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I. Tradition und Christentum

Byzanz sah sich nicht nur als Nachfolger des römischen Reiches, sondern als Rom selbst. Deswegen war auch der Herrscher ein römischer Kaiser und selbst der letzte Kaiser Konstantin XI. Palaiologos (1448 – 1453) sah sich als direkter Nachfolger von Caesar, Octavian (Kaiser Augustus, 28 v. Chr. – 14 n. Chr.) und den anderen römischen Kaisern. Doch das Kaisertum war nicht mehr das alte. Seit Augustus direkt nach seinem Tode zum Gott erhoben worden war, waren im römischen Reich auch die lebenden Imperatoren zunehmend vergöttlicht worden. Der Kaiserkult hatte fest zur Religion jedes Reichsbürgers gehört und war Gesetz gewesen. Schon immer hatten sich die Christen dagegen gewehrt. Als das Christentum nun erlaubt und dann Staatsreligion wurde, wurde der Kaiser vom „Gott und Herrscher“ zum Herrscher von Gottes Gnaden. Dies blieb im byzantinischen Reich auch so, man war der festen Überzeugung, der herrschende Kaiser sei von Gott berufen, befähigt und beschützt. Das umfangreiche Hofzeremoniell baute größtenteils auf religiösen Komponenten auf, in Urkunden findet man häufig Ausdrücke wie „unsere von Gott stammende Majestät“. Ein Kaiser zählte zu seinen Aufgaben im Besonderen auch den Schutz der Kirche und des christlichen Glaubens.

II. Zentralisierung und Kontinuität

Zu dieser Christianisierung des Kaisertums trat in der Frühzeit von Byzanz auch die Zentralisierung des Reiches. Hatten die Kaiser des vierten Jahrhunderts wegen den vielfältigen Gefahren an den Grenzen noch wechselnde Residenzen gehabt, so wurde nun das günstig gelegene Konstantinopel zur Hauptstadt Ostroms, in der sich die Verwaltung fest ansiedelte. Dies hatte auch eine Sicherung des Kaisertums zur Folge: Während im zweiten und besonders im dritten Jahrhundert viele Teilreiche erfolgreicher Usurpatoren entstanden waren, die einen eigenen administrativen Apparat aufbauten, wurde nun der Besitz Konstantinopels zu einer wichtigen Bedingung für erfolgreiches Gegenkaisertum. Denn um vollständig legitimiert zu sein, musste ein Kaiser in Byzanz einige Zeremonien hinter sich bringen. Außer der eigentlichen Krönung zählten dazu auch die Huldigung und Ernennung durch den oströmischen Senat, das Volk und das Heer. Im mittelbyzantinischen Reich trat dazu noch die religiöse Komponente, die Krönung in der Hagia Sophia durch das geistliche Oberhaupt von Byzanz, den Patriarchen. Erst wenn ein Usurpator bei all dem Erfolg hatte, war er anerkannt. Das sorgte für machterhaltende Kontinuität an der Spitze des Reiches. Einem ersetzten Kaiser blieb übrigens meist immer noch die Möglichkeit, in ein Kloster einzutreten und dort den Rest seiner Tage zu verbringen.

III. Dynastiebildung und Nachfolge

Ein weiterer Schritt zur Sicherung des Kaisertums war die Ernennung von Thronfolgern. Dies waren meist Söhne oder andere nahe Verwandten, so dass Dynastien entstanden. Ein solcher Mitkaiser hatte zwar de jure alle Insignien und Ehren eines vollwertigen Kaisers, de facto aber keine Regierungsgewalt. Oft waren es auch Kleinkinder, die ernannt wurden, um den Fortbestand der Dynastie möglichst früh zu sichern. Zusätzlich gelangten oft Mitglieder der kaiserlichen Familie auf hohe Posten, um dies abzusichern. Gab es keine männlichen Nachfahren, wurde ein Thronanwärter oft durch Heirat mit einer Tochter des Vorgängers legitimiert. Auch Adoption wurde angewandt, um die Nachfolge zu sichern. Besonders deutlich wurde diese jedoch bei einer sogenannten „Purpurgeburt“. Im Kaiserpalast gab es einen „porphyra“ genannten Raum, in dem meist die Kaiserkinder das Licht der Welt erblickten. Er war ganz mit purpurfarbenem Marmor verkleidet, der eine Anspielung auf die dem Kaiser vorbehaltene, sündhaft teure Purpurfarbe war. Wer dort geboren war, galt als legitimer Nachkomme des Kaisers, selbst, wenn das Kind einer illegitimen Beziehung entsprang, wie beim Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos (913 – 959), der sogar seinen Beinamen nach dieser Tatsache erhielt.

