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Natürlich gab es keinen feierlichen ersten Spatenstich beim Beginn oder das Durchschneiden eines roten Bandes bei einer Eröffnung des Niedergermanischen Limes. Er entstand einfach.


Unruhige Jahre 20 v. bis 16 n. Chr.

Gallien bis zum Rhein war erobert, war es auch befriedet? Natürlich nicht und ebenso hielten auch die Germanen keine Ruhe. Schon rund 10 Jahre nach dem Ende des gallischen Krieges musste der Statthalter in Gallien, M. Vipsanius Agrippa, die Sueben in Schach halten, die ihrerseits die Ubier, ihre Nachbarn, attackiert hatten. Agrippa siedelte die verbündeten Ubier auf das linke Rheinufer um, jedenfalls dort sollte Ruhe herrschen. Die hier bisher lebenden Eburonen waren von Caesar vernichtet worden.
Grenze und auch Sprachgrenze zwischen Treverern und Eburonen war bisher der kleine Vinxtbach südlich der Ahr in der Eifel. Diese Grenze wurde beibehalten, sie teilte germania superior von germania inferior, und nördlich von hier wurden ab 20/16 v. Chr. Militärlager errichtet. Den Anfang machte wahrscheinlich Neuss (novaesium). Hier und auch in Bonn, Xanten und Nijmegen wurden Überreste von Lagern gefunden. Zu Anfang schnell errichtet und schnell wieder verlassen.
Anlass für die Verlegung der Truppen an den Rhein war eine verlorene Schlacht des römischen Statthalters Lollius nördlich von Bonn im Jahr 17/16 v. Chr.  Kaiser Augustus fand, dass es Zeit sei, die Germanen rechts des Rheins zu „befrieden“ und im Anschluss an den Alpenfeldzug seiner Stiefsöhne Brutus und Tiberius im Jahre 15 v. Chr. wurden in der Zeit von 15 bis 12 v. Chr. Legionen an den Rhein geschickt. Bonn, Köln, Neuss, Xanten und Nijmegen sind die großen Militärlager der ersten Jahrzehnte der neuen Zeitrechnung. Diese Namen zeigen den Verlauf des Niedergermanischen Limes an.
Ab 16 bis 12 v. Chr. gab es in Bonn (bonna) zunächst eine Auxiliareinheit, erst nach Auflösung des Legions-Doppellagers Köln zwischen 30 und 40 n. Chr. kam eine Legion nach Bonn, die legio I, germanica. Sie hat dieses Lager, nördlich des Auxiliarkastells,  auch erbaut. Unter Kaiser Claudius gab es Ausbauten, was eine Inschrift belegt. Die Grenzen der Lager sind heute noch an geraden Straßen zu erkennen. Im Bataveraufstand wurde das Lager vernichtet, ab 83 von der neuen legio I, minerva, mit dem schönen Ehrennamen pia fidelis, besetzt.
In Köln (oppidum Ubiorum bis 50 n. Chr.) ist zwar als Standort des Hauptquartiers der niederrheinischen Legionen bekannt, über die Orte der Lager ist dagegen nichts bekannt. Es handelt sich um die Legionen I, die germanica und XX, die valeria victrix. Im vierten Jahrzehnt gingen die legio I nach Bonn, die legio XX zunächst nach Neuss. In Köln gab es keine Legionen mehr, wohl aber den Hafen der Kriegsflotte, der „classis Augusta Germanica“. Die Rheingrenze war ungefähr 400 Stromkilometer lang.
Gallische Legionen waren an den Rhein verlegt worden, um eine Offensive gen Osten vorzubereiten. Als sich jedoch 16 n. Chr. zeigte, dass es besser war, auf die Eroberung der Germania Magna zu verzichten, blieben die Lager bestehen und bildeten den Grundstock für den niedergermanischen Limes.
Vom kleinen Vinxtbach bis zur Mündung des nördlichen Mündungsarms des Rheins, Nederrijn, in die Nordsee reichte der Militärbezirk Untergermanien. Finis – Ende – ist der Ursprung des Namens Vinxtbach, was ein Grenzstein belegt.


