lynxx-Blog

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Der Inhaber des lynxx-Blogs hat freundlicherweise Inhalte seines Blogs Geschichte-Wissen zur Verfügung gestellt. Wir danken an dieser Stelle für diese großzügige Hilfe sehr und wünschen dem geneigten Leser bei der Lektüre viel Freude.


Entwicklung der Elitesoldaten der Janitscharen im 17. Jahrhundert. Niedergang?

Ausdehnung des osmanischen Machtbereiches im 16./17. Jh.?

Einige Ausführungen zu diesen Fragen des Osmanischen Reiches:

  • Wie sieht denn die Entwicklung der Janitscharen nach ihrem glorreichem Zenit im 17. Jahrhundert aus?
  • Wie war danach ihre militärische Bedeutung?
  • Wie kann man allgemein die militärische Kraft der Osmanen in späteren Jahrhunderten einschätzen? Waren sie unfähig geworden Schlachten zu gewinnen? War es ein kontinuierlicher Prozess des Rückganges osmanischem Territoriums?
  • Wieso erhöhte sich ihre Zahl und haben noch heute die damaligen Hofchronisten recht?

Es wird ja meist besonders in der älteren Sekundärliteratur von einem langsamen Verfall der Osmanen seit dem 17. Jahrhundert ausgegangen, und schaut man auf zahlreiche Schlachten und Kämpfe, so sieht man tatsächlich die Osmanen zunehmend in der Defensive.
Allerdings weiß man heute ja die weitere Entwicklung, die im späten 19. und dann im 20. Jahrhundert zum Zusammenbruch des osmanischen Reiches führte. Dieses mag z.B. im 18. Jahrhundert so in dieser Form den Zeitgenossen gar nicht so klar gewesen sein. Oft werden die Siege des Abendlandes breit in der heutigen Literatur „gefeiert“, die osmanischen Rückeroberungen jedoch kaum abgehandelt, so dass dieser Eindruck des unaufhaltsamen Niedergangs genährt wird.

aus dem recht lesenwerten neuerem Standardwerk Daniel Goffman: The Ottoman Empire and early modern Europe. 2004:

„Consequently, the argument goes, concession, retreat, and retrenchment characterized Ottoman history during the seventeenth through the nineteenth centuries. The reality, of course, was much more complicated than this representation suggests. Particularly in the seventeenth century, many regions and sectors of the empire ?ourished economically; innovation and bureaucratization engendered an unprecedented political stability; and even militarily, the Ottomans enjoyed some notable successes. (…)“

„(…) This loss of [military] supremacy was to become even more evident in the wars of the late seventeenth and eighteenth centuries. Nonetheless, even during these times of trouble, the Ottoman ability to supply and maintain armies in the field was remarkable, a testimony to the resources and administrative system of the Empire, as much as to its military prowess (…)“

Donald Quataert (The Ottoman Empire – 1700-1922) geht detaillierter auf obige Sätze von Goffman ein (Quataerts Buch ist ebenfalls ein neueres Standardwerk [1]):

„While a review of these battles, campaigns, and treaties makes apparent the pace and depth of the Ottoman defeats, the process was not quite so clear at the time. There were a number of important victories, at least during the first half of the eighteenth century. For example, although Belgrade fell just after the 1683 siege, the Ottomans recaptured it, along with Bulgaria, Serbia, and Transylvania, in their counter-offensives during 1689 and 1690. In fact Belgrade reverted to the sultan’s rule at least three times and remained in Ottoman hands until the early nineteenth century. In 1711, to give another example, an Ottoman army completely surrounded the forces of Czar Peter the Great at the Pruth river on the Moldavian border, forcing him to abandon all of his recent conquests. Several years later, the Ottomans regained the lost fortress of Azov on the Black Sea. In a 1714–1718 war with Venice, the Istanbul regime regained the Morea and retained it for more than a century, until the Greek war of independence. Ottoman forces won other important victories in 1737, against both Austrians and Russians. For several reasons, including French mediation and Habsburg fears of Russian success, the Ottomans, in the 1739 peace of Belgrade, regained all that they had surrendered to the Habsburgs in the earlier Treaty of Passarowitz. In the same year, they again obtained Azov from the Russians who withdrew all commercial and war ships from the Black Sea and also pulled out of Wallachia. Even after the disasters of the war that ended at Kücük Kaynarca, the Ottomans won some victories, compelling Russia to withdraw again from the principalities (and from the Caucasus). Catherine did so again in 1792 when she also agreed to withdraw from ports at the mouth of the Danube.“

Wie wir sehen, war die osmanische Armee durchaus noch in der Lage, manchen Sieg über die abendländischen Armeen zu erzielen. Nicht mehr andauernd, wie zu früheren Jahrhunderten, aber es war auch nicht so, dass die abendländischen Armeen ab dem 17. Jahrhundert jedes Mal als Sieger hervorgingen. Obige Erfolge lesen viele sicherlich seltener in der Literatur.

