares verwüstet worden war. Dieses Ehepaar hatte eine Tochter, die mit einem Deutschen verheiratet war. Diese Ehe hatte zwei Kinder, zwei Mädchen. Die Jüngere war so alt wie Freitag, ging in dieselbe Schule. Die Schulkameradin – so Freitag – „kam immer allein, hatte keine Spielgefährten, vielleicht redete sie sich selbst ein: ich bin irgendwie anders. Und dann und wann hörte sie uns Pimpfe singen von den Juden, die übers Meer ziehen, wo dann die Wellen zuschlagen und endlich die Welt Ruh hat“. Doch Freitag berichtete weiter, dass keiner der „Pimpfe“ in seine Gruppe sich zum Judenhasser entwickelt habe, obwohl der Rektor in der Schule höchstpersönlich die Rassenkunde unterrichtete und über die Untermenschen aufklärte, „von denen die Juden die schlimmsten seien“.

 

Interessant ist, wie Freitag überhaupt ins Jungvolk kam. Die meisten Klassenkameraden waren schon angemeldet. Er wollte unbedingt mit dabei sein. Er wollte kein Außenseiter sein. Doch der Vater unterschrieb nicht. Er war seit 1911 Mitglied der SPD und später der SAP , stand also dem Hitlerregime ablehnend gegenüber. Hinzu kam folgendes: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden in Netzschkau wie im gesamten Reich Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler und Andere verhaftet. Als Foltereinrichtung wurde von der SA und der SS das Volkshaus in Reichenbach benutzt. Zu den Verhafteten gehörte auch Freitags ältester Bruder Karl. Auch ein Cousin von Freitag, KPD-Mitglied, wurde festgenommen, er wurde mit Gummiknüppeln „behandelt“. Karl kam nach mehr als zwei Wochen wieder nach Hause, nachdem er unterschrieben hatte, dass er gut behandelt worden sei. Auch der Vater wurde verhaftet. „Er saß schon zusammen mit anderen auf dem LKW, als ein in unserem Ort führender Nationalsozialist die Anweisung erteilte, meinen Vater freizulassen. Beide kannten sich von früher, hatten zwar entgegengesetzte politische Ansichten, aber achteten sich trotzdem.“ Auch das gab es im „Dritten Reich“. Freitag kam ins Jungvolk; die Mutter unterschrieb, um endlich „Ruhe zu haben“.

 

Als Freitag zehn Jahre alt war, begann der Krieg. In der Schule, im Jungvolk erfuhren die Kinder vom „erfolgreichen Vormarsch der Wehrmacht“. Die Soldatenzüge fuhren in Richtung Osten und die Jungen standen so manche Stunde an der Eisenbahnstrecke München-Dresden und winkten den Soldaten zu. Der jüngere Bruder von Freitags Vater wurde auch eingezogen. Er hatte bereits im Ersten Weltkrieg gekämpft. Ein geflügeltes Wort war damals: „Wir Alten von 14-18 sind wieder da, wo bleibt die SS und SA?“ Er kam nach Polen. Was er aber dort sah, war erschütternd. „In vielen polnischen Städten und Dörfern hatte die SS polnische Juden ermordet. An Fensterkreuzen sah er viele aufgehängte Juden.“

 

Während des Frankreichfeldzuges kannte die Begeisterung keine Grenzen. In der Schule wurden Lieder einstudiert wie „Siegreich woll’n wir Frankreich schlagen, sterben als ein tapf’rer Held …“ oder „Oh Straßburg, oh Straßburg du wunderschöne Stadt, darinnen liegt begraben, so mancher Soldat …“.

 

Freitag wurde nun ein Jungzugführer. Er gab Kommandos, kontrollierte die Anwesenheit. Die Jungzugführer waren kaum älter als die „Pimpfe“; Jugend war unter sich. Verschiedene Aktivitäten wurden organisiert: eine Fahrradtour über Pfingsten; Geländespiele, die sich besonderer Beliebtheit erfreuten; sportliche Leistungswettkämpfe. Höhepunkt war die Sonnenwendfeier mit großem Lagerfeuer, über das gesprungen wurde. Für die Bevölkerung wurden im Schützenhaus von Netzschkau Veranstaltungen durchgeführt nach dem Motto: „Pimpfe“ singen, spielen, turnen. Im Saal saß die Netzschkauer Parteiprominenz, angeführt von NSDAP-Ortsgruppenleiter Artur Pursche, aber auch viele Zuschauer, die mit den Nazis nichts zu tun hatten: ehemalige SPD-, KPD- und SAP-Angehörige. Das ergab sich so, weil deren Kinder und Enkel auch auf der Bühne standen. Die Moderation hatte Siegfried Böhm übernommen; er wurde später Abteilungsleiter in der Abteilung Planung und Finanzen im Zentralkomitee der SED und danach Finanzminister der DDR.

