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Der Inhaber des lynxx-Blogs hat freundlicherweise Inhalte seines Blogs Geschichte-Wissen zur Verfügung gestellt. Wir danken an dieser Stelle für diese großzügige Hilfe sehr und wünschen dem geneigten Leser bei der Lektüre viel Freude.


Muhammad ist tot. Und nun? Entstehung des Schiitentums

Muhammad vor der Kaaba in Mekka, osmanische Miniatur
von Lütfi Abdullah, 1595 aus dem Siyer-i Nebi, „Das Leben des Propheten“

Ich möchte heute mal historisch darstellen, was nach dem recht unerwartetem Tode Muhammads passierte, wie und mit welcher Legitimation die Kalifen, also seine Nachfolger bestimmt wurden, was den Grund ausmachen könnte, warum jemand Kalif wurde:

Die Probleme nach dem Tode Muhammads:

1. Muhammad hatte keine überlebenden Söhne, denn in der patriarchalischen und tribalen Gesellschaft Arabiens im 7. Jh. wäre es nahe liegend gewesen, einen Sohn zum politischen Nachfolger zu bestimmen und eine dynastische Regelung zu wählen.
2. Er ist überraschend gestorben, so dass er keine Nachfolgeregelung mehr treffen konnte.
3. Der Koran sagt nichts zu einer Nachfolgeregelung aus.

Klar war, dass das politische Gemeinwesen einen Führer brauchte:

Nachfolger des Gesandten Gottes mit dessen Eigenschaft als Führer einer politischen Gruppe = Kalif

Einige legitimatorische Konzepte, warum einer Kalif werden solle – was für Aspekte spielten eine Rolle in den Diskussionen wer denn nun Nachfolger werden sollte. Also, je mehr jemand etwas von folgenden Punkten erfüllt, desto eher kam er als Kalif infrage:

1. sabiqa: religiöse Verdienste und dadurch Vorrang
2. nasab: Abstammung, Genealogie
(war auf der arabischen Halbinsel vor dem Islam weit verbreitet, also Abstammung vom Vater. Diese Aussage, muss biologisch nicht richtig gewesen sein, sondern war oft auch eine politische Aussage, man fühlte sich zu einer gewissen Zeit und an einem gewissen Ort zu diesem oder jenem Stamm zugehörig; selbst wenn man biologisch von einer ganz anderen Linie abstammte. Es wurde auch durchaus die „Abstammung“ mehrfach im Leben gewechselt. Es war also sehr oft einfach ein politisches Statement, wie wir heute wissen. Oft trat man einer Gruppe/Stamm/Clan/usw. im Konfliktfall bei oder trat aus. Man hat dazu auch durchaus fiktive Stammbäume erstellt. Damit grenzte man sich ab, und schaffte Identitäten.)
Die Einführung des Islams steht dem Tribalismus nun entgegen, da jeder Muslim vor Gott gleich ist, also ein egalitäres Konzept besitzt, welches sich eher an Punkt 1 orientiert.
3. sahabi: Gefährte des Propheten
4. muhadschirun: Auswanderer von Mekka nach Medina

Einige Gemeinsamkeiten der ersten vier sog. „rechtgeleiteten“ Kalifen (Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali ibn Abi Talib)

1. Es stammten alle aus dem Stamm Quraisch (dem Stamm Muhammads) und aus Mekka. (Muhammad hatte auch Anhänger aus Medina, und die waren oft noch vor vielen Mekkanern zum Islam übergetreten.) Dieses Festhalten an Stammeslinien zeigt noch das starke tribale vorislamische Konzept in den Köpfen der Zeitgenossen, welches sich auch später noch in den islamischen Dynastien der Umayyaden und Abbasiden zeigte. Das ein Kalif aus einer komplett anderen Gruppe vielleicht auch möglich wäre, kam ihnen nicht in den Sinn, sprengte ihre Weltsichten.
2. Alle vier Kalifen waren mit Muhammad durch Ehebindungen verknüpft gewesen. Abu Bakr und Umar waren Schwiegerväter Muhammads, Uthman und Ali waren Schwiegersöhne Muhammads.

Einige Unterschiede der ersten vier sog. „rechtgeleiteten“ Kalifen (Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali ibn Abi Talib):
1. Abu Bakr und Umar stammten beide aus Familien/Sippen, die vor dem Islam nicht sehr bedeutend waren. Also hat bei ihnen das legitimatorische Konzept 1. (sabiqa, siehe oben) überwogen. Daneben noch das Konzept der Seniorität, also eine eher vorrangige Wahl auf ältere Führer, da beide schon ältere Herren waren.
2. Uthman stammte aus altem mekkanischen Stadtadel, den Umayya. (-> Daraus ging dann später die erste islamische Dynastie der Umayyaden hervor)
3. Ali war Cousin Muhammads. Zudem war er auch einer der ersten Muslime, erhielt also Legitimation von Punkt 1 und 2 (siehe oben) gleichermaßen.

Unterschiede in den Mechanismen, wie die Kalifen ihr Amt erhielten:

1. Abu Bakr wurde per Konsens Kalif (Akklamation), also von einem Kreis an Personen gewählt, der ad hoc zusammengesetzt wurde, als Muhammad gestorben war. Dieses waren führende Männer, allerdings auch nur diejenigen, die gerade zum Zeitpunkt des Todes da waren.
2. Umar wurde von Abu Bakr als Nachfolger ernannt. (Umar war ja nicht der Sohn Abu Bakr, es war also kein dynastisches Prinzip).
3. Auf dem Sterbebett rief Umar 6 Männern aus dem Stamm Quraisch zusammen, die aus ihrer Mitte einen wählen sollten. Es wurde Uthman (Es gibt einige Differenzen in der Historiographie, wie diese Wahl nun abgelaufen sein soll.)
4. Ali wurde mithilfe medinensischer Muslime gewählt.

