Peleset und Danuna

peleset

Im Unterschied zu den Schardana tauchen die Peleset erst in den ägyptischen Inschriften auf, als sie z.Zt. von Ramses III. im Verbund mit anderen Seevölkern Ägypten angriffen. Sie gehörten sowohl zur Land- wie auch zur Seestreitmacht der Seevölker. Mit ihnen können allerdings auch schon einige Söldner identifiziert werden, die unter Ramses III. zusammen mit Schardana und Danuna als ägyptische Söldner gegen die Libyer kämpften. Aus der Darstellung in Medinet Habu tragen die Peleset wie auch die Danuna Rundschilde mit metallenen Schmuck- oder Verstärkungsscheiben auf der Außenseite, lange Schwerter (die quer auf dem Rücken getragen werden) und lange Speere oder Lanzen, dazu die berühmten „Federkronen“-Helme, die in einigen Fällen nicht nur den Kopf, sondern auch Wangen und Nacken schützen. Solche Helme bestanden wohl aus Ringen aus Leder oder Metall, in die Strohbüschel oder auch echte Federn gesteckt wurden. Sie sind bis Sardinien nachgewiesen, hauptsächlich jedoch während der Bronzezeit und der frühen Eisenzeit im Bereich des Nahen Ostens und des östlichen Mittelmeers.

Außerdem werden sie in Medinet Habu gezeigt, wie die Peleset (im Kampf gegen Schardana-Söldner des Pharaos!) auf Streitwagen nahöstlicher Bauart kämpfen. Das Interessante an dieser Darstellung ist, dass die Peleset nach mykenischer Art mit Speer und Schwert bewaffnet kämpfen und nicht nach nahöstlicher Art mit Pfeil und Bogen. Offenbar haben die Peleset die mykenische Kampfweise mit den nahöstlichen Streitwagen verbunden, was voraussetzt, dass sie eines von beiden schon vorher kannten und dann lange genug im Bereich der anderen Kampfweise lebten, um beides kombinieren zu können.

Auf einer vereinzelten Darstellung in Medinet Habu erkennen wir jedoch auch einen namentlich als solchen bezeichneten gefangenen Peleset, der NICHT den typischen Federhelm trägt, sondern nur eine den Oberkopf bedeckende Kappe. Es waren also wohl unterschiedliche Kopfbedeckungen bei den Peleset üblich, wenn man nicht davon ausgeht, die Kappe des gefangenen Peleset sei etwa eine Art Unterlage für den Federhelm, der in diesem Fall abgenommen worden ist.

Die Rüstungen, die die Peleset auf den Darstellungen von Medinet Habu tragen, erinnern zum Teil an kretische und ägäische Bronzerüstungen, zum Teil aber auch an die Lamellenrüstungen der Schardana.

Auch die Schiffe der Peleset wie auch der übrigen Seevölker haben große Ähnlichkeit mit ägäisch-mykenischen Schiffen, auch wenn die Ruder, die diese Schiffe zweifellos hatten, nicht gezeigt werden. Sie waren wohl aufgrund der Schlachtsituation im Schiffsinneren untergebracht. Wenn die Peleset sowie die anderen seefahrenden Seevölker daher nicht gleich als mykenische Griechen identifizert werden müssen, dann doch zumindest als Völker, die aus dem Einflussbereich der mykenischen Kultur stammen müssten oder sich mindestens beim Durchzug durch die Ägäis so viel Zeit gelassen haben müssen, dass sie die Schiffsbautechniken der Mykener übernehmen konnten.

Schon Champollion identifizierte die Peleset als die biblischen Philister, die in den fünf Städten Aschdod, Askalon, Gaza, Ekron und Ghat siedelten. Diese Städte waren alle vor dem Seevölkersturm unter ägyptischer Kontrolle, die Peleset wurden also wohl dort mit der (mehr oder weniger erzwungenen) Erlaubnis der Ägypter angesiedelt. Außerdem schreibt Ramses III. explizit, er habe die Peleset „in seinen Festungen“ angesiedelt.

