Während Westeuropa über einen langen Zeitraum hinweg eine unbedeutende Peripherie am westlichen Rande der riesigen asiatischen Festlandsmasse darstellte, wirtschaftlich und technisch wenig entwickelt, politisch zerstritten und erst seit dem 16.Jahrhundert an Bedeutung gewann, existierten in Ägypten, Mesopotamien, Indien und China uralte Hochkulturen, die in fast allen kulturellen Bereichen weltweit führend waren. Diese Kulturen gab es seit 5.000 bis 6.000 Jahren und waren lange Zeit hindurch, wie Indien oder China, den Europäern nur vom Hörensagen bekannt. Nur wenige Reisende, wie etwa Marco Polo, der China im 13.Jahrhundert besucht hatte, konnten Einzelheiten aus erster Hand erzählen, doch was er zu berichten hatte, schien seinen Zeitgenossen wenig glaubhaft zu sein. China war in vielen Bereichen Europa damals weit überlegen und dort übliche Erfindungen wie Schießpulver oder Porzellan den Menschen bei uns noch unbekannt.

Für den heutigen Wissenschaftler stellt sich eine Reihe von Fragen:

Wieso sind diese hochentwickelten Gebiete nicht zu den wirtschaftlich führenden Regionen der Erde aufgestiegen?

Warum hat ausgerechnet das lange Zeit so primitive Europa später die Führungsrolle übernommen?

Welche Ursachen hatte die spätere Rückständigkeit der frühen Hochkulturen?

Wir können nicht alle Fragen in diesem Aufsatz beantworten. Wir wollen nur untersuchen, ob diese orientalischen Gesellschaften möglicherweise eingebaute Entwicklungsblockaden besaßen, die sie an einem weiteren Fortschreiten von Wissenschaft und Technik hinderten.

Sehen wir uns die vier oben genannten Kulturen an, so haben sie, bei allen Unterschieden, eine Reihe von Gemeinsamkeiten:

  • Sie entstanden alle an den Ufern großer Flüsse, dem Nil in Ägypten, dem Euphrat und Tigris in Mesopotamien (sogenanntes Zweistromland), dem Indus und seinen fünf Zuflüssen (sogenanntes Fünfstromland), heute Teil von Pakistan, dem Ganges und Brahmaputra in Indien, dem Huang Ho in Nordchina und später auch am Jangtsekiang und dem Perlfluß. Max Weber spricht von Stromuferkulturen.
  • Sie alle befinden sich in trockenen oder halbtrockenen Gebieten. Dies hat zur Folge, dass künstliche Bewässerung unumgänglich ist, zumindest während der Trockenzeiten.
  • Alle Flüsse schwellen einmal im Jahr gewaltig an und verursachen dann riesige Überschwemmungen. Diese werden verursacht durch Schneeschmelzen oder starke Regenfälle in den Quellgebieten. Örtliche Niederschläge erzeugen zusätzliche Gefahren, wenn sie unregelmäßig und stark konzentriert auftreten wie in Nordchina oder Nordmesopotamien. In Indien und in China kommen noch als Besonderheiten die jährlichen Monsunmonate hinzu.
  • Fast alle Regionen haben manchmal zu viel, dann wieder zu wenig Wasser zur Verfügung. Dies stellt ganz besonders hohe Anforderungen an die Landwirtschaft.
  • In allen diesen Ländern verfügten die Herrscher über einen machtvollen Unterdrückungsapparat und europäische Reisende prägten daher den Begriff „Orientalische Despotie“, ursprünglich wahrscheinlich zuerst bei Aristoteles erwähnt. (Eine „Orientalische Despotie“ ist für die frühe Induskultur noch nicht nachgewiesen. Vielleicht eine Ausnahme von der Regel)

Es sind wahrscheinlich die Besonderheiten der Hydroagrikultur, die für die Entstehung der Hochkulturen bedeutsam sind. Der Wissenschaftler Karl August Wittfogel verfasste 1957 ein Buch mit dem Titel die „Orientalische Despotie“, in dem er die Gesellschaftsstrukturen näher untersuchte und den Begriff „Hydraulische Gesellschaft“ prägte.

