Bombadiertes Hamburg 1944

Ende Juli 1943 brach über die Stadt Hamburg ein wahrhaft biblisches Strafgericht herein, welches nicht zufällig bei den Alliierten den Codenamen Operation Gomorrha trug, eine Reihe dicht aufeinanderfolgender Luftangriffe, die 35.000 Menschen das Leben kosteten und einen großen Teil der Stadt unwiderruflich zerstörte. Die gesamte Altstadt wurde vernichtet und später nicht wieder rekonstruiert. Wo früher einst dichte Wohnbaubesiedelung vorherrschte, gibt es heute breite Straßen, weite, offene Plätze oder Gewerbebauten. Alte Fotos zeigen, das sich das Bild der Stadt durch den Angriff völlig verändert hat und das heutige Hamburg nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Hamburg vor dem verhängnisvollen Angriff im Juli 1943 besitzt.

Die gesamte Operation bestand aus zwei amerikanischen und fünf britischen Luftangriffen. Die Amerikaner griffen tagsüber an und ihre Bomben hatten das Ziel, Industrieanlagen und Teile des Hafens zu zerstören. Die englischen Angriffe erfolgten in der Nacht und richteten sich gegen die Wohnviertel. Sie sollten primär die Bevölkerung demoralisieren und ihren Widerstand brechen. Militärisch waren sie sinnlos, da keine kriegswichtigen Industriebetriebe getroffen und die Wehrmacht in ihrer Operationsfähigkeit dadurch nicht beeinträchtigt wurde. Die gezielte Terrorisierung der Zivilbevölkerung war aber Teil eines Planes, der vor allem von dem Commander der Royal Air Force, Luftmarschall Arthur Harris, auch bekannt als „Bomber Harris“ konzipiert worden war. Er entwickelte eine Angriffskonzeption, die einen sogenannten Feuersturm auslösen sollte, da der Zerstörungsgrad, der durch normale Sprengbomben erzielt wurde, als nicht ausreichend erachtet wurde. In Hamburg funktioniert diese neue Strategie erstmals und wurde daraufhin als „Hamburgisierung“ bezeichnet.

Angriff auf HamburgBei den nächtlichen Angriffen Ende Juli 1943 wurden die zu bombardierenden Stadtteile zunächst mit Leuchtbomben markiert („Tannenbäume“) und Stanniolstreifen abgeworfen, welche die deutschen Funkmessgeräte wirkungslos machten. Die Flakgeschosse der Abwehr verpufften wirkungslos in der Luft und die Briten hatten kaum Verluste. Anschließend wurden schwere Luftminen abgeworfen, die heftige Explosionen auslösten. (Sogenannte „Blockbuster“ = Wohnblockknacker, eigentlich eine Bezeichnung für besonders erfolgreiche Kinofilme). Dadurch wurden die Dachstühle fortgeblasen und die Fensterscheiben zertrümmert. Außerdem zerstörten sie teilweise die Wasserleitungen und verschütteten die Straßen mit Trümmern, um so Löscharbeiten zu erschweren. Der gleichzeitige Abwurf von Bomben mit Zeitzündern sollte Löscharbeiten unmöglich machen.

In einer zweiten Welle wurden Phosphorbomben abgeworfen, um die hölzernen Dachstühle in Brand zu setzen. Das Feuer fraß sich schnell vom Dachboden bis in die unteren Etagen vor, da es durch die zerstörten Fenster reichlich Nachschub an Frischluft bekam. Dadurch entstand der beabsichtigte selbstverstärkende Rückkopplungseffekt, bei dem das Feuer sich durch den entstehenden Luftzug erheblich verstärkte und ausdehnte. Es entstand der erwünschte „Feuersturm“. Durch den breitflächig entstehenden Brand stieg die Temperatur in den Straßen zeitweilig bis auf 2.000 Grad an, die Luft wird dann glühend heiß und ist nicht mehr atembar. Wenn die menschlichen Körper nicht verbrennen, werden sie vollkommen dehydriert und erwachsene Menschen schrumpfen auf eine Größe von nur noch 30 cm zusammen, so dass die Rettungsmannschaften später glaubten, sie hätten es mit Kleinkindern zu tun. Zahlreiche Menschen erstickten in den Bunkern, die heiße Luft führte zur Verklumpung der Atmungsorgane und die Lunge verwandelte sich in eine Art Zementbrocken.

Der erste Nachtangriff vom 24. auf den 25. Juli 1943 richtete auf Grund von Fehlabwürfen noch vergleichsweise wenig Schaden an. Nur der Angriff vom 27. auf den 28. Juli führte zu dem erwünschten Feuersturm und in dieser Nacht starben ungefähr 30.000 Menschen. Auch die anderen Luftangriffe waren nicht mehr so erfolgreich.

Anschließend verwandelte sich Hamburg in eine Geisterstadt. Die bombardierten Viertel wurden gesperrt, da überall unter den Trümmern Leichen lagen und Krankheiten verbreiteten. Außerdem gab es jede Menge Blindgänger, die immer wieder explodierten. 900. 000 Menschen mussten die Stadt verlassen und wurden außerhalb untergebracht. Die Räumung der Viertel wurde zumeist von KZ-Häftlingen vorgenommen. Erst Ende 1943 kehren die Bewohner langsam wieder zurück.

Trotzdem schlug den Briten später kein Hass entgegen. Als Anfang Mai 1945 die englischen Panzereinheiten die Stadt besetzten, kamen ihnen, so erzählte mir meine Mutter, überall Frauen und Mädchen entgegen und überreichten den Soldaten Blumen, überall wurde gelacht, getanzt, geflirtet. Wollten sich die Frauen nur bei den neuen Machthabern einschmeicheln? Ich weiß es nicht. Der Gauleiter Koch hatte im Mai 1945 Hamburg zur offenen Stadt erklärt, es gab keinen sinnlosen Endkampf. Vielleicht die einzige gute Tat seiner ruhmlosen Regentschaft.

Die Hamburger sind nicht nachtragend. England und Hamburg verbindet seit Jahrhunderten, vielleicht aufgrund der Seefahrt, eine enge Freundschaft. Daran änderten auch die Kriege nichts. Ich erinnere mich noch genau an das Jahr 1965, die englische Königin kam zu Besuch. Die sonst kühlen Norddeutschen waren völlig aus dem Häuschen. Überall hieß es: Die Queen kommt! Die Queen!“ Und als sie dann auf der Tribüne des Hamburger Rathauses stand und winkte, da drehten sie alle völlig durch. Erstaunlich, hatten doch viele der jubelnden Passanten die Operation Gomorrha noch selber erlebt, aber auch meine Tante, die ihre Schwester bei dem Angriff verloren hatte, schwenkte begeistert das britische Fähnchen. Warum auch nicht? Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, wohl aber die Zukunft positiv gestalten.

In meiner Jugend war in Hamburg alles schick, was mit England zu tun hatte, natürlich vor allem wegen der Musik. Hatten doch die Beatles bei uns ihre Karriere begonnen und für jeden Hamburger Jugendlichen war es ein Muss, einmal nach London zu fahren. Mit der Fähre war das ja kein Problem.

Nur der „Bomber Harris“, er erfreut sich auch in seinem Heimatland keiner großen Popularität. Sein 2012 in England errichtetes Denkmal wurde immer wieder beschädigt und war Ziel von Protestdemonstrationen. Und selbst deutsche Politiker zeigten sich „befremdet“ über so eine „Ehre“ für diesen umstrittenen Commander.