Die Philister beherrschten dank ihrer militärischen Überlegenheit und ihrem regionalen Eisenmonopol über die eingesessene Bevölkerung auch das Hinterland ihrer „Pentapolis“ (wohl in Absprache mit dem Pharao, der sie als seine „Vasallen“ bezeichnete) und lieferten so den Hintergrund zu den in der Bibel überlieferten Geschichten über Kampf, aber auch Zusammenarbeit zwischen dieser eingesessenen Bevölkerung, die sich aus mow nomadischen Hebräern und städtisch siedelnden Kanaanitern zusammen setzte.

Wer waren nun Peleset und Danuna? Die Peleset sind recht zuverlässig mit den Philistern identifizert, wie oben schon erwähnt. Die Danuna könnten mit den homerischen „Danaern“ zusammenhängen. Wo aber kamen diese Völker her?

Homer erwähnt verschiedene Male die „Pelasger“. Sie sollen sowohl in Thrakien wie auch auf Kreta und den ägäischen Inselns gewohnt haben. Weiterhin gibt die Bibel die Auskunft, die Philister seien von Kreta gekommen, wobei für die Zeit Salomos (laut Bibel die Zeit zwischen 1000 und 900 v.Chr., also die Jahrhunderte unmittelbar nach dem Seevölkersturm) davon gesprochen wird, dass Söldner aus „Kreti und Pleti“ in der königlichen Leibwache dienten. Kreter und Peleter müssten also zwar beide von Kreta gekommen sein, aber doch noch unterschiedlichen Charakter gehabt haben. Die Dorer, die in historischer Zeit Teile Kretas bewohnten, kamen aber erst ab ca. 1000 v.Chr. auf die Insel und fallen als etwaige Vorfahren der Peleset weg. Dennoch belegt die große Ähnlichkeit der Keramik der Philister mit der Keramik, die auf Kreta und in der Ägäis bis nach Troja in der Späthelladisch-IIIC genannten Zeitstufe verbreitet ist (also um 1190, genau in der Zeit, in der der Seevölkersturm stattfand, bis etwa 1030 v.Chr.), dass die Philister tatsächlich vor ihrem Eintreffen in Palästina im Bereich der griechisch-kretischen Kultur gelebt haben müssen.

Das müsste allerdings schon um 1700 v.Chr., also lange vor dem Seevölkersturm, der Fall gewesen sein, denn auf dem sog. Phaistos-Disk ist ein Schriftzeichen, das einen Federhelm darstellt. Den minoischen Kretern war also diese Art von Helm schon bekannt. Auch ist auf Kreta eine Staue ausgegraben worden, die aus dem 13. bis 12.Jh.v.Chr. stammt und ebenfalls eine Federkrone trägt. Von Malta ist eine Puppe ägyptischer Herkunft bekannt, die eine Federkrone trägt, aufgrund der Gesichtsgestaltung jedoch eher als Karikatur angesprochen wird denn als naturalistische Darstellung.

Eine andere kretische Helmart ist belegt durch einen Fund, der auf etwa 1200 v.Chr. datiert wird, also mitten in die Seevölkerzeit fällt. Dieser Helm ist aus metallenen Bändern aufgebaut, die übereinander und im Wechsel mit Ornamentbändern angeordnet sind und so einen zylinderähnlichen Helm ergeben, der an eine Tiara erinnert – und an Darstellungen von Seevölkerhelmen aus Medinet Habu.

Einen weiteren Hinweis auf eine Herkunft der Philister aus dem Ägäisraum oder auch aus Anatolien liefern Särge der Philister, die in Palästina ausgegraben worden sind. Diese Särge sind so gestaltet, dass sie an menschliche Figuren erinnern. Sie tragen Gesichter mit Federkronen auf der Außenseite. Die Gestaltung der Gesichter erinnert an die sog. „Maske des Agamemnon“, die Schliemann in Mykene ausgrub.

