Im 7. Jahrhundert war einst ein Sturm aus den heißen, inneren Wüsten Arabiens über den Nahen Osten gebraust und hatte die Welt verändert. Mohammed war es damals gelungen, die Beduinenstämme der arabischen Halbinsel zu vereinigen und eine unüberwindliche Streitmacht aufzubauen, die erst in Frankreich zum Stehen gebracht werden konnte. Im 18. Jahrhundert lebte jemand auf der arabischen Halbinsel, der glaubte, er könnte dies wiederholen.

Muhammed Ibn Abdul-Wahhab hieß der Mann, der 1703 in Ayaina bei Riad im Nadschd, dem Zentrum der riesigen Wüste, geboren wurde. Er war der Sohn eines Richters und zeichnete sich dadurch aus, dass er schon als Jugendlicher den Koran auswendig beherrschte und eifrig die Hadithen studierte, die Überlieferungen über das Leben Mohammeds, seine Taten und Entscheidungen. Er unternahm als junger Mann eine Pilgerreise nach Mekka, studierte in Medina und in Basra im Südirak.

Sehr schnell merkte er, dass die Zeit, in der er lebte, sich erheblich von der goldenen Ära Mohammeds unterschied. Die arabische Welt wurde von den Türken beherrscht, der Sultan in Istanbul maß sich an, Herrscher aller Gläubigen zu sein, obwohl er nicht vom Propheten abstammte und nicht einmal Araber war, da er zu den Turkstämmen gehörte, die einst im 10. Jahrhundert aus den Steppen Asiens in die arabische Welt eingebrochen waren und erst spät den Islam angenommen hatten.

Die arabische Halbinsel war wieder in die Geschichtslosigkeit zurückgefallen. Zwar gab es hier die heiligen Stätten, Mekka und Medina im Hedschas, am Rande der Wüste, doch die einstige Gemeinschaft der Gläubigen, die Mohammed geschaffen hatte, war längst zerfallen. Die Beduinen bekämpften sich wieder gegenseitig um Wasserstellen und Weideflächen, blutige Fehden zwischen den Stämmen gehörten zum traurigen Alltag. Auch verehrten sie erneut heilige Männer, glaubten an Geister und Dämonen, an Zauberkräfte. In den Städten tanzten sich Derwische in Ekstase. In Basra lebten die Menschen weltlich, tranken sogar Alkohol, gaben sich dem Genuss hin.

All dies war Wahhab ein Gräuel. Er war der Meinung, dass nur die strenge Auslegung des Korans und der Hadithen, Arabien wieder zur Blüte führen konnte, doch mit seinen puritanischen Vorstellungen stieß er bei den genusssüchtigen Städtern in Basra auf wenig Gegenliebe. Seine Sittenstrenge stieß sie ab und so wurde er schon bald aus der Stadt vertrieben und ging zurück in seinen Heimatort, die Oasenstadt Ayaina.

Doch auch dort hörte man seine Predigten bald nicht mehr gerne, aber dann fand er einen Gönner in der Nachbarschaft in Gestalt des Emirs Muhammed Ibn Saud in Diriya, heute ein Vorort von Riad. Das harte Leben der Beduinen machte diese empfänglich für eine puritanische, einfache Auslegung des Islam. Die Vielschichtigkeit des Lebens in der Stadt hatte dort die Religion verwässert, mit Philosophie vermischt, verschiedene Denkströmungen entstehen lassen, eine gewisse Liberalität bewirkt. So etwas war Wahhab und den einfachen Leuten aus der Wüste unverständlich und ein Gräuel. Wahhab widersetzte sich allen Neuerungen, die es in den vergangenen Jahrhunderten gegeben hatte und wollte so weit zurück wie nur irgend möglich, am liebsten ins 7. Jahrhundert zur Zeit des Propheten und er ließ nur die wörtliche Auslegung der Texte zu. So glaubte der Prediger, den wahren Islam zu erkennen und wieder beleben zu können. Seine Anhänger bezeichneten sich als wahre Moslems, sie nannten sich Muwahhidun, die Bekenner der Einheit Gottes, alle anderen waren allenfalls Halbgläubige. Wahhab forderte die Beseitigung aller Heiligenkulte, ein Verbot von Alkohol und Nikotin, die strenge Trennung der Geschlechter und den Heiligen Krieg gegen alle Muslime, die vom rechten Weg abgewichen waren.