 

Um den 9. November herum kam das Fähnlein zusammen, um der Gefallenen bei der Feldherrnhalle zu gedenken. Dieses Gedenken bezog sich auf den Putsch der NSDAP in München im Jahre 1922. „Bei Trommelwirbel und mit ernsten Gesichtern wurden die Namen der dort ums Leben gekommenen Männer verlesen. Natürlich vor der Fahne und umrahmt von unseren Liedern vom ‚heiligen‘ Vaterland.“

 

Im Jahr 1943 endete für Freitag die Volksschulzeit; er begann eine Lehre als Großhandelskaufmann. Auf eigenem Wunsch wurde er aus dem Jungvolk entlassen. Mit diesem Ausscheiden war automatisch der Eintritt in die Hitlerjugend verbunden. Er ging zur Motor-HJ.

 

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion bekam der Krieg eine neue Dimension: „Von Finnland bis zum Schwarzen Meer, vorwärts nach Osten du stürmisch Heer“, wurde gesungen und zunächst gab es nur Siegesmeldungen. Doch auch die Verluste an Menschen und Material stiegen. Anfang Juni 1942 traf die Nachricht ein, dass Freitags ältester Bruder Karl am 12. Mai 1942 gefallen war. „Ich will hier nicht näher darauf eingehen, was sich nun an Trauer, Schmerz, Kummer und Leid das ganze Jahr 1942 bei uns abspielte. Meine Mutter war kein Mensch mehr. Sie saß in der Ecke wie ein hilfloses Tier.“ Freitag selbst war 13 Jahre alt, der Bruder hinterließ seine Frau und einen siebenjährigen Sohn.

 

Die Anzeigen gefallener Soldaten wurden in den Zeitungen immer zahlreicher. In Stalingrad schließlich erfuhr die deutsche Wehrmacht ihre größte Niederlage. Von nun an ging es nur noch rückwärts. Wer jedoch an Deutschlands Sieg zweifelte oder am Radio Feindsendungen empfing, wurde mit dem Tode bestraft. Gegen „Meckerer“ und „Defaitisten“ wurden drakonische Strafen verhängt.

 

Im Februar 1944 erhielt Freitag zusammen mit seinen Freunden einen Einberufungsbefehl in ein Wehrertüchtigungslager. Solche Lager gab es in ganz Deutschland, die Einberufenen erhielten dort eine vormilitärische Ausbildung. Dort herrschte harter Drill bis hin zur reinen Schikane. Natürlich fanden die Jugendlichen auch einen Ausgleich zu dem harten Drill. Besonders beliebt waren Kinobesuche. Doch war dies oft mit einem Abenteuer verbunden, denn viele Filme waren für Jugendliche unter 18 Jahren verboten. Auf der einen Seite, so Freitag, waren „für die damalige Zeit vollkommen ‚normale‘ und oftmals banale Filme aus dem zivilen Leben für uns verboten und auf der anderen Seite, man muss es so sagen, wirklich jugendgefährdende Filme, in denen Gewalt verherrlicht wurde, erlaubt. Es gab aber auf diesem Gebiet noch einen weiteren Widerspruch. Für bestimmte Filme waren wir ‚nicht reif‘ genug, aber um den Heldentod zu sterben bevor wir 18 Jahre alt geworden waren, reichte unsere Reife aus“. Freitag schildert, wie es ihnen dennoch gelang, in die Kinos zu kommen.

 

Im Sommer 1944 rief Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den „Volkssturm“ aus. „Nun Volk steh auf und Sturm brich los.“ Alle gesunden männlichen Deutschen von 16 is 60 Jahren gehörten dazu. Obwohl der Jahrgang 1929 formal gar nicht dazu gehörte, erhielten Freitag und seine Freunde im Spätherbst 1944 eine Einberufung in ein Volkssturm-Ausbildungslager in Oberheindorf. Die Schilderungen der dortigen Zustände sind besonders eindringlich: es herrschte dort härtester Drill.

