Johano Strasser, Als wir noch Götter waren im Mai. Erinnerungen, München, Zürich 2007

Johano Strasser, Jahrgang 1938, legte 2007 seine Autobiographie vor. Zu Beginn der siebziger Jahre prägte er als stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungsozialisten die Nachwuchsorganisation der Sozialdemokraten. Seit 1975 ist er Mitglied der Grundwertekommission der SPD.

 

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Bild von Dontworry (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

 

 

 

Strasser strebte nie ein politisches Mandat im Bundestag oder in einem Landtag an. Er studierte Philosophie, promovierte und habilitierte sich. Die Berufung auf eine Professur scheiterte an einer Vorstrafe. Neben seiner Tätigkeit als politischer Publizist legte Strasser seit den achtziger Jahren auch mehrere Romane und Erzählungen vor. Lange Jahre stand er an der Spitze des deutschen PEN – einer renommierten Schriftstellervereinigung.

 Auch wenn Strasser keine politischen Ämter innehatte, so ist er doch eine Person des öffentlichen Lebens. Und so kann man seine Autobiographie auch als Bericht eines Zeitzeugen lesen. Strasser – schon aufgrund seines Alters kein typischer 68er – erlebte die Veränderungen mit, die die Bundesrepublik seit den sechziger Jahren durchmachte. Entstanden ist ein Buch, in dem Strasser nicht ohne Ironie und Selbstkritik auf diese Jahre zurückblickt. Es war eine Zeit, in der Politik polarisierte, in der es drei Fernsehkanäle gab, in der die Jungsozialisten innerhalb der SPD in den siebziger Jahren den Anspruch erhoben, Staat und Gesellschaft mit dem Konzept eines undogmatischen Sozialismus zu verändern. Strasser ist dieser Partei bis heute treu geblieben – trotz einer sozialdemokratischen Politik, die unter der Führung eines sozialdemokratischen Kanzlers 2003 den Sozialstaat westdeutscher Prägung veränderte: Es waren Sozialdemokraten, die zu Beginn des neuen Jahrtausends als erste deutsche Partei seit 1945 gravierende strukturelle Kürzungen im Sozialsystem vornahmen.

Johano Strasser wurde in den Niederlanden geboren und besaß die österreichische Staatsangehörigkeit. Zu Beginn der sechziger Jahre ließ er sich in Köln, wo er mittlerweile lebte, einbürgern. 1958 hatte er in Mainz das Abitur bestanden; das Abiturfoto zeigt den späteren „Bürgerschreck“ mit dunklem Anzug und Krawatte (als ich 1982 die allgemeine Hochschulreife erwarb, kam niemand von uns auf die Idee, im Anzug oder Kostüm zu posieren; wir profitierten von jener gesellschaftlichen Liberalität, die Deutschland verändert hatte).

Strasser machte zuerst sein Dolmetscherdiplom und arbeitete dann bei Ford in Köln als Übersetzer. Im Rückblick räumt er ein, dass diese Zeit als Angestellter für ihn wichtig war:

„Die anderthalb Jahre in Köln haben wesentlich zur Klärung meiner politischen Überzeugungen beigetragen. Abends saßen wir drei Freunde oft in unserem Wohnzimmer zusammen, lasen, diskutierten und hörten Musik vom Tonband oder vom Plattenspieler, immer noch Brassens oder Cool Jazz, aber immer häufiger auch die poetischen und aufsässigen Folk-Songs, die neuerdings aus den USA herüberkamen.“ (S. 86).

1962 nahmen seine Freunde und er unbezahlten Urlaub, um an den Ostermärschen teilzunehmen. Strasser erlebte, wie türkische „Gastarbeiter“, also Arbeitsmigranten, auf Vorurteile stießen. Ein weiteres wichtiges Ereignis für seine politische Sozialisation war die „SPIEGEL-Affäre“ 1962: Schlagartig sei ihm bewusst geworden, dass die Demokratie in der noch jungen Bundesrepublik auf schwachen Füßen stand.

Strasser kündigte seine Stelle in Köln und ging nach Mainz, wo er ein Studium der Philosophie begann. Er heiratete, wurde Vater einer Tochter und widmete sich intensiv dem Studium.

