lynxx-Blog

Medien, Naher Osten, Türkei, Osmanisches Reich, Islam, Orientalistik

Der Inhaber des lynxx-Blogs hat freundlicherweise Inhalte seines Blogs Geschichte-Wissen zur Verfügung gestellt. Wir danken an dieser Stelle für diese großzügige Hilfe sehr und wünschen dem geneigten Leser bei der Lektüre viel Freude.


Die Kreuzzüge im Schnelldurchgang

Ich habe hier im Blog schon an einigen Stellen das Thema Kreuzzüge thematisiert. So zum Beispiel in der Ausarbeitung über „Heilige Kriege und Dschihad“ hier und hier.
Ebenso hatte ich auf eine zumindest Ende des 80er Jahre sehr guten 13-teiligen Dokumentation über die Kreuzzüge hingewiesen.

Heute möchte ich hingegen in wenigen Worten einen kurzen Überblick geben, was man sich unter den Kreuzzügen vorzustellen hat. Weniger ereignisgeschichtlich, mehr der Frage nachgehend, welche Rahmenbedingungen ermöglichten diese Kreuzzüge, ist der Begriff „Kreuzzug“ treffend, wie sieht es mit den Quellen aus, woher wissen wir also, was wir wissen, und so weiter.

3. Kreuzzug mit Friedrich Barbarossa,
Darstellung aus dem 15. Jh.
  • verglichen mit den beiden Krisenerfahrungen für die islamische Welt durch die sogenannte „Reconquista“ im Westen und den Eroberungen durch die Mongolen im Osten übten die Kreuzzüge einen eher geringeren Einfluss auf den Nahen Osten aus, einfach, weil die Kreuzzüge nicht dauerhafter Natur waren.
  • wissenschaftlich gesehen ist der Begriff „Kreuzzüge“ nicht klar. Oft wird der Begriff in folgender Definition gebraucht: „Ein Kreuzzug ist ein kriegerisches Unternehmen im Namen der Religion, bzw. im Namen der Kirche, von Christen gegen Nichtchristen mit dem Ziel, das „Heilige Land“ zu erobern, oder je nach Sichtweise zurückzuerobern.“
  • diese Definition hat historisch gesehen drei Probleme:
    • 1. Ist der Begriff „Kreuzzug“ für das Unternehmen, der mit diesem Begriff beschrieben werden soll, ahistorisch. Die Leute, die bei diesen kriegerischen Unternehmungen teilgenommen haben, haben nicht gesagt: „Ich gehe auf Kreuzzug.“, sondern sie sagten: „Ich mache eine Pilgerfahrt.“ Also wird dieser Begriff ahistorisch verwendet.
    • 2. In der Geschichte wurden diese Unternehmungen nicht nur gegen Nichtchristen geführt, sondern auch gegen Christen, die man dann bei diesen Unternehmungen als „Ketzer“ bezeichnet hat.
    • 3. Gab es Kreuzzüge, die nicht das Ziel hatten, das „Heilige Land“ zu erobern. (z.B. Kreuzzüge gegen die Wenden an der Elbe oder die Katharer in Frankreich.
  • Hintergrund für die Kreuzzugs-Bewegung ist wie folgt ganz knapp zusammenzufassen:
    • Cluniazensische Klosterreform
    • Pilgerfahrt/Bußbewegung
    • Katholische Kirche als realpolitischer Machtfaktor
    • Neues kirchliches Verhältnis zur Gewalt

