TomaseeWarum heißt es „der Rhein“, „der Neckar“, „der Lech“, „der Main“, aber „die Elbe“, „die Weser“, „die Donau“, „die Spree“? Konnten sich unsere Vorfahren, die den Flüssen neben den Namen auch ihr Geschlecht verpassten, nicht entscheiden, ob sich ein Fluss männlich oder weiblich verhielt – was auch immer das bedeuten mag? Stecken alte Flussgötter hinter den heutigen Namen, die dann eben männliche oder weibliche Götter waren?

Auffällig ist, dass viele der „männlichen“ Flüsse in einem Bereich liegen, der irgendwann einmal von den Römern beherrscht wurde. Tatsächlich haben die Römer allen Flüssen ein männliches Attribut verpasst, denn sie vermuteten in den Flüssen männliche Flußgötter (vgl. „der Tiber“, „der Arno“, „der Po“…).

Die Donau lag nun aber ebenfalls im römischen Einzugsgebiet, und die ist heute weiblich! Wie passt das zusammen? Der Name der Donau leitet sich nicht etwa von einem keltischen Grundwort ab, wie die Weiblichkeit des Namens nahe zu legen scheint, vielmehr ist der keltische Name des Flusses gar nicht wirklich bekannt! Es gibt aber ein indogermanisches Wort *Danu, das soviel wie „Fluß“ heißt (und übrigens maskulin ist!), und vermutlich nannten die Kelten den Fluss mindestens an seinem Oberlauf ähnlich, bevor ihm die Römer noch die maskuline Endung verpassten und den Fluss „Danubius“ nannten – in diesem Fall jedenfalls zu Recht, zumindest sprachgeschichtlich.

Der zweite Name der Donau, „Istros“ (in griechischer Schreibweise, oder „Hister“ in lateinischer Umschreibung), stammt vom indogermanischen Wortstamm *eis-/*is- ab, der so viel wie „sich heftig bewegen“ heißt. Interessanterweise gab es auch an der Mündung der Donau eine griechische Stadt, die Istros hieß – männliche Endung! Die Siedlung war die älteste griechische Kolonie im Schwarzmeerraum, eine Gründung von Milet. Sowohl am Oberlauf („Danuvius“ als auch am Unterlauf „Ister“) war die Donau also ursprünglich ein männlicher Fluss, passte also ins römische „Flussgeschlechterschema“. Die „Verweiblichung“ geschah später, als man sich daran gewöhnte, Flüsse mit weiblichen Artikeln zu versehen; inwieweit diese Tatsache Rückschlüsse darauf zulässt, ob die Bevölkerung an der Donau vielleicht weniger romanisiert gewesen sein könnte als die am Rhein, sei mal dahingestellt.

Wer den Flüssen Süddeutschlands ein weibliches Attribut verpasste, waren die Kelten – manchmal! Denn sie handhabten die Flußnamen sehr flexibel. Mal waren sie feminin, mal maskulin, je nachdem, welche Gottheit man mit dem Fluß verband. Insbesondere die kleineren Flüsse scheinen fast durchgängig weiblich gewesen zu sein, zumindest haben ihnen die Römer keine männlichen Namen verpasst, die sich gehalten hätten. Und manchmal können wir Heutigen es einfach nicht mehr nachvollziehen, weil uns die entsprechenden Quellen fehlen. Von der Germanen im nördlichen Deutschland ist übrigens anzunehmen, dass sie sehr viel häufiger weibliche Flussgöttinnen hatten als die Kelten, jedenfalls sind  in ihrem ursprünglichen Siedlungsbereich im Norden und Osten Europas weibliche Flussnamen sehr viel häufiger als im Süden und Westen, wo die Kelten und Römer lange „das Sagen“ hatten. Allerdings gibt es auch hier neben „der“ Weichsel auch „den“ Don – keine Regel ohne Ausnahme also. Oder waren hier die Slawen am Werk? Eventuell auch die Bulgaren? Hier endet mein (momentaner) Wissensbereich, der sogar für Spekulationen zu wenig hergibt, deshalb enthalte ich mich hier.

Neben der Donau haben übrigens auch andere Flüsse einen „Geschlechtswechsel“ erlebt. So vermuten manche Ortsnamenskundler, der Lech wäre ursprünglich weiblich gewesen, denn noch in Nennungen des frühen Mittelalters wird der Fluß in einigen Urkunden „Licca“ oder „Lecha“ genannt. Sein Name hieß vermutlich so etwas Ähnliches wie „der bzw. die Steinige“.

Die älteste erhaltene Namensform „Likias“ aber ist im Griechischen maskulin – und Griechen wie Römer galten dem Mittelalter als die Autoritäten schlechthin, was Geographie und Geschichte betraf. Also beließen es die Gelehrten des Mittelalters bei der maskulinen Schreibweise. Anders als bei „dem“ Danuvius, der zu „der“ Donau wechselte. So kam der Lech zu seinem männlichen Namen – vermutlich!