Vor 58 Jahren erhoben Millionen Menschen ihre Stimme für mehr Freiheit. Am 17. Juni 1953 erlebte die noch junge DDR ihre erste große Erschütterung. Ein Streik der Bauarbeiter in der Ostberliner Stalin-Allee wächst sich zum landesweiten Arbeiteraufstand aus.

Der Arbeiter aufstand vom 17. Juni 1953 jährt sich heute zum 58. Mal. Ein Streik der Bauarbeiter in Ostberlin wächst zum landesweiten Arbeiteraufstand aus. In Hunderten Orten wurde gestreikt und demonstriert, die DDR-Führung war hilflos und lässt den Protest schließlich von sowjetischen Truppen niederschlagen. Der 17. Juni – ein Schlüsselmoment der deutschen Geschichte. Seit Jahren kämpft Carl-Wolfgang Holzapfel, Vorsitzender des Opferverbandes “Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.” für eine stärkere Verankerung des Tages des Volksaufstandes in der DDR im Bewusstsein der Deutschen. Ein Gespräch zum Gedenktag.

European Circle: Was werden Sie heute, an diesem denkwürdigen Tag, den Berlinern anbieten?

Holzapfel: Volles Programm. Wir sind um neun Uhr am Steinplatz, am Mahnmal der Opfer des Stalinismus und legen dort einen Kranz nieder, wobei ich vor Jahren angeregt habe, gleichzeitig bei dem am Steinplatz stehenden Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus ebenfalls Blumen niederzulegen. Das ist deswegen wichtig, weil wir sagen: auch das war Diktatur, auch dort gab es viele Opfer, und wir lassen uns nicht auseinander dividieren. Um zehn Uhr sind wir vor dem Finanzministerium mit dem regierenden Bürgermeister und legen dort am Denkmal des 17. Juni einen Kranz nieder und um elf Uhr sind wir dann schon in der Seestraße zum Staatsakt mit der Bundesregierung, wo unsere Vereinigung dann immer an der Seite der Regierung den Kranz niederlegt. Dann haben wir etwas ganz Besonderes vor: wir werden etwa um halb drei in Strausberg eine symbolische Straßenumbenennung vornehmen. Die dortige linke Stadtratsmehrheit weigert sich, dort Straßenumbenennungen vorzunehmen. Wir wollen dort eine Straße von 1km Länge in „Straße des 17. Juni 1953“ umtaufen. Das sind unsere Aktionen am 17. Juni.

 

European Circle: Sie sprechen es schon wieder an: der Kampf ist eigentlich nach wie vor nicht zu Ende, den sie jetzt seit Jahrzehnten kämpfen gegen das Vergessen. Es ist ja immer sehr bezeichnend, dass an einem Tag, dem 17. Juni, wenn er denn da ist, wie an dem heutigen Tag, dass dann auch daran erinnert wird. Dann ist auch der Bürgermeister dabei, die Politik ist dabei, die Presse ist dabei… Wenn man aber an anderen Tagen z. B. auch junge Menschen auf der Straße fragt, was eigentlich am 17. Juni passiert ist, erlebt man oft Schweigen als Antwort. Sehen Sie das symbolisch dafür, wie wir schwierig umgehen mit unserer jüngsten Geschichte, dass wir damit nach wie vor Probleme haben und dass da noch zu wenig vermittelt wird?

Holzapfel: Wir haben da Probleme. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere ganze Gesellschaft eigentlich – was keiner erwartet hat – nach dem Fall der Mauer eine Bewegung nach links gemacht hat. Das heißt, man wollte den 17. Juni nicht mehr so im Fokus stehen haben, er hatte seine Sinnhaftigkeit verloren, denn es gab keinen Ost-West-Konflikt mehr. Also war das Kampfinstrument nicht mehr notwendig. Wir haben den 17. Juni aber nie als Kampfinstrument verstanden, sondern als Auftrag und Verpflichtung, für Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechte einzutreten, und an diese mutigen Menschen zu erinnern, die ja immerhin den ersten Aufstand nach dem Zusammenbruch, nach dem 2. Weltkrieg im kommunistischen Machtbereich verursacht haben. Wir sind eigentlich traurig darüber, dass man den 17. Juni so auf die 3., 4. oder 5. Stelle linkt. Und wenn Sie gerade die jungen Menschen ansprechen: wir halten ja viele Vorträge auch in Schulen. Wir stellen dann immer wieder fest, dass die jungen Menschen ein wahnsinniges Interesse an diesen historischen Ereignissen haben, die Politik bietet nur nichts mehr an. Allein Zehlendorf, da gibt es das einzige originäre Mahnmal des 17. Juni. Das wissen viele nicht, weil dort früher ein sowjetischer Panzer stand.

European Circle: Sie meinen das Holzkreuz.

Holzapfel: Genau. Aufständische haben dort dieses Holzkreuz gegenüber der Panzerkanone errichtet. Wir als junge Menschen, ich bin in Zehlendorf zur Schule gegangen, gingen mit der Schule regelmäßig zu diesem Denkmal und wurden unterrichtet.

European Circle:  Früher war der 17. Juni auch noch ein Feiertag.

Holzapfel: Ja, sicher. Aber das war wichtig. Und wenn die Politik nichts mehr anbietet, z. B. damls die Kundgebungen vor dem Schöneberger Rathaus mit Zehntausenden von Menschen, dann gerät das allmählich im Bewusstsein in Vergessenheit. Das ist traurig, das sollte man nicht tun.

European Circle: Das heißt, die Stelen, die jetzt ausgestellt wurden vor dem Finanzministerium – das war ja quasi der Kompromiss, da gab es viel Streit. Wir hatten Bilder an dem Gebäude, es wurde darum gekämpft. Es durfte dann aber nicht bleiben wegen Denkmalschutz und anderer Gründe. Dann kamen die Stelen. Halten Sie die für angemessen und adäquat als Mahnort?

Holzapfel: Ich habe ja im Ergebnis der Abnahme dieser Bilder einen neuntägigen Hungerstreik vor dem Finanzministerium durchgeführt 2005. Und in Folge dieses Hungerstreiks hat man dann gesagt: okay, wir stellen da was hin, wir machen diese Stelen. Das ist ein Fortschritt zweifelsohne. Aber er wird dadurch wieder gehemmt und ist bitter, weil wir seit 2005 energisch fordern, dass dieser kleine Platz wenigstens in „Platz des 17. Juni“ umbenannt wird. Denn dort versammelten sich die Menschen am 16. Juni und verabredeten sich morgen am Strausberger Platz zum Generalstreik in Berlin und der DDR. Das schieben seitdem das Ministerium und die Bezirksverwaltung Mitte Hin und Her. Die Bezirksverwaltung sagt: wir haben schon eine Straße des 17. Juni, einen Platz brauchen wir nicht. Im Übrigen ist das Finanzministerium zuständig. Das Finanzministerium sagt: wir können da gar nichts entscheiden, das macht Bezirk Mitte. Dafür kämpfen wir auch, es ist zwar nur ein kleines Zeichen, aber es wäre wahnsinnig wichtig, im Zentrum Berlins einen Platz zu haben. Denn die Straße des 17. Juni, so ehrenvoll sie ist, sie ist in Westberlin, und nicht am Ort des Geschehens.

European Circle: Sie werden weiterkämpfen, Herr Holzapfel, da habe ich keine Sorge. Ich wünsche weiterhin viel Erfolg und viel Kraft. Vielen Dank für das Gespräch.