Seiner Meinung nach erforderte die Hydroagrikultur großangelegte Vorbereitungsarbeiten zum Zwecke der Bewässerung und zum Schutz vor Überschwemmungen. Kanäle, Dämme, Staubecken, Deiche, all diese Bauten konnten nur erstellt werden durch Kooperation, ein einzelnes Dorf war hierzu nicht in der Lage. Nur die überregionale Zusammenfassung von Arbeitskräften konnte dies bewerkstelligen. Durch Kooperation konnte man auch andere ungewöhnliche Leistungen erbringen, wie z.B. den Bau von Pyramiden oder die chinesische Mauer. Diese Bauten sind viel auffälliger als die Anlagen der Hydroagrikultur, doch die letzteren sind wesentlich wichtiger als die ersteren. Die Hydraulische Gesellschaft funktioniert wie ein Großunternehmen mit dem Herrscher an der Spitze, seine Bürokraten und die Priester sind Manager, die das Unternehmen verwalten und dirigieren. Der Kalender, die Astronomie, die Mathematik, all diese Wissenschaften stehen letztlich im Dienste der Hydroagrikultur. Zählen und Buchführen, die Entwicklung einer Schrift, all diese Erfindungen bildeten die Grundvoraussetzungen einer effektiven Verwaltung. Wie sich dies auf der unteren Ebene auswirkte, illustriert das folgende Beispiel aus dem alten Ägypten:

„Bis ins 19.Jahrhundert war ganz Ägypten.. von einem System von quer zum Nil verlaufenden Dämmen und Deichen durchzogen, die das Ackerland in große Bassins aufteilten. Beim Beginn der Nilschwelle wurden die Abzugskanäle in den Deichen mit Lehm und Halfagras verschlossen, so dass die Becken sich füllten; diese Schleusen öffnete man, sobald das Wasser nicht mehr stieg, und leitete die Fluten durch ein System von Kanälen in das Flussbett zurück und durch das Delta ins Meer ab.“ (Heinz Halm, Die Kalifen von Kairo, München 2003, S.64)

Mitte September erreichte die Flut ihren Höhepunkt und nach einem komplizierten Plan wurden die Bassins im ganzen Land schrittweise geöffnet, um das Wasser ausströmen zu lassen. In den Dörfern erschien nun ein Schreiber, der das von den Wassermassen befreite Land auf die einzelnen Bauernfamilien aufteilte und für jedes Stück Land die zu zahlende Steuerlast ausrechnete. Dann wurde vom Staat an die Bauern das Saatgut verteilt, das man nach der Ernte in Speichern aufbewahrt hatte. So funktionierte die gesamte ägyptische Landwirtschaft nach einem ausgeklügelten System.

Die Beherrschung des Wassersystems ist nach Wittfogel der Schlüssel zur Erklärung der Orientalischen Despotie.

Er unterscheidet im Laufe der Untersuchung einfache hydraulische Gesellschaften und semikomplexe hydraulische Gesellschaften.

In der einfachen hydraulischen Gesellschaft gehört das gesamte Eigentum an Land dem Herrscher, die Bauerngemeinschaften sind nur Besitzer oder Nutznießer, das Obereigentum hat der Despot, der sich meistens darauf beruft, das er das Land im Auftrag der Götter verwaltet oder selbst der Gott ist. Die Bauern Gemeinden besitzen das Land kollektiv und arbeiten auch zusammen, Privateigentum ist unbekannt. Ein Teil des Mehrprodukts muss an den Herrscher abgeführt werden, der davon sich selbst und seinen Hofstaat ernährt. Am Sitz des Despoten siedeln Handwerker und Kaufleute, die vom Herrscher abhängig sind und für dessen Bedürfnisse arbeiten. Der Staat organisiert die Wasserwirtschaft, lässt Kultbauten erstellen und zieht dazu Teile der bäuerlichen Bevölkerung zeitlich begrenzt als Arbeitskräfte ein. In solchen Gesellschaften gelten alle Menschen als Sklaven des Despoten, wobei die Sklaverei je nach Rang abgestuft ist. Diese einfache Form trifft wohl zu für das Alte Reich in Ägypten, für die frühen sumerischen Tempelwirtschaften in Mesopotamien, das nordöstliche China der Shang-Zeit und die ersten Staaten in Indien vor dem Maurya-Reich. Für die Induskultur liegen zu wenige Informationen vor.