Uthman wurde ermordet, vereinfachend gesagt, weil er damit anfing entlang der Familienlinien Pfründe und Ämter zu vergeben. Dies entsprach nicht dem egalitärem Konzept des Islams.

Der Clan der Banu Umayya warf Ali vor, er habe eigentlich hinter der Ermordung von Uthman gesteckt. Zudem entwickelte sich schon zu Lebzeiten Alis ein Gegenkalifat durch den Schwager Muhammads, dem Umayyaden Mu’awiya. Daraus entwickelte sich der erste Bürgerkrieg der islamischen Geschichte. Beendet durch Ermordung Alis.

Anhänger Alis nannten sich Schi’at Ali, Partei Alis.
Sie meinten, er hätte eigentlich schon der erste Kalif sein müssen, durch Legitimation von Punkt 1 und 2, vor allem aber, weil bei einer Reise am Teich Khumm folgende Begebenheit stattfand, die von der Schi’at Ali und den anderen Muslimen (den späteren Sunniten) gleichermaßen anerkannt wird; nur unterschiedlich interpretiert wurde.

Muhammad sagte, dass wenn er gestorben sei, solle sich die Gemeinde als erstes an den Koran halten. Zusätzlich habe er dann noch Ali besonders gelobt. Die Anhänger Ali interpretierten dieses Lob nun so, dass es eine Designation gewesen sei, also Ali Nachfolger werden solle. Die Gegner interpretieren es hingegen nicht als Nachfolgeregelung.

Ali hatte mit Fatima, Muhammads Tochter, zwei Söhne, Hasan und Husain, die beiden einzigen männlichen Nachkommen Muhammads in der Enkelgeneration. Die Umayyaden erreichten nun, dass der erste Sohn Hasan auf jegliche politischen Ambitionen verzichtete; Husain allerdings nicht. Als Mu’awiya starb, dachte Husain, dass nun seine Chance für das Kalifat gekommen war.
Mu’awiya hat jedoch seinen Sohn vor seinem Tode zum Nachfolger gekürt, das erste mal hatte es also eine dynastische Nachfolgeregelung des Kalifats gegeben.
Nun waren mehrere Gruppen dagegen, einmal eine Gruppe, die nicht wieder von den Quraisch oder überhaupt einem Clan beherrscht werden wollten, sondern die sozial-egalitäre Botschaft des Korans verwirklicht sehen wollten, indem die frömmsten und fähigsten Muslime führen sollten, und nicht per Geburtsrecht. Diese versuchten Husain zu unterstützen, wo es zur Schlacht bei Kerbela kam, wo Husain gegen den Nachfolger Mu’awiyas fiel.

Dieses Ereignis war nun endgültig die Geburtsstunde der Schi’iten / Schiiten -> Aschura-Fest.

Husain hatte einen Sohn: Ali. Mit ihm setzte die dynastische Nachfolge der Schi’iten ein, die Imame, die einzig rechtmäßigen Führer der Schi’iten, mit der Abstammung von Fatima, Tochter Muhammads, und Ali, dem Schwiegersohn Muhammads. Dabei gibt es Unterschiede, bis zu welchem Nachfolger, bis zu welcher Generation jemand noch als rechtmäßig durch die Schi’iten angesehen wurde, so dass man heute von 5er, 7er, 12er Schi’iten spricht, je nachdem, an welchem Nachfolger Streit entbrannte, wo die Linie endete.

Obige Aspekte zeigen, dass es nicht ausschließlich um die politischen Streitigkeiten um die Nachfolge ging, sondern dass auch ideologische Konzepte miteinander im Wettstreit waren. Letztlich hat sich die Dynastie der Umayyaden durchgesetzt und eroberte ein Weltreich innerhalb weniger Jahrzehnte. Diese waren „Realpoltiker“. Letztlich haben auch die Anhänger Alis das Konzept der Dynastie für sich übernommen. Aber mit dem Unterschied, dass sie den fähigsten und verdienstvollsten Muslim zum Führer haben wollten, dieses Konzept dann aber später als erblich ansahen.
Letztlich war es also wieder so mit der Führung der Gemeinde bzw. des Reiches gekommen, wie schon vor dem Islam.

Die Umayyaden meinten ihre Kalifats-Legitimation auch dadurch erhalten zu haben, weil sie sich durchgesetzt haben. Da Gott als allmächtig angesehen wurde, wurde durch die Muslime auch vieles oder alles als vorherbestimmt betrachtet, ein prädestinarisches Konzept, und wenn die Umayyaden sich durchsetzen konnten, dann deshalb, weil Gott es vorherbestimmt habe, er wollte also, dass die Umayyaden das Kalifat stellten. So die Logik, bzw. die Legitimationserklärungen der Umayyaden. Die Sunniten waren Anhänger der Prädestinationslehre.

Demgegenüber steht die andere Meinung, wie soll denn Gott im jüngsten Gericht jemanden verurteilen, wenn seine Handlungen nicht frei seien, und seine Handlungen alle vorherbestimmt seien.

Letztlich war aber die Umayyadendynastie poltische Realität, so dass die Schi’iten lange warten mussten, bis ihre Legitimationsform in einem Reich Ausdruck fand, zum Beispiel im Reich der Fatimiden.

Die eigentliche heute sichtbare Theologie des Schi’ismus entwickelte und systematisierte sich jedoch erst 800 Jahre später unter den turkophonen Safawiden im Iran.

(Bildquelle: Wikimedia Commons)