 

Ende 1944 wurde der Bruder Walter ein zweites Mal verwundet. Er kam mit seiner Einheit nach Leipzig. Er äußerte: Wenn „die Russen das mit uns machen, was dort von uns angestellt wurde, dann bleibt in Deutschland nichts und niemand mehr übrig“. Der Bruder wurde erneut operiert, bekam Urlaub zu seiner Familie nach Oberschlesien, „plötzlich waren die Russen da. Mein Bruder wurde erschlagen. Einfach so“.

 

In der zweiten Hälfte des Monats Januar 1945 flatterte der nächste Einberufungsbefehl ins Haus. Die Jugendlichen aus Netzschkau und Umgebung hatten sich in Reichenbach in der Gaststätte „Schöne Aussicht“ einzufinden. Die Schießausbildung und das Scharfschießen erfolgten mit dem Karabiner und dem leichten Maschinengewehr. Hauptmann Schneider hielt vor den Jugendlichen eine Ansprache. Er trug eine tadellose Uniform und so ziemlich alle Auszeichnungen unterhalb des Ritterkreuzes. Er war gleichzeitig der Bannführer in der Hitlerjugend. „Er sprach mit funkelndem und zu allem entschlossenen Augenausdruck darüber, dass die Russen in Oberschlesien eingedrungen seien, dass sie unter der Zivilbevölkerung mordeten und plünderten, und dass sie die deutschen Frauen und Mädchen bestialisch vergewaltigen würden. Der Führer habe nun die Hitlerjungen des Jahrganges 1929 aufgerufen, sich als Kriegsfreiwillige zu melden, um die slawisch-asiatischen Horden zu vernichten. Man wolle uns an den besten und modernsten Waffen, die es gibt, ausbilden und die beste Verpflegung geben.“ Was die Rede nicht bewirkte, erzeugte der äußere Zwang: Freitag und seine Freunde unterschrieben. Sie wurden „Kriegsfreiwillige“.

 

Im März 1945 kam dann der Einberufungsbefehl per Einschreiben. Auf dem Brief stand „Sofortaktion“ und „Reklamation ausgeschlossen“. Es wurde ernst, Freitag und seine Freunde mussten einrücken. Der Vater sagte zum Abschied, er solle gut aufpassen, und wenn es gefährlich wird, … einfach abhauen.  Die Jugendlichen hatten sich im Wehrertüchtigungslager in Stegerwaldhaus einzufinden. Die „Erziehung“ dort war wieder reine Schikane. Ein Lied wurde auch gesungen. „Rot ist die Klinge vom Bolschewikenblut, hell unser Lachen und froh unser Mut (…).“ Es war das Lied der 12. Panzerdivision „Hitlerjugend“. Dreimal musste die gesamte Einheit auf dem Lagerplatz antreten. Es wurde auch für die SS-Division „Hitlerjugend“ geworben. Doch vergebens – der Krieg sollte nicht mehr lange währen.

 

Eines Tages wurde eine riesengroße Kolonne kriegsgefangener Russen von einer Wachmannschaft am Lager vorbeigetrieben. „Es waren erbarmungswürdige Gestalten, die wir sahen und wir sprachen zunächst einmal kein Wort. Irgendwie waren wir alle geschockt. So etwas hatten wir noch nie gesehen.“ Einige Soldaten baten die Lagerleitung, für die Bewachung der Russen übers Wochenende einige Hitlerjungen zur Verfügung zu stellen. Freitag und einige Freunde gehörten auch dazu. Dabei wurde er Zeuge einer erschütternden Szene. „Ich sah, wie ein junger Gefreiter einen Gefangenen mit Schlägen über den Hof stieß, seine Waffe scharf machte, und ich nahm an, er wollte den Mann hinter dem Haus erschießen. Der Russe schlug vor seiner Brust dauernd das Kreuz. Es war also ein Christ. Ich zitterte wie Espenlaub, als ich das sah. Zum Glück kam ein älterer Feldwebel dazu und verhinderte diese Untat, dieses Kriegsverbrechen. Angeblich soll der Russe im Hausflur eine Milchkanne genommen und daraus getrunken haben.“

 