In einer semikomplexen Gesellschaft hat sich das Privateigentum ausgebreitet. Die egalitäre Dorfgemeinschaft ist zerfallen, die einzelnen Felder gehören dauerhaft bestimmten Familien. Die Bauern müssen Steuern abführen. Sie verkaufen jetzt aber auch Teile ihrer Erzeugnisse und können den Erlös behalten. Grund für diese Entwicklung ist die Verbesserung der Produktionstechniken durch neue Arbeitsgeräte und die dadurch bedingte Steigerung der Gesamtproduktion. Die Bedeutung der Handwerker wächst, da die Landwirtschaft deren Produkte braucht. Die einfache Warenproduktion wird angeregt und damit nimmt auch die Bedeutung des Kaufmannskapital zu. Schließlich wird auch das Land des Bauern zur Ware. Über Verschuldung haben Kaufleute und einzelne Grundbesitzer, auch Priester und Bürokraten die Möglichkeit, Land zu erwerben. So entwickelt sich langsam der Großgrundbesitz, der immer größere Teile der Ländereien an sich zieht. Vornehme, privilegierte Sippen auf dem Land, entwickeln sich zu einem Landadel. Die Städte wachsen und viele Kaufleute und Handwerker gelangen zu Wohlstand. Der private Sektor wächst auf Kosten des öffentlichen. Eigentumsmäßig begründete Kräfte, Großgrundbesitzer und Kaufleute, werden zu Konkurrenten der Despotie.

Alle hier erwähnten Hochkulturen erreichten dieses Stadium irgendwann. In Ägypten seit dem Neuen Reich, in Mesopotamien ab der dritten Dynastie von Ur, in Indien spätestens mit dem Maurya-Reich, in China spätestens seit der Han-Dynastie, vermutlich aber schon früher.

Wenn die Macht der Privateigentümer wächst, gerät die Despotie in eine schwierige Situation und kann gestürzt werden. Am Beispiel von China lässt sich dieser Vorgang besonders schön illustrieren. Einige Historiker sprechen von einem dynastischen Zyklus.

„In der Anfangsphase jeder chinesischen Dynastie war es die objektive Funktion der Bürokratie, Staat und Bauern vor den Eingriffen des Landadels zu schützen, um die erweiterte Reproduktion (Bewässerungsarbeiten, Zentralisierung des Mehrprodukts, Sicherung einer angemessenen gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität auf dem Dorf usw.) zu gewährleisten. Dies ermöglichte wiederum die -oft außerordentlich großzügige- staatliche Entlohnung der Bürokratie aus dem zentralisierten Mehrprodukt. Doch der Beamte bleibt von der staatlichen Willkür in Gestalt des Hofs und des Kaisers abhängig. Er ist seiner Position nie sicher. Er hat keine Gewähr, dass sein Sohn auch eine gutbezahlte Stelle in der Bürokratie einnehmen wird.

Deshalb gab es in der zweiten Hälfte jedes dynastischen Zyklus eine allgemeine Tendenz zur Verschmelzung von Landadel (Gentry) und Bürokratie. Die Bürokraten wurden mehr und mehr zu Privateigentümern, erst von Geld und Schätzen, dann von Grund und Boden-formal war dies ein illegaler Prozess….

In dem Maße, wie die Staatsbeamten mit dem Landadel verschmolzen, zersetzte sich die staatliche Zentralisation des Mehrprodukts, wurde die Staatsgewalt geschwächt, wuchs der Steuerdruck auf die Bauern, ging ihr Einkommen zurück, sank die landwirtschaftliche Arbeitsproduktivität, gab es Landflucht, Bauernrevolten, Räubertum, Aufstände, verlor die Dynastie ihr „göttliches Mandat“, ihre Legitimation und zerfiel schließlich, bis wieder eine neue, oft selbst aus dem Bauerntum stammende Dynastie aufkam, die die relative Selbständigkeit des Staates und seiner Beamten gegenüber dem Landadel wiederherstellte.“ (Ernest Mandel, Macht und Geld, Köln 2000,Seite 39)

Die chinesischen Revolutionen waren somit erstaunlich konservativ. Während in Europa die englische oder die französische Revolution die Gesellschaft und die politischen Verhältnisse radikal veränderten, stellten die chinesischen Revolutionen lediglich einen früheren Zustand wieder her, stellten die Uhr gewissermaßen rückwärts. Das private Eigentum wurde zurückgedrängt, Großgrundbesitz zerschlagen, Kaufmannsvermögen vernichtet, am Ende war die Despotie wieder hergestellt und erstarkt.