  • im 10. und 11. Jh. stellt sich folgende Situation in katholischen Europa dar:
    • in Südfrankreich kollabierte die königliche Macht, die bis dahin für Sicherheit sorgte
    • im 11. setzte sich die Meinung in der Kirche durch, dass die Kirche durchaus auch weltliche Macht haben müsse, und dass sie in der Lage sein müsse, diese Machtansprüche gegen andere Machthaber durchzusetzen und zu verteidigen, und deshalb musste die Kirche ihr Verhältnis zur Gewalt ändern
    • bis dahin war das Kriegshandwerk von der Kirche als Sünde gesehen worden, ein legitimer Krieg durfte nur dem Zwecke der Verteidigung dienen oder dem Zurückholen von Geraubtem, aber selbst in diesem legitimen Rahmen beging ein Christ eine Sünde, wenn er tötete. Diese theologische Sicht hat sich im 11. Jh. geändert. Das Kriegshandwerk wurde nun legitimiert durch bestimmte Rituale, die Männer, die das Kriegshandwerk nun im Rahmen der Kirche ausführten, erfuhren durch sie ihre Autorisierung, Kanalisierung und Legitimierung. Die Kirche beanspruchte auch diese Autorisierungshoheit für das Kriegshandwerk.
    • im Europa des 10.-11. Jh. konnte man kaum noch für „hehre“ Ziele kämpfen und Kriege führen, die dortigen Kriege waren fast alle letztlich dem Motiv des Raubs geschuldet, denn in fast allen Regionen mussten Christen gegen Christen kämpfen.
    • Nun kommen christliche innerkirchliche Reformbewegungen ins Spiel: Eine wichtige ist die sog. „Cluniazensische Klosterreform“. Diese Entwicklungen sahen den Zustand des Christentums als Ganzes als „verderbt“ an, als zu „diesseitsbezogen“ und wollte dagegen mit folgenden Zielen vorgehen: Eine größere Durchdringung des Gesellschaft durch christliche Lebensvorstellungen zu erreichen und eine erneute Ausrichtung der Kirche und der Hierarchie der Kirche nach christlichen Idealen. Diese Kritik an der Gesellschaft richtete sich auch an die Kirchenführung.
    • Ein Ausdruck dieser geistigen Entwicklung war die Pilgerbewegung. Die Pilgerströme sind in dieser Zeit angewachsen, zum einen innerhalb Europas, z.B. nach Santiago de Compostela, zum einen aus Europa raus, z.B. nach Palästina. Pilgerfahrten waren Bußhandlungen, also dienten vorrangig der Reinigung.
    • Im 11.-12. griff also der Gedanke immer weitere Kreise, dass die Gesellschaft „verderbt“ sei, und man sich individuell reinigen müsse. Zum Ausdruck dieser Verderbheit gehörte weiterhin die Ausübung von Gewalt.
  • Papst Urban II. nahm Bitten orientalischer Christen (um Söldner beim Kampf gegen die Seldschuken) zum Aufhänger 1095 in Clermont-Ferrand zum 1. Kreuzzug aufzurufen. (Der Pilgerstrom war zu diesen Zeiten durch die Seldschuken nicht unterbrochen). Der entscheidende „Schachzug“ dabei war, dass der Papst zur Pilgerfahrt aufrief.
  • Nun bricht ein Mensch mit seiner bisherigen üblichen sozialen Rolle in der Gesellschaft, in dem Moment, wo er den zeitlich begrenzten Status eines Pilgers übernimmt, der ein ritueller Status ist. Er lässt also für diese Zeit seinen bisherigen Beruf zurück. Dies bedeutete auch für Kriegshandwerker, dass sie bislang während der Pilgerfahrt ihr Büßergewand überstreiften, und ihren Beruf dabei hinter sich ließen.
  • Nun hat der Papst eine Neuerung eingeführt: Nun konnten Kriegshandwerker durch Autorisierung der Kirche ihre vorherige Rolle als Kriegshandwerker bei der Pilgerfahrt beibehalten und gleichzeitig Buße tun. Das Ergebnis dieser Neuerung war, dass sich gleich mehrere Heere aufmachten, von Frankreich aber auch aus Deutschland aus, um in den Nahen Osten zu marschieren.