Seine Lehre vertrug sich gut mit den archaischen Sozialstrukturen der Beduinen. In den nomadischen Gesellschaften sind die Herden das wichtigste Produktionsmittel und gehören den einzelnen Haushalten, das Land und die Wasserstellen hingegen dem gesamten Stamm und sind im Prinzip für alle verfügbar. Besitztum an Land und Wasser beschränkt sich auf deren temporärer Nutzung, während das Vieh und in Saudi-Arabien die teilweise großzügigen Zelte einzelnen Familien gehören. „Die soziale Differenzierung konnte innerhalb der nomadischen Gesellschaft sehr schnell voranschreiten, ohne notwendig die Einheit ihrer Clans aufbrechen zu müssen. Denn der Reichtum einer Hirtenaristokratie beruht auf der Größe der Herden und konnte auch über lange Zeit mit dem Zyklus von gemeinschaftlicher Wanderung und Weide vereinbar bleiben. Auch die ärmsten Nomaden besaßen in der Regel ein paar eigene Tiere, so dass eine besitzlose Klasse von abhängigen Produzenten normalerweise nicht entstehen konnte, obschon die Haushalte von gewöhnlichen Nomaden den Clan Häuptlingen und Notabeln verschiedene Abgaben und Dienste schuldeten….Für wichtige Entscheidungen kamen Clanversammlungen zusammen…Die aristokratische Schicht kontrollierte gewöhnlich die Zuordnung von Weiden und die Festlegung der Wanderbewegungen.“ (Perry Anderson, Von der Antike zum Feudalismus, Frankfurt am Main, 1978, S.266 f.)

In Arabien tobten ständig erbitterte Stammeskämpfe um die wenigen Wasserstellen und Weideplätze. Bestehende Grenzen wurden nicht akzeptiert, der Stärkere vertrieb den Schwächeren. Außerhalb eines Stammes konnte niemand leben, nur dieser bot Schutz. Eine zahlenmäßig reiche männliche Nachkommenschaft war erwünscht, jeder Stamm brauchte viele Krieger, denn der Blutzoll war gewaltig. Polygamie war üblich, denn die vielen Witwen und Waisen mussten ernährt und versorgt werden.

Der Stammesführer Muhammed Ibn Saud von Diriya, zu dem Wahhab geflüchtet war, entdeckte bald den Wert dieses Predigers. 1745 schließen beide eine Allianz, das Oberhaupt der Sippe Saud verbündete sich mit Wahhab. Der Emir garantierte ihm Schutz und versprach, für den wahren Glauben zu kämpfen.

Wahhab verstand es, die kriegerischen Männer für seine Auslegung des Islam zu begeistern. Waren sie nicht die auserwählten Gotteskrieger, zwar arm und oft verachtet, besaßen aber nicht nur sie den wahren Glauben? Nur sie hatten den Weg zu Allah gefunden. Die Halbgläubigen in den Städten genossen den Luxus, aber Gott hatten sie verraten. Gegen diese Leute sollte, ja gegen sie musste man in den Krieg ziehen. Bald kamen auch junge Männer von anderen Stämmen zu Wahhab, Abenteuerlustige, Männer, die unzufrieden waren mit ihren Scheichs und den Strukturen, die ihr Weiterkommen hinderten. Wahhab wollte eine neue Gemeinschaft gründen, jenseits der Stammeszugehörigkeit, so wie einst Mohammed. Es war nicht verwunderlich, dass seine Predigten die Unzufriedenen anlockten. Und noch etwas war attraktiv. Die Lehre Wahhabs konnte man auch als Aufruf zum Beute machen interpretieren. Die Beduinen waren berüchtigte Räuber. Nomadische Gesellschaften waren in ihren weitgehend unfruchtbaren Heimatländern meistens hungrig und arm. Selten begnügten sie sich mit ihren eigenen Erzeugnissen und tauschten gewöhnlich in einem armseligen Handelssystem Produkte aus, aber sie besaßen einen ausgeprägten Sinn für Reichtum an Geld und Warenzirkulation.

Die Nomaden sind gewöhnlich gute Reiter und Kämpfer. Wenn es jemandem gelingt, die zerstrittenen Stämme zu einigen, entstehen Stammeskonföderationen, die aus dem Nichts auftauchen und mit rasender Geschwindigkeit riesige Reiche entstehen lassen, die aber meistens nach kurzer Zeit wieder zerfallen. Würden es Wahhab und Saud schaffen, die arabischen Stämme zu einigen, um den gigantischen Eroberungsfeldzug von Mohammed und den Kalifen zu wiederholen? Fast schien es so. Aber Geschichte wiederholt sich nicht so einfach. Aber zunächst einmal bewährte sich die Allianz zwischen Wahhab und den Saudis.

