Die brennende Fregatte USS Philadelphia im Hafen von Tripolis (16. Februar 1804), gemalt 1897 von Edward Moran, Quelle: Wikimedia (gemeinfrei)
Die brennende Fregatte USS Philadelphia im Hafen von Tripolis (16. Februar 1804), gemalt 1897 von Edward Moran, Quelle: Wikimedia (gemeinfrei)

Weisse Sklaven: Barbaresken, Europäer und Amerikaner

Fast lautlos glitten sie heran, die zwölf Schiffe, die in der Nacht vom 2. auf den 3. September 1798 die Insel San Pietro vor der Südküste Sardiniens anliefen. Später hiess es, ein zum Islam bekehrter Insulaner selbst, ein gehörnter Ehemann, habe die Freibeuter gegen den Ort Carloforte geführt. Dessen Bewohner schlummerten nichtsahnend, als die Hölle losbrach. Ein Chronist berichtete:

»Im Nu hatten sich die Barbaresken überall auf dem kleinen Eiland verteilt, die Türen gesprengt und das Innere der stillen Behausungen mit ihren Fackeln in grelles Licht getaucht. Die Leute, zu Tode erschrocken und gänzlich kopflos, wurden ohne Gegenwehr gepackt und in Ketten gelegt. … Den Frauen drohten Schande und Gewalt, den Unglücklichsten unter ihnen, welche sich verzweifelt gegen die Besudelung durch ihre Umarmung gewehrt hatten, stiessen die Barbaren auf eigenem Bette den Dolch in die Brust.«

Nahezu die ganze Einwohnerschaft, rund 750 Menschen, verschwand in den Schiffsbäuchen, um auf dem Sklavenmarkt von Tunis wieder ausgespien zu werden.

 

Muslimische Freibeuter: Die Barbareskenstaaten

Die Episode war Teil des piemontesisch-tunesischen Krieges, einem von vielen Konflikten zwischen den europäischen Mächten und den Barbaresken-Staaten, einer Bezeichnung, die darauf verwies, dass sie in der »Barbarei« lagen, im Westen (Maghreb) der islamischen Welt: Marokko, Algier, Tunis und Tripolis (Libyen). Mit Ausnahme Marokkos unterstanden sie nominell alle der Hoheit des osmanischen Sultans in Istanbul. In Wahrheit regierten Deys, Beys und Paschas sie als quasi unabhängige Regenten.

Jahrhundertelang lebten sie gut von der Piraterie im Mittelmeer, oder genauer, der Freibeuterei, denn um »legal« Schiffe aufbringen, Küstenorte überfallen und Menschen versklaven zu können, mussten sich die Staaten nach geltender Rechtsordnung im Kriegszustand befinden. Fast die ganze Zeit über herrschte daher Krieg zwischen den Barbaresken, den italienischen und den iberischen Staaten.

So inszenierten und organisierten die muslimischen Korsaren ihre Kaperfahrten und Sklavenraubzüge als legitime Kriegsakte. Sie erbeuteten Schiffe und deren Fracht, vor allem aber die Menschen. Zurück in ihren Heimathäfen verkauften sie die toten und lebenden Prisen auf dem Basar und verhalfen damit dem Staat, der ein Gutteil des Verkaufserlöses einbehielt, zu seinen Einnahmen.

Ihre Schläge trafen meist südeuropäische Fischer oder Handelsmatrosen, die, mit wenigen Ausnahmen, einem harten Los entgegengingen. Als Kettensklaven schufteten sie in Steinbrüchen, an Festungsmauern und Hafenmolen, auf Schiffswerften, Landgütern oder den harten Ruderbänken der Galeeren. Die Frauen verschwanden hinter den Mauern von Harems und Bordellen.

Der amerikanische Seemann John Foss berichtete, wie er, 1793 gefangen in den Laderaum eines Schiffes geworfen, von »Ungeziefer, wie Läuse, Käfer, und Flöhen« regelrecht gefressen wurde. Am Bestimmungsort Algier marschierten er und die anderen Gefangenen durch ein Spalier »von Tausenden von boshaften Barbaren« zum Palast des Deys, der ihnen ankündigte: »Jetzt habe ich euch, ihr christlichen Hunde, ihr werdet Steine fressen.« Gemeinsam mit Hunderten anderer Sklaven hauste er auf dem Steinboden einer alten Festung, wo sie täglich 100 Gramm saures Schwarzbrot und, bei schwerer Kettenarbeit, Stockschläge verabreicht bekamen. Was die Lage der 3000 weissen Sklaven in der Regentschaft Algier von derjenigen der schwarzen Sklaven in den USA unterschied war die grausige Raffinesse der Strafen, die auf sie warteten: Schon fürs Zuspätkommen erhielt man 100-200 Stockschläge auf die Fusssohlen, auf beinahe alles andere stand der Tod durch Pfählen, Rösten oder Verbrennen, das Aufhängen an Eisenhaken oder durch Kreuzigen.

