Kaum ein anderes Thema in der Weltgeschichte ist so spannend wie der Verfall und der Untergang des Römischen Imperiums. Wie konnte ein so mächtiges und großes Reich plötzlich verschwinden? Wieso folgte dann nach landläufiger Meinung eine tausendjährige Phase der Finsternis, bis sich nach langer Zeit Europa im 16. Jahrhundert endlich wieder neu aufraffte, um zur alten Blüte zurückzufinden?

Auch wenn die Mediävisten verzweifelt bemüht sind, die Zeit des Mittelalters uns neu zu vermitteln, das es eben nicht nur ein Rückfall in primitive Zeiten war, so lässt sich aber meines Erachtens nicht leugnen, dass es in vielfacher Hinsicht, was Wissenschaft, Technik und Kultur betrifft, tatsächlich zu einem enormen Rückschritt in der geschichtlichen Entwicklung kam. Der massive Bevölkerungsrückgang, der Verfall der Handelswege, die Entvölkerung der Städte, das sich ausbreitende Analphabetentum, all dies spricht schon für eine in der Weltgeschichte ziemlich einmalige Devolution, die in dieser extremen Form nur selten zu beobachten ist.

Dieses Phänomen hat Wissenschaftler immer fasziniert, aber auch beunruhigt. Bei vielen Untersuchungen lässt sich die bange Frage heraushören: Kann dies auch uns passieren? Wenn so ein mächtiges Imperium wie das der Römer untergeht, sind wir dann sicher? Wiederholt sich die Geschichte? Immer wieder werden deshalb Parallelen mit der Gegenwart gezogen.

Bestimmend für die Erklärung des Untergangs wurde das monumentale Werk von dem Engländer Edward Gibbon, der zwischen 1776 bis 1789 ein umfangreiches Werk mit dem Titel History oft he Decline and Fall oft he Roman Empire herausgab. Neben dem Christentum und dem Einfall der Germanen glaubte er feststellen zu können, dass es vor allem die allgemeine Dekadenz, speziell die der Oberschichten war, die zum Untergang des Weltreiches führte. Damit gab er ein Stichwort, das von nun an für lange Zeit die Forschungen beeinflusste und bis heute das allgemeine Bewusstsein in der Öffentlichkeit prägt. Das späte Rom, eine dekadente, vergnügungs-und verschwendungssüchtige Gesellschaft, die auf einem Vulkan sitzend, ihrem Untergang entgegen taumelte. Zu Recht wurde sie laut Gibbon von den zwar primitiven, aber eben nicht dekadenten Germanen hinweggefegt.

Spätere Arbeiten bemühten sich, diese These weiter zu untermauern. In der Zeit des Imperialismus vor dem Ersten Weltkrieg wurde sie um sozialdarwinistische Ansätze erweitert. Der deutsche Gelehrte Otto Seck behauptete 1895, das die Besten des Reiches im Laufe der Zeit gefallen waren und zurück blieben nur mittelmäßig begabte Leute, die sich als unfähig erwiesen, dieses Imperium zu lenken. Der englische Althistoriker Tenny Frank glaubte sogar, eine ungesunde Rassenmischung im spätrömischen Reich zu erkennen, die dann zum Niedergang führte. Und selbst die Erklärung von Friedrich Engels in seiner Schrift „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ lag ganz im Stil der Zeit, wenn er die römische Kultur als verendende Zivilisation sieht, die von primitiven, aber kraftvollen Barbaren abgelöst wurde, auch wenn er natürlich nichts mit den Rassentheorien zu tun hatte, die damals kursierten. Und sein Schüler Karl Kautsky kommt in seiner Untersuchung über die Ursprünge des Christentums zu ähnlichen Ergebnissen. Ausgiebig schildert er die Exzesse der römischen Oberschicht in allen Details und glaubt, hier eine der Ursachen für den Untergang zu erkennen.

Nun ist eine Dekadenz der alten, römischen Oberschicht nicht zu bestreiten, die sich gegen Ende des 2.Jahrhunderts nach u.Z. zusehends ins private Leben zurückzog und nicht mehr um Politik kümmerte. Aber wurde sie nicht ersetzt von vielen fähigen Kaisern aus der Provinz? Diokletian oder Konstantin der Große waren alles andere als dekadent. Auch gab es viele begabte germanische Politiker wie Stilicho, die durchaus ihr Handwerk verstanden. Dekadenz reicht als Erklärung kaum aus.