Der Herrscher von Riad, dem Nachbarn der Saudis, wurde besiegt und seine Residenz zur neuen Hauptstadt des entstehenden Reiches gemacht. Der Sohn von Ibn Saud, Abdul-Aziz, erwies sich als geschickter Heerführer. Die Stämme im Nadschd wurden besiegt, zum Wahhabismus bekehrt und ihre Führer in das Herrschaftssystem integriert. Der Staat brauchte zusätzliche treue Bürger, fähige Soldaten, um noch mehr Beute zu machen und für die Verbreitung des Glaubens zu kämpfen. Dann unterwarfen die Reiter des Herrschers die Insel Bahrain und das Land Oman im Süden der Halbinsel. Das erste Reich der Saudis erstreckte sich von Kerbela im Irak bis hin zum Persischen Golf. Dann gelang sogar die Eroberung von Mekka und Medina. Wieder war aus dem Nichts ein neues Reich entstanden. Doch über Arabien hinaus werden sie diesmal nicht gelangen. Im Norden stellten sich ihnen mächtige Gegner in den Weg. Während im 7. Jahrhundert die Araber die Großmächte Byzanz und Persien überrannten und sich somit den Weg zum Mittelmeer und nach Asien freikämpften, wurden sie diesmal von ihren eigenen Glaubensgenossen, den Türken und den Ägyptern, gestoppt.

Die Wahhabiten machten sich nicht sonderlich beliebt. Mit großer Brutalität gingen sie gegen die Halbgläubigen vor, massakrierten 1802 Teile der schiitischen Bevölkerung in Kerbela und zerstörten deren Heiligtümer. Schiiten waren in ihren Augen schlimme Abweichler von der wahren Lehre und sie vertreten diese Ansicht bis heute. 1805 eroberten sie zum zweiten Mal, nachdem sie kurzfristig vertrieben worden waren, die heiligen Städte Mekka und Medina, plünderten sie aus, töteten viele Bewohner und verweigerten anderen Moslems den Zutritt. 1811 begann schließlich der Herrscher von Ägypten einen Feldzug gegen die Saudis, lieferte sich mit ihnen zahlreiche Schlachten und konnte sie 1818 schließlich besiegen. Damit war der erste Anlauf der Saudis um die Herrschaft der Halbinsel zunächst gescheitert, Wahhab selbst mittlerweile 1792 gestorben.

Diese misslungene Neugründung eines Reiches von Nomaden zeigt, dass die Zeit vorbei war, dass einzelne Stämme aus der Steppe oder der Wüste Weltreiche in nur wenigen Jahren gründen konnten. Persönliche Tapferkeit, ein guter Reiter zu sein, das reichte nicht mehr aus. Die Menschen in den Städten besaßen nun Feuerwaffen, Gewehre und Kanonen, und dagegen konnten die kleinen Nomadenheere nichts ausrichten.

Schon kurz nach dem Scheitern des ersten Anlaufs erholte sich der Saudi Clan überraschend schnell. Schon ab 1824 herrschten sie wieder über den Nadschd, doch Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu Thronwirren und langanhaltenden Machtkämpfe. In Riad zog eine feindliche Sippe ein, die Raschids, die von den Türken unterstützt wurden.

Doch dann wendete sich das Blatt wieder, als die Saudis einen genialen Führer bekamen, Abdul-Asis Ibn Saud (1880-1953), der bedeutendste und bis heute verehrte Herrscher des Saudi Clans. Von Kuwait aus zog er 1901 mit 40 Männern gegen die Raschids in den Krieg, doch zunächst ohne nennenswerten Erfolg. Er lebte von Plünderungen und Überfällen. Das wirkte auf viele junge Leute der verschiedensten Stämme interessant und anziehend. Bald hatte er über 400 Krieger auf seiner Seite. Mit ihnen gelang ihm die Eroberung von Riad. Formal unterwarf er sich der türkischen Herrschaft, war aber de facto unabhängig.

Ibn Saud plante eine Revolution auf der arabischen Halbinsel. Die verstreut lebenden Beduinen sollten sich in sesshafte Bauern verwandeln. Sie waren so leichter zu kontrollieren, waren bereit, ihr Stück Land verbissen zu verteidigen, während Nomaden sich in die Weite der Wüste vor dem Feind zurückziehen. Bauern sind disziplinierter als Beduinen. Der Wahhabismus war auch hier geeignet, diese Gesellschaftsreform ideologisch abzufedern.