  • In der Literatur wird dieser Vorgang immer mit dem Begriff „Die Bewaffnung der Pilgerfahrt“ umschrieben.
  • Da dieser ganze Vorgang erst ein recht unorganisiertes Unterfangen war, kam es nicht selten unter den sich aufmachenden Gruppierungen immer wieder zu Problemen, nicht zuletzt durch unterschiedliche Machtinteressen.
  • Während ihrer Fahrt durchs Mittelmeer und ihrem Marsch durch Anatolien stand der Pilgerzug mehrere Male kurz vor seinem Scheitern, z.B. aus militärischen Gründen. Trotz großer Mühen erreichten und eroberten dann letztlich die Katholiken Jerusalem. Die Teilnehmer des 1. Kreuzzuges hatten eigentlich keine militärisch rationale Erklärung dafür. Daher sahen sie ihren erfolgreich erobernden Pilgerzug nach Palästina nun dahingehend, dass er tatsächlich auf göttlichen Willen erfolgte. Bisher vermuteten oder glaubten sie es lediglich nur, doch nun hatten sie quasi in ihren Augen einen „Beweis“.
  • Dieser Aspekt ist deshalb so wichtig, weil die christlichen Quellen zum ersten Kreuzzug fast alle nach dem Kreuzzug verfasst wurden. Diese Quellen wurden also alle von einer bestimmten Geschichtsinterpretation geprägt, die da lautete: „Man habe den Willen Gottes erfüllt.“
  • Dieses ist deshalb widerum wichtig zu beachten, weil man beim Lesen der Quellen immer bedenken muss, dass diese Quellen bestimmte Zwecke erfüllen sollten: 1. Man wollte die Öffentlichkeit im Okzident davon überzeugen, dass es tatsächlich „Gottes Wille“ war und 2. mit eben diesem „Argument“ dafür werben wollte, ebenfalls nun als Kriegshandwerker nach Palästina eine bewaffnete Pilgerfahrt anzutreten. Denn es war den Autoren und ihren Auftraggebern klar, dass man neue Kämpfer aus Europa brauchte, um die neuen Staaten in Palästina halten und konsolidieren zu können. Um diese propagandistische, diese werbende Wirkung zu verstärken, benutzte man biblische Bilder. Dass heisst, dass man beim Lesen mancher Quellen daran denken muss, dass keineswegs eine relativ „nüchterne“ und detaillierte Darstellung der tatsächlichen Ereignisse beabsichtigt war, sondern es darum ging, eine bestimmte Interpretation der Ereignisse plausibel zu machen und für neue Kreuzzüge zu werben.
  • Einer der Gründe, warum sich die Kreuzfahrerstaaten so relativ leicht gründen ließen, ist darin zu finden, dass in dieser Zeit die Levante in mehrere muslimische Kleinstaaten aufgeteilt war, die latent auch immer miteinander im Krieg lagen. Ähnliches konnte man dann auch zu den 4 Kreuzfahrerstaaten sagen, also sie lebten nicht immer im Frieden zueinander, sondern bekriegten sich ebenfalls. Daher wurden diese Kreuzfahrerstaaten im 11./12. Jh. auch relativ einfach in das politische Machtgefüge des Nahen Ostens integriert. Dass heißt, in der Folgezeit schlossen muslimische und christliche Herrscher Bündnisse gegen muslimische oder eben gegen christliche Gegner – jeweils gegen die eigene Religion, oder mit der fremden Religion. Die Bündnisse folgten also nicht unbedingt religiösen „Fronten“, sondern entlang pragmatisch machtpolitischen Interesse, sowohl auf muslimischer, wie auch auf christlicher Seite.
  • diese weniger am Glauben, denn am Pragmatismus ausgerichtete Bündnispolitik zwischen Muslimen und Christen änderte sich im Verlaufe der Zeit, besonders mit Auftreten der musl. Dynastien der Zengiden und Ayyubiden.