Zu Anfang der Regierungszeit Sultan Süleymans I. (des Prächtigen, oder des Gesetzgebers) gab es ca. 5000 Janitscharen, später kontinuierlich ansteigend. Zum Beispiel gab es auf dem 1638 stattfindendem Bagdad-Feldzug  25156 Janitscharen (ohne Festungsmannschaften).

Klaus Kreiser schreibt im hervorragendem „Der osmanische Staat 1300-1922„:

Ständig stehendes Heer (kapi kulu – „Pforten-Sklaven“) der Osmanen und deren einzelnen Bestandteile:

1527: 18.689, darunter 11.439 Janitscharen inkl. Janitscharenkadetten

1670: 70.296, darunter 48.212 Janitscharen inkl. Janitscharenkadetten

Wieso wurde denn die Anzahl der Janitscharen besonders im 17. Jahrhundert erhöht?

Die Encyclopedia of Islam schreibt:

„By the death of Murâd III in 1003/1595, the Janissaries already numbered 25,000 . Throughout the 11th/17th century the Ottomans were intermittently engaged on both the eastern and western fronts, and exceptional mobilisations for major new undertakings such as the Cretan offensive in particular years periodically pushed Janissary enrolments near to the 40,000 mark (Murphey, Ottoman warfare, 45, table 3.5). The gist of Ottoman advice literature of the early 11th/17th century in which the leitmotif of Janissary “corruption” caused by recruitment irregularities is repeatedly emphasised (see below), does not adequately reflect the Ottomans’ real manpower needs and strategic requirements in an epoch dominated by siege warfare. The new military realities had rendered both the ideals and the social structure which had supported the landed timariot class of the past increasingly obsolete.

By the early 11th/17th century, the Janissaries had evolved beyond their former role as an élite troop with principal responsibility for escorting and guarding the imperial presence to a position (together with the also proliferating cebeci and topcu artillerymen) as the indispensable operational core of the Ottoman army. An indication of the important part played by Janissaries in general military provision is given by the fact that, despite the conclusion of their war with the Habsburgs by treaty in 1015/1606, and despite their having entered into a phase of retrenchment in the east, which was shortly to lead to the abandonment of many of the forward positions occupied during the first phase of their conflict with the Safawids, when ‚Ayn-i ‚Alî surveyed the Ottomans’ military position in 1018/1609 he found 9,046 acemi oghlanlari still in the pipeline, most of them destined for induction into one of the 196 standing regiments of the Janissaries.“

Die Erhöhung der Anzahl der Janitscharen hing mit der anderen Taktik der Gegner (Habsburger) und der zunehmenden Bedeutung der Feuerwaffen ab dem 17. Jh. zusammen. Die Habsburger setzten immer mehr Feuerwaffen ein, geschützt durch Reihen von Pikenieren. Dadurch verlor die osmanische Kavallerie relativ zur Infanterie an Bedeutung.

Die Janitscharen wurden nicht mehr nur durch die Dev?irme (sog. „Knabenlese“)“ aufgefüllt, sondern durch Reformen weiteren Bevölkerungsschichten ab Ende des 16. Jh. geöffnet. Zeitgenössische Hof-Autoren des frühen 17. Jh. geisselten diese Praxis, und machten ursächlich die Korruption als Grund für den Anstieg der Janitscharen aus. Sie schrieben z.B. verächtlich:

„‘city boys of unknown religion, Turks, Gypsies, Tats, Kurds, outsiders, Lazes, Turcomans, muleteers and camel-drivers, porters and confectioners, highwaymen and pickpockets, and other people of various sorts’.“

Alle durften nun Janitscharen werden.
In älterer Literatur nahm man diese Analyse der Hofchronisten allzu unkritisch auf.
Inzwischen wird dieses anders beurteilt. Ursächlich für den Anstieg der Janitscharen war nicht die Korruption (obwohl es diese durchaus gab), sondern die oben erwähnte militärische Änderung der Schlachttaktiken. Die zunehmende Bedeutung der Infanterie – also schlicht die militärische Notwendigkeit, auch wenn sie mit der Korruption einher ging.
Und um mehr Rekruten für die Janitscharen-Korps zu bekommen, taugten die alten Methoden der „Knabenlese“ nicht länger und die Musterung wurde für alle geöffnet.