An Wasserstellen wurden Moscheen und Lehmhäuser gebaut, die Ansiedelungen wurden als ein gottgefälliges Werk deklariert. In den neuen Dörfern galten strikt die Regeln des Propheten, so wie sie von Wahhab ausgelegt worden waren. Die geistliche Autorität überwachte die Menschen und prüfte deren Lebenswandel.

„Drei Klassen der Menschen unterscheidet die saudi-arabische Gesellschaft der Frühzeit des Staates: 1. Männer, die immer bereit sein müssen, für den Islam in den Krieg zu ziehen, sie bewahren Kamele, Waffen und Munition in ihren Dörfern auf 2. Männer, die weniger gut zu entbehren sind in den landwirtschaftlichen Betrieben. 3. Männer, die bis zur Stunde der äußersten Gefahr für Feld, Hammel und Kamele zu sorgen haben. Dem Saudiherrscher schwebt eine soldatisch-bäuerliche Gesellschaft vor.“ (Gerhard Konzelmann, Die Araber, Frankfurt am Main,1976, Seite 81)

Formal unterstand Ibn Saud dem türkischen Sultan, doch in Wirklichkeit war er praktisch unabhängig. Die Osmanen hatten sich auch früher nie in die Wüste hineingetraut und begnügten sich mit den Loyalitätserklärungen von den Scheichs. So war nach Jahrhunderten zum ersten Mal wieder ein unabhängiger arabischer Staat entstanden, auch wenn es sich nur um ein armseliges Gebilde in der Wüste handelte, ein Meer aus Sand mit einigen wenigen grünen Inseln, den Oasen.

Ibn Saud träumte von einer Neuauflage des Reiches der Kalifen, von der Einheit aller Araber unter seiner Herrschaft, aber daran war nicht zu denken. Er beherrschte nur den Nadschd, das heiße, öde Zentrum der Halbinsel. Der Westen, der Hedschas mit den heiligen Städten Mekka und Medina, unterstand weiterhin den Türken. Im Osten und Süden saßen die Briten, sie kontrollierten Kuwait, die Golfemirate, die Insel Bahrain, Oman und den südlichen Jemen mit der Hafenstadt Aden. Die Gotteskrieger warteten vergeblich auf den Einsatz zum Heiligen Krieg. Ibn Saud war Realist, er akzeptierte die Gegebenheiten und schloss sich mit den Briten zusammen.

Im Ersten Weltkrieg stand er auf deren Seite. Er unterstützte die Engländer im Kampf gegen die Osmanen, doch dies zahlte sich für ihn nicht aus. Vergeblich hoffte er auf Zugewinne im Norden. Briten und Franzosen teilten die Überreste des türkischen Imperiums unter sich auf. England erhielt Palästina, Jordanien und den Irak, Frankreich Syrien und den Libanon, die Saudis gingen leer aus. Nicht einmal den Hedschas bekamen sie, dort regierte weiterhin ein ehemaliger Statthalter der Türken, Hussein Ibn Ali aus der Familie der Haschemiten, der sich bescheiden König der arabischen Länder nannte und sich nach dem Sturz des Sultans von Istanbul selbst zum Kalifen und Beherrscher aller Gläubigen erhob. Zwar gehörte er zur Haschemitenfamlie, die vom Propheten abstammt und deren Nachkommen noch heute Jordanien regieren und bis 1958 auch den Irak, aber seine Anmaßungen waren Blasphemie. Ibn Saud griff ihn 1924 an, eroberte die Stadt Taif und massakrierte 300 Bewohner. Der Schock saß tief, Mekka und Medina konnten kampflos eingenommen werden. Die eroberte Region hatte vorübergehend einen Autonomiestatus, dann wurde sie dem Königreich eingegliedert. 1933 ließ sich Ibn Saud zum König von Saudi-Arabien ausrufen.