Hin und wieder fanden auf dem Lagerplatz Appelle statt. Die HJ-Fahne wurde aufgezogen. Der Redner sprach von den Wunderwaffen und von dem „Glauben“ an den „Führer“. In einer Rede ging es ums Anschleichen und ums Töten. Dieses Anschleichen bezog sich auf einzelne Posten und Magazine, die die Jugendlichen ausräuchern sollten. „Ihr müsst zu Mördern werden“, rief der Redner. „Wir sollten nach Möglichkeit mit dem Messer ‚arbeiten‘, und nach dem ‚Zustechen‘ das ‚Rumdrehen‘ nicht vergessen. Wenn ein feindlicher Soldat nur mit einem Pistolenschuss verletzt würde, dann sei der Mann vielleicht schon nach vier Wochen wieder fronttauglich.“

 

Der Krieg sollte aber nicht mehr lange dauern. Auch die amerikanische Armee rückte immer näher. Die letzten Kriegstage, geschrieben aus der Sicht eines 15jährigen Jungen, der nun merkte, dass dies alles kein Räuber- und Gendarmenspiel mehr war, sondern tödlicher Ernst – dies gehört zu den bewegendsten Abschnitten in Freitags Darstellung. Mit einem gekaperten Motorrad als „Kriegsbeute“ erreichte er nach einer abenteuerlichen Flucht schließlich Netzschkau.

 

Auch Freitags Freund Günther erreichte wenig später unversehrt Netzschkau. Beide waren kurz vor Kriegsende getrennt worden. Günther bekam in Mechelgrün seine Wehrmachtsuniform. Das war keine Neukleidung, sondern Uniformen, die man den Toten und Verwundeten abgenommen hatte. Man hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, die Einschusslöcher, die dunkel umrandet waren, zu beseitigen. „Wir waren das letzte Aufgebot“, so Günther, „das die Nazis noch zu verheizen gedachten“. Die Gruppe erhielt den Auftrag, die rechte Flanke des Ortes von einem Steinbruch aus zu verteidigen. Sie hatten ein paar Panzerfäuste und einige Kisten Munition erhalten. Gegen die heranrückenden Panzer der Amerikaner war dies das reine Selbstmordunternehmen. Da rief der Unteroffizier: „Sofort alle sammeln und Abmarsch im Laufschritt, los, los.“ Aus dem Steinbruch wäre keiner lebend herausgekommen. Die Herren, so Günther, die diesen Befehl gaben, wussten das genau. Dem Unteroffizier waren sie aber ewig dankbar. Kurz darauf wurde Günther zum Bataillonsgefechtsstand im Rittergut Sorga gebracht. Zwei Stunden später war er Panzergrenadier der 11. Panzerdivision im Alarmzug von Leutnant Horst Scharfenberg.  Die 11. Panzerdivision sollte zur Heeresgruppe Mitte unter Generalfeldmarschall Schörner stoßen und gegen die Russen kämpfen. Auf dem Weg dorthin sah Günther das Wirken der Heeresgruppe Schörner. Soldaten, die ohne Marschbefehl aufgegriffen wurden, sind an Ort und Stelle verurteilt und zur Abschreckung sofort aufgehängt worden.

 

Es kam aber zu keinen Kampfhandlungen mehr. Die Führung entschloss sich mit den Amerikanern zu verhandeln und schließlich geordnet in Gefangenschaft zu gehen. Nach 3 ½ Wochen Gefangenschaft und drei Tagen Fußmarsch kam er schließlich in Netzschkau an. Er war einer der letzten, der zurückkam.

 

Netzschkau selber war wenig zerstört worden. Lediglich auf der Oststraße gab es Häuserschäden nach einem Luftangriff am 17. März 1945. Das Oberkommando der Wehrmacht hatte jedoch noch kurz vor Kriegsende befohlen, Städte als wichtige Verkehrsknotenpunkte „bis zum äußersten“ unter Leitung von speziellen Kampfkommandanten zu verteidigen. In Netzschkau wurde mit dieser Aufgabe der langjährige NSDAP-Ortsgruppenführer Arthur Pursche betraut, der schon den Volkssturm leitete. Geschütze wurden in Stellung gebracht, eines stand oberhalb des großen Rüstungsbetriebs Nema. Weitere Zerstörung und Blutvergießen drohten. Dies bewog die Lebensmittelhändlerin Johanna „Hanna“ Straach rund 100 Frauen zu mobilisieren, mit denen sie zu der Wohnung des Nema-Miteigentümers Gottwald Stark zogen und mit diesem zu Pursche. Kategorisch erklärten sie, einen „Endsieg“ könne es nicht geben und erreichten, dass die Geschütze abgezogen wurden. Pursche und andere maßgebliche Nazigrößen erkannten ihre aussichtslose Lage und suchten nur noch ihre eigene Haut zu retten. Als in den frühen Morgenstunden des 17. April 1945 die US-Truppen Netzschkau erreichten, kam ihnen eine junge Frau mit einer weißen Fahne und einem Blumenstrauß entgegen. Durch das mutige Auftreten der Frauen wurde Netzschkau vor weiterer Zerstörung bewahrt.