Damit einhergehend änderte sich auch die Stellung der Janitscharen. Waren sie vorher noch eine relativ kleine Elitetruppe, eng angebunden an den „Haushalt“ des Sultans, wurde sie nun eine der größten Truppengattungen, und gerieten somit in der Praxis ausserhalb dieses Haushaltes, die Janitscharen wurden also nunmehr ihrer Rolle als „Pfortensklaven“ beraubt, und wurden frei. (Konnten nun auch vor ihrer Pensionierung heiraten, Ämter an Söhne „vererben“, usw.)

Die Erhöhung der Anzahl an Janitscharen brachte natürlich ein gewaltiges Problem mit sich: Der Sold. Dieser wurde ja regelmäßig durch den Staatsschatz bezahlt, und dieser war ja nicht unendlich, so dass man dazu überging, die Währung abzuwerten, um die ganzen neuen Janitscharen auszahlen zu können. Diese waren ja ständig einsatzbereit, selbst wenn es jahrelange Friedenszeiten gab. Diese mehrfachen Abwertungen brachten die Janitscharen auf, so dass sie mehrfach revoltierten, also musste man sich nach anderen Einkommensquellen umsehen. Dies war u.a. die Umwandlung der Timare der Provinzen.

Ich mache nochmal einen anderen Schlenker, nämlich die Kriege, die gegen Zypern (Venedig) und gegen Iran (Safawiden) Ende des 16. Jh. geführt wurden (Öfters in „westlicher“ Betrachtung aus dem Fokus gerückt: Die Osmanen kämpften ja manchmal an mehreren Fronten – auch und gerade im Osten des Reiches). Diese Gegner konnte die osmanische Armee sehr gut begegnen und ging meist als Sieger hervor. Zumal man in diesen Feldzügen wieder logistische Meisterleistungen ablieferte, indem man die Armee über zehn Jahre im unwegsamen Feld gut versorgen konnte. Daher „bemerkten“ die osmanischen Generäle nicht die Entwicklung, die sich derweil in ihrem Rücken, in Österreich ereigneten.
Osm. Chronisten berichten, dass in den „Alten Tagen“, die lokale Bevölkerung in Belgrad immer Meldungen aus dem Norden weitertrugen, die besagen, dass die Habsburger (z.T. illegitim) wieder ein Fort in Ungarn errichteten. Dies veranlasste den Sultan sofort dazu, dieses Fort zu zerstören. Nun war man jedoch an zwei Fronten weit im Osten und im Mittelmeer beschäftigt, so dass die Österreicher eine Menge modernster Festungen errichten konnten, ohne dass die Osmanen jedesmal eingreifen konnten. Zudem befestigten lokale Herren ihre Residenzen, Häuser, Dörfer mit Mauern, Erdwällen, etc.

Nun, diese modernen Festungen waren eigentlich nicht das größte Problem für die Osmanen, wie sie eindrucksvoll mit der Eroberung von Nikosia, Györ, Esztergom, Eger, Kanizsa, usw. um die Jahrhundertwende 1600 bewiesen. Sie waren also militärtechnisch noch auf der Höhe der Zeit, selbst mit diesen modernen mit italienischem Knowhow gebauten Festungen.
Es war vielmehr das Problem, dass durch diese größere Anzahl an Festungen militärische Ressourcen gebunden wurden, und die oben schon erwähnte zunehmende Feldüberlegenheit der Österreicher. Und diese resultierte durch die zunehmende Verwendung von Feuerwaffen durch die Österreicher. Sie überholten also damit den bisherigen osmanischen Vorsprung. Ausserdem wurden neue Waffen eingeführt, die den osman. Beobachtern nicht entgangen sind. Da nun manchmal dreiviertel der habsburger Armee Infanterie mit Piken und Feuerwaffen ausgerüstet war, und bei den Osmanen die Kavallerie immer noch viel größer als deren Infanterie war, mussten die Osmanen handeln. Zudem wurde das Kampfgeschehen durch die neuen Taktiken statischer, denn durch diese Infanterie wurden Gräben, oder Erdwälle wichtiger, welche die Reiter schwerer überwinden konnten.

Also, wie schon erwähnt, reagierten die Osmanen nun, mit der Erhöhung der Anzahl der Janitscharen, und der saisonalen Rekrutierung von Männern, die mit Feuerwaffen umgehen konnten. Gleichzeitig übernahmen sie neuere Technologien, wie z.B. die Petarde.

Janitscharen-A?a (Agha)
Gleichzeitig verloren die Janitscharen ihren elitären Status. Die Abwertung der Silberwährung führte zu Inflationen. Die saisonal einbezogenen Männer mit Feuerwaffen (Sekbans) belasteten die Staatskasse zusätzlich, nach ihrer Entlassung nach dem Ende eines Feldzuges, gingen diese unter anderem in die sog. Celali-Banden Anatoliens, die während der Celali-Aufstände entstanden, auf.