Die Philister lebten also sehr wahrscheinlich seit der mykenischen Zeit im griechischen Bereich. Wenn sie nicht hier als Volk entstanden sind, müssen sie mindestens lange Zeit hier verbracht haben und sich von den mykenischen Griechen kulturell einiges abgeschaut haben. Sie gelangten dann irgendwie nach Anatolien und von dort im Gefolge der restlichen Seevölker bis Ägypten, wo sie von den Ägyptern schließlich angesiedelt wurden.

Bei den Danuna, deren Name mitunter auch als „Denyen“ gelesen wird, sind wir auf noch viel mehr Spekulationen angewiesen als bei den Peleset. Sie könnten wie gesagt mit den homerischen „Danaern“ gleich gesetzt werden. Aus ägyptischen Inschriften und aus den Amarna-Briefen sind uns die „Danunäer“ überliefert, wahrscheinlich sind Denyen, Danaer und Danunäer drei Bezeichnungen für das gleiche Volk. Nach der ägyptischen Darstellung gibt es in Griechenland eine Landschaft namens „Danaja“, zu der Mukana (Mykene), Deqis (Theben), Mi?ana (Messenenien), Nuplija (Nauplion), Kutira (Kythera) und Weleja (Elis) gehören sowie wahrscheinlich auch der Ort Amukla (Amyklai), der aber später aus unbekannten Gründen wieder aus der ägyptischen Liste gestrichen wurde. Dazu würde passen, dass die Griechen die Danaer von einem mythischen Stammvater „Danaos“ ableiten, der Herrscher über die Argolis im Nordosten der Peloponnes gewesen sei. Gleichzeitig wäre dann Danaos im Zentrum der Landschaft gesessen, die von den Ägyptern als „Danaja“ bezeichnet wurde und die von Theben im Norden bis zur Insel Kythera südlich der Peloponnes reichte.

Dagegen sprechen nun aber ausgerechnet ägyptische Quellen, die berühmten Amarna-Briefe aus der Zeit Echnatons, die schon im 14.Jh.v.Chr. ein Volk mit dem akkadischen Namen „Danuna“ im Süden von Anatolien in der Ebene von Adana verorten. Der König des nordsyrischen Stadtstaates Ja´udi erwähnt um 800 v.Chr., dass ein „Danunäer-König“ als Großkönig über die ganze Region geherrscht habe, wobei sein Land noch zur Zeit seines Vaters anderen Herrschern unterstanden hätte. Im 14.Jh. v.Chr. war die Region zum hethitischen Reich gehörig, allerdings „nur“ in der Form eines Vasallenkönigreichs (Kizzuwatna). Der König von Ja´udi war dann dem König von Que (dem Nachfolgestaat von Kizzuwatna!) unterworfen, dessen Hauptstadt das spätere Adana war, der also wohl als „Danunäer-König“ angesprochen war.

Von Kizzuwatna aus nun startete der Untergang des hethitischen Großreichs, denn hier herrschte ein Onkel des vorletzten Hethiterkönigs, der seinen Neffen vom Thron stürzte und selbst die Herrschaft übernahm. In diese Thronstreitigkeiten hinein platzten die Seevölker und brachten dem geschwächten Großreich den Untergang.

Das passt aber nicht zu der Nachricht, dass „Danuna“ zu den Seevölkern gehört hatten, außer, man geht davon aus, dass anatolische Danuna und griechische Danajer von Ramses III. gleichgesetzt wurden. Möglich auch, dass griechische Danajer zu den Seevölkern gehört hatten, die die hethitisch-ugaritische Flotte vor Zypern schlugen und dass sich nach dem Untergang der Hethiter wie auch Ugarits anatolische Danuna den Seevölkern anschlossen, und dass dann aufgrund der Namensähnlichkeit beide Völker von den Ägyptern nicht mehr unterschieden wurden. Gegen diese Alternative wiederum spricht, dass die Danuna in Medinet Habu einheitlich dargestellt werden, was bei der Herkunft eines Teils der Danuna aus Griechenland und eines anderen Teils aus Anatolien wohl schwer möglich gewesen wäre.