Sowohl die bürgerlichen Theoretiker als auch die Marxisten waren Anhänger einer Fortschrittsideologie. Dieser würde sich naturwüchsig mit elementarer Wucht durchsetzen. Umso ärgerlicher war daher der Untergang des Römischen Reiches, da sich hier Fortschritt plötzlich in Rückschritt verwandelte und somit ein Erklärungsnotstand vorhanden war.

Für die Ideologen des damaligen Bürgertums reichte Dekadenz als Erklärung indes einstweilen aus. Lasterhaftigkeit, Müßiggang, Faulheit widersprachen der kapitalistischen Arbeitsmoral. Der Untergang des Römischen Reiches war ein Beweis dafür, dass Faulheit geradewegs ins Verderben führt. Abweichend von diesem Mainstream vermutete der große Soziologe Max Weber, das die Sklavenarbeit, die Stütze der römischen Gesellschaft, ab einem bestimmten Zeitpunkt mangels fehlendem Sklavennachschub nicht mehr fortgeführt werden konnte und somit zum Zusammenbruch des Imperiums führte. Diese Theorie hatte allerdings auch schon vor ihm Karl Marx grob skizziert. Max Webers Aufsatz über Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur (1896) blieb damals weitgehend unbeachtet.

Die Marxisten entwickelten in der Tat kompliziertere Erklärungsmuster. Marx selber hatte sich allerdings nur wenig um dieses Thema gekümmert und es gibt nur einige Sätze von ihm über die sogenannte antike Produktionsweise, wie er sie nannte, die seiner Auffassung nach zu den fortschrittlichen Produktionsweisen in der menschlichen Gesellschaft gehört. Er stellte sich offensichtlich vor, dass die Grundlage der römischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung die allgemeine Sklaverei bildete, und als ab dem Ende des 2.Jahrhunderts u.Z. der Sklavennachschub stockte, da Rom nicht mehr weiter expandieren konnte und die Grenzkriege keine ausreichende Zahl von Kriegsgefangenen lieferten, geriet die gesamte Gesellschaft mangels Sklaven in eine Krise. Marx machte noch weitere interessante Hinweise. So enden seiner Meinung nach Gesellschaften, deren Grundlage die Sklaverei bildet, längerfristig in einer Sackgasse. Die Sklaven sind nicht an ihrer Arbeit interessiert und schaden sogar ihrem Besitzer, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Wenn Arbeitskräfte unbegrenzt zur Verfügung stehen, fehlen Anreize, die Produktion zu verbessern, Arbeitsgeräte zu erfinden, neue Bewirtschaftungsmethoden zu entwickeln. Tatsächlich war die römische Landwirtschaft ziemlich primitiv und nur durch Überausbeutung der Sklaven wurden nennenswerte Überschüsse produziert. Als die Zufuhr der Sklaven stockte, kam es in der Tat zur Krise, denn die Erträge und damit die Steuereinnahmen des Staates gingen daraufhin zurück. Ungeklärt bleibt hier allerdings, warum das Römische Reich trotzdem noch sehr lange weiter existierte und weshalb es keinen Ausweg aus dieser Sackgasse fand. Die Erklärung von Engels, dass die herrschenden Eliten körperliche Arbeiten verachteten, da sie diese mit Sklavenarbeit gleichsetzten und deshalb unfähig zu Innovationen waren, ist wenig zufriedenstellend.

