Wie kann man die Geschichte der Medizin kompakt, übersichtlich und dennoch mit einem Anspruch auf Vollständigkeit der wichtigsten Ereignisse darstellen? Seit Menschengedenken beschäftigt sich der Mensch mit seiner Gesundheit und der Bekämpfung von Krankheiten. Dabei war und ist die zivilisatorische Entwicklung eng mit dem medizinischen Fortschritt verbunden. Anhand von 50 Objekten stellt Gill Paul, eine englische Medizinerin und Autorin, weltbewegende Forschungen, Erfindungen, Ereignisse und Personen vor, die dazu beitrugen, dass die Lebenserwartung der Menschen von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und von Jahr zu Jahr steigt.

Hippocrates lehrt seine Studenten unter dem weltberühtem Baum in Kos. Hippokrates prägte die Geschichte der Medizin nachhaltig. Auf ihn geht die Trennung von Medizin und Glaube ebenso wie der Druckverband und die Hippokratische Bank zur Behandlung gebrochener Gliedmaßen zurück. Das Bild stammt aus der Wellcome Collection und wurde unter der CC BY 4.0 Lizenz veröffentlicht, https://wellcomecollection.org/works/pycxphcs
Das Gemälde zeigt, wie Hippocrates seine Studenten unter dem weltberühtem Baum in Kos lehrt. Hippokrates prägte die Geschichte der Medizin nachhaltig. Auf ihn gehen die Trennung von Medizin und Glaube ebenso wie der Druckverband und die Hippokratische Bank zur Behandlung gebrochener Gliedmaßen zurück. Das Bild stammt aus der Wellcome Collection und wurde unter der CC BY 4.0 Lizenz veröffentlicht, https://wellcomecollection.org/works/pycxphcs

 

Im Frühjahr 2017 gelang der ARD mit der Historienserie Charité ein unerwarterter Erfolg. Millionen von Fernsehzuschauern tauchten ein in die Geschichte des berühmtesten Krankenhauses Deutschlands zu Zeiten Kaiser Wilhelms. Das sich dem Ende neigende 19. Jahrhundert, in dem die Serie spielt, brachte wegweisende medizinische Entwicklungen mit sich und wurde von Persönlichkeiten geprägt, die noch heute in aller Munde sind: So bekämpfteRobert Koch Tuberkulose und Cholera und Emil von Behring entwickelte Heilmittel gegen Diphtherie und Wundstarrkrampf.

Dennoch wirken trotz dieser Forschungserfolge die Zustände in dem Krankenhaus erschreckend: Kranke werden förmlich abgeladen und manch medizinische Behandlung verschlechterte eher den Zustand des Kranken als zu seiner Genesung beizutragen.

 

Religiös geprägte Heilbehandlung

Das Gemälde
Das Gemälde „Die Heilung vom Wahnsinn“ von Hieronymus Bosch zeigt eine Trepanation. Unter Kunsthistorikerin ist umstritten, ob der Künstler mit seinem Bild die Operationsmehthode empfiehlt oder ablehnt.

Dabei hatte die Medizin im 19. Jahrhundert bereits eine jahrtausendelange Entwicklung hinter sich. Einst glaubten die Menschen, böse Geister würden Krankheiten verursachen. Entsprechend kultisch war auch die „Heilung“ der Kranken geprägt. Als Beispiel stellt die Autorin Paul die Trepanation vor, bei der ein Loch in den Schädel gebohrt wird. Dadurch sollte nach alten Überlieferungen die schlechte Luft aus den Köpfen der Erkrankten weichen. Die „Behandlungen“ wurden dabei bei Bewusstsein durchgeführt – was heute nach Horror klingt, hatte dennoch einen medizinisch sinnvollen Hintergrund: Noch heute wird die Trepanation zur Senkung des Schädeldrucks angewandt.

Erst durch Hippokrates, einem der berühmtesten Mediziner, wurde die Religion von der Medizin getrennt. Auf diesen geht (jedenfalls dem Namen nach, die Urheberschaft ist umstritten und unbekannt) auch der Eid des Hippokrates zurück, der eine erste ärztliche Ethik statuierte. Allerdings hatten die Ägypter bereits weit vor der Zeit des Hippokrates für die damalige Zeit erstaunliche medizinische Fähigkeiten erlangt. In einem Papyrus, der wohl 3.000 v. Chr. geschrieben wurde und den die Autorin anschaulich und im Wortlaut in Ausschnitten vorstellt, wurde die Anamnese beschrieben, wie sie auch heute durchgeführt wird. Die Ägypter konnten durch die Mumifizierung ihrer Toten umfassende Kenntnisse über den menschlichen Körper erlangen: So beschrieben sie in Grundzügen den Blutkreislauf und erkannten das Gehirn als wichtiges Organ des Menschen.

 

Stationen der Zivilisation

Mit derlei anschaulichen Beispielen gelingt es der Autorin auf den knapp 200 Seiten die Entwicklung der Menschheit mit medizinischen Erkenntnissen zu verbinden. Wo einst an böse Geister geglaubt wurde, herrschte lange Zeit die Viersäftelehre vor – Kranken wurde Blut abgelassen, um die Körpersäfte wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Erst die heftige Kritik von Paracelsus führte zu einer Abkehr von dieser Behandlung, die zahllosen Menschen das Leben kostete. Mit der Entdeckung der Bakterien war die Viersäftelehre vollständig widerlegt.

Überraschend ist die Feststellung der Autorin, dass lange die Geburt des Menschen kaum im Fokus der Medizin stand. Das hatte verheerende Folgen. Ärzte kümmerten sich kaum um Gebärende – dies war Hebammen vorbehalten, die ihr Wissen aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen schöpften. Im 15. und 16. Jahrhundert starben 1 – 2 % aller Frauen während oder nach der Geburt und 20 % der Kinder wurden nicht älter als 5 Jahre. Heute profan wirkende Feststellungen, dass sich die Geburtshelfer die Hände waschen und reinigen mussten, führten zu einer merklichen medizinischen Verbesserung. Mit der Geburtszange, der ein eigenes Kapitel gewidmet ist, konnte das Leben von Mutter und Kind auch bei schwierigen Geburten gerettet werden.

 

Wissenschaftsgeschichte lebendig erzählt

Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten von Gill Paul ist im Haupt Verlag erschienen
Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten von Gill Paul ist im Haupt Verlag erschienen

Es ist ein lesenswertes Buch, das Gill Paul hier verfasst hat. Der Autorin zahlreicher Gesundheits- und Ernährungsbücher gelingt es, sich nicht in Fachbegriffen zu verlieren, sondern anschaulich die Bedeutung und Tragweite der Erfindungen darzustellen. Sie verknüpft diese 50 Objekte stets mit den Zuständen der damaligen Zeit und dem Stand der Medizin. So entsteht eine Kurzgeschichte der medizinischen Entwicklung. Eine vollständige Darstellung war dabei nicht möglich und auch nicht das Ziel der Autorin. Sie greift vielmehr bedeutende Themen auf: Sei es die Pest, an der Millionen starben oder das Rote Kreuz, das bis in die Gegenwart medizinische Versorgung gewährleistet.

Besonders herauszustellen ist die hervorragende Illustration und Gestaltung des Buches. Man hat kein Fachbuch und auch keinen Roman vor sich liegen. Vielmehr sind die 50 in sich abgeschlossenen Kapitel reich bebildert und mit Zitaten angereichert. Man liest weniger, als dass man sich auf eine Entdeckungsreise begibt.

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