 

Der Krieg war zu Ende. Für Freitag und seine Freunde begann eine herrliche Zeit. Kein HJ-Dienst mehr, kein Drill. „Wir waren wieder zu Hause und freuten uns darüber. Denn eines wußten wir, mit uns hätte viel Schlimmeres passieren können.“ Eine Anzahl von Nazigrößen mussten im Stadtbad Strafarbeit leisten. Unter ihnen befanden sich auch zwei Personen, die den Ostarbeitern während der Zeit ihrer Zwangsarbeit das Leben besonders schwer gemacht hatten. Die Ostarbeiter stürmten ins Stadtbad und erschlugen den ehemaligen Personalchef und Obman der Nema und einen ihrer früheren Bewacher.

 

Anfang Juli zog die US-Armee ab und kurz darauf kam die „Rote Armee“. „Es wird Ende August, Anfang September gewesen sein, als plötzlich Menschen verschwanden. Es wurde manches über gewisse Leute gemunkelt: sie seien von den Russen festgenommen worden oder über die nahe grüne Grenze nach dem Westen geflüchtet. Zunächst wusste niemand etwas genaues. (…) Wir kannten die meisten Verhafteten und wussten, dass sie nichts verbrochen hatten (…)“. Doch die Verhaftungen gingen weiter. Freitag und Günther wurden unruhig. „Wir fassten den Plan, nach dem Westen abzuhauen, obwohl wir eigentlich nicht wussten, warum wir das tun sollten, denn wir hatten nichts verbrochen.“ Auch Günthers Vater riet ihnen von dem Plan ab. „Er glaubte an Gerechtigkeit. Wer nichts verbrochen hat, kann auch nicht bestraft werden.“ Dennoch wurden Freitag, Günther und mehrere andere Jugendliche aus Netzschkau vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen, Mitglieder des „Werwolfs“ gewesen zu sein und Aufträge zur Diversion erhalten zu haben.  Es fanden zwei kurze Verhöre statt, in denen diese Anschuldigungen vorgetragen wurden. Die Jugendlichen bestritten allesamt, jemals Mitglieder des „Werwolfs“ gewesen zu sein. In Netzschkau und Umgebung hätte es überhaupt keinen „Werwolf“ gegeben. Die Jugendlichen blieben aber in Haft. Sie kamen – es waren insgesamt zehn – zunächst in ein Gefängnis in Zwickau, wo ihnen wegen der Läuse erst einmal die Haare geschoren wurden, und später nach Mühlberg, dem Speziallager Nr. 1 des sowjetischen NKWD. Der Beschluss zur Einweisung in das Speziallager wurde Freitag nicht mitgeteilt. Er hatte auch nicht mehr Gelegenheit, zu den erhobenen Vorwürfen Stellung zu beziehen. Die Verhaftung erfolgte, ohne dass eine tatsächliche Schuld festgestellt wurde. Die Angehörigen wurden von der Einweisung nicht benachrichtigt, so dass sie über den weiteren Verbleib Freitags völlig im Unklaren blieben.