novaesium

Wo heute weiße Villen in grünen Gärten stehen oder Gewerbebetriebe lärmen, waren in den Legionslagern bei Neuss viele tausend Menschen eingepfercht, im wörtlichen Sinne. Der Grundriss des sogenannten Koenen-Lagers – Koenen war der erste Ausgräber – zeigt die unendlich vielen „Wohneinheiten“ der Soldaten und des Trosses.
Koenenlager
Mit dem Bau dieses ersten steinernen Lagers wurde gegen 43 n. Chr., zur Zeit des Kaisers Claudius, begonnen. Zu dieser Zeit kam die Legion XVI, gallica, die bisher in mogontiacum (Mainz) stationiert gewesen war, nach novaesium und sie hat dieses Lager auch gebaut. Nach dem Bild hat man keine Vorstellung von der wirklichen Größe des Lagers, die gewinnt man, wenn man zu Fuß in der heißen Sommersonne die Via Principalis, sprich Teile der Kölner Straße – entlang läuft…..
Wer das erste Lager in novaesium gebaut hat und wann, ist nicht bekannt. Genannt wird die Zeit zwischen 20 und 16 v. Chr. . Es handelte sich um ein Lager von 13 bis 16 ha, gesichert durch einen Doppelgraben von 14 m Breite und vielleicht einer Holz-Erde-Mauer. Die Truppe wohnte in Zelten oder Holzbaracken. Eine Holz-Erde-Mauer entstand so: man errichtete zwei Holzwände mit einigem Abstand voneinander und häufte den Aushub des Grabens – oft fünf Meter breit und drei Meter tief – zwischen die Holzwände.
Das Ende des nächsten Lagers wird für 14 n. Chr. angenommen. Es folgten weitere Lager (insgesamt A bis F) bis zum Jahr 43 n. Chr.. Diese Lager hatten alle eine vieleckige Form, die der besseren Verteidigung diente. Sie waren wahrscheinlich nicht ständig besetzt.
Das mit C benannte Lager war das größte, hat aber nur kurz Bestand gehabt. Es besaß ein großes Forum (L fast 80 m, B 75 m), das Prätorium mit einer Größe von 122 mal 108 m bestand aus vier palastartigen Gebäuden. Über die Unterkünfte der Soldaten ist nichts bekannt. Es wird  vermutet, dass es sich um das Sommerlager handelt, das Germanicus um 14 n. Chr. am Rhein errichten ließ, bei Tacitus wird von einem Lager im Gebiet der Ubier berichtet. Von hier aus plante Germanicus seinen Germanenfeldzug, vielleicht wohnte er in einem der palastartigen Gebäude. 
Die Lager D bis F sollen in der Zeit von 14 bis 43 bestanden haben. Zu dieser Zeit war Tiberius Julius Pancuius, Soldat der Kohorte der Lusitanier hier stationiert, sein Grabstein wurde 1950 gefunden, eine Replik steht heute an der Kölner Straße.
Infanterie Soldat
TIBER(IUS) IVLIVS
PANCVIVS
MILES COH(HORTIS)
LUSITANORUM
AN(NORVM) LV STIP(ENDIORUM) XXVIII
HIC S(I)T(VS) EST
Neben den Legionen gab es also auch Hilfstruppen im Militärbezirk germania inferior. Was ist das, eine Auxiliar(Hilfs)einheit? Eine Infanterieeinheit, eine cohors, umfasste 6 Centurien zu je 80 Mann, also 480 Soldaten. Die Kavallerie, ala, war in 16 „turmae“ zu je 30 Mann gegliedert, war also ebenso 480 Mann stark. Die Aufgaben der Hilfseinheiten bestanden vor allem in der Aufklärung, Sicherung und Plänkeln, also der Unterstützung der Kerntruppen, der Legionen. In späteren Zeiten wurden ihre Aufgaben erweitert (so bei Harald von Petrikovits).
Das Lager F wurde in den vierziger Jahren von der hierher verlegten legio XX, valeria victrix errichtet, die vorher in Köln gelegen hatte.
Die Lager konnten natürlich nicht komplett ausgegraben werden, dazu waren sie zu groß und sie lagen natürlich auch nicht nebeneinander sondern überschnitten sich.
Bild Ausgrabungen
Das Lager G – Koenenlager – ging während des Bataveraufstands 69/70 unter. Durch die neu nach novaesium verlegte legio VI, victrix wurde es um 74 n. Chr. wieder hergerichtet, ab der Jahrhundertwende gab es aber nur noch Auxiliar-Lager.