Die durchaus komplexen Gedanken von Marx wurden von den stalinistischen Vulgärmarxisten aufgegriffen und sofort verflacht, da diese nun eine sogenannte Sklavenhaltergesellschaft konstruierten. Die gesamte Weltgeschichte ließ sich nun aufteilen in: Urkommunismus, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus. Revolutionen führen von einer Stufe in die nächste. Ärgerlicherweise gab es am Ende der Antike keine große Sklavenrevolution, die diese Theorie hätte bestätigen können. Während man die Französische Revolution als Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus interpretieren kann, gibt es nichts Vergleichbares am Ende des Altertumes. Der häufig bemühte Aufstand von Spartakus fand 73 vor u.Z. statt, lange, bevor das Imperium unterging. So wurden lokale Aufstände, wie die der Bagauden in Gallien, Rebellen mit unklarer sozialer Zusammensetzung, im dritten Jahrhundert als große Sklavenerhebungen gedeutet, an denen das Reich zerbrochen sei. Stalin entwickelte noch einen eigenen historischen Beitrag, in welchem er behauptete, die aufständischen Sklaven hätten sich mit den Germanen gegen die Römer verbündet. Gleichzeitig wurde postuliert, dass die nachfolgende, mittelalterliche Welt fortschrittlicher gewesen sei als das Altertum, warum auch immer.

Nach der Entstalinisierung in den sechziger Jahren bemühten sich DDR-Autoren wie Streisand oder Töpfer um differenzierte Analysen. Die Forschungen hatten ergeben, dass die Sklaverei auf den Latifundien im westlichen Teil des Reiches seit dem 3. Jahrhundert u.Z. rückläufig war und die ehemaligen Sklaven in leibeigene Bauern, sogenannte Kolonen, umgewandelt worden waren. Somit existierten am Ende des Reiches nur noch wenige Sklaven. Die Germanen waren auch keineswegs Befreier der Sklaven gewesen, sondern hatten selber Bedarf an solchen, da so mancher Germanenfürst durchaus daran interessiert war, nun an Stelle von geflüchteten römischen Latifundienbesitzern die Unterdrückung der Landbevölkerung fortzusetzen.

So mussten sie feststellen, dass die Erklärung für den Untergang des Reiches offensichtlich nicht mit dem primitiven Stadien-Schema möglich war, denn Sklavenaufstände hatten nicht zum Untergang Roms geführt. Unklar blieb indes nun, was aber jetzt eigentlich zum Ende des Imperiums geführt hatte. Ganz konnten sich die Autoren jedoch nicht von dem politisch erwünschtem Erklärungsschema trennen, da sonst die Grundlagen des Historischen Materialismus zusammengebrochen wären.

Auch ihre westlichen Kollegen erkannten, dass es äußerst schwierig war, schlüssige Erklärungen zu liefern. Die Materie war komplex, monokausale Deutungen nicht möglich, ein ganzes Bündel von Ursachen musste verantwortlich sein, um den Untergang des Reiches widerspruchsfrei zu erklären.

Ein zentrales Argument wurde bald gefunden, und zwar die sogenannte „Überdehnung“. Ein Imperium geht unter, wenn die Kosten für den Unterhalt des Reiches höher sind als die Erträge. Diese Formel gilt für alle Großreiche und erklärt deren Zerfall. Ein Reich wird zu groß, wenn die wirtschaftliche Kraft nicht ausreicht, um es zu finanzieren und die Gegner zu stark werden. Wann wird nun dieser „Point of no Return“ erreicht?

Die einzelnen Forscher gewichten unterschiedliche Faktoren. Ich erwähne hier nur als interessante Werke: Perry Anderson, Von der Antike zum Feudalismus; Alexander Demandt, Die Spätantike; Stefan Breuer, Imperien der Alten Welt.

Die Argumentationsmuster sind in der Regel wie folgt: In den westlichen Teilen des Imperiums, in Italien, Gallien, der iberischen Halbinsel und Nordafrika war die Kleinbauernschaft weitgehend verdrängt und durch die Latifundienwirtschaft, Großbetriebe, die auf Sklavenarbeit basierten, ersetzt worden, im Gegensatz etwa zu dem östlichen Teil des Reiches, wo sich die Kleinbauern und Mittelbauern weitgehend erhalten konnten. Dies wird auch als Grund genannt, weshalb sich die östliche Hälfte, das spätere byzantinische Reich, noch 1000 Jahre länger halten konnte.

Als die Expansion des Reiches im 3. Jahrhundert u.Z. endete und der Nachschub an Sklaven stockte, wurden diese in leibeigene Bauern, sogenannte Kolonen umgewandelt. Die Produktivität sank vermutlich, denn die brutale Ausbeutung, die ein großes Mehrprodukt ermöglicht hatte, konnte nicht mehr fortgeführt werden. Andererseits konnten sich die Kolonen aufgrund ihrer Abhängigkeit vom Grundherrn nicht in eine selbstbewusste, große Überschüsse produzierende Klasse von Bauern entwickeln.