John Foss litt nicht allein: Binnen dreier Jahrhunderte mussten zwischen 800 000 und 1,25 Millionen Europäer dieses bittere Schicksal auf sich nehmen.

Viele sind nicht zurückgekehrt. Andere schon. Die fünf Prozent der Gefangenen, die das Glück hatten, wohlhabende Gönner oder reiche Angehörige zu haben, sahen sich freigekauft. Auch die Menschen aus Carloforte erlangten gegen ein Lösegeld von 95 000 Piastern nach ein paar Jahren ihre Freiheit zurück.

 

Europa und die Barbaresken: Zwischen „Appeasement“ und Krieg

Längst hatte sich dieses System des Freikaufs verfestigt und auf ganze Länder ausgedehnt: Um ihren dauerklammen Staatskassen weitere Einkünfte zu erschliessen, erlaubten die Barbaresken den Feindnationen, sich durch Tributzahlungen von ihren Kaperfahrten zu befreien. Demütigend wie sie war, kostete eine solche Beschwichtigungspolitik die betroffenen Königtümer doch weitaus weniger Geld als militärische Gegenmassnahmen. Die meisten zahlten denn auch. Der Pascha von Tripolis zum Beispiel erhielt um 1800 von Spanien 20 000 US-Dollar und ein Schiff, von Frankreich $ 10 000 und zwei kleine Schiffe, von Venedig $ 6000, von Schweden und Dänemark je $ 5000 und so weiter.

Die Tribut-Verweigerer bekamen es mit nordafrikanischen Staaten zu tun, deren Schreckenspotenzial damals bereits abgenommen hatte. Nicht mehr als zwei Dutzend kleine wendige Piratenschiffe vermochte zum Beispiel der Pascha von Tripolis 1801 auszuschicken. Aber das reichte immer noch aus, um empfindliche Nadelstiche auszuteilen und die Einwohner italienischer Küstenorte in Angst zu halten.

 

Das Königreich beider Sizilien bezahlte nicht und lag demzufolge mit Yusuf Karamanli, dem Pascha von Tripolitanien, im Krieg. Auch die Schweden mussten ihre Flotte aufbieten, als derselbe Herrscher ihnen wegen verschleppter Tributüberweisungen 1798 den Krieg erklärte und 13 Handelsfahrer aufbringen liess.

Erst nach Jahren liess sich ein schwedisches Geschwader aus vier Fregatten vor der tripolitanischen Küste sehen … um sich dort jeder Aggression zu enthalten und passiv zu bleiben. Am 2. Oktober 1802 schied das skandinavische Land bereits wieder aus dem Krieg aus, nachdem der Pascha die gefangenen Handelskapitäne in »Kremationshemden« gesteckt und gedroht hatte, sie anzuzünden. Die Schweden kamen mit einer leichten Reduktion ihres Tributbetrages davon.

 

Zäher hielt Sardinien-Piemont dagegen. Jahrzehntelang schlug es sich mit dem Bey von Tunis und seinen Kaperfahrern herum. Zweimal, 1804 und 1811, gelang es seiner winzigen Marine, tunesische Korsarenschiffe aufzubringen. Dennoch gingen unzählige Fischerboote verloren, und es konnten nicht alle Attacken auf die Insel Sardinien verhindert werden, wie der Fall Carloforte bewies. Allerdings warnten die Wehrtürme an der Küste die Bevölkerung häufig erfolgreich: Bei Orosei wehrte die sardische Miliz im Juni 1806 einen Landungsversuch von 700 Nordafrikanern ab und tötete 80 von ihnen. Der Krieg wollte kein Ende nehmen.

 

Die USA schlagen zurück

»From the halls of Montezuma to the shores of Tripoli«. Mit diesen Zeilen beginnt die Hymne des US-Marinekorps, deren zweiter Teil sich auf einen obskuren Krieg in Nordafrika bezieht, den ersten überhaupt, den die jungen USA im Ausland ausfochten.

Sobald sie ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, waren auch die Vereinigten Staaten ins Visier der Barbaresken-Piraten geraten. Das erste Schiff ging im Oktober 1784 an die Freibeuter verloren, viele weitere folgten.

»Millionen für die Verteidigung, aber keinen Cent für Tribut!« rief ein Kongressabgeordneter markig aus, doch die Parole verschleierte die Wahrheit; auch die USA zahlten, weil sie erst eine Kriegsmarine bauen mussten, wenn sie den Störenfrieden des Seehandels Paroli bieten wollten. Ab März 1794 legte man sechs Fregatten modernster Bauart in den Werften Neuenglands auf Kiel.

Im Gefühl neugewonnener Stärke verkündete Präsident Thomas Jefferson: »Ich bin ein Feind all dieser Weichheiten, Tribute und Demütigungen«. Den Fehdehandschuh allerdings warf Pascha Karamanli von Tripolis, als seine Männer im Mai 1801 den Flaggenmast im US-Konsulat umhauten. Das war die Kriegserklärung.