„Wir lebten eine Art Doppelexistenz: einerseits deutsche Kleinfamilie mit allen üblichen Zwängen und unvermeidlichen Spießigkeiten, andererseits ein bohèmehaftes, provokativ antibürgerliches Studentenleben. Irgendwie brachten wir das zusammen, mußten es zusammen bringen, weil wir noch nicht gelernt hatten, daß man nicht alles auf einmal haben kann.“ (S. 100)

1966 wurde Strasser promoviert und erhielt ein Habilitandenstipendium. Zu diesem Zeitpunkt wurde politisches Engagement immer wichtiger für ihn. In Bonn regierte seit 1966 die Große Koalition, bestehend aus CDU/CSU und SPD. In der Studentenschaft und unter linksliberalen Intellektuellen herrschte die Besorgnis vor, die bevorstehende Verabschiedung der Notstandsgesetze würde erneut den Weg in einen autoritären Staat ebnen, der nur noch formal eine Demokratie sei. Seit 1949 stellten die Unionsparteien den Bundeskanzler; innerhalb der außerparlamentarischen Opposition machte das Wort vom CDU-Staat die Runde. Johano Strasser trat 1967 der SPD bei, für einen linken Kritiker dieser Regierung keine Selbstverständlichkeit.

Strasser glaubte, dass eine inhaltlich erneuerte SPD diese Veränderungen erreichen könnte. Er machte innerhalb der Nachwuchsorganisation der Partei schnell Karriere. Strasser gehörte zu den Wortführern der Reformsozialisten, der gemäßigten Mehrheitsfraktion innerhalb der Jusos. Der von Strasser angestrebte Sozialismus stellte die Eigentumsfrage in den Vordergrund; nur durch eine schrittweise Vergesellschaftung von Banken, Versicherungen und Schlüsselindustrien könne eine grundlegende Demokratisierung der Gesellschaft erreicht werden. Dieses Konzept griff Teile der marxistischen Kapitalismuskritik auf; definierte aber Sozialismus in erster Linie als Wunsch nach mehr Demokratie auf allen Ebenen in der Tradition von Humanismus und Aufklärung. Strasser beschrieb seine Rolle in den siebziger Jahren als die eines „reisende(n) Agitators“, (S. 145), der durch die Bundesrepublik tourte, um in Ortsvereinen und Gewerkschaftsveranstaltungen das Programm der Jusos vorzustellen. Zwar regierte in Bonn seit 1969 die SPD in einer Koalition mit der FDP, aber auch in den eigenen Reihen wollte man wenig von systemüberwindenden Reformen, dem Kernstück jungsozialistischer Programmatik, wissen. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1973/74 gab es einen starke linke Minderheit in der Partei, der es ernst war mit dem demokratischen Sozialismus.

Der Publizist lebte zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie in Berlin, wo er an der Pädagogischen Hochschule eine Anstellung gefunden hatte. Die zweite Wochenhälfte verbrachte er meist auf Reisen oder in Hotelzimmern – immer im Dienste der SPD. Manchmal standen zwei oder drei Termine am Tag an. Seine wallende Mähne, die an Jimmy Hendrix erinnerte und seine in den Augen vieler Konservativer radikalen Ansichten machten ihn zu einem ‚Bürgerschreck‘. Und Strasser genoss nach eigenen Worten diesen Teil seines Lebens, die Wortgefechte auf Diskussionsveranstaltungen. Aber zum Berufspolitiker fehlte ihm die Einseitigkeit. In seinen Erinnerungen beschreibt er eindringlich die beiden Seiten dieses Lebens: nach außen hin eine medienwirksame Persönlichkeit, die aber den Kontakt zur eigenen Familie verliert und am Schluss registrieren muss, dass seine Ehe gescheitert war. Das ‚leichte und freie‘ Leben, das seine Generation angestrebt hätte, sei auch ihm zu selten gelungen, stellt Strasser im Rückblick auf diese Jahre fest. Er engagierte sich in seinem Beruf als Hochschullehrer; innerhalb der SPD, war aber froh, als er sich unter einem Vorwand für einige Stunden freimachen konnte, um mit seiner Frau ein Konzert in der Philharmonie zu besuchen.

Hinzu kamen ernüchternde Erfahrungen in der eigenen Partei: Wollte die Mehrheit der Sozialdemokraten in den siebziger Jahren eigentlich den demokratischen Sozialismus? Während die meist bürgerlich geprägten Jungsozialisten eher kritisch über industrielles Wachstum dachten, war der sozialdemokratische Stammwähler froh über sein Eigenheim und die Ferienreise in den Süden mit dem Flugzeug – auch wenn das die Umwelt belastete.

