cap-arcona

An etlichen Tagen wird hier spezieller Ereignisse des 2. Weltkrieges gedacht. Über den Untergang der Wilhelm Gustloff und der Goya wird immer wieder berichtet, die Hintergründe werden zusehends im Detail erforscht. Eine andere Katastrophe ebensolchen Ausmaßes jedoch stand nie so im Focus der Medien, insbesondere des TV. Einerseits möchte ich erinnern, andererseits nicht diskutieren, wie viele Menschen tätsächlich ums Leben kamen und wer „Schuld“ an der Tragödie hat. Das liegt für mich klar auf der Hand. Ob die Katastrophe, so wie wie stattfand, hätte verhindert werden können oder nicht, lässt sich wahrscheinlich nie klären.

 

Zum Geschehen am 3. Mai 1945, Neustadt/ Haffkrug/ Scharbeutz: Das Massaker an den Stutthof-Überlebenden

Am gleichen Tag wie das Bombardement der Schiffe in der Neustädter Bucht, jedoch nicht in direktem Zusammenhang mit dem Untergang der Cap Arcona und der Thielbeck fand ebenfalls in Neustadt eines der letzten Massaker des Krieges statt.

Die SS hatte mit Lastkähnen und konfiszierten Fischerbooten Häftlinge des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig über die Ostsee nach Neustadt gebracht. Diese sollten ebenfalls auf die Cap Arcona gebracht werden. Da die völlig überfüllt war, bleiben sie unter Bewachung auf anderen, kleineren Fahrzeugen. Beim Näherrücken der britischen Truppen verließen die SS-Wachmannschaften diese Schiffe/ Boote, die nun an Land trieben, was die Häftlinge zur Flucht nutzten. Auf der Suche nach Nahrungsmitteln in und um Neustadt gerieten die verzweifelten Überlebenden der Lagerhaft an eine Allianz aus Neustädter Bürgern, fanatischen SS- Angehörigen und des Volkssturmaufgebots und an Marinesoldaten. Man trieb die Menschen zusammen, 300 von ihnen, darunter Frauen und Kinder wurden ermordet. Viele derer, die dieses Massaker überlebten, starben Stunden später beim Bombenangriff auf die Schiffe vor und im Neustädter Hafen.*

Vorgeschichte unter Vorbehalten,

weil die Diskussion hier zuviel Raum einnähme, mit* versehen= Verweis auf Link. Auf Befehl Heinrich Himmlers sollte kein KZ-Häftling in die Hände der Alliierten fallen.*

In den letzten Wochen oder Tagen des Krieges wurden die Konzentrationslager geräumt, beim Vormarsch der Alliierten ab 19. April auch das KL Neuengamme. Die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Neuengamme und die des Todesmarsches aus dem KL Fürstengrube wurden mit Bahntransporten in den Vorwerker Hafen in Lübeck gebracht oder zu Fuß dorthin getrieben. Etwa 10.000 Häftlinge waren unterwegs. Wer den Todesmarsch überlebte, wurde von Lübeck aus mit Zubringer-Schiffen, der Thielbeck und der Athen, auf die Cap Arcona verbracht, die manövrierunfähig vor Neustadt lag.

Das Schiff war beschlagnahmt worden und in Zusammenarbeit des Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann, der gleichzeitig Reichskommissar für Seeschifffahrt war, mit dem Hamburger SS-Führer Graf Bassewitz-Beer, als schwimmendes Konzentrationslager vorgesehen. Mit dem Kalkül, dass die Cap Arcona und auch die Zubringer-Schiffe Dampfer Ziele der britischen Bomber werden könnten. Oder das Schiff- oder die Schiffe gesprengt werden sollten?* Die manövrierunfähige Cap Arcona war zumindest soweit betankt, dass die Vermutung, der Treibstoff solle als Brandbeschleuniger dienen, gerechtfertigt scheint.

Der einstige Luxusdampfer Cap Arcona wurde präpariert. Fluchtwege waren versperrt, Rettungsboote blockiert, die automatischen Schotten außer Betrieb. Das Schiff war unter unsäglichen Bedingungen vollgestopft mit KL- Häftlingen.

