nordafrika

Vor ca.18.000 Jahren, ungefähr Mitte August, hätte der Wetterbericht für München so ausgesehen: „Wie schon seit Wochen, so herrscht auch heute wieder schönes Wetter. Temperaturen knapp unter dem Nullpunkt, kaum Wolken, aber starker Wind, der am Nachmittag Orkanstärke erreichen kann. Vorsicht, direkt dem Wind ausgesetzte Hautpartien gut einschmieren, es besteht Gefahr von Erfrierungen! Und die weiteren Aussichten: Im wesentlichen bleibt das Wetter wie es ist, nur die Temperaturen fallen gegen Monatsende wieder – der Winter steht vor der Tür!“ Diese ausgesprochen ungemütlichen Klimaverhältnisse herrschen heute nur noch in der Antarktis. Bei uns in Europa wurde es immer wärmer, die Natur erholte sich vom eiszeitlichen Gefriertruhenklima, die Tundra zog sich nach Sibirien zurück und machte Platz für üppige grüne Wälder. So steht es zumindest in vielen Lehrbüchern. Darin ist auch die Rede von mancherlei Rückschlägen auf dem Weg zum heutigen Klima. Der heftigste Rückfall in eiszeitliche Verhältnisse heißt bei den Wissenschaftlern Dryas-Zeit, nach dem Steinbrech, einer heute in Deutschland nur noch in den Alpen vorkommenden kleinen Pflanze, die aber vor 11.000 Jahren die am weitesten verbreitete Pflanze Mitteleuropas war. Wer heute nach Spuren aus dieser Zeit sucht – die Klimaforscher und Geographen sprechen von der Epoche des Spätpleistozäns und Holozäns, also der Spät- und Nacheiszeit – der muß in den Boden gehen.

Als Dominik Faust, Professor an der TU Dresden und bekannt für seine interdisziplinäre Arbeitsweise, vor 12 Jahren in Tunesien ein Projekt zum Ressourcenschutz der Kreditanstalt für Wiederaufbau leitete, fiel ihm auf, daß die teilweise verheerenden Erosionsspuren nicht alle aus der jüngsten Vergangenheit stammen konnten. Bisher wurde angenommen, daß erst seit der Herrschaft der Franzosen in Nordafrika, als die traditionelle arabische Landwirtschaft durch moderne Methoden verdrängt wurde, tiefe Gräben die Landschaft durchziehen und wertvoller Ackerboden weggeschwemmt wird. Doch Professor Dominik Faust, damals noch Doktor Dominik Faust, bemerkte bei Fahrten über den Medjerda tiefe Einschnitte an Brücken und erkannte, daß alles, was seit Beginn der Nacheiszeit von den Bergen gespült worden war, im Talbecken des Medjerda liegen mußte – ein ideales Feld, um die Umweltbedingungen vom Ende der letzten Eiszeit bis heute zu rekonstruieren. Denn an den Sedimenten kann klar abgelesen werden, wann der Fluß Material ablagerte und wann er es auf seinem Weg zum Meer wieder mit sich riß. Er beantragte ein Projekt der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft DFG zur Untersuchung der Veränderungen der Landschaft am Medjerda während der letzten 15.000 Jahre, und bekam es auch bewilligt.

Und er kam zu erstaunlichen Ergebnissen: Der Klimawandel am Ende der letzten Eiszeit lief in Nordtunesien ganz anders ab als in Mitteleuropa – die Klimageschichte des Mittelmeerraums muß wohl umgeschrieben werden. Denn Pollen, Ablagerungen des Medjerda und die Hinterlassenschaften der frühen Bewohner Tunesiens offenbarten, dass sich in Nordafrika die kurzfristige Rückkehr der Eiszeit vor 11.000 Jahren während der Dryas-Zeit bei weitem weniger drastisch ausgewirkt hat als in Europa. Dagegen hat sich das von der Sahara beeinflusste Klima deutlich bemerkbar gemacht: Als vor 8200 Jahren in ganz Europa die Temperaturen drastisch absanken, konnten die Bewohner Tunesiens ihr Leben ungestört weiterführen. Dagegen führte eine Phase der verstärkten Austrocknung der Sahara vor 5000 Jahren zu einem Kollaps des ökologischen Systems im Medjerdatal, während in Europa beste Bedingungen herrschten. Auch der Einfluß des Menschen macht sich deutlich in den Profilen von Professor Faust bemerkbar: Seit der Jungsteinzeit wurde im Maghreb Landwirtschaft betrieben, in römischer Zeit war die Region sogar eine Kornkammer für das riesige Römische Reich. Heute ist die Landschaft ausgetrocknet, eine Halbwüste. Den Grund für diesen dramatischen Wandel fand Professor Faust ebenfalls in seinen Bodenprofilen: In nachrömischer Zeit traten erstmals seit der Eiszeit wieder enorme Überflutungen auf, Katastrophen, die sogar die römischen Siedlungen, 8m über dem Flußbett, in Mitleidenschaft zogen. Der Grund: Nicht angepasste Landwirtschaft, schon vor 2000 Jahren!