Strasser war zu intelligent und zu sensibel, als dass ihm diese Widersprüche verborgen blieben. Ein politisches Mandat, etwa eine Kandidatur für den Bundestag, strebte er nicht an. Er habilitierte sich 1977 für das Fach Politische Wissenschaften und engagierte sich weiter in der SPD. Dort versuchte er, neue Themen zu setzen. Mit seinem 1979 erschienen Buch „Grenzen des Sozialstaates. Soziale Sicherung in der Wachstumskrise“ wollte er die Genossenschaftsidee in das System staatlicher Sicherheit integrieren. Die Sozialdemokraten, so Strasser in seinen Erinnerungen, hätten ihre „reiche Tradition selbstorganisierter Daseinsvorsorge“ vergessen und sich nach 1945 immer mehr auf „eine eher konsumistische Haltung gegenüber staatlichen Leistungen“ verlassen (S. 177). Das war keine Hinwendung zu neoliberalen Positionen, sondern der Versuch, eine Theorie des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates zu schaffen in einer Zeit, die nicht mehr durch ständiges Wirtschaftswachstum geprägt war.

Der Publizist blieb bis heute ein demokratischer Sozialist, der davon überzeugt ist, dass Veränderungen zum Besseren nur schrittweise möglich sind. 1982 besuchte er zusammen mit Günter Grass Nicaragua als Gast der von den Sandinisten gestellten Regierung. In einer öffentlichen Diskussion in der Universität von Managua traten Grass und Strasser für einen demokratischen Weg zum Sozialismus ein, während Teile der sandinistischen Führung noch eine Einparteienherrschaft nach osteuropäischem Vorbild anstrebten.

Seit den frühen achtziger Jahren betätigte sich Johano Strasser auch als Schriftsteller. Die Literatur bildete nun den Schwerpunkt seiner Arbeit. Ermutigt von seinem Freund Günter Grass veröffentlichte er 1987 seinen ersten Roman. Strasser lebt seit Beginn der achtziger Jahre in Süddeutschland, gab die literarische Zeitschrift L’80 heraus, stand mehrere Jahre an der Spitze des PEN-Zentrums Deutschland und ging von Zeit zu Zeit mit seinem Freund Günter Grass auf Wahlkampftour für die SPD. 2005 musste der Nobelpreisträger für Literatur ihn zu einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt überreden: Mit der Politik des bald darauf abgewählten Bundeskanzlers Gerhard Schröder konnte Strasser bei aller Solidarität zu seiner Partei nichts anfangen.

Trotz aller Kritik: Die SPD ist die politische Heimat von Johano Strasser:

„Allzugern würde ich glauben, daß dies meine SPD ist: eine Versammlung kritischer, selbständiger Köpfe, klar in ihren Grundsätzen und unerschütterbar in ihrem Engagement für die Mühseligen und Beladenen, aber jederzeit bereit, sich der veränderten Realität zu stellen, diskussionsfreudig, mißtrauisch gegenüber hohlen Phrasen und bombastischen Inszenierungen, an nichts als der Wahrheit inszeniert und mutig, wenn es darum geht, das schlechte Bestehende zu verändern.“ (S. 338)

Doch Strasser weiß auch, dass die Realität meist anders aussieht. „Als wir Götter waren einst im Mai“ ist ein lesenswertes Buch. Es berichtet von einer Zeit, in der es noch Utopien und Veränderungswünsche in der Politik gab. Die Partei, auf die Strasser seine Hoffnungen setzte, ist heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Viele Weggefährten Strassers starteten als Linke und endeten als konservative Sozialdemokraten wie Gerhard Schröder, von 1998 bis 2005 Bundeskanzler. Als Jungsozialist kritisierte er Strasser, weil er dessen Positionen für zu gemäßigt hielt und gehörte zu den Wortführern der ‚antirevisionistischen Linken‘, einer Strömung, die die Reformsozialisten entschieden bekämpfte. In Amt und Würden entwickelte Schröder ein Verständnis für den Kapitalismus, das jedem Wirtschaftsmanager zur Ehre gereicht hätte. Und Schröder blieb kein Einzelfall.

Johano Strasser hingegen bewahrte sich seine Unabhängigkeit. In seinem Buch macht er keinen Hehl daraus, dass das Leben eines freien Schriftstellers nicht immer ohne Probleme war. Aber er bereut es nicht.

Wie die Literaturwissenschaftler einmal den Schriftsteller Johano Strasser und dessen Gesamtwerk einschätzen werden, kann ich nicht beurteilen Der Sozialdemokrat Strasser hinterlässt Schriften, die seine Parteifreunde lesen sollten. Vielleicht werden ältere Genossen ihre Partei noch wiedererkennen.