Geldmangel war das Hauptproblem des neuen Staates. Natürlich gab es den Wahhabismus, aber nur durch die Religion ließ sich der Staat nicht aufrechterhalten. Die Zustimmung der Untertanen zu der Königsfamilie musste erkauft werden, sonst hätten konkurrierende Familienclans an die Macht kommen können, deren Loyalität kostete aber Geld. Die neuen Untertanen im Hedschas waren außerdem auch ein Problem. Die Bewohner der Hafenstadt Jidda waren lebenslustig und weltaufgeschlossen, nach Mekka und Medina kamen viele Pilger mit unterschiedlichsten Vorstellungen über die Auslegung des Islam. Längst nicht alle Bewohner waren bereit, den strengen Vorschriften des Wahhab zu folgen. Ein Rauchverbot ließ sich beispielsweise nicht durchsetzen, vor allem auch, weil die Tabaksteuer lange Zeit eine der wichtigsten Einnahmequellen des Staates war.

Noch ahnte niemand etwas von den ungeheuren Schätzen unter dem Wüstensand. Englische und amerikanische Firmen unternahmen Probebohrungen ohne erfolgversprechende Ergebnisse. Aber dann, endlich, nach dem Zweiten Weltkrieg, entdeckten die Geologen die größten Erdölvorkommen der Welt. Eines der ärmsten Länder der Erde wurde in kürzester Zeit zu einem der reichsten Länder der Welt. Es war wie in einem Märchen aus tausendundeiner Nacht. Die riesigen Summen, die ins Land flossen, verschafften der Königsfamilie einen ganz neuen, finanziellen Spielraum. Die Zeit der Armut war vorbei. Als Ibn Saud 1953 starb, hatte sich sein Land schon erheblich verändert, so sehr, wie nie zuvor in der jahrtausendealten Geschichte dieser Region.

Nach dem Tod von Ibn Saud hat die Familie keine großen Politiker mehr hervorgebracht. Sein Sohn wurde schon nach wenigen Jahren wegen Unfähigkeit entmachtet, auch wenn er formal weiter König blieb. Auch den späteren Herrschern ging es primär nur noch um Besitzstandswahrung.

Saudi-Arabien hatte das große Glück, das Ende des 19. Jahrhunderts die fortgeschrittene industrielle Entwicklung in Europa einen neuen Kraftstoff benötigte. Das bislang wertlose Erdöl wurde plötzlich kostbar wie Gold und solange es keinen vollwertigen Ersatz hierfür gibt, wird es auch so bleiben. Anders als im benachbarten Iran, wo der Schah und seine Gruppe alle Reichtümer ihres Landes für sich beanspruchten und die Untertanen leer ausgingen, gehörte es in Arabien zur Tradition und auch zur Pflicht der Emire, sich um das Wohl ihrer ärmeren Stammesgenossen zu kümmern und dafür zu sorgen, dass es ihnen nicht zu schlecht erging. So sorgten gerade die archaischen Gesellschaftsstrukturen dafür, dass dem Land eine soziale Explosion bisher erspart blieb. Subventionierung der Untertanen und der Wahhabismus, der den Menschen das Gefühl gibt, sie seien bessere Moslems als die anderen, haben Saudi-Arabien eine bislang bemerkenswerte Stabilität verschafft.

Abschließend lässt sich sagen: Der Wahhabismus, so abstoßend er auf viele Beobachter im Westen, aber auch auf viele Moslems, wirken mag, erwies sich als gelungene Integrationsideologie, um den Partikularismus der Stämme zu überwinden und die verstreut lebenden Beduinen in einem Staat zusammenzuschweißen. Er verschaffte den bislang eher verachteten Wüstenbewohnern ein neues Selbstbewusstsein, indem er ihnen vermittelte, sie seien etwas ganz besonderes, nur sie hätten den Weg zu Allah gefunden.

Doch sein rigider Antimodernismus und die strikte Anwendung des Korans auf alle Lebensgebiete, erschwert sein Dasein in der heutigen Welt. Es ist nicht einfach, heutzutage nach den Lehren des puritanischen Predigers aus dem 18. Jahrhundert zu leben. Seine sittenstrengen Lehren werden auch von der Oberschicht nur schwerlich befolgt und außerdem ist ein luxuriöses Leben mit den Vorstellungen dieses Rufers in der Wüste nur schwer zu vereinbaren. Saudi-Arabien schottet sich, ähnlich wie früher die Ostblockstaaten, teilweise von der Ideen-und Lebenswelt des Westens ab, um die Reinheit der Lehre nicht zu gefährden. Manche technischen Innovationen, so wie früher zum Beispiel das Fernsehen, lassen sich gegen Dogmatiker manchmal nur mit der Polizei durchsetzen. Es ist die Frage, wie lange Saudi-Arabien mit diesen Widersprüchen leben kann.