Durch den Druck, vor allem von Seiten der Germanen auf die Grenzen, benötigte der Staat eine gewaltige Militärmaschinerie und zog immer mehr Steuern ein. Die großen Landbesitzer konnten sich dem entziehen, zusammen mit den von ihnen abhängigen Bauern. Eine Interessengemeinschaft aus Großgrundbesitzern und Kolonen bildete sich, die dem Staat die dringend erforderlichen Steuern verweigerten. Es entstand der typische Konflikt zwischen Steuer und Grundrente, dem Einkommen der Latifundienbesitzer. Die reiche Oberschichte zahlte nicht und genoss praktisch Steuerfreiheit. Das Geld trieb der Staat nun von den Städtern ein, deren Wirtschaftskraft dadurch erheblich gemindert wurde. Viele Bewohner verließen daraufhin die Städte und stellten sich unter den Schutz von Großgrundbesitzern. Auf dem Land entstanden bald lokale Subsistenzwirtschaften, Ackerbau und Handwerk auf den Latifundienwirtschaften. Die Warenströme zwischen Stadt und Land versiegten. Die Stadtbevölkerungen verließen ihre Siedlungen. Dies war natürlich ein langer Prozess, aber im frühen Mittelalter waren ja zum Schluss viele Großstädte wie Köln und Trier, zeitweilig überhaupt nicht bewohnt und Rom selbst auf ein kleines Dorf zusammengeschrumpft. Der wachsende Steuerdruck lähmte die Wirtschaft, deren Produktivität daraufhin sank. Niedrigere Produktivität bedeutete aber weniger Erträge, weniger Möglichkeiten Steuern zu zahlen. Der Staat reagierte darauf mit noch höheren Abgabenforderungen, wodurch die Produktivität noch weiter sank. Ein Teufelskreis.

Die gewaltige Armee war so nicht mehr länger finanzbar, Soldatenrevolten an der Tagesordnung, reiche Provinzen, die selber nicht direkt von Invasionen betroffen waren, weigerten sich, für den Schutz weit entfernter Landesteile zu zahlen. Sezessionistische Bewegungen breiteten sich aus. Das ganze Reich nahm allmählich feudale Züge an, wie sie uns aus dem Mittelalter bekannt sind. Dezentrale Strukturen, Übergang zur Naturalwirtschaft, nur noch kleine Städte. Die Gründe für den Untergang des Imperiums sind also vor allem in seinen Strukturen zu sehen, die Invasionen haben ihm dann schließlich ein Ende bereitet. Die Überdehnung hatte ein Reich geschaffen, das nicht mehr finanzbar war. Es löste sich in kleine, überschaubare Einheiten auf, regionale Provinzführer wie in Gallien machten sich selbstständig, Germanen, die als Bundesgenossen auf dem Territorium des Reiches angesiedelt worden waren, kündigten die Gefolgschaft auf.

Doch auch die kleineren politischen Einheiten konnten jetzt nicht mehr den Invasoren widerstehen und wurden überrollt. Aus den Trümmern des Imperiums bildeten sich die germanischen Königreiche. Während der Völkerwanderung wurden die römischen Latifundienbesitzer durch germanische Heerführer ersetzt. Vielfach versank allerdings das gesamte Land in Chaos, große Ländereien blieben unkultiviert, die Bevölkerungszahl schrumpfte erheblich, viele Städte waren verlassen und wurden von der Wildnis überwuchert. Auch die Eigentumsstruktur ist anschließend sehr komplex. Neben germanischen Großgrundbesitzern, die die von den Römern übernommenen Güter mit Kriegsgefangenen und anderen abhängigen Bauern bewirtschafteten, finden wir auch zahlreiche germanische Freibauern in den Dörfern, zusammen mit ehemaligen Kolonen, die durch die Wirren die Freiheit erlangt hatten. Es dauerte Jahrhunderte, bis sich aus diesem bunten Mosaik allmählich die mittelalterliche Feudalgesellschaft herausbildete.