lynxx-Blog

Medien, Naher Osten, Türkei, Osmanisches Reich, Islam, Orientalistik

Der Inhaber des lynxx-Blogs hat freundlicherweise Inhalte seines Blogs Geschichte-Wissen zur Verfügung gestellt. Wir danken an dieser Stelle für diese großzügige Hilfe sehr und wünschen dem geneigten Leser bei der Lektüre viel Freude.


Türkische Namensreform 1934 und Folgen – Türkifizierung – Teil 1

Trachten von Schwarzmeerbewohnern, spätosmanisch

Um den vielleicht bisherigen Eindruck des Blogs zu entgegnen, hier würde nur gelobhudelt, relativiert, einseitig Positives dargestellt oder schöngeredet, hier ein Beispiel eines dunklen Flecks in der Geschichte der jungen türkischen Republik, im Zuge dessen z.B. auch kurdische Namen türkifiziert wurden, was bis heute manchen Kurden die Zornesröte – zurecht – ins Gesicht treibt.
Wie gesagt, ich möchte hier im Blog weder Schwarz noch Weiß darstellen, sondern das differenzierte Grau, und wenn in vielen Artikeln der hiesigen Presse immer wieder alles Schwarz dargestellt wird, und ich das eigentliche Grau der Realität zeige, bin ich weit davon entfernt, alles Weiß darzustellen, wie einige vielleicht beim Überfliegen der Postings hier denken könnten.

Zuvor jedoch einige Bemerkungen, die offenkundig notwendig sind, denn auch wenn Türken und Deutsche seit Jahrzehnten direkt nebeneinander leben, arbeiten, zur Schule gehen, Fußball spielen, usw., ist es bemerkenswert, wieviele Journalisten, Politiker, ganz normale Nachbarn, etc. keinerlei Probleme haben, das italienische Giovanni, das französische Jean-Paul, das portugiesische José, etc. korrekt auszusprechen, aber die ganz wenigen türkischen Ausspracheregeln (die sich zudem auch nicht ändern, je nach benachbartem Vokal oder Konsonant wie in vielen anderen Sprachen!) öfters, auffallend oft eigentlich, kaum beherzigen oder sich darum bemühen. Warum wohl? Schon in den 80er Jahren las ich Umfragen, dass die Türken meist am untersten Ende der Beliebheitsskala landeten, am wenigsten als Nachbarn gewünscht wurden, usw.
Ich kann das noch beim „Pöbel“, beim „Mob“ verstehen, aber nicht beim Ansager der Talkshow Maybrit Illner, der regelmäßig den Vorsitzenden der Grünen Partei Deutschlands mit ÖTZdemier vorstellt, statt mir Ösdämmir. Oder die Sportreporter jeden Fußballer aus Angola versuchen richtig auszusprechen, aber den deutschen Nationalspieler Mesut Özil immer noch Meesuut aussprechen, statt Mässutt. Und bei Serdar Ta?ç? haben sie gleich aufgegeben und eingedeutscht in Taskie, was er aber auch „gestattete“, denn er kennt diese „Probleme“ bewusst seit mind. 15 Jahren in Deutschland durch sein unmittelbares Umfeld. Beim Namen fängt schon die Respektlosigkeit vieler in Deutschland an.

Hinweise zur Aussprache des türkischen:

â/î = Längenzeichen -> lange Vokale (zunehmend unüblich im modernem Türkisch), alle anderen Vokale sind kurz auszusprechen, also o wie deutsches o in Donner, nicht wie in Ofen, ö in Döner, würde dementsprechend wie in „Dönnerausgesprochen werden, Mesut wird also wie „Messutt“ ausgesprochen, usw.
c = wie dsch in „Dschungel“
ç = wie tsch in „Kutsche“
? = meist ein Längenzeichen und kaum hörbar, wie das h in „Dehnung“
h = immer konsonantischer Hauchlaut, wie h in „gehen“, nicht Dehnungszeichen
? = i ohne Punkt, ein „dumpfes“ dunkles kurzes i, wie i in „immer“
j = wie j in „Journal“
r = stets Zungen-r, wie in das r in Bayern
s = stimmloses s wie s in Kuss
? = wie sch in „Schande“
y = wie deutsches j in Japan
z = weiches stimmhaftes s wie in „Sand“ oder „Rose“

war doch nicht so schwer oder? Man muss auch nicht wie z.B. im Italienischem darauf achten, welche Konsonanten noch folgen, um zu erkennen, ob ein G so oder so ausgesprochen werden muss. Beim Türkischem bleibt es bei obigen Ausspracheregeln.

Türkische Namensreform 1934 und Folgen

Bei dieser Nachnamens-Reform am 21. Juni 1934 mussten sich alle Bewohner der Türkei einen Nachnamen zulegen.

