Skelett in der Schmidmühle - Archälogoie Bajuwaren

Bild: Skelette aus karolingischer Zeit, ein Reihengräberfeld bei Ingolstadt

Bis vor etwa 10 Jahren dachte man sich die Anfänge Bayerns so: Da gab es im Vorfeld des römischen Limes in der Gegend zwischen Regensburg und Passau eine Gruppe germanischer Siedler, die wahrscheinlich auf Einladung der Römer aus Böhmen gekommen waren, um als Schutztruppe für die Grenzprovinz Raetien zu dienen. Wenn sie nicht grad irgendwelche Stämme auf Völkerwanderung davon abhielten, in die römische Provinz einzufallen, trieben sie Handel mit den Römern und machten auch gern mal selber ein paar Überfälle, wenn sich die Gelegenheit ergab, lebten aber ansonsten friedlich mit den Menschen auf der römischen Seite des Limes zusammen.

Zu dieser Meinung waren die Forscher gekommen, weil sie im Vorfeld des Limes auffällige Keramik aus dem 6.Jh. gefunden hatten, die mit Keramik, die man in Böhmen gefunden hatte, nahezu identisch war. Schlussfolgerung: Die Keramik wurde von Menschen benutzt, die diesseits und jenseits des Böhmerwaldes „vom gleichen Schlag“ waren. Gleichzeitig bemerkten die Archäologen, dass es im Gebiet dieser sog. Keramik von Friedenhain-Prestovice (benannt nach den zwei auffälligsten Fundstätten dieser Keramik in Bayern und in Böhmen) auch eine spezielle, neue Form von Gräberfeldern gab: Im Unterschied zu den bei früheren Germanen üblichen Brand- oder Hügelgräberngräbern legten die Leute, die in diesen Gräberfeldern begraben waren, ihre Gräber in sauber geordneten Reihen an und gaben den Toten auch keine oder kaum Beigaben mit. Diese sogenannten Reihengräberfelder tauchen in merowingischer Zeit auf. Die Gräber können in Ost-West-Richtung (mit dem Kopf nach Osten, zur aufgehenden Sonne hin) oder in Nord-Süd-Richtung (Kopf meist nach Norden) ausgerichtet sein.

Zufällig taucht in der zeitgenössischen Literatur des 6.Jhs. auch erstmals der Begriff „Baiovarii“ als Bezeichnung auf für einen Volksstamm, der im Gebiet des östlichen Raetien lebte. Nachdem noch Strabon in seiner „Geographiká“ um die Zeitenwende die keltischen Stämme der Vindeliker und Helvetier, daneben die offenbar nichtkeltischen Räter als Bewohner Raetiens nennt, und auch im Bericht über die Evakuierungsaktion des hl.Severin zur Zeit des Odoaker (488), bei der die provinzialrömische Bevölkerung aus den Donauprovinzen durch den Heiligen nach Italien geführt worden sein soll, keinerlei Erwähnung von Bajuwaren auffindbar ist, weiß 551 der Gote Jordanes plötzlich, dass östlich der „regio Suavorum“ (= Alamannien oder mindestens ein Teil davon) sogenannte „Baioras“ oder „Baibaros“ leben. Venantius Fortunatus berichtet 25 Jahre später von einer Pilgerreise durch die Länder nördlich der Alpen und aus seinem Reisebericht erfährt man, dass, wenn man den Lech Richtung Osten überquert, „der Bajuware“ im Weg stehen kann, und dass im Alpenvorland „Baivaria“ leben. Der fränkische Chronist Fredegar berichtet dann vor 633/35, dass der fränkische König Dagobert I. „Baioarier“ beauftragt, ein Massaker an Bulgaren anzurichten, die – von den Awaren besiegt – nach Bayern geflohen waren und nun offensichtlich der Politik Dagoberts im Wege waren. 640 berichtet Abt Jonas von Bobbio, dass der hl.Columban von Luxeuil u.a. zu den „Boiae“ bzw. „Baioarii“ kam, um sie zu missionieren.

Außerdem sind seit 555 Herzöge der „Baivarii“ bekannt, als erster Garibald I., der laut Gregor von Tours durch Vermittlung des fränkischen Königs Chlothar I. eine Langobardenprinzessin heiratete, weil König und Prinzessin zu nah verwandt waren. 555 gab Chlothar diese Prinzessin Walderada dem „dux Garibald“ zur Frau, der ein Vertrauter des Königs gewesen sein muss und aus dem Nordosten des Frankenreichs stammte. Dieser Garibald ist bei Gregor zwar als Agilolfinger bezeichnet, aber nicht als bairischer Herzog, Gregor stellt überhaupt keine Verbindung zu Bayern her. Dass Garibald trotzdem schon Fürst eines Bajuwaren-Landes gewesen sein muss, geht daraus hervor, dass in der „Lex Baiovariorum“ niedergelegt ist, dass jeder bairische Herzog (= „Dux“) aus der Familie der Agilolfinger sein muss. Ein weiterer Hinweis auf Garibald als bairischen Herzog liegt darin, dass in der „Origo Gentis Langobardorum“ erwähnt wird, im Jahre 589 habe der Langobardenkönig Authari eine gewisse Theudelinde geheiratet, die wiederum die Tochter von „Garibald und Walderada von Baiuvaria“ gewesen sei. Allerdings behauptet Fredegar, Theudelinde sei Fränkin gewesen. Garibald könnte also als Gesandter des fränkischen Königs in seiner Eigenschaft als hochstehender fränkischer Adliger in Bayern gewesen sein; das heisst noch nicht, dass er Herzog gewesen sein muss, denn „Dux“ war zu dieser Zeit in erster Linie ein militärischer Titel.

Erst Paulus Diaconus stellt eine präzise Verbindung zwischen Agilolfingern und einem „Reich Bayern“ her, als er berichtet, König Childebert II. habe 591 und 596 einen gewissen Tassilo als „rex“ in Bayern eingesetzt (= Tassilo I.), nachdem einem gewissen Garibald eine „perturbatio“ (= Verwirrung, Unruhe) widerfahren sei. Garibald war also ein Amtsvorgänger Tassilos und ist wohl vertrieben worden. Ob der Vater der Theudelinde und der Amtsvorgänger Tassilos dieselbe Person waren, bleibt offen, ist jedoch wahrscheinlich.