  • Die Zengiden gingen aus den sog. Atabegs hervor. Atabegs sind sog. Prinzenerzieher, bzw. Vormünder von Prinzen, ein türkischer Adelstitel, der mit den türk. Seldschuken im Nahen Osten Verbreitung fand. Im Seldschukenreich gab es immer mehrere Prinzen, die potentielle Thronerben sein konnten, und die in diversen Provinzen im Laufe der Zeit sich ggf. eine eigene Machtbasis aufbauen konnten, auch wenn sie in der Regel nicht die seldschuke Zentrale in Bagdad herausgefordert haben. Wenn nun der seldschukische Sultan starb, und einige Prinzen ggf. noch nicht volljährig waren, dann führte der Atabeg stellvertretend für den Prinzen die Geschäfte weiter. Nicht selten heiratete der Atabeg denn auch die Mutter des Prinzen (sein Vater ist ja gerade verstorben). Nun war es so, dass nicht immer die Atabegs ihre gewonnene Macht abgeben wollten, in dem Moment, wo der Prinz nun volljährig wurde. So entstanden im Laufe der Zeit diverse Atabeg-Dynastien, und eine davon waren die Zengiden.
  • Der Begründer der Zengiden, Imad ad-Din Zengi (gest. 1146), hat eine Politik betrieben, die erstmalig grundsätzlich auf Konfrontation zu den Kreuzfahrerstaaten ging. 1144 konnte er den ersten Kreuzfahrerstaat erobern, die Grafschaft Edessa, was den 2. Kreuzzug auslöste.
  • Die Nachfolger der Zengiden wurden die Ayyubiden. Sie waren kurdische Militärs zunächst in den Diensten der Zengiden, die dann in die Dienste der schiitischen Fatimiden-Kalifen in Ägypten traten, bis sie diese 1171 entmachteten. Damit waren die Herrscherdynastien im Nahen Osten viele hundert Jahre lang fast ausschließlich Sunniten. Die Ayyubiden brachen nun mit den Zengiden und dehnten ihren Machtbereich nach Norden immer weiter aus. Berühmtester Vertreter der Ayyubiden war Salah ad-Din ibn Ayyub (gest. 1193), im Westen unter dem Namen Saladin bekannt, der gleichzeitig der Begründer der Dynastie war. Berühmt wurde er durch die Eroberung Jerusalems, was den 3. Kreuzzug auslöste.
  • Saladin, wie auch die Zengiden benutzen für die ideologische Legitimierung ihres Handelns und vor allem ihrer Herrschaft das Konzept des Dschihad, also des Krieges gegen Nichtmuslime. Sie inszenierten sich also dabei als Kämpfer für den Islam, um ihre Herrschaft zu legitimieren, d.h. diese zunehmende Polarisierung der Politik im 12. Jahrhundert entlang religiöser Grenzen ist nicht zuletzt pragmatischen machtpolitischen Interesse geschuldet.
  • 1250 wurden die Ayyubiden von den Mamluken abgelöst. Nach weiteren Gebietsverlusten verloren die Kreuzfahrer ihren letzten Posten 1291. Dieses Datum war aber im Nahen Osten eigentlich eine Marginalie der Geschichte, denn inzwischen war der Nahe Osten beschäftigt mit der existentiellen Bedrohung durch die Mongolen.

Obige Ausführungen beruhen weitgehend auf den Podcast, den ich hier im Blog schon einmal vorstellte.

Und zwar direkt diese Vorlesung:
Vorlesung Einführung in die Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens I, 19. Stunde
ab ca. Minute 3 bis 22. Minute, Universität Tübingen. Online Vorlesung – Podcast

Wenn Interesse besteht, könnte ich zukünftig noch weitere Vorlesungen zusammenfassen, um den aktuellsten Forschungsstand somit kompakt und kurz kennenzulernen. Ihr könnt ja bei Interesse Feedback im Kommentarbereich hinterlassen.

(Bildquelle: Wikimedia Commons)