 

Der 3. Mai und die Schiffe in der Neustädter/ Lübecker Bucht

Brennende-Cap-ArconiaAm 3. Mai 1945 befanden sich insgesamt etwa 7500 Menschen an Bord der beiden Schiffe, davon ca. 4500 Häftlinge auf der Cap Arcona, 2800 auf der Thielbeck, ca. 2000 noch auf der Athen, dazu die Wachkommandos. (Die Zahlen schwanken, je nach Quelle.)

Es heißt, das Schweizer Rote Kreuz habe die britischen Bodentruppen rechtzeitig informiert, dass sich außer einer kleinen Zahl an Bewachern nur Häftlinge aus den KL an Bord der Schiffe befanden. Etwas rätselhaft bleibt der Angriff, denn der Abtransport französischer, belgischer und niederländischer Häftlinge am 30.April durch die weißen Busse des schwedischen Roten Kreuzes müsste den heranrückenden britischen Einheiten ebenso bekannt gewesen sein wie die Tatsache, dass die Schiffe vor Neustadt/ Haffkrug/ Scharbeutz schwimmende KL waren. Wenn es diese Informationen gab, so haben sie die Bomber-Piloten nicht erreicht. Dazu waren die Bordkanonen nicht abmontiert worden und die Schiffe auch nicht besonders gekennzeichnet. Die eher Richtung Haffkrug/ Scharbeutz vor Anker liegende Deutschland war als Lazarett-Schiff ebenfalls nicht eindeutig zu erkennen, weil es an weißer Farbe gefehlt haben soll.  Das mag in den letzten Tagen des Krieges dazu geführt haben, dass in Unkenntnis dessen, was auf den Schiffen vor sich ging, die britischen Bomberverbände auf alles zielten, was in der Lübecker Bucht und in der Kieler Förde an Schiffen zu sehen war.

So gab es am 3. Mai 1945 einer der letzten großen Luftangriffe des Krieges. Mit dem Einsatzbefehl an das 198. Geschwaders der 2. Taktischen Luftflotte: „Zerstörung der feindlichen Schiffsansammlung in der Lübecker Bucht westlich der Insel Poel und nach Norden hin zur Grenze der Sicherheitszone“. Das geschah mit grausamer, tödlicher Konsequenz- und traf die Opfer der Nazis, nicht diese selbst. Von den etwa zwischen 7000 und 7500 Häftlingen kamen ca. 6.400 bei dem massiven Angriff der Briten ums Leben. Briten wie Deutsche schossen auf die um ihr im 8° kalten Wasser um ihr Leben kämpfenden Menschen, die sich von Bord der brennenden Schiffe und der kenternden Cap Arcona noch hatten retten können. 

Die wenigsten Häftlinge überlebten. Dagegen heißt es, ca. 80% der Besatzung der Cap Arcona, vom Wachpersonal bis zum Kapitän, sollen sich in Sicherheit gebracht haben. 20 Minuten nach dem Luftangriff sank die Thielbeck. Selbst die Rettungsboote auf ihrem Weg ans Neustädter Ufer wurden von britischen Kampffliegern unter Beschuss genommen. Lediglich 50 Häftlinge überlebten, auch der Großteil der Mannschaft und der Kapitän der Thielbeck starben. Die „Athen“ lag zur Zeit des Angriffs im Neustädter Hafen, auch sie hat wohl Treffer abbekommen, da sprechen Quellen unterschiedlich. Am gesamten Küstenabschnitt zwischen Neustadt und Scharbeutz wurden noch über Wochen Leichen angespült, ebenso wie an den Stränden in M-V auf der anderen Seite der Lübecker Bucht. Oft genug fand man bis in die 60er Jahre noch Gebeine an den Stränden, oder die Ostsee gab sie im seichten Wasser frei.

Dass ausgerechnet die überlebenden Opfer der Nazi-Gräuel nun den Tod durch die Bomben der Befreier erlitten, ist grausame Bitterkeit, ist Hohn, ist erbarmungslos.

Ist Krieg.

 

Quellen online:

Persönlich bekannte Augenzeugen:

  • Neustädter Bürger, die das Ereignis als Erwachsene oder Kinder/Jugendliche erlebten,
  • Meine Schwiegermutter, die nur 2 Tage vorher mit einem der letzten Transporte von Greifswald nach Neustadt gekommen war. Viele Neustädter, Haffkruger, Scharbeutzer der älteren Generationen.