Zwei Monate später blockierten die neuen amerikanischen Fregatten Tripolis. Von schlappen Commodores auf der Kommandobrücke bestenfalls halbherzig geführt, richteten sie nicht das Geringste aus. Die ersten beiden Geschwaderchefs vertrödelten ihre Zeit und wetteiferten nur in Sachen Inkompetenz miteinander.

Der dritte Mann, Captain Edward Preble, ein dünner, rothaariger, kampflustiger Menschenschinder mit Magengeschwür, musste erst einmal mit einer Hiobsbotschaft fertigwerden: Die Tripolitanier hatten die Fregatte USS Philadelphia aufgebracht und die gesamte Besatzung gefangengenommen. Ein solch wertvolles Schiff in den Händen des Feindes zu belassen, war für Preble keine Option. Es musste zerstört werden. Vierundsiebzig Freiwillige meldeten sich zu einem gewagten Handstreich, auch Lieutenant Stephen Decatur, ein 25jähriger breitschultriger Veteran, der Prebles Order fasste: »Es ist mein Befehl, dass sie sich nach Tripolis begeben, des Nachts in den Hafen eindringen, die Philadelphia entern, sie verbrennen und sich zurückziehen.«

Das las sich leicht. Erstaunlicherweise gelang es. Am 16. Februar 1804 schlichen sie sich als Malteser verkleidet auf einem wurmstichigen, alten Kahn in den Hafen, gingen längsseits der Philadelphia, sprangen hinüber und erledigten die Wachmannschaft mit Säbeln und Entermessern. Von allen Seiten beschossen, zündeten sie das Schiff an und entkamen, ohne einen einzigen Mann zu verlieren.

»Die kühnste und wagemutigste Tat des Zeitalters«, als die Admiral Nelson sie bezeichnete, machte Decatur zum amerikanischen Nationalhelden, nach dem Städte und Schulen benannt wurden. Das Kriegsblatt vermochte sie nicht zu wenden.

Genauso wenig die heftigen Bombardements von Tripolis, die der um Bombardierschiffe aus Sizilien verstärkte Preble im August 1804 unternehmen liess.

Hier nun kamen die eingangs erwähnten Marines ins Spiel. Beziehungsweise ein stürmischer und unkonventioneller Diplomat namens William Eaton, der den Plan ausheckte, den in Tripolis herrschenden Yusuf durch seinen exilierten Bruder Hamid zu ersetzen. Ohne sich sonderlich darum zu scheren, dass Washington sein Vorhaben nicht billigte, zog Eaton mit 160 lokalen Söldnern, einer Kanone und ganzen acht Marines von Alexandria aus in die Wüste. Nichts konnte ihn aufhalten, nicht die Sandstürme, nicht der Wassermangel, nicht einmal eine Meuterei und auch nicht der Feind. Am 27. April 1805 nahm er die Stadt Derna ein und wehrte alle Gegenangriffe aus dem fernen Tripolis ab.

Damit war das Patt durchbrochen. Am 4. Juni 1805 schlossen Tripolis und die USA Frieden. Die 300 amerikanischen Gefangenen kamen in Freiheit – gegen die Zahlung von 60 000 US-Dollar …

 

Auszug aus dem Buch

Maschinengewehr gegen Assegai. Die europäische Eroberung und Unterwerfung Afrikas, 1798-1914.

696 Seiten, mit Endnoten, 3 Tabellen im Text, 18 Landkarten und einem umfassenden Anhang zur Zahl der Kolonialkriege und den dadurch verursachten Menschenverlusten.

 

Zum Buch

Es war eines der dramatischsten, blutigsten und gleichzeitig am wenigsten beschriebenen Kapitel der neueren Geschichte: Die von sechs europäischen Mächten und einem König betriebene Aufteilung, Eroberung und Unterwerfung Afrikas im 19. Jahrhundert.

Diese Geschichte der Invasion des afrikanischen Kontinents ist nun erstmals umfassend, lebendig und detailliert aufbereitet worden. Im Buch „Maschinengewehr gegen Assegai. Die europäische Eroberung und Unterwerfung Afrikas, 1798-1914“ werden ihre historischen Hintergründe und Prozesse ebenso geschildert wie die Akteure auf beiden Seiten, wobei die Kriege und ihre Opfer, die Feldherren, Krieger, Könige und Politiker im Mittelpunkt stehen.

Ein umfassender Anhang, in dem zum ersten Mal versucht wird, die Zahl der Kolonialkriege und ihrer Opfer zu ermitteln, runden das Werk ab.

 

Wenn Sie mehr über das Buch und diesen düsteren, aber faszinierenden Abschnitt der Geschichte erfahren möchten, besuchen sie den Autor auf seiner Homepage:

www.danielzander.ch.