 

„Die Zustände in den Speziallagern waren schlimm“, schreibt Freitag. Seine Schilderung über die damalige Zeit ist dann auch eine ergreifende Dokumentation. Im Jahre 2008 wurde von der Initiativgruppe Lager Mühlberg e. V. ein „Totenbuch“ herausgegeben. In ihm wird dokumentiert, dass in der Zeit von 1945 bis 1948 in Mühlberg von den 21.835 Inhaftierten 6.766 den Tod fanden. Insgesamt waren in den sowjetischen Lagern insgesamt 176.000 Personen inhaftiert.  „Während die in den Speziallagern inhaftierten Menschen zu Tausenden verhungerten sowie an Entkräftung und Krankheiten zugrunde gingen, sah die sowjetische Lagerverwaltung dem Massensterben und der Katastrophe in ihren Lagern tatenlos zu.“  Offiziell galt die Errichtung der Internierungslager der NKWD als Maßnahme, um die Funktionäre des nationalsozialistischen Machtapparats zur Verantwortung zu ziehen und sich vor ihrer möglichen Betätigung im Untergrund zu schützen. Tatsache ist aber, dass neben nationalsozialistischen Funktionsträgern, die tatsächlich schwere Schuld auf sich geladen hatten, vor allem auch viele kleine Mitläufer und Undschuldige inhaftiert wurden.  Das Beispiel Freitag und der anderen Netzschkauer Jugendlichen verdeutlicht dies. Sie waren niemals Angehörige des „Werwolfs“ gewesen und hatten keine Gelegenheit, ihre Unschuld im Einzelnen darzulegen. Ihre Verhaftung erfolgte willkürlich, ohne dass im Einzelfall eine tatsächliche Schuld auf der Grundlage eines rechtsstaatlichen Untersuchungsverfahrens ermittelt wurde. Sie mussten eine ungewisse Zeit im Lager absitzen, ohne dass sich jemand mit ihnen über das Unrechtssystem der Nazis auseinandersetzte und ohne sie zu überzeugen, welch unmenschlichen Zielen sie haben dienen müssen.  Die Lagerleitung machte zudem keinen Unterschied zwischen denen, die durch ihre Tätigkeit im NS-Regime belastet waren und den unschuldig Verhafteten.  Während zahlreiche Nazi-Größen für ihre Verbrechen niemals zur Rechenschaft gezogen wurden, sollten 16jährige Jugendliche, die selber Opfer des verbrecherischen Nazi-Regimes wurden, für dessen Untaten büßen.

 

Für die Netzschkauer Jugendlichen war der Leidensweg aber noch lange nicht zu Ende. Anfang Februar 1947 wurden ungefähr 1000 Insassen von Mühlberg nach Sibirien verladen. Freitag gehörte auch dazu. Sie wurden von einer russischen Ärztekommission auf ihre Arbeitsfähigkeit hin untersucht und für den Transport nach Sibirien mit einer kompletten Winterbekleidung ausgestattet. Dazu gehörten: Ein Soldatenmantel oder zweireihige Jacke, wattierte Hose, Filzstiefel, zwei Paar warme Fußlappen, ein paar Handschuhe sowie eine Pelzmütze mit Ohrenklappen – daher auch der Name Pelzmützentransport. Die Internierten waren froh, endlich wieder saubere Wäsche tragen zu können, denn bislang hatten sie nur die Sachen auf dem Leib, die sie zur Zeit ihrer Verhaftung trugen.

 

„Gegen Abend des 8. Februar 1947 setzte sich der Zug mit knapp eintausend zukünftigen Zwangsarbeitern in Bewegung.“ In einem Waggon waren jeweils vierzig bis fünfzig Personen untergebracht. Die Waggons – es handelte sich um ehemalige Viehwaggons – waren vernagelt und vergittert, es wurde in ihnen nie richtig hell. Höchstens durch die eine oder andere Ritze war es möglich, etwas von draußen zu erhaschen. Warmes Essen gab es nur, wenn der Zug hielt. Dann mussten schnell zwei Mann raus und im Laufschritt – natürlich unter Bewachung – das Essen holen. Dies war gar nicht so einfach, denn infolge des vielen Liegens und der aufkommenden Kälte waren die Beine – so Freitag – ziemlich „eingerostet“. Einen Kanonenofen gab es auch im Waggon, doch war das Heizmaterial nur spärlich vorhanden. Briketts gab es nur hin und wieder und so nahmen die Insassen die im Waggon befindlichen Bretter und Holzbohlen und verfeuerten sie, was aber auch nicht so einfach war, denn die Insassen besaßen nur Holzlöffel zum Verkleinern der Bretter – Löffel aus Metall waren ihnen abgenommen worden. In den Waggons war es meist bitter kalt, nach der Aussage eines anderen Hälftlings, nicht selten bis zu minus 40 Grad.  Ging im Küchenwaggon das Wasser aus, wurde am Bahndamm einfach der verschmutzte Schnee genommen, um Wasser zu erzeugen. „Ein Wunder, dass bei solchen Zuständen nicht noch mehr Krankheiten ausgebrochen sind. Allerdings hat es schon eine ganze Menge Durchfallerkrankungen und auch Tote auf der fast fünfwöchigen, grausamen Reise gegeben.“  Nach 33 Tagen mit zahlreichen Unterbrechungen erreichte der Zug schließlich Anshero-Sudschensk. Völlig erschöpft verließen die Gefangenen die Waggons. In einem einstündigen Fußmarsch bei klirrender Kälte ging es erst einmal ins Krankenhaus zum Entlausen. Es war schon dunkel als sie im Lager ankamen – es sollte bis zum Spätsommer 1949 Freitags „neues zu Hause“ werden. Danach kam er ins Lager Stalinsk. Es soll hier nicht weiter vorgegriffen werden. Aber was Freitag in diesen Lagern erlebte sind ebenso spannende wie erschütternde Berichte. Hervorragend geschrieben, vermitteln sie einen unmittelbaren Eindruck von den schweren Arbeitsbedingungen im Schacht und dem entbehrungsreichen Leben im Lager.

