kreta

Wenn man die minoische Kultur betrachtet, muss man sich vor Augen halten, dass wir noch heute herzlich wenig darüber wissen. Nach ihrem Untergang um 1400 v. Chr. ging die Kenntnis über dieses Volk komplett verloren und erst Arthur Evans brachte es durch seine Ausgrabungen seit 1900 wieder ans Tageslicht.

Die Hochkultur der Minoer auf Kreta entfaltete sich etwa um 2100 v. Chr. und währte bis 1400 v. Chr. Seit 1600 ist ein starker Einfluss auf das griechische Festland mit dem Zentrum Mykene nachweisbar. Für die Minoer, die eine große See- und Handelsmacht waren, ist eine rege Verbindung zu Vorderasien und vor allem zu Ägypten belegt. Vor allem aus ägyptischen Quellen erfahren wir auch etwas über die Gesellschaft, den Handel und das Aussehen der Minoer. Die minoische Flotte beherrschte das östliche Mittelmeer und es gab eine Reihe minoischer Kolonien auf verschiedenen Inseln.

Ein besonderes Kennzeichen der minoischen Kultur sind ihre großen Palastbauten (z.B. Knossos oder Hagia Triada), die nicht nur als fürstliche Residenzen dienten, sondern zugleich wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Zentren waren. In der Kunst gibt es hervorragende Werke im Bereich der Wandmalerei, der Schmuckverarbeitung und auch der Keramik.

Interessant ist, dass die minoische Kultur starke matriarchalische Züge aufweist und damit völlig anders als die indoeuropäische feudale Kultur der mykenischen Griechen strukturiert ist. Religiöse Verehrung genossen neben einer Stiergottheit vor allem Erd- und Fruchtbarkeitsgöttinnen, wie überhaupt die Frau über großen gesellschaftlichen Einfluss verfügte. Das kann man auf zahlreichen Wandmalereien sehen, wo Frauen in der Öffentlichkeit stets besonders hervorgehoben werden.

Die riesigen Palastanlagen bestanden aus einem ineinander verschalteten Geflecht von Räumen, Speichern, Hallen und Gängen, sodass viele vermuten, dass die Sage vom „Labyrinth“ auf diese eher prosaische Situation zurückgeht. Da die frühen Griechen wohl auch menschliche Tribute nach Kreta entrichten mussten, mag die Sage vom Untier Minotaurus, dem angeblich Jungfrauen zugeführt wurden, hierauf zurückgehen.

Die Gründe für den Untergang der Minoer um 1400 v. Chr. sind in der Forschung umstritten. Da die Kultur ein jähes Ende fand, reichen die Hypothesen von einem verheerenden Erdbeben im Gefolge des erwiesenen Vulkanausbruchs auf der Insel Santorin über Aufstände im Innern bis hin zu einer Invasion durch griechische Achäer. Selbst ein Tsunami wird heute vereinzelt ins Spiel gebracht.

Tatsache ist, dass seit etwa 1300 v. Chr. Kreta von den mykenischen Griechen besetzt war, da man tausende ihrer Schrifttafeln und weitere kulturelle Hinterlassenschaften auf der Insel gefunden hat. Diese Schrift – ein ganz altertümlicher griechischer Dialekt – wird als Linear B bezeichnet. Man hat jedoch auch eine Unmenge von Schrifttafeln der autochthonen Minoer gefunden, deren Sprache sich jedoch bis heute nicht entziffern lässt. Diese Schrift, von der lediglich die Buchstaben lesbar sind, bezeichnet man als Linear A. Forscher gehen davon aus, dass es sich um eine nichtindogermanische Sprache handelt, und bis heute ist man sich über eventuelle verwandtschaftliche Beziehungen etwa zu den semitischen oder sogar indoeuropäischen Sprachen (Luwisch?) im Unklaren. Selbst die Bezeichnung „Minoer“ geht auf Arthur Evans zurück, denn wie sich dieses interessante Volk selbst nannte, wissen wir nicht. Griechen oder Ägypter sprachen z.B. von „Kafti“ oder „Keftiu“.

Interessant ist vielleicht noch, dass die Minoer anders als die Ägypter oder vorderasiatische Völker keine Monumentalbauten errichteten und auch keine Großplastiken von Herrschern gefunden wurden. Viele Forscher gehen deshalb davon aus, dass es keine gottgleich verehrten Könige gab, sondern eine Reihe kleinerer Fürsten in menschlicher Dimension, unter denen der von Knossos vielleicht eine Führungsposition hatte. Danach wäre auf Kreta eine Reihe von Stadtstaaten entstanden (Knossos, Malia, Hagia Triada, Phaestos, Zakros usw.), unter denen Knossos in späterer Zeit eine Führungsposition einnahm.