Die neueren Theorien nehmen vielmehr die politische Gliederung des rätisch-norischen Raums im 6./7.Jh. in den Blick und kommen mit dieser Methode zu erstaunlich präzisen Ergebnissen. Denn es kann kein Zufall sein, dass der Name der Bajuwaren um 551 zum ersten Mal auftaucht und dass ein fränkischer Hochadliger „dux Garibald“, der ein bairischer Herzog gewesen sein muss, um 555 zum ersten Mal erwähnt wird.

Die „baiovarii“ müssen auch nicht unbedingt aus Böhmen gestammt haben. Vielmehr könnte es sein, dass sich ein älterer Landschaftsname erhalten hat und dieser Name auf das neu entstehende „Volk der Bajuwaren“ übertragen wurde. Schon „Böhmen“ ist ja von den keltischen Bojern abgeleitet, die allerdings im 6.Jh. schon lange nicht mehr in Böhmen saßen. Und die Zeit, in der „Sueben“ in „Schwaben“ wohnten, war zum Zeitpunkt der Entstehung des Bevölkerungsnamens der „Suaven“ (der einige Zeit parallel zum Namen „Alemannen“ verwendet wurde) ebenfalls schon lange vorbei, es sei denn, man setzt „Elbgermanen“ mit „Sueben“ gleich. Naheliegender wäre es da schon gewesen, auf das Reich der Markomannen Beziehung zu nehmen, das sein Zentrum ja auch im böhmischen Kessel hatte. Wenn in der Spätantike dort immer noch Menschen lebten, die sich auf die Markomannen zurück führten (wovon die ältere Forschung ausging), hätten sie viel eher den angestammten Stammesnamen nach Bayern „mitgenommen“ als die Landschaftsbezeichnung „Boiohemium“.

Die Archäologie hat in den letzten Jahren vielmehr erkannt, dass etwa nach 530 sich die Beigabensitte in bairischen Reihengräbern ändert, denn wie schon seit dem 5.Jh. in Gebieten mit spätrömischer Macht- und Kulturkontinuität im Rheinland und in Alamannien üblich, wurden plötzlich Waffen als Beigaben in die Gräber gelegt. Bei den gleichzeitigen Bewohnern des übrigen Germaniens, bei den Thüringern etwa oder in Böhmen, war dieser Brauch dagegen nahezu unbekannt. Auch dies spricht eigentlich gegen eine massive Einwanderung von Leuten aus Thüringen, Böhmen oder aus den Bereichen östlich oder nördlich davon nach Bayern (auch hiervon ging die ältere Forschung aus, indem sie auch Rugier, Skiren, Goten etc. zu den bairischen „Vorfahren“ zählte), sondern vielmehr dafür, dass um die Zeit, in der ein Herzogtum Bayern zu entstehen scheint, Menschen mit kulturellen Beziehungen zu den Romanen (!) in Alamannen und bei den Franken hier lebten, wobei gleichzeitig kulturelle Verbindungen nach Böhmen und zu den Thüringern existieren. Dazu passt auch, dass das (Alt-)Bairische ein westgermanischer Dialekt war, der besonders mit dem Alamannischen und dem Thüringischen enge Verbindungen aufwies. Sollte das Mitte des 6.Jhs. stattfindende Ausgreifen der Franken auf die ehemals ostgotischen Gebiete Rätiens und die damit zusammenhängende Reorganisation des Gebiets als Dukat statt als Provinz mit der Entstehung der Bajuwaren zusammenhängen? Dann müsste die Ethnogenese der Bajuwaren in zwei Schritten abgelaufen sein, von denen der erste mit der Vinarice-Kultur aus Böhmen in Verbindung steht, der zweite hingegen mit der Friedenhain-Prestovice-Kultur aus Südböhmen sowie den in Raetien lebenden Romanen. Ungewöhnlich wäre das nicht. Auch Vandalen oder Sachsen sind ja in mehreren Stufen entstanden, die mit Änderungen in der Herrschaftsstruktur zusammen hingen.

Die sprachliche Verbindung nach Thüringen und die Verbreitung zuerst der böhmischen Vinarice-Kultur, dann der südböhmischen Friedenhain-Prestovice-Keramik, an der mittleren Donau und im Maingebiet deutet darauf hin. Letztere Keramik scheint im 5.Jh. in Südböhmen entstanden zu sein, allerdings unter starkem Einfluss suebischer Gruppen aus dem Donauraum Pannoniens sowie der älteren, in ganz Böhmen, im Maingebiet und in Bayern nachweisbaren Vinarice-Kultur. Der Einfluss ostgermanischer Gruppen in Böhmen ist in dieser Zeit gegen Null reduziert worden, so dass wir hier von einem Bevölkerungswechsel in Pannonien und auch in Böhmen sprechen können, der mit dem Hunnenreich Attilas in auffälliger zeitlicher Korrelation steht.

Nach dem Ende des Hunnenreichs ändert sich das Bild: Um 500 breitet sich nämlich eine elbgermanische Kultur in diesem Raum aus, die den mittleren Donauraum umfasst und zur gleichzeitigen Kultur in Böhmen/Bayern (Vinarice-/Friedenhain-Prestovice-Kultur) und im mittleren und unteren Elbegebiet Beziehungen aufweist. Gleichzeitig ändert sich in Bayern die Beigabensitte in den Reihengräberfeldern und gleicht sich romanischen Begräbnissitten in Alamannien und bei den Franken an. Auffälligerweise existieren zu dieser Zeit enge Verbindung zwischen Böhmen und dem Reich der Thüringer (deren Reich sicher ins Maingebiet ausgriff und wahrscheinlich sogar nach Böhmen und möglicherweise sogar bis an die bayerische Donau!), ebenso wird den Langobarden eine Wanderung vom unteren Elbegebiet über Böhmen an die mittlere Donau nachgesagt. Um 485 eroberten die Langobarden, der Sage nach aus Böhmen kommend, das Reich der Rugier und breiteten sich um 490 nach Südmähren aus, um 510 vernichteten sie das Herulerreich in Pannonien und besiedelten auch dieses Gebiet. Parallel dazu beherrschen die Ostgoten Raetien, wohin nach der Niederlage der Alamannien gegen den Franken Chlodwig in der Schlacht von Straßburg 506 auch viele Alamannen flohen.

Es deutet sich die Entwicklung einer allgemeinen suebisch-elbgermanischen Kultur an, aus der sich wohl auch diejenigen rekrutierten, die später den Kern der „Bajuwaren“ bildeten, gleichzeitig verstärkt sich im späteren Bayern der Einfluss alamannischer Kulturaspekte.