Die Einnahmen der Staatskasse wuchsen nicht so schnell, wie es ein Sold für die Janitscharen erfordern würde, so dass ihnen erlaubt wurde, die Kasernen zu verlassen und in Friedenszeiten einem Gewerbe nachzugehen, um ihr Gehalt aufzubessern.

Gleichzeitig gingen auch die in diversen Städten des Reiches stationierten Festungs-Janitscharen Berufen wie Metzger, Bäcker, Kaffeehausbetreiber, Pförtner, Händler, usw. nach. Von Damaskus und Kairo, bis zu Belgrad und Sofia wurden sie nun zunehmend Bestandteil der lokalen Stadtstrukturen, der städtischen Gilden, mit teilweise eigenen Interessen. So sicherten einige mafia-ähnlich als „Paten“ die Handelswege gegen Gebühr, oder sie sicherten die Interessen der lokalen Handwerks-Gilden oder protektionierten den Handel im Sinne der Stadthändler. So opponierten sie z.B. in Bulgarien gegen ländliche Manufakturen, die die Jobs der städtischen Gildenangehörigen bedrohten. Sie wurden also Teil der lokalen Ökonomie, mit weiterhin bestehenden Bindungen an den Hof, sofern sie höhere Offiziere waren. Insofern fand ein Austausch der Interessen zwischen den Städten und dem Zentrum Istanbul statt, auch indem die Janitscharen im Zentrum ggf. die Interessen der Provinz-Städte mit aller Macht verteidigten. Sie wirkten somit auch als Puffer, falls Eliten der Hauptstadt allzu tyrannisch wirkende Vorhaben gegenüber den Provinzen durchbringen wollten. (Dieses geisselten natürlich die Hofchronisten, als unbotmäßiger „Staat im Staate“). Sie setzten also öfters mal einen Sultan ab, oder einen Wesir ab, da ihre Interessen sich oft mit denen der Provinzstädte deckten, und diese Interessen u.U. durch diese Eliten gefährdet wurden.

Wir sehen also hier, weniger „gefallene Elitesoldaten“ im 18. Jahrhundert, die ihrer Privilegien beraubt nun kopflos, „barbarisch“ und voller Korruption „Amok“ laufen, sondern eher die Durchsetzung der Interessen des Volkes, zumindest des Stadtvolkes, orchestriert durch die Janitscharen. Eine „Goldene Zeit“ der „Stimme der Städter“, eine Art „Demokratisierung“ durch die Stadtgilden, wie es sie nie zuvor in der osman. Geschichte gab.
(Deshalb traf es übrigens auch die Gilden so hart, als die Janitscharen 1826 vernichtet wurden, jüngst zu einem Zeitpunkt, wo die Weltwirtschaft, die „Globalisierung“ an Fahrt aufnahm, nach dem verschärften internationalen Wettbewerb nach den napoleonischen Kriegen, und die osman. Wirtschaft durch die Schwächung der Gilden dem schutzloser wie zuvor ausgeliefert wurde.)

Insgesamt führte die Erhöhung der Anzahl der Janitscharen und der Einführung neuer Waffentechnologie dazu, dass die Osmanen den Habsburgern noch gut 100 Jahre wacker Paroli bieten konnten, bis die Niederlagen besonders im 18. Jh. erneut aufzeigte, dass inzwischen die Osmanen besonders in der Artillerie und der Taktik wiederum den Anschluss zu verlieren drohten.

[1]
Rezension zu Donald Quataert: The Ottoman Empire 1700-1922:

„(…) Die Geschichtsschreibung folgte lange Zeit dem Aufstiegs- und Niedergangsmodell, um die Geschichte von Imperien zu beschreiben und entsprechend dieser Konzeption wurden die Jahre zwischen 1683 und 1923 als eine Epoche des Verfalls betrachtet. Die neuere Imperienforschung weicht zusehends von diesem rise and fall Paradigma ab und bemüht andere Ansätze wie beispielsweise das Zyklenmodell [4], die eine genauere Darstellung der Geschichte von Reichen ermöglichen. Auch Donald Quataert folgt dieser Entwicklung und zeigt die unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Transformationsprozesse auf, die das Osmanische Reich im Verlauf seiner Geschichte durchlief und die ihm trotz territorialer Verluste seit dem späten 17. Jahrhundert immer wieder Phasen der Konsolidierung ermöglichten. (…)“

Vielleicht komme ich irgendwann nochmal dazu, darauf einzugehen, z.B. anhand des Artikels von Donald Quataert: „If not decline, than what?“