von „Wallenstein“

 

Marx - Engels

Weder Marx noch Engels haben sich näher mit dem Islam oder dem Nahen Osten beschäftigt. Sie bezogen ihre Informationen aus der Zeitung und von Reiseberichten. Als es 1854 zum Krim-Krieg kommt, veröffentlicht Marx einen Artikel „Die Kriegserklärung -Zur Geschichte der orientalischen Frage“ und schreibt über den Islam:

 

„Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist „harby“, d.h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen. In diesem Sinne waren die Seeräuberschiffe der Berberstaaten die heilige Flotte des Islam.“ (1)

Später beschreibt er in dem Bericht näher die Lage der Christen und Juden im Osmanischen Reich. Marx identifizierte den Islam weitgehend mit dem türkischen Reich und hatte für dieses System nur Verachtung übrig.

 

Karl Marx
Karl Marx

Genz ähnlich ist es bei Engels:

„Und wer sind die Kaufleute in der Türkei? Die Türken sicher nicht. Als sie noch im ursprünglichen nomadischen Zustand lebten, bestand ihre Art, Handel zu treiben, in der Plünderung von Karawanen; jetzt, wo sie etwas zivilisierter sind, besteht sie in allen möglichen willkürlichen und drückenden Besteuerungen. Die Griechen, die Armenier, die Slawen und die Franken, die in den großen Seehäfen etabliert sind, haben den ganzen Handel in Händen und haben sicherlich keine Ursache, sich bei den türkischen Beis und Paschas dafür zu bedanken, daß ihnen das ermöglicht wird. Man entferne alle Türken aus Europa, der Handel wird nicht darunter leiden. Und der Fortschritt in der allgemeinen Zivilisation? Wer verbreitet ihn in allen Teilen der europäischen Türkei? Nicht die Türken, denn sie sind gering an Zahl und im Lande zerstreut, und man kann schwerlich sagen, daß sie anderswo seßhaft sind als in Konstantinopel und in zwei oder drei kleinen ländlichen Distrikten. Es ist die griechische und slawische Bourgeoisie in allen Städten und Handelsplätzen, die die wahre Stütze jeglicher Zivilisation ist, die ernsthaft in das Land eingeführt wird. Dieser Teil der Bevölkerung wächst denn auch ständig an Reichtum und Einfluß, und die Türken werden mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Besäßen sie nicht das Monopol auf die Staats- und Militärgewalt, so würden sie bald verschwinden. Dieses Monopol ist aber für die Zukunft unmöglich geworden, und ihre Macht wird zur Ohnmacht werden, ausgenommen in solchen Fällen, wo sie ein Hindernis für den Fortschritt bilden wird.“ (2)

Mit diesen Beiträgen würden Marx und Engels in jeder deutschen Stammtischgesellschaft brillieren.

 

Sowohl Marx als auch Engels hielten den Orient für primitiv und rückständig. Damit teilten sie die Meinung der Europäer in der damaligen Zeit. Deshalb begrüßten sie die britischen Eroberungen in Indien, China und anderen Teilen Asiens, denn auf diese Weise würde der Orient zivilisiert werden, wenn auch auf brutale Art. Dieser schmerzhafte Prozess sei aber absolut notwendig, damit diese Länder von der Barbarei zur Zivilisation vorstoßen können. Auch für Marx und Engels ist die westliche Kultur die einzige richtige Kultur, der Rest ist primitiv und rückständig.

 

In dem Briefwechsel zwischen Marx und Engels finden sich noch einige andere Hinweise:

„Was den Religionsschwindel angeht, so scheint aus den alten Inschriften im Süden, in denen die altnational-arabische Tradition des Monotheismus (wie bei den amerikanischen Indianern) noch vorherrscht, und von der die hebräische nur ein kleiner Teil ist, hervorzugehn, daß Mohammeds religiöse Revolution, wie jede religiöse Bewegung, formell eine Reaktion war, vorgebliche Rückkehr zum Alten, Einfachen.“ (3)

Engels glaubt offensichtlich, dass der Monotheismus bei Arabern und Juden eine ursprüngliche Tradition ist, die erst später von der Vielgötterei abgelöst wurde. Mohammed hat ihrer Meinung nach nur den ursprünglichen Zustand wieder herstellen wollen.

Und die Antwort von Marx:

„In bezug auf die Hebräer und Araber war Dein Brief mir sehr interessant. Es lassen sich übrigens

1. allgemeines Verhältnis nachweisen bei allen orientalischen Stämmen, zwischen dem settlement des einen Teils aderselben und der Fortdauer im Nomadisieren bei dem andern, seit die, Geschichte geschieht.