IV. Kaiserinnen und Paläste

Die Kaiserin hatte eigentlich keine Rechte, ihre Aufgaben beschränkten sich darauf, am Hofzeremoniell teilzunehmen. Nur manchmal übten die Frauen aufgrund ihrer Persönlichkeit einen Einfluss auf die Regierungsgeschäfte ihres Mannes aus, wie das bei Threodora, der Frau Justinian I. (527 – 565), der Fall war. Öfter wiederum kam es vor, dass Kaiserinnen die Regierung für ihre unmündigen Kinder führten. Eine Rolle spielten Frauen auch, wenn sie an den auserwählten Nachfolger verheiratet wurden, um ihn zu legitimieren.

Die Familie des Kaisers lebte im Kaiserpalast in Konstantinopel, der aus einer ganzen Reihe von Räumen bestand und schließlich 100.000 Quadratmeter (!) umfasste. Sogar Gefängnisse und Münzstätten befanden sich im Palast, genauso wie natürlich die Unterkünfte der Bediensteten. All dies lag eingebettet in riesige weiträumige und prunkvoll geschmückte Parks. Man weiß nicht genau, wo die einzelnen Räume wie die Gemächer von Kaiser und Kaiserin, Kirchen und Kapellen, Bäder und Gärten lagen, da sie heute unter den Häusern Istanbuls begraben liegen. Genaueres weiß man lediglich von den Empfangsräumen. Einer war die „Magnaura“ (Abkürzung von „magna aula“), die wohl noch vom Stadtgründer Konstantin I. dem Großen (306 – 337) stammte. In ihr standen ein Thron, der durch hydraulische Pressen gehoben und gesenkt werden konnte, sowie Figuren von Löwen und Vögeln, die durch mechanische Systeme brüllen bzw. zwitschern konnten. Dies machte Eindruck bei ausländischen Gesandten. Doch der prunkvollste Empfangssaal war der „Goldene Triklinos“ („chrysotriklinos“). Über dem sich dort befindlichen Thron war in einem Mosaik Jesus Christus dargestellt. Alles war mit Gold und Silber geschmückt. Heute aber liegt auch das alles in Trümmern im Untergrund.

V. Zermoniell und Prozessionen

Nicht nur die Krönung, sondern auch das ganze Leben des Kaisers war als Zeremoniell streng geregelt. Das ganze Leben war verplant, größtenteils mit religiösen Handlungen. Alles lief völlig ruhig ab. Nach dem Aufstehen fanden erst ein Morgengebet und dann eine Audienz für hohe Beamte statt. Die verschiedenen Amtshandlungen fanden im Thronsaal statt – Ernennungen, Empfänge, Bittgesuche, Feste… An hohen Feiertagen nahm der Kaiser an Gottesdiensten teil, die, vor allem, wenn sie in der Hagia Sophia stattfanden, tagelange Vorbereitung forderten. Nach einigen Huldigungen schritt dann der Herrscher mit seinem Gefolge durch herausgeputzte und geschmückte Straßenzüge. Unter Gebeten und Begrüßungen trat man in die Kirche ein, anschließend wurde der Gottesdienst mit besonderer Pracht abgehalten. An manchen Tagen wie dem Jahrestag der Stadtgründung Konstantinopels (11. Mai) fand eine Prozession durch bestimmte Viertel der Stadt statt. Andere Feiertage wurden mit einem Bankett im Palast begangen, zu dem außer hohen Würdenträgern und Senatoren auch einige Arme und Bettler eingeladen wurden. All das war genau festgelegt im Zeremonienbuch des Konstantin VII. Porphyrogennetos, der beim Tod seines Vaters noch minderjährig war und darauf lange Zeit seines Lebens von den Regenten verdrängt wurde. In dieser Zeit trug er alles, selbst vermeintlich unbedeutendes, zu den Festen wie Prozessionen und Krönungen, Hochzeiten und Taufen, Geburtstagen und Festmählern, kirchlichen und weltlichen Feiertagen, Ernennungen und Empfängen zusammen, um nur einige Beispiele zu nennen. Er wollte die Erhabenheit und göttliche Ordnung des Kaisertums genau schildern. Das Werk ist heute noch erhalten und eine unersetzliche Quellen zum byzantinischen Kaisertum, einem typisch europäisch – mittelalterlich gottgegebenem, aber doch prunkvoll orientalischen Kaisertum, das es schaffte, über fast 1000 Jahre Bestand zu haben.