Die Despotie war insofern auch unverzichtbar für die Menschen, da die Pflege und Unterhaltung der Hydroagrikultur unerlässlich war und dies konnte offensichtlich nur von den Monarchen organisiert werden. Alle anderen gesellschaftlichen Klassen, Großgrundbesitzer und Kaufleute, wurden immer wieder zerschlagen und waren unfähig, die Rolle des Despoten einzunehmen. Trotz aller imposanten, nichthydraulischen Bauwerke muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass es sich um Agrargesellschaften handelte und alle anderen Bereiche hatten lediglich periphere Bedeutung. Der dynastische Zyklus in China verdeutlicht sehr schön den jeweiligen Beginn einer Herrschaft und dann deren langsamer Zerfall. An Stelle von Bauernaufständen können auch die Einfälle von Eroberern stehen, die im Prinzip ähnliches vollbringen wie die Revolutionäre.

In den übrigen drei Regionen finden wir statt der Bauernaufstände einen ständigen Wechsel der Fremdherrschaft. Hier steht zu Beginn jedes Zyklus ein Eroberer, häufig aus einem Nomadenvolk. Dies hatte schon der Historiker und Reisende Ibn Chaldun im 14. Jahrhundert näher beschrieben. Seiner Meinung nach steht am Anfang jeder Herrschaftsphase ein mächtiger Eroberer, doch in den nachfolgenden Generationen werden die Invasoren immer dekadenter, die Gesellschaft zersetzt sich. Darauf warten nur andere Nomadenstämme. Sowie die Herrschenden schwächeln, fallen sie ein und errichten eine neue Dynastie. Nach wenigen Generationen erleiden aber auch sie das gleiche Schicksal wie ihre Vorgänger und werden ebenfalls beseitigt. So entsteht auch hier so etwas wie ein dynastischer Zyklus. Trotz der Dramatik der Veränderungen im Falle einer Invasion bleiben ihre Auswirkungen dennoch meistens gering, da die gesellschaftlichen Grundlagen nicht verändert werden.

Die „Hydraulischen Gesellschaften“ stecken somit in einer Entwicklungsfalle. Sie durchlaufen einen ständigen, rastlosen Zyklus, der sie aber nicht weiter bringt. Die Verhältnisse änderten sich erst drastisch durch ihre Eroberung im Gefolge der europäischen Kolonisation.

Wittfogel und seine Nachfolger liefern eine interessante Theorie der asiatischen Gesellschaften, die sich auch über weite Strecken hinweg beweisen lässt.

Allerdings hat seine Theorie einige Schwächen:

  • Er kann die Entstehung der Orientalischen Despotie nicht erklären. Er glaubt, dies als einen voluntaristischen Akt zu sehen. Eine Reihe Dörfer schließen sich zusammen und institutionalisieren eine despotische Herrschaft. Dies dürfte so nicht stimmen. Wahrscheinlich haben einige größere Gemeinden andere im Lauf der Zeit erobert.
  • Manche Historiker meinen, das Wittfogel die Bedeutung der Wasserwirtschaft übertreibt. Zumindest in der Anfangsphase der Despotien soll sie kaum eine Bedeutung gehabt haben. Dennoch, später spielte sie eine dominierende Rolle. Dies lässt sich auch bei anderen Kulturen, z.B. im Khmer Reich, Siam, Burma und anderen Regionen nachweisen.
  • Schwierig wird es, den Ursprung von Despotien zu erklären, bei denen Hydroagrikultur keine Rolle gespielt hat, wie z.B. bei den Hethitern oder dem Osmanischen Reich. Wittfogel erklärt dies dadurch, dass in diesen Ländern die orientalische Staatsform einfach importiert wurde. Dies scheint aber ziemlich konstruiert zu sein.

Alles in allem, diese Theorie ist dennoch gut geeignet, die besonderen Entwicklungsstränge in Asien zu erklären. Europa mit seinem Feudalsystem im Mittelalter scheint weltgeschichtlich ein Sondergefall gewesen zu sein. Dies gilt auch für die griechisch-römische Antike mit ihrer Sklavenwirtschaft, für die es sonst weltweit keine Parallelen gibt. Sehr viel typischer für die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit ist vielmehr anscheinend die orientalische Despotie.

Was folgt nun daraus? Offensichtlich konnte sich nur in Westeuropa ein Bürgertum herausbilden, Adel, Klerus und Monarchie beseitigen oder deren Macht einschränken und ungehindert eine technische und wissenschaftliche Entwicklung initiieren. In den Hochkulturen gab es keine Kräfte, die in der Lage gewesen wären, die Despotien zu stürzen. Der „unfruchtbare, rastlose Wechsel der Dynastien“, wie es einige Historiker ausdrücken, hielt die Länder in einem Teufelskreis der Unterentwicklung gefangen. Erst die Konfrontation mit dem Westen brachte die Herrschaftsstrukturen zum Einsturz.