Bislang war es eher so, dass im Prinzip alle Osmanen besonders auf dem Lande nur einen Namen hatten. Es gab aber zahlreiche Ausnahmen, entweder inoffiziell (z.B. Murat der Schwarze) oder offiziell (z.B. Ahmed ‚A??k-Pa?azâde).

Im Prinzip kamen die Zunamen oder die angehängten Wörter – zwecks besserer Unterscheidbarkeit bei Vornamensgleichheit – aus den gleichen Quellen, wie sie auch im Abendland schöpften:

„Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich die Familiennamen aus fünf Bildungsformen:

  • patronymisch, das heißt aus Rufnamen,
  • nach der Wohnstätte,
  • nach dem Beruf,
  • nach der Herkunft und
  • aus so genannten Übernamen, die den Träger verschiedentlich charakterisierten. „

Bedeutung der Familiennamen – verwandt.de

Wer also schon mehr oder minder einen weiteren religiösen, sozialen, familiären, örtlichen und/oder beruflichen Zunamen besaß, z.B. hohe Beamte, konnte diesen ggf. fortführen. Alle anderen mussten einen weiteren Namen hinzufügen.

Dieser konnte im Prinzip frei gewählt werden, musste jedoch in dem türkischen Wörterbuch vorkommen.

Das heißt, z.B. Kurden mussten somit offiziell einen türkischen Nachnamen annehmen. Diese Vorgehensweise war durch den türkischen Staat auch beabsichtigt, wollte es doch eine Homogenisierung des Staatsvolkes und besonders die Assimilation der Kurden vorantreiben.
Es gab jedoch einige Ausnahmen, so das wir trotzdem Dutzende (oder so in etwa; ich möchte nicht quantifizieren) kurdische (und arabische, lazische, usw.) Nachnamen auch nach der Namensreform 1934 vorfinden. Weitere Infos siehe unten in den ausführlicheren Zitaten.

Namenswahl:

Die Bewohner konnten sich also entweder

  • einen schon geläufigen Namen beim Einwohnermeldeamt nennen
  • sich frei einen ausdenken; solange er im türk. Wörterbuch vorkam
  • weiterhin gab es Listen, wo Einwohnermeldeamts-Beamte Namensvorschläge erdachten, die den Zeitgeist Europas spiegelten. So kommt es, dass heute einige Namen gehäuft vorkommen, weil eben damals viele Türken diese Namen attraktiv empfanden (oder sich vereinzelt von den Beamten überreden ließen, wenn sie sich partout nicht entscheiden konnten).

Z.B. fanden viele Einwohnermeldeamts-Beamte diese Namen besonders toll für ihre Bürger:

  • Aktürk = heller Türke
  • Ba?türk = Führer/Chef/Kopf der Türken
  • Türko?lu = Sohn des Türken
  • Öztürk = echter Türke/reiner Türke/Ur-Türke
  • Ertürk = heldenhafter Türke
  • Büyüktürk = großer Türker

usw.

  • zuletzt müsste es vielleicht auch sowas gegeben haben, dass z.B. nicht jeder Bürger persönlich zum Amt ging, sondern z.B. der Dorfvorsteher stellvertretend hinging um seine Dorfbewohner mit den ihm bekannten Namen und Zunamen (also Murat der Lahme, usw.) zu registrieren. Denn ansonsten kann ich mir nicht erklären, dass auch solch unschmeichelhafte Nachnamen existieren, wie Canavar = Monster, Deli = Verrückt, Meme = Busen, usw. (Vielleicht hatte der Dorfvorsteher mit einigen ja noch ein Hühnchen zu rupfen?… ) (Mehr dazu, ob „deli“ beleidigend gemeint war oder nicht, siehe im noch folgendem 2. Teil in den Zitaten)

„(..) Die meisten der türkischen Familiennamen fallen dadurch auf, dass sie leicht verständlich, sprachlich durchsichtig sind. Das hängt mit ihrem geringen Alter zusammen: Erst im Jahr 1934 erließ die noch junge türkische Republik ein Gesetz, das jeden Türken dazu verpflichtete, außer seinem Vornamen einen festen Familiennamen zu tragen. Der größte Teil der türkischen Familiennamen ist aus dem allgemeinen Wortschatz gebildet, und zwar mit Vorliebe aus Wörtern, die ein mannhaftes Wesen und kriegerische Tugenden ausdrücken oder symbolisieren (..)“

aus dem Duden

  • Ate?= Feuer, Eifer
  • Çelik= Stahl
  • Çetin= hart
  • Co?kun= feurig, lebhaft
  • Demir= Eisen
  • Erol= sei ein Mann

Gerne griff Mann auch auf historische oder mythologische Helden zurück:

  • Arslan = Alp Arslan (Sultan der Groß-Seldschuken )
  • Cengiz = Dschingis Khan
  • Dede = Dede Korkut (Die Figur des türkischen Erzählzyklus Dede Korkut)
  • Y?ld?r?m = Beiname von Sultan Bayezid I.