 

„Unsere Eltern versuchten alles“, so Freitag weiter, „um uns frei zu bekommen. Sie konnten nicht einmal in Erfahrung bringen, wo wir uns befanden, in welchem Gefängnis oder in welchem Lager wir festgehalten wurden. Mütter und Väter konnten nicht begreifen, was ihren Kindern und ihnen selbst angetan wurde. Nirgendwo erhielten sie eine Auskunft. (…) Schriftliche und mündliche Eingaben blieben unbeantwortet. (…) Es war zum Verzweifeln, sagte mein Vater. Man rannte gegen eine Wand oder lief ins Leere.“

 

Im April 1950 wurde Freitag schließlich entlassen, nach fast fünf Jahren Haft. Er hatte einen Großteil seiner Jugend hinter Stacheldraht verbracht – unschuldig. Nach Freitag hätte innerhalb weniger Wochen einwandfrei geklärt werden können, ob es in der Gegend von Netzschkau einen „Werwolf“ gab oder nicht. Eine solche Untersuchung hat aber nie stattgefunden. Völlig willkürlich wurde er erst in Mühlberg festgehalten und dann nach Sibirien deportiert.

 

Für sein Schicksal, für das erlebte Leid, das er und seine Familie im Zweiten Weltkrieg und danach erlitten haben, macht Freitag stets das Hitlerregime verantwortlich. Wenn Hitler nicht mit seiner verbrecherischen Politik den Krieg entfesselt und unendliches Leid über andere Völker und nicht zuletzt auch über das deutsche Volk selbst gebracht hätte, wäre ihm dies alles erspart geblieben. Dabei hatte alles recht „harmlos“ angefangen. Geländespiele, sportliche Wettkämpfe etc. fanden natürlich das Interesse der Jugendlichen in der HJ. Das alles diente aber der Vorbereitung auf den Krieg – und unversehens war es tödlicher Ernst geworden. Die Jugendlichen hatten eine vormilitärische Ausbildung erhalten und waren schließlich Hitlers „letztes Aufgebot“ geworden – gegen ihren Willen.

 

Nun hatte Freitags Vater als Sozialist gehofft, dass Stalin mit dem Ende des Krieges die endgültige Befreiung bringen würde. Doch das stalinistische Regime war selbst ein Unrechtssystem, es hatte mit den sozialistischen Idealen nichts mehr gemein. So war für viele Jugendliche das ersehnte Ende des Krieges der Beginn einer neuen Leidensperiode. Dabei hätten die meisten von ihnen sich für einen wirklichen demokratischen Neubeginn begeistern können. Freitag und wohl auch die anderen Netzschkauer Jugendlichen waren nie Anhänger des Hitler-Regimes gewesen, mangels Alternativen gerieten sie in die HJ und deren Mechanismen. Freitag ist trotz seiner bitteren Erfahrungen in Sibirien in die DDR zurückgekehrt, weil er die DDR für den antifaschistischen Staat hielt, und trat nach Stalins Tod der SED bei – allerdings mit einer kritischen Distanz zum „Stalinismus“.