2. Zur Zeit Mohammeds hatte sich der Handelsweg von Europa nach Asien bedeutend modifiziert, und die Städte Arabiens, die am Handel nach Indien etc. großen Anteil nahmen, befanden sich kommerziell im Verfall, was jedenfalls mit Anstoß gab.

3. Was die Religion angeht, so wird sich die Frage in die allgemeine und darum leicht beantwortbare auflösen: Warum erscheint die Geschichte des Orients als eine Geschichte der Religionen?“ (4)

 

Zu den einzelnen Punkten:

1.) Marx sieht den Dualismus zwischen Nomaden und sesshaften Völkern, den er an anderen Stellen näher beschreibt. Die Nomaden sind primitiv, aber wehrhaft. Die Städter sind reich, aber neigen zur Dekadenz und Luxus. Der Reichtum der Städte lockt die Nomaden an und wenn diese sich in einem Schwächezustand befinden, werden sie militärisch überrannt. Die Nomaden gründen eine neue Dynastie in der Stadt, die nach einigen Generationen aber ebenfalls zur Dekadenz neigt und von einer weiteren Nomadeninvasion beseitigt wird. In diesem Kontext sieht Marx auch die islamische Expansion. Dieser Zusammenhang wird von dem islamischen Historiker Ibn Chaldun (1332-1406) ausführlich beschrieben, der den rastlosen Wechsel der Dynastien seit uralten Zeiten im Orient auf diese Weise erklärt und am Beispiel von Berbern, Seldschuken, Mongolen etc. beschreibt. Es ist aber nicht ersichtlich, ob Marx dessen Werke kennt.

2.) Marx sieht hier anscheinend den Niedergang der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert durch die Kriege der Byzantiner und Sassaniden. Mekkas Stellung als Handelsmetropole war dadurch stark geschwächt und es kam zu schweren sozialen Spannungen in der Stammesgesellschaft der Koreischiten. Mohammed und der Islam waren der Beginn einer eschatologischen Bewegung, um wieder einen sozialen Ausgleich in der Stadt herbeizuführen. Die zunächst soziale Bewegung der Unterschichten verband sich später mit den führenden Sippen in Mekka und den Stämmen der Wüste, um durch eine kriegerische Expansion die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden.

3.) Was Marx hier meint, ist nicht klar ersichtlich. Aber Religion war für ihn nur ein verkehrtes Weltbewußtsein, eine phantastische Widerspiegelung der Realität. In der primitiven orientalischen Gesellschaft war daher jede wirkliche Auseinandersetzung gleichzeitig eine religiöse Auseinandersetzung. Ich habe kein Zitat über den Islam, aber einst über den Hinduismus, welches seine grundsätzliche Meinung zu diesem Thema wiederspiegelt. Er beschreibt die indischen Dörfer:

„Wir dürfen nicht vergessen, daß dieses menschenunwürdige, stagnierende Dahinvegetieren, diese passive Art zu leben, auf der andern Seite ihre Ergänzung fanden in der Beschwörung wilder, zielloser, hemmungsloser Kräfte der Zerstörung, und in Hindustan selbst aus dem Mord einen religiösen Ritus machten. Wir dürfen nicht vergessen, daß diese kleinen Gemeinwesen durch Kastenunterschiede und Sklaverei befleckt waren, daß sie den Menschen unter das Joch äußerer Umstände zwangen, statt den Menschen zum Beherrscher der Umstände zu erheben, daß sie einen sich naturwüchsig entwickelnden Gesellschaftszustand in ein unveränderliches, naturgegebnes Schicksal transformierten und so zu jener tierisch rohen Naturanbetung gelangten, deren Entartung zum Ausdruck kam in der Tatsache, daß der Mensch, der Beherrscher der Natur, vor Hanuman, dem Affen, und Sabbala, der Kuh, andächtig in die Knie sank.“ (5)

 

(1) Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 10, S. 168-176, Berlin 1961
Karl Marx: [Die Kriegserklärung – Zur Geschichte der orientalischen Frage]

(2) Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 9, S. 22-27 Engels, Die türkische Frage
Berlin 1960

(3) Engels an Marx 26.Mai 1853 ,S.247, MEW. Bd.28

(4) Marx an Engels 2.Juni 1853 MEW 28, S.252

(5) Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 9, S. 127-133
Berlin 1960 Karl Marx, Die britische Herrschaft in Indien

 

siehe auch Thema im Forum: Marx, Engels und der Islam