Die Legionslager

Nach 16 n. Chr. beschränkten sich die Römer auf die Sicherung der Rheingrenze. Bonn, Köln, Neuss, Xanten und Nijmegen sind die großen Lager.
Welchen Personalumfang hatte eine Legion? Ihre Sollstärke waren 6000 Mann, sie war in 10 Kohorten gegliedert, von denen die erste Kohorte 800 Mann stark, die zweite bis zehnte Kohorte je 480 Mann stark waren. Die Kohorte war in 3 Manipel zu je 2 Centurien untergliedert, die Centurie war 80 Mann stark. Jede Kohorte verfügte über einen kleinen Stab und über Artillerie. Zur Legion gehörten ferner 120 Reiter. Die Legionsführung besaß ebenfalls einen Stab. Über Gliederung und Stärke des beträchtlichen Trosses herrscht bisher noch keine Klarheit.
Ein Legionslager sah – mehr oder weniger – so aus:
eine via principalis, meist nord-südlich ausgerichtet,
die via praetoria, ost-westlich ausgerichtet,
an der Kreuzung dieser beiden Hauptstraßen lag das Lagerforum, daneben das Prätorium, die Wohnung des Legionskommandeurs, weiterhin die Wohnung des Lagerkommandanten und das Lazarett.
Die Mannschaften bis zu den Centurionen hatten ihre Behausungen entlang der via sagularis, der Straße, die innen rund ums Lager an den Mauern entlang führte. Die Legionäre sollten möglichst schnell zu den Toren kommen können. Den Centurionen stand so etwas wie ein kleines Haus zur Verfügung.
Aber das Allerwichtigste war die Umwehrung, ob nun nur für eine Nacht oder für ein Standlager. Es gab die vier Straßen und vier Tore, die Mauern waren auf dem Erdwall zwischen den Holzwänden begehbar und Türme verbesserten die Beobachtungsmöglichkeiten (nach H. v. Petrikovits).


vetera castra

Sind die Raumverhältnisse der Lager in Bonn und Köln unklar, weil sich die Orte zu großen Städten entwickelt haben, so hat man ähnlich wie in novaesium auch in vetera den Ausgräbern viel zu verdanken. Aus der Zeit 13/12 v. Chr. bis 14 n. Chr. ist, ebenso wie in den anderen Lagern nicht viel bekannt. Die Plätze waren wohl nur temporäre Anlagen. Von hier aus sollen auch die Varus-Legionen im Jahre 9 n. Chr. aufgebrochen sein. Ab 14 n. Chr., dem Beginn der Planung der Feldzüge des Germanicus, waren dann zwei Legionen in vetera stationiert: die legio V, alaudae und die legio XXI, rapax. Bis zum Bau des steinernen Lagers gab es mindestens sieben Grabensysteme, die auf immer wieder neu errichtete Lager hinweisen.
Moers-Asberg bis Arnheim
Das steinerne Lager aus der Zeit Neros, Bau im sechsten Jahrzehnt, gleicht in seinem Aufbau dem steinernen Lager in novaesium aus dem Anfang des fünften Jahrzehnts, war aber noch um einiges größer.
Nach dem Vier-Kaiser-Jahr und der schmählichen Niederlage der rheinischen Legionen beim Bataveraufstand (69/70) kam das Ende des Legionslagers vetera. Es erging ihm ebenso wie bonna und novaesium, alle drei wurden zerstört. Wenig später wurde vetera II eingerichtet, gefunden wurden von diesem neuen Lager Teile im Bereich der Bislicher Insel bei Xanten. Der Rhein hat es verschlungen. Stationiert wurden hier ganz andere Legionen.


noviomagus batavorum

Das Militärlager am Hunerberg beim oppidum batavorum wird bereits um 12 v. Chr. von Brutus eingerichtet, es war 42 ha groß und bot Platz für zwei Legionen. Es wurde mehrfach verlagert, dann stark verkleinert, gilt aber um das Jahr 10 v. Chr. als Hauptquartier des Drusus. Zwischen 10 und 20 n. Chr. entstanden mehrere Auxiliarlager auf dem Kops-Plateau. Auch dieser Standort wird beim Bataveraufstand zerstört, 71 aber wieder aufgebaut von der legio X, gemina pia fides (auch sie erhielt vom Kaiser Vespasian diesen Ehrennamen). Bereits im Jahr 125 wird das Legionslager aufgegeben. Um das Jahr 17 n. Chr. ließ Kaiser Tiberius eine Siegessäule für seinen Bruder Brutus errichten, diese – heute Göttersäule genannt – wurde 1980 in Nijmegen entdeckt.
Das oppidum nimmt einen großen Aufschwung und heißt nun Ulpia Noviomagus Batavorum. Es lag am südlichen Rheinarm, dem Waal.
Arnheim Nordsee
Am nördlichen Rheinarm, dem Nederrijn, liegen nach der Peutingeriana einige römische Kastelle. Die „Peuteringeriana“ ist so etwas wie eine Landkarte, die aus dem dritten Jahrhundert stammen soll. Im Mittelalter wurde sie von einem Herrn Peutinger kopiert, daher der Name. Sie gibt wesentliche Hinweise auf Orte des großen römischen Reiches und auch auf die Stationen des Niedergermanischen Limes. Zum Teil sind nur die Namen der Kastelle bekannt, ohne dass bisher Funde erzielt wurden. Das Kastell Carvium beim Ort Herwen-de-Bijland wurde ebenso wie vetera II ein Opfer des Rheins – weggespült. Es ist eine wichtige Station an der Trennung von Rhein und Waal gewesen. Hier erfolgte der Übergang über den Rhein, erwähnt wird ein in den fünfziger Jahren errichteter Damm gegen das Rheinhochwasser. Vor zweitausend Jahren hatten die Flussbetten eine andere Gestalt, erst recht hier am Beginn des Rheindeltas.
Flussabwärts folgten castra herculis bei Arnheim, fectio bei Vechtem und das Kastell Valkenburg nahe der Rheinmündung, das von Kaiser Caligula zu Ehren seiner Mutter pretorium agrippine (so die Bezeichnung in der Peuteringeriana, links außen) genannt wurde.