Poetische Bezeichnungen wurden ebenfalls gern als Familiennamen genommen:

  • Ay = Mond
  • Ayd?n = licht, hell
  • Ceylan = Gazelle
  • Çiçek = Blume
  • Gül = Rose
  • Güne? = Sonne

Einige weitere Nachnamen und ihre Bedeutung:

  • Akça = weißlich, sehr weiß
  • Bostanc? = abgeleitet von bostan:
    1. Gemüsegarten
    2. Honigmelonen- und Wassermelonenfeld
    3. bostanc?: jemand, der sich mit dem bostan beschäftigt (Gemüsegärtner, Melonen- oder Gurkenzüchter, aber auch Angehöriger der Leibwache des Sultans)
  • Bulut = Wolke
  • Demirci = Schmied (unser Schmidt )
  • Duman = Nebel, Rauch
  • Emir = Befehl, Auftrag oder durch andere Schreibweise (Emîr: ) Fürst
  • Erdo?an: türkischer Familienname abgeleitet von Do?an = Falke; Erdo?an = männlicher Falke; türkische volkstümliche Übersetzung = als Mann geboren, von Geburt Mann
  • Esen = gesund, wohlbehalten
  • Keser = türkisch „keser“ = kommt vom Inf. kesmek = schneiden, Keser = Breit-, Querbeil, Krummhaue
  • o?lu: ist ein öfters vorkommender Bestandteil eines Nachnamens und bedeutet: „Sohn des“. Ähnlich der Silbe „-sen, -son, …“ im Deutschem. Z.B. Selimo?lu = Sohn des Selim.
  • ÖZ: unter den Bestandteilen moderner türkischer Namen – Vornamen, wie Familiennamen – steht die Silbe „öz“ an erster Stelle; sie bedeutet „Mark, selbst, ganz echt“ und kann praktisch mit jedem Substantiv oder Adjektiv verbunden werden (z.B. „Öztürk“ und „Özkan“)
    „Öz“ bedeutet:
    1. selbst, ich
    2. Kern, Wesen, Substanz
    3. echt rein
  • ?en = fröhlich, heiter, lustig; mehrfach wird „?en“ (fröhlich) als Bindungselement verwendet, wie in „?ener“ = froher Mann
  • Üstgül: eine Komposition aus den türkischen Wörtern „üst“ und „gül“ („üst“ = ober-, -e , hoch, höchste; gül“ = Rose)
  • Y?lmaz = unerschrocken, furchtlos, unbeugsam; einer der häufigsten türkischen Familiennamen; ursprünglich ist „Y?lmaz“ ein türkischer Vorname

z.T. aus:
Ausländische Familiennamen

Wer die Verbreitung eines Namens in der Türkei betrachten möchte, der kann sich mal auf dem Ableger der deutschen verwandt.de-Seite in der Türkei umschauen (Ich glaube eine Registrierung ist notwendig):
akrabaonline.com

Nun kommen wir nach den eher allgemeinen und eher oberflächlichen Betrachtungen mal zu einigen Zitaten aus seriösen Büchern:

Interessant ist z.B., dass ein Name bzw. ein Zuname auch im Laufe der (osmanischen) Zeit Veränderungen unterliegen kann. Anhand des Beispieles von Mustafa Kemal aka Kemal Atatürk:

“ (…) It should be remembered, however, that family names were only made compulsory in Turkey in 1934 and that until then they were the exception rather than the rule. Before 1934 people were known by their birth name or by the name they were given at an early age (for instance on entering school). They would often also have a surname denoting a special quality of the person involved or of his family. In addition, many of the leading figures held a title (Bey or Pasha in the case of bureaucrats and officers or Efendi in the case of ulema). To take an example, the first president of the Republic of Turkey was given the name Mustafa at birth and Kemal in primary school. [weil es mehrere Mustafas in seiner Klasse gab] To his fellow students he would be known as Kemal or Selânikli Kemal (Kemal from Salonica). From his graduation from the military academy until 1916 he was addressed as Kemal Bey, but when he was promoted to the rank of brigadier he became Kemal Pasha. After his victory in the War of Independence the surname Gazi (conquering hero) was often used. From 1934 onwards, he was officially known as Kemal Atatürk (‘Father Turk’).“

Dann geht der Autor noch darauf ein, dass auf viele (entlegene) Dörfer, all die Reformen Atatürk weniger Einfluss gehabt haben dürften:

„He [der Dörfler] had to take a family name in 1934, but the whole village would continue to use first names (as is still the case) and the family names remained for official use only.“

aus: Erik Zürcher: Turkey – A Modern History. 2004.
Teil 2 folgt bald.