Und wie weiter?

An der Rheinfront kehrte Ruhe ein. Die Grenze war für längere Zeit sicher. Der Rhein war breit genug und die Ufer dicht besät mit Militärlagern für kleinere Einheiten.
Rhein bei Neuss
Entlang der von Claudius ausgebauten Straße am Rhein gab es weiterhin die beiden Garnisonen Bonn und Xanten, dazu in Abständen von 11 bis 20 Meilen Kastelle, die inzwischen in Stein gebaut wurden. Sie bildeten zusammen mit kleineren Kastellen den Niedergermanischen Limes. Am Reckberg bei Neuss wurden an einer Nebenstraße Überreste eines solch kleinen Kastells gefunden, das von 50 Mann gehalten wurde. Die Besatzungen waren Auxiliarkräfte aus aller Herren Länder. Die Lücken zwischen den kleinen Festungen füllten Wachttürme, wie dieser Nachbau Am Reckberg.
Wachturm
Bis zum Ende des ersten Jahrhunderts war der Ausbau des Limes so gut wie abgeschlossen. Er wurde angegriffen und wieder ausgebaut bis dann am Anfang des fünften Jahrhunderts das Ende da war. Um das Jahr 90 waren die Militärbezirke germania superior und germania inferior von Kaiser Domitian zu Provinzen ernannt worden.
Nahe bei den Kastellen gab es jeweils ein Lagerdorf, das von Handwerkern, Händlern und Gastwirten bewohnt wurde, oder auch einen zivilen Ort. Zahlreiche dieser Orte haben den Untergang des Römischen Reiches und des Niedergermanischen Limes überlebt. Viele der Orte bestanden allerdings schon, als bei ihnen Auxiliarkastelle errichtet wurden. So Remagen (rigomagus), Bonn (bonna), Köln (oppidum Ara Ubiorum, später Colonia Claudia Ara Agrippinensium), Dormagen (dornomagus) Krefeld-Gellep (gelduba) und Moers-Asberg (asciburgium). Novaesium verdankt seinen Namen möglicherweise dem keltischen Namen der Erft, die die südliche Begrenzung bildet; vetera soll sich aus der Silbe „bet“ für Bataver herleiten.
Die Straße, die immer in Rheinnähe vom Vinxtbach in der Eifel bis Valkenburg nahe der Nordsee führte, war dicht mit Militärposten besetzt. Ob Auxiliarkastelle, Kleinkastelle oder Wachttürme, es war ein dichtes Netz, das dafür sorgen sollte, dass die Barbaren da blieben, wo sie hingehörten – auf der rechten Rheinseite. Was aber nicht immer gelang, wie wir aus den Geschichtsbüchern wissen. Trotzdem hat der Niedergermanische Limes bis zum Anfang des fünften Jahrhunderts standgehalten.

Übrigens: Die Zeit- und Ortsangaben sowie alles über die Legionen sind nicht in Stein gemeißelt, um im römischen Bild zu bleiben.


Quellen:

  • Die Römer in Nordrhein-Westfalen, Theiss-Verlag
  • Die römischen Streitkräfte am Niederrhein, Harald von Petrikovits, Rheinland-Verlag GmbH, Düsseldorf, 1967
  • Annalen, Tacitus, Goldmannn Verlag, München, 1978
  • und das Internet